Speedboot und Seafood
Wisst ihr, meine Frau und ich haben den Punkt im Leben erreicht, wo uns vieles egal ist. Ein Privileg, dass darunter auch meistens fällt, was andere von uns denken. Lasst uns ehrlich sein. Wir sind grob 1.500km von Zuhause weg. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir irgendeine Menschenseele von hier jemals wieder sehen, ist quasi gleich Null. Warum sollten wir also für die gute Knigge unsere Aufregung zurückhalten?
Eben, und weil wir heute Morgen nach ein wenig hadern doch den Entschluss gefasst hatten, dass wir mal mit einem Speedboot durch den Geiranger fahren wollen, saßen wir um kurz nach 9 Uhr mit folgendem Gesichtsausdruck in Geiranger.

Ich bilde mir ein, dass andere Menschen im Zweifel ihren Spaß an uns haben. Das wird dann auch noch verstärkt, wenn man von der Speedbootfirma in so Marshmallowanzüge gesteckt wird. Sie behaupten, dass sie aus Sicherheitsgründen nötig sind, aber ich bin da nicht so sicher.

Als menschgewordene Knicklichter mit der Aerodynamik einer Kartoffel saßen meine Frau und ich dann also in einem Speedboot und wurden mitten in den Fjord gefahren. Der Wahnsinn!
Ich hatte mir gewünscht, den Fjord vom Wasser aus zu sehen, weil ich hoffte, dass das Spektakel auch aus dieser Perspektive beeindruckend sein wird. Mein Wunsch wurde direkt erfüllt. Gepaart mit der Geschwindigkeit so eines Bootes, schießt natürlich direkt das Adrenalin durch den Körper.

Immer wieder fuhren wir dabei Kurven, die das Boot doch stark in eine Schräglage brachten. Unser Fahrer hatte offensichtlich Bock und ich verdammt viel Spaß. Zwischendrin wurden wir aber auch immer wieder langsamer für kleine Fotostopps und ein paar Infos zu den jeweiligen Orten. Hier ein paar Eindrücke vom Boot aus.




Ich hatte eine richtig gute Zeit.

Überall gab es etwas zu sehen. Seien es längst verlassene Farmen oder Wasserfälle oder Steilklippen oder oder oder… meine Worte können diesem Naturwunder gar nicht gerecht werden.
Kurzum – die Aufregung und Vorfreude waren absolut berechtigt. Wir haben hier etwas ganz Großes live erleben dürfen und dabei auch einen Riesenspaß gehabt.
Da wir nach der Aktion aber doch das Gefühl hatten, dass wir etwas platt sind, haben wir beschlossen erstmal kurz zurück zum Hotel zu gehen und durchzupusten.
Im Hotel stand dann aber auch schnell fest, dass hinlegen und Nickerchen zwar immer angenehm klingt, in dieser Kulisse aber keine echte Option ist.
Wir gingen dann den hiesigen Wasserfall-Trail entlang. Dieser geht passenderweise direkt an unserem Hotel entlang und führt bis an den Strand oder wahlweise in die Innenstadt von Geiranger.
Ich glaube, dass der Architekt des Weges dabei den ein oder anderen dramatischen Moment hatte. Beispielsweise gab es eine Stelle, wo das Wasser circa 40cm tief war und etwas Wasser aus gut einem Meter in eben dieses Plantschbecken fiel. Davor stand dieses Schild:

Aber ich verstehe das. Da will man eben nicht, dass Leute an den Zaun gehen. Die Warnung vor einem tiefen Sturz in einen Wasserfall schreckt dabei wohl einfach auch mehr ab als „Vorsicht, deine Knöchel könnten nass werden“.
Jedenfalls stapfelten wir den Weg entlang und waren sehr angetan, von dem, was wir sahen. Geiranger ist UNESCO Weltnaturerbe und man kann verstehen, warum so eine Organisation sagt, dass dieser Ort unbedingt so erhalten bleiben sollte. Es ist wirklich schön hier.
Der Wasserfall-Trail ist augenscheinlich auch mit viele Liebe angelegt worden. Man hat so kleine Adrenalin-Kicks, wie zum Beispiel eine Gittertreppe über einem Wasserfall.

Dabei wirkt die Natur hier durchaus intakt. Recht viele Vögel und Insekten treiben sich umher und wir hatten dann zufällig auch einen Frosch gesehen. Vielleicht war es auch eine Kröte. Falls einer meiner Leser gut mit Tierbenennung ist – jetzt ist dein Moment gekommen.

