Die Behinderung

Plötzlich behindert

In letzter Zeit hat es sich ergeben, dass ich vermehrt Menschen kennengelernt habe, die in irgendeiner Form eingeschränkt sind. Mitunter Personen, die seit ihrer Geburt gelähmt sind.

Natürlich habe ich auch meine Wehwehchen, wie einen krummen Rücken, kaputte Gelenke, eine Sehschwäche – aber derart gehandicapt sein? Das ist für mich unvorstellbar. Sicher arrangiert man sich irgendwie. Wenn ich dann aber sehe, über was für Kleinigkeiten ich mich jeden Tag aufrege – nicht auszumalen, wie es mir als Rollstuhlfahrer ginge.

Wenn ich zur Arbeit gehe und mal wieder ein paar Lastwagen den gesamten Bürgersteig beanspruchen, dann regt mich das schon auf. Seitlich gedreht und mit viel Artistik darf man sich dann an den Fahrzeugen vorbei wuseln. Als I-Tupferl haben einige Hundebesitzer (getreu dem Prinzip von Hänsel und Gretel) einen Weg gekennzeichnet, auf dem sie gegangen sind.

Als Rollstuhlfahrer sieht die Realität dann vermutlich noch schlechter aus. Man wäre verdammt zum Warten. Wenn sich dann irgendwann die feinen Herren Lastwagenfahrer zum Fahrzeug bewegen, könnte man ihnen nicht mal mit roher Gewalt begegnen. Wie denn auch? Wenn man schnell genug ist, könnte man ihnen über den Fuß rollen. Gut Gewalt ist keine Lösung. Aber es ist nur Mist, wenn man selbst bei seiner Aggression gehandicapt ist.

Es sind diese kleinen Dinge, die mir immer wieder vor Augen halten, wie wir Normalos der Menschheit das Leben schwer machen. Umso erstaunlicher finde ich es, wie trotz aller widrigen Umstände eine starke lebensbejahende Ausstrahlung von behinderten Menschen ausgeht. Es macht mich demütig und erinnert mich an den glücklichen Zufall, dass es mir weitestgehend an nichts fehlt. Man könnte fast meinen, dass das Leben doch schön ist.

Die einzige echte Behinderung, die ich habe ist, dass ich immer erst einen riesen Anlauf brauche, um mit einer behinderten Person normal umzugehen. Es ist als würde meine Ignoranz kurz aufploppen und anmelden, dass wir noch paar Hemmschwellen übrig haben.

behinderung

Ich weiß, dass ich einen normalen Mensch vor mir habe. Trotzdem eier ich rum, stelle merkwürdige Fragen oder bin überhilfsbereit. Bis zu dem Punkt, wo die Situation irgendwie unangenehm wird. Ich schäme mich für mich selbst und spüre das Fremdschämen, welches ich auslöse. Minus und Minus ergibt übrigens nicht immer Plus.

Warum ich das tue, weiß ich selbst nicht so genau. Das kann mir aber vielleicht einer von den Millionen anderen beantworten, die genauso bescheuert sind wie ich.

DailyBadLuck

Alles ganz normal

Habe die Ehre
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8 Gedanken zu “Die Behinderung

  1. Das ist einfach das „Zwang-Prinzip“: DU MUSST GEMÜSE ESSEN! -> Du magst kein Gemüse. DU MUSST HAUSAUFGABEN MACHEN -> Du magst keine Hausaufgaben. DU MUSST DICH NORMAL GEGENÜBER ANDEREN MENSCHEN VERHALTEN -> Du benimmst dich total unnormal 😀

    Ich weiß auch nie, z.B. bei Blinden: Soll ich jetzt meine Hilfe anbieten, weil ich mir vorstellen kann, dass er/sie es unangenehm findet, um Hilfe bitten zu müssen? Oder lasse ich es lieber bleiben, weil ich sonst ein fauchendes „Ich komm sehr gut allein klar!“ abbekomme?
    Soll man Fragen zur Behinderung stellen oder hat die Person das anderen Menschen bereits 30.000 Mal erklärt und ist es leid…

    Ich denke aber, dass die meisten Behinderten sehr normal mit ihrem Leben klarkommen. Für sie ist es ja normal. Besonders bei Menschen, die eine Behinderung schon immer hatten, denn die kennen es ja nicht anders.
    Da wäre dann auch Mitleid falsch, denn es ist einfach so und Mitleid hilft den Leuten auch nicht, etwas an „es ist so“ zu verändern.
    Vielleicht sind Kraken ja total mitleidig uns gegenüber, weil wir nur zwei Arme und zwei Beine haben und sie sind mit acht sehr beweglichen Gliedmaßen ausgestattet. „Gugg dir nur die armen Menschen an, zu nix zu gebrauchen. Und unter Wasser können sie auch nicht leben!“ Wir kommen aber gut klar damit 😀

    Gefällt 2 Personen

  2. Ja, das ist die eine Sache.
    Ich gehöre auch zu den Behinderten. Auch wenn ich, GSD, noch nicht auf den Rollstuhl angewiesen bin.
    Die andere Sache: Neben den „Alltäglichkeiten“ gibt es auch noch unsere ach so tollen „Institutionen“. Bei denen gilt einer erst dann als wirklich behindert, wenn er mit dem Kopf unter dem Arm zur Türe rein kommt. Alles andere zählt nicht wirklich. In diesem Sinne würde schon helfen, wenn man auf den Rollstuhl angewiesen wäre. Aber da bin ich mir nicht so sicher, ob ich da wirklich tauschen wollte

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Die Behinderung — my daily bad luck – meinekleinechaoswelt

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