Zurück in den Westfjorden
Wäre heute der Tag, an dem die Evolution bestimmen müsste, in welche Richtung ich mich weiterentwickeln sollte: Sie würde meinen Hintern vermutlich passender an einen Autositz machen und mit meiner Nase könnte ich hupen.
Wäre es eine gute Idee mal nicht 6-10h im Auto zu sitzen und wie ein Bekloppter zu den Sehenswürdigkeiten zu fahren? Vielleicht. Aber wo bliebe da der Spaß? Und mein Reisetagebuch wäre auch sehr herausfordernd, wenn wir mit All-Inclusive am Pool liegen würden und ich als einziges Thema die Cocktail-Karte hätte.
Liebes Tagebuch: Tequila Sunrise Nummer 46 schmeckt erstaunlicherweise kaum mehr nach Alkohol. Ich werde weitere 5 Testobjekte besorgen und berichten.
Jetzt, wo es so da steht, hätte ich vielleicht doch Spaß daran. Aber nein – wir sind in Island und hier ruft das Abenteuer. Dafür sind wir hier und so will es unser Urlaubsgesetz!
Wobei vielleicht nicht alles ein Abenteuer ist. Unser Tag begann beispielsweise damit, dass wir löslichen Kaffee in eine Tasse geschüttet haben und dies in Zeitlupe gefilmt haben. Jetzt fragt ihr euch vielleicht, warum wir das getan haben. Ihr seid mit dieser Frage nicht allein. Hier ein Bild des Geschehens.

Die grobe Idee des heutigen Tages war es, in die Westfjorde zu kommen. Würde man einfach stumpf die Straße abspulen, wären das bereits gute 6h reine Fahrtzeit. Es ist wohl unnötig zu erwähnen, dass unser Tag mehr enthalten sollte, als das.
Zu Beginn war da gleich mal der Kirkjufellfoss. Im Mai hatten wir unser Cottage noch gleich nebenan. Im Mai hatten wir aber auch noch Schnee. Heute standen wir mit strahlendem Sonnenschein dort.

Fairerweise muss man sagen, dass zwar heute das Wetter schöner war. Gleichzeitig war der Wasserfall durch die Schneeschmelze deutlich voluminöser. Nun bin ich unsicher, ob es in Wasserfall-Kreisen unhöflich ist, jemanden voluminös zu nennen. Aber selbst wenn, was wollen die Wasserfälle machen? Mich nassspritzen? Versucht es doch! Im Kampf gegen die Natur steht es Dank der immobilen und relativen gewaltfreien Wasserfälle nun mehr 1:0 für mich.
Unser nächster Halt sollte Stykkishólmur werden. Genauer gesagt ein Parkplatz, der das Gebiet einleitet. Man hat hier ein paar wilde Bäche und ein schönes Panorama. Dank wieder fast 20°C und perfekten Bedingungen, stand ich hier recht schnell mit der Drohne und tat das, was ich dann so machen – fliegen.
Allerdings bemerkte ich schnell, dass etwas nicht stimmt. Es missfällt mir, wenn sich in circa 15m Höhe ein Abstandssensor meldet. Wenn er das mehrmals in kürzester Zeit tut, stört es mich sogar sehr. Wenn ich dann vor der Kamera sowas sehe:

Mehrmals versuchten Vögel meine Drohne einzuschüchtern. Nun ist meine Drohne relativ stark meiner Macht ausgesetzt. Ihr Glück war aber, dass die Einschüchterungsversuche auf mich wirkten. Vielleicht hätte ich doch nicht die Natur im Absatz davor fett nennen sollen.
Ohne Kollision und einem neu-geschlossenem Frieden zwischen der Natur und mir, ging es dann weiter. Theoretisch fuhren wir einmal mehr durch diverse Postkarten-Motive. Das für mich wichtigste ist dabei der Nafnlaus Foss.

Es handelt sich um einen kleinen Wasserfall, mitten im Nirgendwo. Ein Parkplatz verrät dem Neugierigen vielleicht, dass es etwas zu sehen geben könnte. Ansonsten ist das gute Stück weit weg von größeren Formen des Tourismus. Wir waren dort völlig allein. Wobei… stimmt nicht – eine Herde von Schafen leistete uns Gesellschaft. Ich könnte nun erklären, dass ich sie mit der Drohne treiben konnte und deswegen im Kampf gegen die Natur wieder führe… aber nein – wir haben uns ja auf ein Unentschieden geeinigt.
Und dann war es auch schon soweit. Wir kamen in die Westfjorde. Meine zweite Heimat. Meine landgewordene Wohlfühlzone. Mein kleines Paradies.

