Tirol und ich

Wege, Wetter und meine Zufriedenheit

Meine innere Uhr würde wohl selbst unter Androhung von Gewalt nicht einsehen, dass man im Urlaub ausschlafen darf. Ich glaube, dass die Kunst darin besteht, dass man aus solchen Schwächen eine Stärke macht.

Heute sollte es voraussichtlich ab mittags immer ekliger werden. Der Wetterbericht sprach von Starkregen und Gewittern. Genau da liegt mein Vorteil: Denn von 6 Uhr bis mittags, ist genug Zeit, um etwas zu unternehmen.

Ich lies das Frühstück im Hotel ausfallen und machte mich auf den Weg ins Inntal. Eine Website des Bergwetterdienstes behauptete, dass es dort heute am längsten trocken bleibt. Ich kam durch diese Gegebenheit auch mal in den Genuss österreichische Maut-Autobahnen zu benutzen. Ein mehrere Kilometer lange Baustelle veredelte diese Erfahrung.

Als Ziel hatte ich mir von Komoot einen Parkplatz empfehlen lassen. Von dort aus wollte ich dann zur Aifner Alm. Kurz vorm eigentlichen Ziel, kam ich an einem sehr schön ausgebautem Parkplatz vorbei. Kurzerhand entschloss ich mich, dort mal anzuhalten und zu schauen, wie der Ausblick von hier so ist. Ich sollte nicht enttäuscht werden.

Kaum ausgestiegen sah ich, dass der Grund für den Parkplatz einerseits wohl ist, weil von hier sehr viele Wanderwege starten. Andererseits gibt es hier eine Aussichtsplattform ins Tal, die es echt in sich hat.

Weitblick

Das Ganze nennt sich „Gacher Blick“. Da unten fließt die Inn und es ist wirklich verdammt hoch. Man steht da auf Gittern und unter einem geht es unendlich tief runter. Wer hier stürzt, hat sehr lange Zeit beim Fallen über seinen Fehler nachzudenken. Aber immerhin tut er das mit einer Wahnsinnsaussicht.

Als Urlaubsprofi und Abenteurer mache ich dabei natürlich auch mal ein Selfie. Für das folgende Bild müsst ihr die dezente Angst in meinem Gesicht durch ein charmantes Lächeln ersetzen, et voila – ein perfektes Urlaubsfoto.

War trotzdem toll da oben

Mit zitternden Knien setzte ich mich dann doch noch mal kurz ins Auto und überlegte, wie der Tag jetzt genau weitergehen sollte. Mir schoss noch mal durch den Kopf, dass auch von diesem Parkplatz einige Wandertouren starten. Ich schaute mir die Schilder genauer an und sah, dass die Aifner Alm auch von hier zu erreichen ist. Ja, perfekt – dann geht es direkt von hier los.

Der Weg war kurz nach dem Parkplatz schon sehr ansehnlich. Alles im saftigen Grün und von irgendwo hörte man Wasser rauschen. Da es immer noch sehr früh am Tag war und die Alm heute gar nicht geöffnet hat, war ich auf dem Weg auch völlig allein.

Für mich allein

Ich beschloss als nächstes mal mein Frühstück nachzuholen. Ich hatte von gestern noch ein Brötchen im Rucksack und zu jeder Wanderung habe ich ausreichend Wasser dabei. Mein kleines Festmahl nahm ich bei diesem Anblick ein.

Morgenstund hat Frühstück in den Alpen im Mund

Der Weg war trotz einiger Steigungen sehr angenehm zu gehen. Ich passierte dann noch einen kleinen Weiher. Ich bin manchmal unsicher, warum bestimmte Dinge „Sehenswürdigkeiten“ sind. So einen kleinen See habe ich in den knapp 24h in Österreich vermutlich schon 100x gesehen. Aber dieser Weiher war beschildert und daher seht ihr ihn nun jetzt hier.

