Manche im Praxistest
Als wir neulich durch die isländische Einsamkeit spazierten, hatten wir den Gedanken, dass Steine womöglich einfach seit mehreren Jahrtausenden das Spiel spielen, bei dem der verliert, der sich als erstes bewegt. Weil Steine unfassbar schlechte Verlierer sind, wird das Spiel wohl auch noch weitere Jahrtausende andauern. Zugegeben, diese Theorie lässt sich kaum wissenschaftlich stützen (hoffe ich zumindest).
Eine andere Theorie ist, dass man einen Urlaub auch zu Erholungszwecken nutzen kann. Was das angeht, bestehen bei mir seit Jahren Zweifel. Allerdings entstand heute früh folgendes Foto und womöglich ist an der Theorie doch etwas dran.

Ich fühlte gute zwei Stunde nachdem wach werden, dass ein weiteres Schläfchen den Start in den Tag zwar verzögert, aber dann doch auch verbessert. Im Hintergrund liefen die olympischen Spiele mit isländischen Kommentatoren und auf einmal war es schon 9 Uhr.
Als ich die Augen öffnete, saß hinter mir meine Frau mit Käse, Crackern und Erdbeeren. Ich bin schon schlechter in einen Tag gestartet. Heute war damit dann also der Tag, wo wir uns mal zumindest etwas zurücknehmen.
Nach dem Frühstück fuhren wir dann sehr gemütlich zum Goðafoss. Da das Auto vom gestrigen Tag aber noch immer eine matschbraune Schicht zierte, beschlossen wir, dass eine weitere kleine Verzögerung zum Zwecke der Autowäsche eine gute Idee sei. Meine Frau feierte dabei heute Premiere: Zum ersten mal hatte sie einen mit Wasserkraft betriebenen Besen in der Hand und schrubbte unsere Kiarla sauber.

Eine weitere Theorie, die sich bestätigen sollte ist, dass man bei berühmten Sehenswürdigkeiten eher nicht zum späten Vormittag anreisen sollte. Wir mussten ein paar Ehrenrunden auf dem Parkplatz des Goðafoss drehen, bevor sich endlich eine Lücke auftat.
Immerhin verliefen sich die Menschenmassen vor Ort sehr gut, sodass wir recht ungestört unsere Bilder machen konnten und das Naturschauspiel genießen konnten.

Mein Herz wurde heute auch etwas erweicht, als ich sah, wie eine ältere Frau im Rollstuhl zu einer Aussichtsplattform gefahren wurde. Seit geraumer Zeit schwirrt der Gedanke in meinem Kopf, meine liebe Frau Mama auch mal mit nach Island zu nehmen. Durch einen Schicksalsschlag, sitzt meine Mama im Rollstuhl. Und so ein vermaledeiter Rollstuhl macht das alles natürlich nicht leichter. Aber heute zu sehen, wie diese ältere Dame dort vor Ort zurechtkam… meine Mama ist definitiv besser unterwegs, als sie. Das Leben mag ja nicht sonderlich fair sein – aber das heute war sehr bildhaft, dass man trotzdem viel Gutes draus machen kann. Lange Geschichte – kurzer Sinn – wir sind wohl dem Reisetagebuch, bei dem meine Eltern mitspielen, heute etwas näher gekommen.
Zurück zum Tag und dem Goðafoss. Wie auch schon in den letzten Jahren, hat der Goðafoss mehrere Aussichtsplattformen auf beiden Uferseiten. Wir sind dort fröhlich entlang und ich für meinen Teil fand sogar Spaß an den anderen Menschen. Mit halbem Ohr hörte ich immer mal wieder, welche verrückten Sprachen sie sprechen. Selten verstehe ich wirklich was, aber ich glaube, dass man problemlos die Theorie halten könnte, dass auf einer Aussichtsplattform locker 5 bis 10 unterschiedliche Sprachen gesprochen werden.
Eine weitere Theorie, die auf einer Aussichtsplattform entstand ist, dass es ziemlich genau zwei Arten von Menschen gibt. Die einen, die auf Kommando für ein Foto lächeln können und die anderen, die aussehen, als wären sie für das Foto kurz ein Stein ohne jegliche Mimik geworden. Letztere grinsen aber immer wie bekloppt, sobald das Foto gemacht wurde.
Genau genommen gibt es noch die dritte Art von Mensch, zu der ich am Goðafoss gehörte. Nämlich diejenigen, die es einfach vermeiden auf Fotos zu sein. Ist vielleicht auch besser so, denn so konnte meine Frau sich auf das Wesentliche konzentrieren. Fotos, von einem sehr beeindruckenden Wasserfall zu machen.

Wenn man vom Goðafoss dann nicht zurück auf die Ringstraße fährt, sondern einer Schotterpiste folgt, kommt man nach gut 40 Minuten zur F26. Das ist eine Straße, die ins Hochland führt und nett formuliert, jetzt nicht unbedingt gut ausgebaut ist. Allerdings liegt an dieser F26 ein Wasserfall, den wir gern noch mal sehen wollten. Nämlich der Aldeyjarfoss.