Als Kind lernt man ja, dass so Frösche begabte Springer sind. Der Frosch landete bei JEDEM seiner Sprünge auf dem Bauch. Er zog dann die Beine unter den Körper, sprang erneut, wieder eine Landung auf dem Bauch. Ich fühle die Koordinationsfähigkeit dieses Reptils in den tiefen meines Herzens. Wäre ich ein Frosch, ich würde es nicht anders machen. Selbst als Mensch lande ich so oft auf dem Bauch… ich schweife ab.
Der Wasserfall-Trail hatte dann (überraschenderweise) noch viele Wasserfälle zu bieten. Es ist dabei immer eine entspannte Wanderung und selbst wenn einem die Wasserfälle mal langweilig werden – schaut man eben in die Ferne und sieht wieder den beeindruckenden Fjord. Aber im ernst – wem bei solchen Wasserfällen langweilig wird, dem kann ich auch nicht helfen.

Am Ende des Trails wählten wir dann erstmal den Weg an den Strand. So richtig zum Baden lädt das hier nicht ein. Das hätte mich aber nicht daran gehindert, mal mit den Füßen ins Wasser zu gehen. Was mich hinderte, war meine Frau. So blieb nur der fade Kompromiss, mal mit den Schuhen ins Wasser. Ich war in Norwegen noch nicht einmal mit den Füßen im Wasser und habe das Gefühl, dass ich das noch ändern muss. Eine persönliche Challenge war geboren…

Wieder waren wir hier aber an einem Punkt angekommen, wo die Akkus schon eher im orangen Bereich leuchteten. Unser Weg führte deshalb in die Stadt und ein kleines Café. Es gab Mandelkuchen für meine Frau und Apfelkuchen für mich. Dazu einen Tee und Wasser und den Plan, dass wir heute nicht mehr sooo viel machen werden.
Wir gingen dann wieder zurück zum Hotel und klärten an der Rezeption kurz, wie hoch man aktuell in den Pass kommt. In Innvik hatte man uns gesagt, dass die Straße wegen eines Erdrutsches derzeit gesperrt ist – vor Ort wurde das leider bestätigt. Aber ein Aussichtspunkt kurz vor der Sperre sollte noch frei sein.
Wir fuhren dann also zu einem Aussichtspunkt, der quasi hinter der Stadt liegt. Ich darf sagen – der liegt schon wirklich verdammt hoch. Und weil das nicht reicht, geht es da sehr steil nach unten.

Selbst meine recht höhenfeste Frau meinte hier, dass das schon viel Weg nach unten ist und auch sie sich dann mal lieber am Geländer festhält. Bei mir hat es für einen Blick gereicht und danach saß ich relativ schnell auf einer Bank und schaute lieber in die Ferne. Das lohnte sich hier auch durchaus.

Danach ging es in die Hotelbar und ans allseits beliebte schreiben von Postkarten. Wir ließen den frühen Abend ruhig ausklingen. Beim Buffet darf ich berichten, dass ich diverse Hemmschwellen abbauen konnte. Gestern hatten wir eine Kellnerin aus Australien und die war… knuffig. Sehr hilfsbereit und am dauergrinsen.
Heute stand ich vor einer Platte voller Seezeugs… Krabbenschären, irgendwelche Langusten, Schrimps, Muscheln und… ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung, wie man das isst. Mit dem Mut des Urlaubers sprach ich sie an, ob sie mir es erklären könne. Ich ahnte ja nicht, dass sie gleich noch einen Kollegen und einen Koch dazuholt.
Der Koch schaute mich dann an, schaute die Muscheln an und meinte dann: „Der essbare Teil ist innerhalb der Schale.“ Zweifelt ihr auch manchmal daran, wie intelligent ihr auf andere wirkt?
Jedenfalls wurde ich mit passendem Besteck bewaffnet, noch gefragt ob ich allergisch auf Schalentiere bin und dann mit besten Empfehlungen und einem Crashkurs für Seafood an meinen Platz geschickt.
Ich habe mich zwar insgesamt angestellt wie der erste Mensch – aber hey, ich hab es geschafft und darf sagen – ich habe alles probiert. Hat mich jetzt geschmacklich nichts davon wirklich umgehauen, aber sollte mich irgendwer von euch mal zum Muschelessen einladen – ich bin vorbereitet!
Morgen werden wir dann Geiranger verlassen. So langsam aber sicher fahren wir wieder in die grobe Richtung von Oslo. Das Ziel morgen ist eine Stadt namens Tessand, die nicht mal Norweger kennen. Ich bin zuversichtlich, dass wir auf dem Weg auch wieder eine Menge sehen und erleben werden. Morgen holen wir wieder das Maximum aus dem Tag raus.
In diesem Sinne
Habe die Ehre
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