Das Leben im beinahe vollständigen Glück
Tag 2. Meine Frau bemerkte sehr richtig, dass es sich weniger nach einem großem Jahresurlaub anfühlt. Es hat eher den Charme, dass wir mal über ein Wochenende wegfahren und ordentlich aufs Erlebniskonto einzahlen. Das soll jetzt noch gute drei Wochen so gehen… es kann eigentlich nur gut werden.
Heute erwachte ich bei strahlend blauen Himmel und Sonnenschein um kurz nach 7 Uhr. Draußen gab es nichts außer der Natur und ich beschloss, dass ich den Tag mit einem Kaffee auf der Terrasse starte.

Wer weiß schon, wie lange ich da saß. Die Zeit spielte keine Rolle. Ein bisschen entfernt begannen ein paar Pferde auch den Tag. Am Horizont, das weite Meer und hinter mir ein imposanter Gletscher. Ich bin schon schlechter in einen Tag gestartet.
Eine zweite Kaffeetasse folgte und so war ich dann bereit, für alles, was der Tag bieten wollte. Den ersten Stopp gab es dann bereits einige Minuten später auf einem Parkplatz. Es bot sich ein ganz wunderbarer Blick ins Tal und auf eben jenen gerade genannten Gletscher.

Ich flog meinen ersten Drohnenakku schon mal warm. Die Bilder und Videos wurden großartig. Es wäre sogar fast perfekt gewesen, wenn ich nicht erst am Ende meiner Flugstunde bemerkt hätte, dass ich die ganze Zeit im Zeitlupenmodus geflogen bin. Statt nun 3-4 Minuten gutem Filmmaterial habe ich 30-40 Minuten sehr langsamer Luftaufnahmen. Was solls, die Eindrücke waren trotzdem toll und wie man sieht, war das Wetter auch auf unserer Seite.
Wenig später standen wir dann beim Bjarnafoss. Ich weiß nicht genau warum, aber ich flog wieder im Zeitlupenmodus. Aber auch hier gilt: Das Motiv ist in jeder Geschwindigkeit toll. Blöderweise hatte neben uns auch ein Rudel Möwen ein morgentliches Stell-dich-ein. Ich landete die Drohne dann lieber und machte mich zu Fuß zum Wasserfall.

Dank der frühen Stunde und dem aktuellen Hang zur Glückssträhne, waren wir bei dem Wasserfall ganz allein. Ich kann gar nicht so genau sagen, wie lange wir dort waren. Wir machten Fotos, Videos, Zeitrafferaufnahmen und irgendwann beschloss ich auch noch, dass ich den Trampelpfad zum Wasserfall zumindest mal teste. Ganz nach oben bin ich dann jedoch nicht gegangen. Das war mir zu anstrengend. Stattdessen lies ich mich noch ein wenig fotografieren und darf nun solch Aufnahmen im Gegenlicht mein Eigen nennen.

Auf dem Weg zu unserem nächsten Highlight, überraschte uns ein anderes „Highlight“. Zuerst war da dieser menschgewordene Geistesblitz, der sein Auto direkt an der Straße parkte und dann kurz bevor ich vorbeifahren wollte (immerhin gut 90km/h auf der Uhr) die Tür öffnete. Manche Menschen hängen einfach nicht am Leben.
Ein paar Meter später aber dann ein echtes Highlight. Auf der Straße stand ein junger Polarfuchs. Die sieht man ähnlich selten, wie Nordlichter.

Doch so schnell er dort hinkam, so schnell war er auch wieder verschwunden. Kaum von der Straße runter, sieht man ihn im Grunde auch schon nicht mehr. Die kleine Fellnase verschmolz sofort mit seiner Umgebung. Jetzt wo ich darüber nachdenke: Kann es wirklich ein Zufall sein, dass wir zum ersten mal Murphy mit im Urlaub haben und gleichzeitig zum ersten mal einen Fuchs sehen? Ich denke, eher nicht.
Wie dem auch sei. Unser Weg führte uns weiter zum Djúpalónssandur. Ein malerischer Ort, bestehend aus Strand, Teilen eines Schiffwracks und viel viel Zauber. Wenn man zum Strand möchte, geht man schon durch eine andere Welt.