Dieser Wasserfall ist wirklich erstaunlich. Es mag an den vielen symmetrischen Elementen liegen, dass er so schön daherkommt. Denn der Fall liegt recht zentral zwischen zwei Wänden, die ihrerseits ziemlich gleich-hoch sind. Auf beiden Seiten gibt es recht ähnliche Basaltsäulen an den Wänden und selbst die Gischt scheint hier klaren geometrischen Formen zu folgen.
Vielleicht spricht da aber auch einfach der ITler aus mir. Und vielleicht ist es auch okay, wenn man Schönheit gar nicht erklärt. Denn Fakt ist, der Wasserfall ist wirklich schön. Sei es jetzt im Gesamtbild oder aus den vielen Details heraus, die man hier bestaunen kann.

Für mich bot sich hier auch einmal mehr die Gelegenheit mit der Drohne zu fliegen. Zwar steht man bereits auf einer Anhöhe über dem Wasserfall, aber die Vogelperspektive bietet doch noch mal ein paar Möglichkeiten mehr. Beispielsweise meine Lieblingsaufnahme, direkt horizontal über dem Getöse.

Als Video in Zeitlupe ist diese Perspektive übrigens noch faszinierender. Vielleicht lade ich das auch irgendwann mal hoch und lass euch daran teilhaben. Für heute müsst ihr euch mit dem Foto begnügen.
Nun ist es ja so, dass meine Frau eher Sorgen begleiten, wenn wir abenteuerliche Wege entlangfahren. Das Stück auf der F26 kostete schon einiges an Kraft und Nerven. Umso überraschter war ich, dass sie meinem Vorschlag zustimmte, dass wir noch etwas länger auf dieser Straße fahren könnten. Denn ein paar Kilometer später sollte es noch einen Wasserfall geben.
Die Fahrt war schon anspruchsvoll. Man eiert in Zeitlupe an Steinen und Schlaglöchern vorbei und hofft aufs Beste. Allrad und Differentialsperre sollten im Auto vorhanden sein und idealerweise hat es dann auch noch in aller Bescheidenheit einen Fahrer, der sowas beherrscht.

Doch selbst mit meinem Eigenlob muss ich sagen, dass meine Frau da heute weitaus mehr beeindruckt hat. Sie trotzte den latenten Panikattacken und half mit konkreten Ansagen beim Manövrieren. So muss das laufen! Wir kamen völlig ohne Zwischenfall letztlich sehr bequem beim Hrafnabjargafoss an.
Ich nahm hier gleich die Drohne mit und startete sie quasi sofort, als ich Wasser sah. Meine Frau fing dabei diesen wunderbaren Moment ein.

Ihr seht, mittlerweile bin ich auch wieder auf Fotos drauf. Auch wenn das mit dem Lächeln noch immer ausbaufähig ist. Sei es drum.
Der Hrafnabjargafoss war für uns eine Premiere. Hier waren wir in all den Jahren noch nie. Es ist immer wieder toll, einen neuen Ort für sich zu entdecken. Vor allem, wenn er so schön ist, wie dieser.

Durch die abgelegene Gegend und die eher beschwerliche Zufahrt kommen hier scheinbar auch kaum Menschen her. Auch wenn das bei uns beinahe Standard wird, sei gesagt, dass wir auch hier wieder völlig allein waren.
Mit der Drohne flog ich dann auch gleich mal mehrere Akkus leer. Wenngleich die Sonne etwas fehlte, war der Wind zumindest sehr friedlich und es blieb trocken. Heute kamen auch mal keine Vogelschwärme, die was gegen die Drohne hatten. Ich konnte also einfach mal fliegen.

Es war gar nicht so leicht, die besten Winkel und Perspektiven zu finden. Ich bin auch sehr sicher, dass mir bald noch ein Gedanke kommen wird, wie ich hätte anders fliegen können, um noch einen besseren Blickwinkel zu erhaschen. Insgesamt bin ich mit meiner Ausbeute aber sehr zufrieden.

Wir waren locker eine Stunde vor Ort und tobten uns wie große Kinder aus. Mal klettert man auf einen Stein, mal springt man über ein kleines Loch und manchmal staunt man einfach, was die Natur alles zu bieten hat. Das war ein sehr gelungener Ausflug.

Ursprünglich gab es auch mal die Theorie, dass wir heute noch zum Námafjall fahren. Da die Zeit aber irgendwie anderweitig gebraucht wurde, haben wir das dann schlicht gelassen. Ohne große Umwege ging es zurück in unser Apartment nach Akureyri.
Einen kleinen Stopp gönnten wir uns dann aber doch noch. Es gibt da diesen kleinen Parkplatz, von dem man einen ganz tollen Blick auf die Stadt hat. Zurzeit sieht man da auch die Kreuzfahrtschiffe sehr gut, die derzeit anliegen.

Zum Abendbrot habe ich uns dann nochmal Lamm gebraten. Heute mit Nudeln und Erbsen. Den Tagesabschluss genoss ich dann mit einem Lakritzeis. Das Leben kann schon wirklich gut sein.
In diesem Sinne
Habe die Ehre
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