Regen mit Rückenwind

Wenn man richtig steht, geht es

Eine Lektion des Lebens ist wohl, dass es immer auf die Perspektive ankommt. Schon bei Jurassic Park lernen wir, dass aus der Sicht des Vogels, die Katze ein Monster ist. Wir sind es dabei gewohnt, die Katze zu sein. Habe ich das Beispiel aus Jurassic Park nur deshalb gebracht, weil ich heute ein T-Shirt von Jurassic Park anhabe? Vielleicht!

In Island ist die Dramatik ein wenig anders gestellt. Heute habe ich gelernt, dass Regen und viel Wind eigentlich nur dann blöd ist, wenn man beides ins Gesicht kriegt. Wenn man mit regenfester Kleidung dasteht und es einem gelegentlich in den Rücken prasselt, stört das gar nicht. Für die Kamera ist es auch okay, denn solang der Regen das Objektiv nicht trifft, gibt es auch keine Wassertropfen auf den Bildern.

Schluss mit Lebensweisheiten – rein in den Tag. Genau genommen ist heute mehr oder minder der vorletzte Tag. Morgen haben wir noch einen vollen Tag zum Island genießen und Mittwoch geht es kurz vorm Aufstehen zurück in die zweite Heimat namens Deutschland.

Wir wollen es daher noch mal richtig wissen. Unser erster Stopp heute ist der Urriðafoss. Auf dem Papier ist das wohl der wasserreichste Wasserfall Islands. So richtig glauben kann ich das nicht. Wenn man mal die Monster vom Dettifoss und Gullfoss gesehen hat, wirkt der Urriðafoss eher wie ein Bach.

Ist schon viel Wasser

Für uns hat der Wasserfall ein wenig nostalgischen Wert. Damals haben wir diesen kleinen Flecken Erde zufällig gefunden und live miterlebt, wie ein paar Isländer hier ihre Lachse aus dem Wasser gezogen haben. Heute findet sich hier ein Parkplatz und kleinere Aussichtsplattformen. Der Zugang zum Wasser ist zwar noch möglich aber ausschließlich einheimischen Anglern vorbehalten. Da ich weder angeln wollte noch sonst das Bedürfnis verspürte, näher ans Wasser zu müssen, konnte ich mit den Absperrung aber ganz gut leben.

Man sieht auf dem Bild, der pure Sonnenschein wollte heute nicht so recht unser Freund sein. Ein solides Island-Grau zierte den Himmel und war auch beim nächsten Wasserfall unser Begleiter. Wir kamen über eine Sammlung von Schlaglöchern zum Ægissíðufoss. Übrigens als kleinen Anreiz dazu: Wer mir den Namen des Wasserfalls richtig ausgesprochen per Sprachnachricht schickt, wird von mir zum Essen eingeladen.

Weniger Wasser aber genauso nass

Ich wäre hier gern Drohne geflogen. Ich hatte sogar schon den Ansatz sie auszupacken. Dann jedoch sah ich einen Vogel, der scheinbar rückwärts flog, obwohl er das nicht wollte. Der Wind war einmal mehr ein ungewollter- aber immerhin sehr treuer Begleiter. Immerhin waren wir allein hier und konnten somit einmal mehr den Geist von Island kräftig aufsaugen.

Eigentlich könnte ich für den nächsten Wasserfall dasselbe schreiben. Schwieriger Name, viel Wind und keine Menschenseele vor Ort. Aber ein wenig mehr Detail darf es schon sein, oder? Wir kommen zum Árbæjarfoss.

Dieser wunderschöne Fleckchen Erde ist noch ganz weit weg vom Massentourismus. Auf dem Parkplatz für den Wasserfall passen zwei Autos – oder, wenn man gemein ist, auch nur eins. Man geht durch eine kleine weiße Tür über einen Hügel und wirklich alles an diesem Ort ist märchenhaft. Nach ein paar Metern steht man dann auch schon vor den Wasserfällen von Árbæjar.

Sind sie nicht schön?

