Ruhe und Kraft
Ich kam heute früh nicht aus dem Bett. Meine Frau – die klassisch 47 Wecker, mehrere Einladungen von Staatsoberhäuptern sowie ein Gesuch des Papstes braucht, um überhaupt mal einen Gedanken daran zu verschwenden, aus dem Bett zu krabbeln, war vor mir aktiv auf den Beinen. Der Kopf hatte zwar echt Lust aber der Körper beharrte recht lange auf seinem „Nein!“.
Körper und Kopf einigten sich darauf, dass Frühstück mit intravenöser Zufuhr von Kaffee ein akzeptabler Kompromiss sind. Ehrlicherweise habe ich den Kaffee dann doch ganz Oldschool per Tasse-Mund-Zusammenfuhr in den Körper befördert – aber das Ergebnis war trotzdem für alle Beteiligten zufriedenstellend und so konnte der Tag starten.
Das tat er dann auch – mit Sonnenschein und einer kurzer Tour zur Gletscherlagune Jökulsárlón. Hier waren wir gestern Abend schon aber hey, wenn es gleich nebenan ist, kann man da auch nochmal morgens Eis anstarren.

Kurz nachdem Aussteigen wollte mein Körper noch mal nachverhandeln, ob wir jetzt tatsächlich vorhätten, uns wieder den ganzen Tag zu bewegen. Der Kopf sagte „ja“, der Körper startete auch hier mit einem gepflegtem „Nein“. Das Ergebnis dieser Diskussion war, dass wir 15 Minuten am Ufer stehen geblieben sind und darauf warteten, dass ein Eisbrocken von einem Eisberg ins Wasser fällt. Es gibt nun auch ein Video, was eben 15 Minuten lang genau dieses Bild zeigt.

Selbstredend ist natürlich nirgends ein Eisbrocken abgebrochen. Ich bereue trotzdem nicht, dass ich die Zeit dort rumstand. Es war ein schöner Anblick und ich glaube, dass solche stillen Momente genau das geben, was ich die letzten Tage trotz des schönen Urlaubs immer mal wieder vermisst habe – Ruhe und Kraft.
Und weil Ruhe und Kraft einmal gut funktioniert haben, sind wir knappe 15 Minuten weitergefahren, saßen beim nächsten Gletscher und haben das ganz einfach wiederholt.

Beim Fjallsárlón gibt es eine Art Besucherzentrum und einen Rundweg. Der Parkplatz war schon recht voll und wir ahnten schlimmes. Doch aus Gründen gingen wirklich alle Menschen nach links auf den Weg. Wir dagegen sind rechts entlang. Wir fanden eine kleine Bank und die Aussicht von dieser seht ihr auf dem Bild hierdrüber. Wir verweilten eine Weile, genossen die Stille und fuhren dann weiter zum nächsten Gletscher.
Einmal mehr waren Kopf und Körper unentschlossen, wir dieser Abschnitt des Tages am besten verlaufen sollte. Der Körper erwähnte berechtigt, dass er bemüht sei kooperativ zu sein, aber alles hat seine Grenzen. Mein Kopf, in diesem Fall sehr empathisch auf meinen Körper eingestellt, schlug deshalb vor, wir könnten doch auch mal etwas mit der Drohne machen.
So ging meine Frau alleine los und ich überflog die wunderschöne Gegend des Kviárjökull aus dem Auto heraus. Das fühlte sich auch sofort nach einer hervorragenden Idee an, denn die Vogelperspektive macht auch hier eine Menge her.

Und während ich in der Luft mein Unwesen trieb, macht meine Frau einmal mehr glorreiche Zeitlupenaufnahmen. Zugegeben, Stein im Wasser hatten wir schon mal. Da es aber echt Spaß macht, gönnen wir uns das einfach noch mal.

Nach einer Weile meldete sich dann mein Körper zu Wort und stellte kleinlaut fest, dass er vielleicht doch noch mal ein bisschen die Gegend erkunden mag. Bei angenehmen 20°C machten wir (Kopf, Körper und ich) uns auf den Weg zu meiner Frau. Es war ein schöner kleiner Marsch. Man ist vom Parkplatz bis zum See vielleicht 15 Minuten unterwegs, ganz allein auf der Welt und dann eigentlich auch wieder im heutigen Wahlmodell von Ruhe und Kraft.
Allerdings bedeuten 15 Minuten über karges Gelände hinwärts auch, dass es noch mal 15 Minuten über karges Gelände zurück gibt. Das schaffe ich relativ souverän. Allerdings kam es dann beim nächsten Stopp zur Konstellation dass meine Frau die eisigen Hänge der Berge fotografierte…

…während ich die Grenzen von Gemütlichkeit des Fahrersitzes auslotete. Es ist vermutlich ein Segen, dass ich relativ wenig Muskeln habe. Fettgewebe ist augenscheinlich viel variabler in der Positionierung und so konnte ich die Füße draußen vom Wind kühlen während der Rest ergonomisch-fragwürdig im Sitz drapiert ruhte.