Es ist sehr leicht, hier zu vergessen, dass man sich im Grunde in einer touristischen Ecke aufhält. Wirklich niemanden würde es hier wundern, wenn Elfen, Feen und Trolle hinter dem nächsten Stein sitzen würden. Man spürt hier überall Natur. Begünstigt wurde das selbstredend durch die immer noch frühe Morgenstunde und die dadurch resultierende Menschenknappheit.
So standen wir dann am Strand und schauten den Wellen zu. Um uns herum türmten sich teils bedrohlich und teils schützend die Felswände auf. Auf der einen Seite reichte der Blick aufs Meer, auf der anderen Seite wieder zum Gletscher. Es ist ein wirklich aufregender Ort. Grund genug für uns, irgendwie seltsame Fotos und Videos zu machen. Ein Prunkstück aus dieser Kategorie habe ich natürlich mitgebracht.

Und wieder muss gesagt sein, dass Island es schafft, selbst ein Anti-Model (wie mich), immer wieder gut aussehen zu lassen. Schlechte Pose? Komische Mimik? Haltung wie ein Schrimp? Kein Problem! Du stehst mitten in einer Hochglanz Naturdoku – hier siehst du immer gut aus.

Zu diesem Zeitpunkt war unser Tag gerade mal drei Stunden alt. Theoretisch hätte man jetzt auch schon in die nächste Unterkunft fahren können und wäre mit dem Erlebten zufrieden gewesen. Doch der Tag sollte noch mehr fürs uns bereithalten.
Als nächstes ging es zum Lóndrangar. Das ist eine spannende Felsformation direkt an der Küste. Vom dazugehörigen Parkplatz hatten wir einmal mehr einen tollen Blick auf den Gletscher. Hier nun auch mal ein Foto von Murphy vorm Gletscher.

Wenn ich ehrlich bin, war der Lóndrangar sonst immer nur ein Zwischenstopp. Irgendwas, was man eben mitnimmt, weil es halt da ist. Heute sahen wir vom Parkplatz aber ein Schild auf dem stand, dass man in 750m auch bei den Steinen ist.
Also gut, gehen wir eben den neuen Wanderweg. Und was soll ich sagen? Es war eine richtig coole Erfahrung. Der Weg führte an Schafen vorbei und man hatte viel mehr das Gefühl, ein Teil dieser unwirklichen Natur zu sein. Unwirklich auch deshalb, weil man eigentlich auf flachem Land steht und auf einen Küste zugeht. Doch dann steht da dieser Fels. Beinahe wie eine alte Festungsruine anmutend thront er dort.

Kleiner Fun-Fact: Der Sage nach wurde hier noch nie das Heu gemäht, weil das Land den Elfen gehört und man sie nicht provozieren will. Ich weiß nicht, wie Elfen dazu stehen, dass man hier wandern geht und Fotos macht. Bislang muss ich jedoch sagen, habe ich das Gefühl, dass irgendwer es hier gut mit uns meint. Von daher wird das schon so passen.
Unweit vom Lóndrangar steht dann noch eine weitere Felsformation. Das gute Stück hört auf den Namen Gatklettur.

Ich hätte auch hier erwartet, dass es irgendeine Sage oder Erzählung zu den Steinen gibt. So ein wenig sieht der Gatklettur ja aus, wie ein Tier. Vielleicht auch wie eine Brücke oder ein Tor… doch all das bleibt der eigenen Phantasie überlassen. Für die Isländer ist das einfach nur Stein, der durch Erosion eben diese Form hat. Man kann halt nicht überall Zauber walten lassen – manchmal muss stumpfe Wissenschaft reichen.
Apropos wissen, was einen schafft: Wir waren mittlerweile doch ganz schön durch den Tag gerauscht und bekamen allmählich Hunger. Gott sei Dank ist direkt am Parkplatz ein kleines Restaurant und es gab – wie sollte es anders sein – Lamm. Der Tag lief schon wirklich gut für uns.
Gestärkt ging es für uns weiter in Richtung eines Leuchtturms. Doch davor kam ein Strand mit dem wunderschönen Namen Skarðsvík. Vor Ort liest man dazu, dass hier in den 1960igern Gräber von Vikingern gefunden wurden. Und wisst ihr, was die Isländer damit gemacht haben? Richtig – sie haben sie in ein Museum gebracht… und anschließend eine Picknick-Gelegenheit dort aufgebaut. Was man halt so macht. Doch für Isländer ist dieser Strand tatsächlich etwas besonderes. Denn in Island sind die meisten Strände durch das Lavagestein schwarz oder zumindest sehr dunkel. Dieser Strand dagegen ist eher golden.