Harbe Weiher

Mein Weg führte mich dann über eine Forststraße. Als ich eine Serpentine abbog, hörte ich auf einmal sehr deutlich wieder das Rauschen von Wasser. Mit jedem Schritt wurde es lauter und bald sah ich einen hübschen kleinen Wasserfall.

Kühles Nass

Wenn man sich das Bild anschaut, ahnt man vielleicht schon, was diese Passage für die Trockenheit der Schuhe bedeutet. Aber hey – es war angenehm warm und ein bisschen Wasser schadet nicht.

Pitsch Patsch

Ja und weil der Weg sich in recht schnellfolgenden Serpentinen hochschlängelte, sah ich dann auch noch die oberen Kaskaden des gleichen Wasserfalls.

Ein echter Skógafoss

Und natürlich musste ich jedes mal wieder durchs Wassers. Ich kam aber jedes mal mit trockenen Füßen durch. Da macht sich vermutlich meine Island-Erfahrung bemerkbar. Es war insgesamt ein echt schöner Weg. Zumal auch immer wieder die Sonne rauskam.

Sonne durch die Bäume

Ich hielt es meistens für eine gute Idee, den Beschilderungen vor Ort zu folgen. Blöderweise kamen ab und zu jedoch Gabelungen, wo dann keine Schilder zu sehen waren und ich mich notgedrungen auf meinen Orientierungssinn verlassen musste. Ich möchte dazu einen Screenshot von Google Maps zeigen, der ganz gut spiegelt, wie gut das geklappt hat.

„Sie befinden sich hier“

Wieder einmal stand ich also in den Bergen und war angemessen ratlos, wo genau ich bin und wie ich zum Ziel komme. Ich dachte aber so bei mir, wenn ich einfach dem Forstweg folge, werde ich schon irgendwo ankommen. Tat ich dann auch. Zwar nicht bei der Alm, dafür bei einem wunderschönem Panorama.

Dem Himmel so nah

Wisst ihr, wenn der das „O“ in Tirol für Orientierung steht, dann ist das „L“ wohl Losigkeit. Ich kam zu dem Schluss, dass es vielleicht gar nicht an meinem Orientierungssinn liegt sondern manche Dinge einfach wirklich schlecht ausgeschildert sind.

Wenn wir mal die Alpenromantik kurz weglassen, gehört zum Tagesbericht, dass ich bis hierhin schon circa 2h bergauf gegangen bin und weit und breit keine Alm zu sehen war. Ich gönnte mir auf einem Stein eine Verschnaufpause und haderte einmal mehr mit meinen Lebensentscheidungen. Visualisiert, darf man sich das so vorstellen.

„Vielleicht sollte ich mir zu Weihnachten einen Kompass wünschen“

In mir gibt es in so einer Situation dann für gewöhnlich einen Kampf zweier Fraktionen. Die eine Seite sagt „Hey, dreh doch einfach um“ während die andere Seite erklärt „Du hast es soweit geschafft, fuck it – geh den Rest auch noch!“. Das Problem ist, wenn ich über das Umdrehen nachdenke, meldet sich die zweite Fraktion sofort wieder und meint mit Nachdruck „Ich mach dir den ganzen Tag schlechte Laune, wenn du den Weg nicht zu ende gehst“. Ich mag keine schlechte Laune haben…

Also ging ich noch mal weiter und fand dann irgendwann zwischen zwei Bäumen ein Pfeil mit einer Österreich-Flagge und dem guten Gefühl, dass der ja auch irgendwohin führen müsste.

Ich bin sehr sehr dankbar, dass ich diesen Weg gefunden habe. Schaut mal, wie wunderschön es dort war.

Wie im Bilderbuch

Ich ging entlang eines kristallklaren Baches über eine Wiese. Links und rechts von mir tauchten letzte Reste von Schnee auf und irgendwann sah ich dann, wie hinter ein paar Steinformationen ein Dach hervorschaute. Die verdammte Alm! Endlich!

Geschafft!