2018 haben wir die Westfjorde noch ausgelassen, da wir eher Angst vor ihnen hatten. Straßen würden sich permanent in Flüsse verwandeln und generell ist es ein Wunder, das irgendwer dort lebend wieder rauskommt. Die dramatischen Geschichten im Netz sind endlos. Die Wahrheit ist, wie so oft, etwas komplexer.
Ja, die Westfjorde sind schroff und wenn man nicht aufpasst oder gar leichtfertig ist, dann bezahlt man dafür teilweise wirklich hohe Preise. Wenn man sich aber an die Regeln hält und seinen Menschenverstand nicht am Flughafen vergisst, dann kommt man hier wunderbar zurecht.

In meinem Fall sind die Regeln relativ überschaubar. Ich fahre Auto, ich fliege Drohne. In beiden Fällen kollidiere ich besser nicht mit Tieren und vermeide auch sonst Unfälle. Falls ich mich nicht daran halte, macht Island nämlich das, was es öfter macht: Es macht Schrott zum Bestandteil der Natur.
Sowas kann mich hervorragend in Hnjótur anschauen. Ja, ich bin auf diese Überleitung ganz allein gekommen. Jedenfalls stehen in Hnjótur zum Beispiel ein Flugzeugwrack, eine abgewrackte Dampfwalze und alte Boote. Da es in dieser Ecke eigentlich auch nur eine Straße gibt, kommt man eigentlich auch immer daran vorbei. Es ist so ein Halt, der maximal 5 Minuten dauert und nicht wehtut.

Wir näherten uns an dieser Stelle schon dem Látrabjarg. Als Wahrzeichen der Westfjorde wollten wir das gute Wetter nutzen und die 400m hohen Steilklippen bewundern.
Dazu die kleine Randbemerkung: Wenn ihr als Autofahrer unsicher seid oder ein Problem damit habt, dass neben euch Abgründe die Fahrbahn zieren, ist die Fahrt zum Látrabjarg eventuell nichts für dich. Hier greift die Aussage: Island ist schroff. Es ist wunderschön aber Fehler können hier wirklich übel enden und heute waren doch einige Autofahrer:innen unterwegs, bei denen ich nicht sicher war, ob sie sich dessen bewusst sind.
Wie dem auch sei. Der Látrabjarg sollte uns eigentlich in die Verlegenheit bringen, dass wir Puffins sehen. Natürlich hat das einmal mehr nicht geklappt. Eine Freundin von mir ist gerade in Island und die hat selbstredend Puffins gesehen, Bei uns warteten hauptsächlich Möwen. Die sind auch fotogen aber naja…

Außerdem ist der Látrabjarg wirklich wirklich hoch. Ich habe es immer noch nicht mit Höhe und meine Frau punktuell nicht so mit Rücksicht. Entsprechend steht man dann, dem Tod geweiht, auf einem Vorsprung, der so aussieht, als wäre er konzipiert um besser zu fallen und lächelt irgendwie in die Kamera.

Wobei ich hier wirklich ums Überleben gekämpft habe. Meine Frau macht sich einfach nur über mich lustig. Sie darf trotzdem nicht näher an Abgründe – unverhandelbare Regel. Ist ein wenig wie in der Bibel: Du sollst keine Abgründe neben mir haben.
Jedenfalls war von den Puffis weit und breit nichts zu sehen. Beeindruckend war es natürlich trotzdem und ich würde lügen, wenn ich sage, dass sich die Fahrt nicht gelohnt hätte. Im Gegenteil es war richtig schön.
Wir beschlossen dann aber doch so langsam mal gen neue Unterkunft zu fahren. Auf dem Weg dorthin steht aber, wie es der Zufall so will, ein alter Bekannter.

Als ich das erste mal von unserer Garðar gehört habe, dachte ich, ich stehe da maximal 5 Minuten und dann habe ich es vergessen. Tatsache ist, bei jedem mal Westfjorde,stehen wir 3-4x vor dem Boot, machen Bilder und Videos und haben einfach eine sehr hohe Verbundenheit mit diesem Stück Erde.
Ich weiß auch nicht ob es das Boot ist, die umliegenden Fjorde oder einfach das Wasser. Fakt ist, es fühlt sich so richtig kitschig alles nach Heimat an und ich liebe es.

Und während ich diese Zeile tippe, kämpfen meine Augen. Sie wissen, sie müssen aufbleiben, damit ich diesen Satz fertig kriege.
Heute war wieder ein Tag voller verrückter Dinge. Ich kann gar nicht recht glauben, dass ich so privilegiert bin, das hier alles zu erleben.
Jetzt wo ich muss ich nur noch einen vernünftigen Schlafrythmus finden und zack – geh ich gar nicht mehr nach Deutschland zurück 😉
Habe die Ehre
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PS: Rechtschreiberfehler sind einfach nur die Easter-Eggs in meinem Blog

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