Für uns Mitteleuropäer ist es einfach ein hübscher Strand. Insofern haben wir uns da auch gar nicht allzu lang aufgehalten sondern sind zum angedachten Leuchtturm weiter.
Falls mal jemand mit dem Gedanken spielt, auch hierher zu fahren: Der Leuchtturm nennt sich Skálasnagaviti. Die Straße hierhin ist etwas, wo man sich vorab fragen sollte, ob man wirklich Spaß am Autofahren hat. Wer mit Schlaglöchern, engen Spuren und natürlich immer zum ungünstigsten Moment kommenden Gegenverkehr Probleme hat, sollte vielleicht lieber eine der unzähligen anderen Gelegenheiten zum Staunen nutzen. Die Fahrt ist absolut machbar aber eben anspruchsvoll.
Wenn man sich denn erstmal durchs Glück geholpert hat, steht man an einem Leuchtturm, der seinerseits direkt über den Klippen haust. Ausblick und steife Brise sind gratis in diesem Moment mitinbegriffen.

Wo ich gerade bei anspruchsvollen Straßen war: Wisst ihr, was das Schönste an so einer Fahrt zum Leuchtturm ist? Man darf die gleiche Strecke auch wieder zurück! Natürlich fährt man langsam und manchmal übersieht man vielleicht auch einen Stein. Mir macht so eine Fahrt aber richtig Spaß. Von daher zähle ich allein die Strecke auch noch mal als Highlight.
Zurück auf befestigten Straßen näherten wir uns dann langsam dem Ende der heutigen Tour. Das letzte Highlight der Fahrt sollte der Svöðufoss werden. Wurde er dann auch – aber das perfekte Erlebnis wurde durch den Faktor Mensch getrübt.

Was war passiert? Nun, es passierte das, was wohl jedem im Urlaub schon mal passiert ist. Wir standen vor dem Wasserfall, wollten gerade ein paar Bilder machen und zack rennt eine Familie ohne jegliche Wahrnehmung für ihre Umgebung an uns vorbei und stellt sich direkt in die Sichtlinie von quasi allen anderen Anwesenden.
Ich verstehe wirklich nicht, was in den Köpfen solcher Leute vor sich geht. Es muss sich ja keine Schlange bilden und wir müssen auch keine Nummer ziehen, wer als nächstes ein Foto machen darf… aber so ein bisschen Rücksichtsname auf andere? Nein? Okay…
Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass ich irgendwie in mir ruhte. Ich dachte so bei mir, dass die schon irgendwann gehen werden und ich hab doch alle Zeit der Welt.
Ich weiß nicht, ob es wieder die Feen waren, die mir halfen oder ob es doch Karma gibt, aber die Tochter der Familie machte auf dem Weg zum nächsten „im-Weg-stehen“ einen falschen Schritt und trat zu meiner großen Erheiterung erstmal in den Fluß. Ja, blöd…. für sie. So war dieser Moment in Summe vielleicht nicht perfekt – aber eben fast.
Wir sind dann noch kurz einkaufen gefahren. Zum Tagesabschluss wollte ich gern ein Lakritzeis haben. Vielleicht war ich eben doch zu schadenfroh oder die Feen haben sich nun doch gegen mich gerichtet, denn leider gab es nirgends mehr ein passendes Eis. Spätestens jetzt hätte der Tag also Abzüge vom Stempel „perfekt“ bekommen.
Aber hey, so war es ein fast perfekter Tag. Zumal ich zum Tagesende noch erfahren durfte, dass die Unterkunft, in der wir uns gerade befinden, meine Drohnenaufnahmen vom letzten Jahr aktuell für ihre Werbung nutzt. Wenn das mal nichts ist.
Ich fühlte mich mit diesem neuen Wissen dann doch noch mal berufen, die Drohne kurz in die Luft zu jagen und weitere Bilder zu machen.

Morgen geht es dann auch schon weiter in die Westfjorde. Meine Sehnsuchtsorte warten bereits auf mich und ich erahne, dass sie mindestens wieder so schön sind, wie ich sie in Erinnerung habe. Ich freu mich jetzt schon drauf.
In diesem Sinne
Habe die Ehre und bis morgen
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