Hauptsache fallendes Wasser
An einem Tag voller Wasserfälle bin ich geneigt Wortspiele wie „Von Fall zu Fall“ zu machen. Wohlwissend, dass nur ich das lustig finde, erspare ich euch die Sammlung meiner Kalauer.
Ich habe die These, dass es einst eine Wohnkonstellation in einer Ehe gab, wo er (Wissenschaftler) ihr (gerade in der Badewanne) erklären wollte, wie viel Wasser eigentlich so einen Wasserfall runterfällt. Nachdem es kurz vor der Scheidung die Klarheit gab, dass nicht jeder gleichermaßen mit der Berechnung von Volumen glücklich wird, hat der Wissenschaftler die Maßeinheit „Badewanne“ für jedwede Mengenangabe in Bezug auf Wasser bei Wasserfällen eingeführt. Die Ehe war gerettet und ich habe eine tolle Überleitung zum ersten Wasserfall.
Denn der Fossfjörðurfoss führte vor einem Jahr noch mindestens 20 Badewannen Wasser pro Sekunde. Heute war davon wenig zu sehen. Maximal kamen da zwei Gießkannen und 3,5 Aperolgläser Wasser runter.

Da man an diesem Wasserfall aber eh nur vorbeifährt, sei das heute nicht so dramatisch. Uns war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass wir noch deutlich mehr Wasserfälle sehen werden. Und ich verspreche an dieser Stelle schon mal, dass ich bis auf Weiteres auf die Maßeinheit Badewanne verzichten werde.
Unweit des Fossfjörður hatte meine Frau dann entdeckt, dass es eine verlassene Farm gibt. Wobei Farm vielleicht etwas hochgegriffen ist. Es steht dort ein verlassenes Haus. Ich bin nicht sicher ob es ein Stall, ein Wohnhaus oder beides war. Fakt ist: es war schon lange verlassen und schon ein wenig unheimlich.

Aber ich denke, wenn man dort ein kleines Häuschen hätte… Es steht direkt am Fjord, die nächste Stadt ist für isländische Verhältnisse direkt um die Ecke und Dank einer benachbarten Farm würde ich denken, dass man sogar relativ einfach Strom und fließend Wasser organisieren könnte. Das Thema Auswandern ist in meinen Gedanken also auch nur ein verlassenes Farmhaus weit weg.
Unsere Tour ging aber auch heute ohne den Erwerb einer isländischen Immobilie weiter. Während wir so durch die Westfjorde fuhren, stellte ich fest, dass ich schon wieder mein Herz hier verloren habe. Ich weiß wirklich nicht, wie ich das erklären soll. Das Wetter war heute graupelig nass, Menschen habe ich auch kaum bis gar nicht gesehen und eigentlich ist auch überhaupt nichts passiert. Und wenn ich mich dann umschaue, stehe ich hier:

Und frage mich, warum ich das eigentlich nicht öfter habe. Ich weiß nicht, ob dauerhaftes Leben in den Westfjorden eine ernste Option ist. Man muss ja auch ans Alter denken und vielleicht Sicherheiten schaffen. Gleichzeitig fühlt sich das hier schon sehr nach Zuhause an. Soviel, dass ich sogar schon differenziere zwischen dem Urlaub auf dem isländischen Festland und meinem Dasein in den Westfjorden.
Ich komme schon wieder zum Auswandern – schlimm heute. Wir schieben das Thema einmal mehr und hoffen, dass es sich die nächsten Absätze nicht sofort wieder hochdrängelt.
Jedenfalls kamen wir nach gut 1,5h Fahrt beim Dynjandi an. Dort war der Plan, das wir erstmal unser klassisches Island-Frühstück zu uns nehmen: Brot mit Käse. Auf dem Parkplatz angekommen, sollte es tatsächlich Frühstück geben – allerdings erst, nachdem wir uns ein paar Minuten über den Parkplatz wunderten. Dort standen vier Reisebusse. VIER Reisebusse! Dazu kommen Touris, wie wir… entsprechend voll war das ganze Gelände. Ich hab’s nicht so mit Menschen…
Aber gut, wir machen das Beste draus. Nach den Käsebroten tigerten wir uns den Weg entlang. Das Schöne beim Dynjandi ist, dass hier alle paar Meter kleinere Wasserfälle zu bewundern sind.



Im letzten Urlaub bin ich hier noch allein rumgeturnt, da meine Frau krank im Auto saß. Dabei ist der Dynjandi einer ihrer Lieblingsorte. Heute waren wir beide fit und konnten entsprechend in die Vollen gehen. Zumindest gab es den Versuch.

Für mich war dann allerdings doch kurz vor dem obersten Plateau Schluss. Mein Gleichgewicht ist nicht sonderlich ausgeprägt. Mein Überlebensinstinkt hebt daher durchaus mal berechtigt die Hand, wenn er „Treppen“ sieht, die aus nassem Stein, Matsch und Wasser bestehen.
Meine Frau ist wohl motiviert durch den Ausfall beim letzten mal gewesen und hat die Tour bis ganz nach oben gewagt. Ich darf vorweg nehmen – sie kam auch heile wieder runter. Oben erlebt man natürlich die volle Bandbreite dieser Naturgewalt. Das Dröhnen, so sollte ich auch später noch erfahren, hört man durch den ganzen Fjord.

Für uns ging es nach ein paar Stunden vor Ort weiter. Weg vom großen Touristenmagneten, rein in die wilde Natur. Wie wild das ist, unterschätzt man dabei recht schnell. Wir hatten zum Beispiel die Eingebung, dass wir über eine Bergstraße fahren könnten und da einfach mal schauen, was es zu sehen gibt.

Auf der Habenseite: man sieht den Abgrund neben sich nur ansatzweise und weiß daher nur auf dem Papier, dass es tief runtergeht (etwa 146 vertikale Badewannen). Andererseits gehören Nahtod-Erfahrungen vielleicht nicht unbedingt zu den gewollten Erlebnissen eines Urlaubs. Wir hatten schon bessere Entscheidungen aber toi toi toi, auch hier ist am Ende nichts passiert.
Viel schöner war da doch der kleine Ausflug zu einem Wasserfall am Straßenrand. Laut Google gibt es dort keine Parkplätze und man könnte nur so mal vorbeifahren. Es stellte sich raus, dass ich wahlweise echt dreist bin und auf plattgefahrem Gras eine passende Parkmöglichkeit interpretiere oder Google irrt sich doch manchmal.

Gegenüber vom Wasserfall standen wir dann noch eine Weile am Fjord. Man konnte den Dynjandi in der Entfernung noch sehen und vor allem noch immer hören.
Wir ließen die Szenerie ein wenig auf uns wirken und kamen dann zu dem, was uns schon die letzten Tage begleitete: Zeitlupenaufnahmen. Heute: Fontänen, die Steine im Wasser machen…

Es war ein schöner Tag in den Westfjorden. Morgen wird uns dann die Planung nach Hvammstangi führen. Zurück auf die Hauptinsel und ein wenig weiter weg von der rauen Schönheit dieses Fleckchens Erde. Gleichzeitig bin ich jetzt schon kribbelig, denn auch dort kennen wir mittlerweile kleine versteckte Orte und bislang waren wir am Ende des Tages doch immer begeistert von dem, was Island uns geboten hat.
In diesem Sinne
Habe die Ehre
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