Tiefen Schlaf gab es natürlich nicht aber die Pause tat auf jeden Fall gut. Eigentlich wollte ich an diesem Ort auch noch Drohne fliegen aber es kamen immer wieder neue Touristen und… es ist dann auch mal okay, einfach nichts zu machen und am Ende so weiterzufahren.
Als nächstes hielten wir an einem Parkplatz, den es im Mai noch nicht gab. Wir waren beim Fossálar, eine Stromschnelle und wie ich seit heute weiß, Teil der Anglerstraße. Es freut mich, dass es nun einen Parkplatz an dieser Stelle gibt. Früher musste man auf einem sehr holprigen und steinigem Feld gegenüber irgendwie schauen, dass man sein Auto nicht schrottet und trotzdem zum stehen kommt.

Das Highlight im Highlight war jedoch ein Hund. Der lief da einfach so rum und ging baden und… stand auf einmal vor mir, legte mir einen vollgesabberten Stein vor die Füße und schaute mich erwartungsvoll an.

Ich warf den Stein und machte einen Hund sehr glücklich. Irgendwie hat er das Prinzip vom zurückbringen nicht verstanden und so kam es, dass er zufälligen anderen Leuten auf dem Parkplatz dann den Stein vor die Füße legte. Kopf und Körper waren sich indes einig, dass es eine gute Idee wäre, in Island spontan einen Hund zu entführen. Entsprechend traurig ging es für uns alle weiter, als wir die Weiterfahrt ohne Hund antraten.
Naja, so richtig traurig war natürlich niemand und selbst wenn – ein paar Minuten später gab es schon den nächsten Wasserfall.

Weitere 20 Minuten später gab es noch einen Wasserfall, bei dem ich sogar wieder mit der Drohne fliegen konnte. Hier ballerte uns mittlerweile die Sonne richtig entgegen. In kurzer Hose und T-Shirt standen wir da. Für uns natürlich schön, für Island vielleicht schon ein bisschen zu heiß. Einmal mehr muss leider erwähnt sein, dass der Wasserfall auch deutlich weniger Wasser führte, als noch im Mai.

Allerdings reichte die Wassermenge dann trotzdem noch für eine kleine Abkühlung. Motiviert von ein paar Leuten, die da baden gegangen sind, wollte ich zumindest mal mit den Füßen rein und…

Von der Wassertemperatur ging das sogar ganz gut. Aber die Steine… während mein Kopf euphorisch den Moment feierte, meldeten sich die Füße und berichteten, dass unebene Steine jetzt nicht unbedingt die Basis für ein friedliches Miteinander schaffen.
Es ging daher recht schnell wieder aus dem Wasser. Es folgte noch ein kurzer Stopp in einem Restaurant, wo wir bei Eis und Kaffee beschlossen haben, dass der Tag heute nicht mehr allzu lang wird.
Unser obligatorischer Stopp beim Eldhraun musste natürlich noch sein. Liegt eh auf dem Weg, frisst kein Brot, ist in 5 Minuten genug gewürdigt – passt.

Vorletzter Stopp war völlig unspektakulär bei einem Supermarkt, wo wir uns noch mal eine Ration Müsliriegel besorgt haben. Danach ging es zum Hotel. Auch schon das Vorletzte. Allerdings bleiben wir jetzt drei Nächte hier. Das heißt, erstmal nicht mehr packen und auch nicht mehr großartig das Auto be- / entladen.

Kleiner Fun-Fact: In dem Hotel waren wir bereits zweimal. Wir kommen also hier an und unser W-Lan verbindet sich schon vor dem Einchecken. Viel mehr Zuhause braucht man doch fast gar nicht.
Es ist jetzt Ortszeit noch nicht mal 21 Uhr. Ich werde also sehr zeitig ins Bett kommen und den Schlaf der Gerechten in voller Pracht zelebrieren. Morgen wird sicher ein weiterer Tag voller Highlights und ich freu mich drauf 🙂
In diesem Sinne
Habe die Ehre
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