Es ist wohl nicht nötig zu erwähnen, dass ich einmal mehr in Island verliebt war. Und klar, hätte die Sonne mehr geschienen, es wäre vielleicht noch schöner gewesen. Hätte der Wind weniger geweht, es wäre vielleicht noch schöner gewesen. Hätte meine Oma Räder gehabt, sie wäre ein Om(n)ibus gewesen. Man arrangiert sich irgendwann wohl doch sehr einfach und gut mit den Bedingungen, die man hier hat.

Zumal es immer wieder Momente gibt, die einen vergessen lassen, dass das Wetter eine Rolle spielt. Ein Beispiel gefällig? Kurz vor dem Árbæjarfoss stand auf einmal eine Herde Isländer neben uns und schaute interessiert zu uns rüber.

Pferde > keine Ponies

Es sind prachtvolle Tiere. Manchmal wirken sie aber auch verspielt. Das ein ums andere mal haben wir um Urlaub schon so ein Pferd gesehen, wie es sich augenscheinlich vergnügt auf dem Rücken wälzt. Manchmal sahen wir auch Pferde, die sich aufbäumten oder sich gegenseitig putzten. Ich hab es eigentlich nicht so mit Pferden aber für die Isländer halte ich gern mal an.

Zurück zu den Wasserfällen, denn wir sind noch lange nicht fertig. Der nächste Wasserfall war wieder einer, den wir bislang noch nicht live gesehen hatten. Ein Grund dafür ist, dass der Weg dorthin eher schwierig anmutet. Vielleicht an dieser Stelle noch mal kurze Straßenkunde

  • Einstellige Zahlen = gute Straße
  • Zweistellung Zahlen = okaye Straße
  • Dreistellige Zahlen = bereite dich auf einen harten Ritt vor
  • F+Zahlen = Nur mit Allrad und hoff aufs Beste

Die Straße zum Þjófafoss hat einfach gar keinen Namen und wir waren dementsprechend besorgt.

„Straße“

Es sollte sich rausstellen, dass die Strecke gar nicht so schlimm ist. Klar, hier und dort steht ein wenig Wasser auf dem Weg und das ein oder andere Schlagloch wartete schon auf uns. Insgesamt hatten wir aber schon deutlich rauere Strecken und sind mühelos zum Wasserfall gekommen.

Das ist das Ding

Der Wasserfall ist wirklich sehr schön anzusehen. Das Wasser war selbst bei dem Schmuddelwetter fast leuchtend türkis. Das Becken wird dazu umrandet von kleineren Klippen. Es ist rundum sehr wohltuend für die Augen und das Gemüt, wenn man hier steht.

Einzig, man muss wohl die Geschichte dazu ein wenig ausblenden. Den Þjófa bedeutet soviel wie „Diebe“. Der Wasserfall hat seinen Namen angeblich dadurch bekommen, weil man früher hier Diebe ins Becken geworfen hat, auf das sie ertrinken. In manchen Kulturen gibt es die Henkersmahlzeit – in Island hat man Diebe eben noch mal einen schönen Wasserfall gezeigt, bevor sie hopps-gingen. Andere Länder, andere Sitten.

Zurück im Auto, hat sich der Wind überlegt seinen guten Kumpel Regen mehr in den Tag zu integrieren. Die Sonne hat das mitgekriegt und war ihrerseits sehr bemüht, auch ein wenig Aufmerksamkeit zu erhalten. In einem wilden Mix der drei Kontrahenten fuhren wir in den Nationalpark überhaupt: Þingvellir.

Dort begangen wir mit dem Öxarárfoss. Ich glaube ich hatte es letztes Jahr schon erwähnt, ich finde es aber auch dieses Jahr noch lustig. Der Öxarárfoss wurde wohl damals künstlich angelegt. Dazu muss man wissen, dass Þingvellir der Ort war, wo die Siedler und frühen Völker zusammenkamen. Island war schon sehr früh nah an einer Demokratie und hier fanden Abstimmungen und Rechtsprechungen statt. Ja und wer würde es so einem Vikinger verdenken? Wenn er mal keine Lust mehr auf Politik hat, möchte er eben einen Wasserfall sehen.

