Die Raumfahrt

Tritt ins Licht.

Kennt ihr diesen Moment, wo ihr eine mehr oder minder niedliche oder amüsante Idee habt, nur um einen Bruchteil einer Sekunde später zu erkennen, dass eine Grausamkeit in ihr steckt? Ich hatte das gerade.

Was war passiert? Ein recht großes Insekt schwirrte durch mein Zimmer. Aufgefallen war mir der riesige Schatten an der Decke. Es kreiselte in elliptischen Bahnen rund um die Lampe. Da es keinerlei Absicht zeigte mein Blut zu trinken oder mir mit Summ-Geräuschen um die Ohren zu fliegen, ging ich davon aus, dass es in friedlicher Absicht kam.

In friedlicher Absicht, wie die Astronauten in Sci-Fi-Filmen. Weil das erste, was man nach einer 10.000 Lichtjahren lange Reise sagt nämlich immer „Wir kommen in friedlicher Absicht.“ ist. Vermutlich gehört es zu einem professionellem Raumfahrtsprogramm, dass man politisch-korrekte Sätze sagt, sobald man neues Territorium betritt.

Bis eben hatte ich keinen Gedanken daran verschwendet, dass Insekten solch ambitionierte Projekte wie die Raumfahrt überhaupt in Erwägung ziehen würden. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, es gab da mal an Silvester eine Situation mit Regenwürmern, Alufolie und Raketen. Womöglich hatte der Wurm aber kein Interesse an einer Laufbahn in die Umlaufbahn. Insofern würde ich sagen, zählt jener Versuch nicht als Innovation der Insekten.

Doch dieses fliegende Insekt in meinem Zimmer kam eigenständig auf die Idee Astronaut zu werden. Vermutlich schwebte es Jahrelang an einem Ausbildungsteich und musste diverse Tests über sich ergehen lassen. Zentrifugalkräfte und die Überwindung der Schwerkraft stellen für Insekten sicher genauso große Hürden da, wie für die Menschheit.

Doch der ganze Aufwand und die Anstrengungen haben sich augenscheinlich ausgezahlt. Schließlich schwebte das Insekt in meinem Zimmer, als verkörperter Beweis für seinen eigenen Erfolg. Unendliche Weiten hat er gesehen und überstanden um nun mich zu treffen. Sicher eine zufällige Begegnung. Doch das schmälert in keiner Form seinen Erfolg. Denn er hat fremdes Leben gefunden und damit mehr geschafft als die Menschheit.

In meiner Fantasie sah ich, wie dieser beispielhafte Insekten-Astronaut bei seiner Rückkehr gefeiert wird. Teenagerinsekten würden sich sein Poster in den Kokon hängen. Seine Raumfahrtskollegen würden ihm ein Denkmal setzen und noch ihren Ur-Ur-Ur-Larven erzählen, was für ein toller Typ er war.

Es erfüllte mich mit stolz, dass dieses Insekt mein Zimmer gewählt hat. Auf einmal war ich Teil von etwas großem und das ohne von meinem Schreibtisch aufstehen zu müssen. Ich erkannte die Schönheit eines Moments und hoffte, er würde nie vergehen.

Er starb kurze Zeit später mit einem kurzen Zischlaut im grellen Schein des Deckenfluters und mir bleibt nur die Erkenntnis, dass jeder noch so schöne Moment vergänglich ist.

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6 Gedanken zu “Die Raumfahrt

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