Jeden Tag ein neues Erlebnis
Als ich die Augen das erste mal öffnete, war es kurz nach 2 Uhr und es regnete Bindfäden. Der schlaftrunkene Gang in die Sanitärabteilung unterbrach nur kurz meine horizontale Gemütlichkeit. Gute vier Stunden später klingelte mein Wecker – es regnete immer noch aber immerhin war ich mittlerweile geübt darin, ohne den Einsatz von Sehkraft ins Bad zu torkeln.
Der geneigte Leser mag sich fragen, warum wir so früh im Urlaub aufstehen. Nun, heute soll die Reise Richtung Hvammstangi weitergehen und laut Wetterbericht fängt es dort um circa 13 Uhr an zu regnen. Da wir dort eine Ecke mit mehreren Wasserfällen kennen, die sich ganz hervorragend für Fotos und die Drohne anbietet, haben wir zusätzlich den Bedarf einer Stunde. Plus die 4,5h Fahrt noch mal eine Extrastunde für „Halt mal kurz“ und Pipipausen – kommen wir auf eine Abfahrt um spätestens 7 Uhr um noch so halbwegs Zeit im trockenen zu haben.
Wir saßen entsprechend früh im Auto und vielleicht war das auch aus einem anderem Grund gut. In dieser Verfassung hatte ich nämlich nicht genug Energie um meinen Weggang aus des Westfjorden zu beklagen. Gleichzeitig machte es die frühe Stunde möglich, dass wir allein auf der Welt waren. Wie immer nur begleitet von Schafen und diversen Vögeln. Selbst der Regen hatte recht schnell ein Einsehen und hat uns den Abschied über noch mal die Fjorde in ihrer trockenen Pracht überlassen.

Der Tag wird kommen, wo ich wieder dort stehen werden. Für diesen Urlaub war es das jedoch mit den Westfjorden. Und so gingen gut 4h Fahrt ins Land (im wahrsten Sinne des Wortes). Aber es wäre falsch so zu tun, als wäre mein Herz nur schwer gewesen. Im Gegenteil – ich freute mich auf die Wasserfälle, die uns heute erwarten sollten.
Am Zielort angekommen, gab es die erste leichte Verwirrung. Dort, wo wir beim letzten mal noch durchfahren konnten, war ein Seil gespannt. Für das Auto also offensichtlich nicht zur Durchfahrt gedacht. Kurz dahinter dann noch ein weiterer Indikator, dass das Passieren schwierig wird. Auf der einspurigen Straße wurde scheinbar absichtlich ein defektes Auto abgestellt.

Zu Fuß, so dachten wir, ist das aber immer noch kein Problem. Das Auto war tatsächlich auch sehr leicht zu umgehen. Der Stacheldraht Zaun beim Weg zum Wasserfall dann aber doch eher nicht.

Wisst ihr, nach Seil, Auto im Weg und Stacheldrahtzaun beschleicht einen so leise der Verdacht, dass der Weg nicht begangen werden soll. Ein recht ernüchternder Moment, wenn man sich überlegt, dass wir unseren ganzen Tag im Grunde darauf ausgerichtet hatten und nun gezwungen waren umzuplanen.
Da das Wetter aber stabil blieb und Island bekanntlich nie langweilig sein kann, fuhren wir einfach die Straße runter und kamen nach gut 30 Minuten zum Kolugljúfur Canyon. Zu diesem Canyon sei gesagt, dass wir damals beim ersten Besuch zwischen so vielen dummen Menschen standen, das es echt keinen Spaß macht. Dumm meint in diesem Fall jene Menschen, die über Absperrungen klettern, Natur zertrampeln und deren Dasein relativ schnell als störend empfunden wird. Der zweite Besuch im Canyon war geprägt von horizontalem Regen / Hagel und dementsprechend unangenehm.
Man sagt ja, dass aller guten Dinge drei seien. Das traf heute auf den Canyon zu. Denn es waren zwar auch heute relativ viele Leute da. Aus Gründen, die ich bestenfalls mit wilden Theorien erahnen könnte, blieben die aber a) alle auf einer Seite des Canyon (- womit wir die andere für uns hatten) und b) machten die meisten von ihnen keine Dummheiten.

Tatsächlich war ich wohl heute der, der die anderen noch am meisten störte. Denn durch die vermeintliche Einsamkeit auf meiner Canyon-Seite fühlte ich mich kurzentschlossen dazu genötigt, die Drohne in die Luft zu jagen.

Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass es hier einerseits erlaubt ist zu fliegen und andererseits habe ich tatschlich eine Flughöhe gewählt, in der ich weder handelsübliche Fotografen störe noch eine größere Geräuschsbelästigung erzeuge.
So irre lang war ich dann auch gar nicht in der Luft. Stattdessen zog ich es vor, Seele und Beine gleichermaßen baumeln zu lassen.

Ich habe diese Bildunterschrift gerade geschrieben und dabei gedacht, dass ich vielleicht mehr schlafen sollte. Es gibt Anzeichen, wenn ich überm Punkt bin.
Man ahnt damit vielleicht schon, der Tag ging noch weiter. Wir folgten einer rustikalen Straße und landeten bei einer Festung. Genau gesagt, bei dem, was von der Festung übrig ist.

Namentlich läuft das unter Borgarvirki und historisch betrachtet weiß man eigentlich nur, dass es eine Festung war. Gesichertes Wissen gibt es sonst relativ wenig, um nicht zu sagen keins. Dazu kommt, dass man vor Ort jetzt auch nicht irre viel sieht. Ein paar getürmte Steine, die wohl mal Mauern waren, vermischen sich mit den Basaltsäulen, die Mutter Natur davor schon hier geparkt hat. Immerhin ist die Aussicht schön. Und so machte ich das, was man damit macht: Die Aussicht genießen.

Leider fing es dann doch noch an zu regnen. Klar, wir waren ja auch längst nicht mehr in den Westfjorden. Eigentlich änderte der Regen aber nichts nennenswertes. Lediglich die Wahl der Jacke fiel damit auf die regenfeste Variante.
Beim nächsten Ziel war aber auch klar, dass wir gar nicht so irre lang dort verweilen werden. Wir waren nur gerade in der Ecke und wenn man schon mal da ist, nimmt man eben auch einen riesengroßen Stein mit, der imposant an der Küste steht.

Vor Ort gibt es exakt eine Aussichtsplattform und selbst ohne Regen ist hier das Fliegen mit Drohnen verboten. Theoretisch könnte man zum Strand runter. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Direkt bei der Aussichtsplattform oder einen recht langen Spaziergang die Küste entlang.
Bei der Aussichtsplattform braucht man wahlweise eine gute Koordination der Gliedmaßen oder einen schlechten Überlebenstrieb, ansonsten ist der Weg nicht zu meistern. Der Küstenweg…. der ist halt echt lang. Klar, es jetzt auch kein Marathon aber nach der ganzen Fahrerei, mit Regen und… nein – war ich heute zu faul. Ich stehe zu meinen Entscheidungen.
Es ging dann kurzerhand in unsere nächste Unterkunft. Wir sind hier auf einer Farm und bislang habe ich mehr Pferde gesehen, als ich zählen kann, Hunde und ein Kind was mit einem Quad vor einem Traktor fährt. Hier ist das Leben noch in Ordnung.
Morgen haben wir große Pläne und ich mag mich selbst im Tagebuch nicht spoilern. Von daher folgt an dieser Stelle der erste offizielle Tagebuch-Cliffhanger 😉
In diesem Sinne
Habe die Ehre
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