Der „Axt-Fall“

Vielleicht wird es besser, wenn man sich an dem Gedanken klammert, dass auch schon früher hier diverse Völker zusammen kamen. Auch heute fanden sich dort diverse Nationen ein. Es wurde zwar kein Recht gesprochen und auch nichts abgestimmt, dafür entstanden viele Fotos und Videos. So richtig kann ich Tourismus nicht schönreden aber ich hab es mal versucht.

Für uns ging der Weg dann weiter durch den Park. Entlang zwischen den Mauern, die jährlich durch das auseinanderdriften der Erdplatten auch auseinander gehen, bis zu einer Aussichtsplattform, von der aus man sehr weit über den Park schauen kann.

Der Pfad durchs Altertum

Falls ihr euch gefragt habt, wie fertig wir nach über zwei Wochen Urlaub und nun schon wieder einem Tag voller Highlights aussehen. Ich habe ein Beweisbild, dass die Stimmung nach wie vor trotz Krankheiten und Islandwetter ziemlich weit oben steht.

Nicht nur für die Kamera glücklich

Der Tag sollte dann noch zwei weitere Highlights bieten. Das Folgende ist… wie soll ich sagen… unserer damaligen Dummheit geschuldet.

Es war 2018 und wir waren das erste mal in Island. Sehr aufgeregt waren wir auf unserer ersten großen Tour und voller Vorfreude auf den ersten Wasserfall. Von der Straße aus sahen wir, wie ein Fluss aus einer Erhöhung kommt. Dazu war ein wenig Gischt zu sehen und ein Parkplatz. Wir sind also mit gezückter Kamera hin und…. es war ein Wasserwerk.

Nun…

Technisch gesehen, fällt dort irgendwie ja auch Wasser. Man sieht es durch den Damm und die Gebäude nur nicht mehr. Für den kleinen Zwichenstopp und die gute Erinnerung halten wir aber trotzdem gern an.

Ja und dann, dann waren wir essen. Und ich weiß, es ist ein Reisetagebuch und kein Foodblog aber meine Lieben – Ehre wem Ehre gebührt. Wir befinden uns gerade in dem kleinen Fischerdorf Eyrarbakki, unweit von der größeren Stadt in den Region Selfoss. Es gibt hier nicht viel. Soweit wir es gesehen haben, hat das Dorf zwei Bäcker, einen Tante Emma Laden und eben ein Restaurant – das „Rauða Húsið“ (Das rote Haus).

Von Außen sieht es genau so aus, wie man sich ein rotes Haus in einem verschlafenem isländischen Fischerdorf vorstellt. Ein wenig in die Jahre gekommen und man fragt sich vielleicht sogar, ob es eine gute Idee ist, dass man hier dinieren wird. Kurz gesagt: ist es – und was für eine gute Idee es ist.

Ich liebe meine Mama und mal abgesehen vom offensichtlichen Fakt, den das so birgt, liegt das auch daran, weil sie die besten Saucen auf Gottes grüner Erde macht. Dieses Restaurant hat es geschafft, dass ich ihnen zusprechen würde, auf dem gleichen Niveau zu sein.

Ich bereue eigentlich nur, dass wir nicht schon die letzten Tage hier essen waren. Solltet ihr jemals in dieser Region sein. Rauða Húsið in Eyrarbakki – macht es einfach, es lohnt sich. Zumal es preislich für isländische Verhältnisse auch echt fair ist.

Mit einem dicken Kullerbauch werde ich gleich sehr glücklich ins Bett fallen. Morgen ist dann der letzte Tag. Unser Plan wird wohl sein, dass wir noch mal zu unseren Lieblingsorten fahren. Zum Abend sind wir dann in Keflavik und geben auch schon das Auto ab. Das heißt, morgen müssen wir also noch mal alles aus dem Tag rausholen. Ich habe wieder Bock.

In diesem Sinne

Habe die Ehre
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