Der Reifen

Ungeahnte Urlaubserfahrungen

Ich will schon eigentlich immer positiv sein. Gut gelaunt durchs Leben zu gehen, macht einfach mehr Spaß. An manchen Tagen jedoch, da habe ich das Gefühl, dass diesem Lebensstil ein besonderer Schwierigkeitsgrad inne liegt. Aber – wir sind im Urlaub – wir stellen uns jeder Herausforderung. Zumal der Tag sogar sehr erfolgreich begann.

Nach einem ausgiebigen Frühstück sind wir direkt auf die Straße. Die Idee war, den 1,5h entfernten Dynjandi vor den Menschenmassen zu erleben. Da auf dem Weg auch noch mindestens 2-3 Stopps liegen, planten wir jene frühe Abfahrt.

Wir kamen zuerst beim Foss í Fossfirði an und freuten uns, dass er im Vergleich zum letzten Jahr wieder viel mehr Wasser führte. Kleiner Fun Fact dazu: Im isländischen heißt der Wasserfall „Wasserfall“. Nicht etwa, weil es ein Wasserfall ist, sondern weil daneben eine Farm ist, die den Namen „Wasserfall“ hat. Isländer können sehr einfallsreich bei Namen sein.

Wasserfall bei Wasserfall als Wasserfall

Direkt nebenan liegt ein altes verlassenes Farmhaus. Bei Google Maps kommt dazu der Satz „für einen kurzen Stopp okay“ und genau das ist es auch. Man hat hier einen wunderbaren Blick aufs Wasser und das Haus ist für die westliche Welt architektonisch eher ungewöhnlich.

Das A-Haus

Als nächstes kommt eine Strecke, die man liebevoll „Die Mitte vom Nirgendwo“ nennen darf. Es gibt hier kilometerweit nichts, außer eben den Fjord selbst. Da dieser sagenhaft schön ist, fährt man entsprechend gern hier lang oder hält ab und zu für ein Foto.

Vom Nichts in die Weite

Der Tag fügte sich nahtlos in die Reihe der glücklichen Momente, die wir bislang hier erlebten. Bis auf einmal der Bordcomputer freundlich anmerkte, dass der Reifendruck hinten links niedrig ist. Dank modernster Technik konnte ich dann in Echtzeit miterleben, wie aus „niedriger Reifendruck“ ein leerer Reifen wurde.

Und auf einmal steht man da. Die nächste Ortschaft ist in die eine Richtung eine gute Stunde weg und in die andere Richtung sind es fast zwei Stunden. Die Straße erlaubt auf gar keinen Fall irgendwelche waghalsigen Gedanken, bei denen man mal schaut, wie weit man mit einem Platten kommt. Also – den Car-Service angerufen.

„Haben Sie schon den Road Service angerufen?“ Nein, hab ich nicht – mach ich dann mal.

Der Roadservice: „Haben sie ein Ersatzreifen?“ Gute Frage… vielleicht? „Wenn Sie einen haben, dürfen sie den gern jetzt verwenden. Falls nicht, haben wir auf unserer Website einen Chat und beraten Sie darüber weiter.“

Ich weiß nicht, ob das so ein Generationending ist. Aber ich habe in meinem Leben noch nie einen Reifen gewechselt. Immerhin blieb mir das jetzt auch in Island erspart, denn im Kofferraum fand sich kein Ersatzrad. Aber – und das erlangte umgehend unsere volle Aufmerksamkeit: Es gab ein Reifen-Flick-Kit. Na, wenn das mal nichts ist.

Meine Frau und ich wurden schlagartig zu Handwerkern und haben nun gelernt, wie man mit einem Zigarettenanzünder, einer milchigen Flüssigkeit und einer Druckpumpe zumindest für 10-20km Luft in einen Reifen kriegt.

Der Zauber der Luftpumpe

Da die nächsten Orte aber blöderweise weiter weg waren, als diese 10-20km, hingen wir recht schnell wieder am Telefon. Wieder mit den ursprünglichen Leuten vom Mietwagen Car-Service. Dieses mal hatten wir eine Frau dran, die scheinbar mit uns mitfühlte. Sie bat uns um etwas Geduld und wollte was klären… einige Minuten später meinte sie, dass unweit von uns ein Flughafen wäre und die haben einen identischen Wagen für uns.

Der Flughafen war gute 10km entfernt – wir waren also sehr zuversichtlich, dass wir mit einer erneuten Luftpumpaktion irgendwie schon dort ankommen werden. Taten wir dann auch – wir waren schon sehr stolz und beeindruckt von uns. Die erste nennenswerte Autopanne quasi im Alleingang gemeistert!

Am Flughafen selbst, saß ein alter Isländer. Der war irgendwie… verwirrt darüber, dass wir einen Mietwagen nehmen und einen abgeben. Das es sich bei beiden um einen Kia Sportage handelte und wir mit dem Tausch glücklich waren, überstieg dabei völlig seinen Horizont. Irgendwann ging er mitten im Satz und kümmerte sich um andere Dinge. Egal, wir hatten einen neuen Mietwagen und der hatte auch wieder vier funktionierende Reifen. Yay!

Ich weiß nicht, ob gerädert in diesem Zusammenhang als etwas positives verstanden wird. Ich finde es aber auch komisch zu schreiben, dass wir von diesem neuen Zustand beflügelt waren… so oder so: Wir fuhren nun endlich weiter und machten uns wieder auf den Weg.