Ehrlicherweise war es dann doch etwas blöd, dass die Alm geschlossen hatte. Klar, ich wusste das von Anfang an. Doch hätte ich mich natürlich schon gern zum Triumph hingesetzt und mir vielleicht ein Radler gegönnt.

Aber hey, das Tagesziel war erreicht und nun konnte der Weg zurück angegangen werden. Das schreibt sich so leicht daher. Tatsächlich wäre es wohl auch leicht, wenn ich detailliert gewusst hätte, wie genau ich nun eigentlich zur Alm gekommen bin. Wieder beschloss ich den Schildern zu folgen. Vielleicht ist es ja leichter, wenn man von oben nach unten geht. Spoiler: Es war nicht leichter.

Ich habe Bilder mitgebracht, bei denen der Tiroler Alpenverein ernsthaft Schilder hingestellt hatte und behauptet, dass das Wanderwege sind. Es darf sich jeder selbst fragen, ob da ein Weg erkennbar ist.

„Wanderweg“

Oder wie wäre es kurze Zeit später mit diesem Beispiel für einen Wanderweg?

Wanderweg…. vielleicht?

Um den Eindruck wirrer Tiroler Wanderweg-Spezialisten noch zu verstärken, möchte ich euch meine Lieblingsorientierungshilfe des heutigen Tages zeigen. Ich wollte zum Naturparkhaus….

Da geht’s los

Nicht nur, dass es 3x ausgeschildert war. Nach links dauerte es auch noch auf exakt einem Weg, zwei unterschiedliche Zeiten lang. An dieser Stelle würde mich übrigens interessieren: Weiß jemand, warum auf diesen Schildern immer Zeiten angegeben werden und nicht Entfernungen? Ich meine, klar – vermutlich lassen sich die Wege nicht wirklich präzise vermessen. Aber die Zeit hat doch noch mehr subjektive Abhängigkeiten. Soll ja vorkommen, dass unterschiedliche Menschen, unterschiedlich schnell gehen.

Wie dem auch sei. Nach circa 15km durch die Berge und 4h über Stock und Stein, stand ich wieder auf dem Parkplatz und war zufrieden mit meinem Werk.

Noch mal die Aussicht genießen

Ich fuhr dann zurück zum Hotel. Auf dem Weg brach allerdings kurz mal eine Wolke über mir auseinander. Die Autobahn verwandelte sich binnen weniger Sekunden in ein Schwimmbad. Die Sichtweite änderte sich von kilometerweit auf etwas mehr als Armlänge. Es war sehr unheimlich. Zumal links und rechts erstaunlich viel Wasser für diese kurze Zeit hochspritzte.

Gott sei Dank ist aber nichts weiter passiert. Beim Hotel selbst war dann von Regen auch nichts zu sehen. Ich gönnte mir einen Gin Tonic auf der Terrasse und atmete erstmal richtig tief durch. Was für ein Tag.

Cheers

Heute sollte dann auch nicht mehr viel passieren. Außer natürlich – das Abendessen. Es war wieder grandios. Ich kannte „Apfelradel“ gar nicht. Ein warmer Apfelring in einem knusprigen Teig – sensationell!

Aktuell grummelt es draußen schon sehr. Immer wieder kamen nun doch auch ein paar Tropfen runter. Der Fernsehempfang wackelt auch schon sehr verdächtig. Es gibt für den Norden von Tirol diverse Unwetterwarnungen. Ich hoffe natürlich, dass es sich alles in einem okayen Maße bewegt. Und wenn es denn schon gewittert, dann würde mir wünschen, dass es nachts passiert und ich geistesgegenwertig genug meine Kamera für den Zeitraffer aufstellen kann.

Ansonsten wird morgen wohl wirklich mal ein Entspannungstag. Sowohl Bayern als auch Südtirol und Italien werden verregnet sein. Da kann ich auch einfach hier bleiben und mal schauen, was der Tag bringt.

In diesem Sinne

Habe die Ehre
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