Ehrlicherweise hatte dieses kleine Reifen-Intermezzo aber nicht nur Zeit gekostet sondern durch die Aufregung auch ganz schön Nerven. Es war daher schon wichtig, dass wir auch noch mal 1-2 Pausen einlegten und den Zauber von Island auf uns wirken ließen.

Zauber vom Parkplatz

Wenn man in so einer Umgebung ein paar mal durchatmet, wird gleich vieles wieder besser. Am Ende ist ja bis auf den Zeitverlust auch eigentlich nichts passiert.

Sammeln und weiter

Die weitere Fahrt blieb trotzdem noch ein wenig angespannt. Immer wieder schaute man nach einem Schlagloch besorgt auf den Bordcomputer. Ich kann schon mal sagen, dass bis zum Tagesende gar keine Warn- oder Fehlermeldung im Auto mehr kamen. Die Sorgen waren also letztlich umsonst.

Und schließlich kamen wir dann beim Dynjandi an. Ein Naturereignis von einem Wasserfall. Ein Touristenmagnet, riesengroß, gewaltig und heute… geschlossen?

Joa, dort wo man hätte hochgehen können, hingen rote Wimpel und ein isländischer Park Ranger stand dort. Aufgrund von Bauarbeiten und dafür erforderlichen Materiallieferrungen mit einem Hubschrauber ist der Zugang erstmal für ein paar Stunden gesperrt.

Dynjandi mit Hubschrauber (rechts)

Wir fassen zusammen: Platten, geschlossener Wasserfall. Ich finde, ich hätte an dieser Stelle auch ein Recht auf schlechte Laune gehabt. Zumal wir dann auch noch nach Ísafjörður gefahren sind. Die Stadt ist zwar ganz nett, allerdings fährt man durch einen einspurigen Tunnel dorthin. Dieser Tunnel ist gottverdammte 6 Kilometer lang und ich weiß wirklich nicht, warum bislang niemand auf die Idee kam, dass eine zweite Spur womöglich eine gute Idee ist. Nach diversen Nahtoderfahrungen waren wir etwas einkaufen und haben dann beschlossen, erstmal in unserem Hotel einzuchecken. Eine großartige Idee, wie sich bald herausstellen sollte.

Denn im Hotel gibt es nicht nur die vermutlich knuffigste Italienerin, die jemals in einem Hotel in Island gearbeitet hat. Nein, es gibt auch eine Hot Tub.

Ein heißes Bad in der Kälte

Das Leben wird schlagartig besser, wenn man in einem Fjord in knapp 40°C warmes Wasser steigt. Klar, es gibt den Haken, dass man irgendwann auch wieder aus dem Wasser raus muss und dass dann extrem kalt wird. Insgesamt wärmt so eine Poolrunde aber doch sehr schön auf. Und – und das ist noch wichtiger – es machte mir heute auch noch mal bewusst, dass der Tag vielleicht bislang nicht perfekt lief, aber es war im Grunde immer noch nichts wirklich schlimmes passiert.

Meine Frau und ich sind dann mit dieser neuen Energie noch mal zum Dynjandi gefahren. Warum auch nicht – so weit weg ist er schließlich nicht. Dort angekommen, war der Weg immerhin zur Hälfte wieder freigegeben.

Nun könnte ich mich darüber beschweren, dass ein Helikopter in schöner Regelmäßigkeit „fotobombte“ Aber nein, wir tun einfach mal so, als wäre das heute Teil des Ganzen gewesen.

Ein Foto ohne Heli

Was wirklich nett war: Wir sprachen vor Ort mit einen Park Ranger. Der war gut drauf und plauderte ein wenig über die Region, das Leben, Gott und die Welt und ich denke, er hatte an uns wohl genau so viel Spaß, wie wir an ihm.

Wenig später schmiedeten wir dann den Plan, dass wir noch ein weiteren Wasserfall besuchen wollten. Auf der anderen Seite, quasi direkt gegenüber vom Dynjandi, gibt es noch mal einen sehr malerischen (wenn auch kleineren) Wasserfall.

Versteckt nebenan

Wie das Leben so spielt, kamen wir dort an und ein Camper kämpfte gerade mit seinem Auto. Er hatte seinerseits einen Platten und den Reifen wechseln müssen… Als erfahrener Mechaniker konnte ich sogar kurz mit anpacken, das defekte Rad am Heck zu befestigen. War auch eine Premiere für mich.

Ja und dann standen wir dort einfach ein wenig am Ufer und schauten in die Ferne. Ab und zu war der Helikopter noch zu hören, ab und an hörten wir den Dynjandi aus der Ferne. Ein paar Enten schwammen an uns vorbei und sogar eine Robbe grüßte uns kurz.

Ahoi

Insgesamt ein sehr friedlicher Ausklang für diesen doch sehr ereignisreichen Tag. Vielleicht ist es auch einfach so, dass der schlechteste Tag in Island immer noch besser ist, als die meisten anderen Tage im Alltag. Wer weiß – so oder so – ich bin zufrieden mit dem Tag und hoffe einfach, dass morgen genau so schön wird aber vielleicht etwas weniger aufregend.

So ists schön

In diesem Sinne

Habe die Ehre
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