Was passiert, passiert
Ich glaube, dass es ein Prozess von Tourist zu Einheimischer ist. Und ich glaube, dass wir auf diesem Weg immer mehr Fortschritte machen. Zum isländischen Lebensgefühl gehört eine gewisse Gleichgültigkeit. Dinge, die passieren, passieren eben. Sei das beim Wetter oder eben im Alltag allgemein. In Deutschland neigen wir ja doch eher dazu, die Probleme zu sehen und zu thematisieren. Gern auch, bevor diese überhaupt entstanden sind. Proaktives Problemdenken ist quasi deutsches Kulturgut.
Und so saß ich kulturbewusst gestern Abend beim Abendessen und grübelte, wie mich Europcar heute bezüglich des Mietwagens abzocken könnte. In meinem Kopf ratterten schon mal auf Verdacht ein paar harte Diskussionen durch. Wie würde ich auf welche Argumente reagieren? Wie könnte ich sie in die Enge treiben… bis meine Frau meinte: „Lass uns doch morgen einfach schauen.“ Meine Frau ist schon etwas weiter im Isländer sein, als ich. Aber ich konnte doch erstaunlich gut ihren Vorschlag annehmen.
Heute ging es dann als erste Amtshandlung zu Europcar. Der Weg führte uns einmal quer durch die beschauliche Stadt Akureyri.

Dort angekommen, hatte ich es tatsächlich geschafft in mir zu ruhen und eine gewisse Gleichgültigkeit zu haben. Was passieren soll, wird schon auch passieren.
Wir standen dann am Schalter, erklärten den Platten, den Mietwagenwechsel, die aktuellen Problemchen mit dem jetzigen Wagen und fragten, wie es weitergehen soll. Ein Mechaniker nahm sich dann dem Ganzen an. Nach circa 20 Minuten kam er zurück, erklärte in wenigen Sätzen, was die Probleme am Auto waren und wie er alle behoben hat und wünschte uns noch eine gute Fahrt. Keine Abzocke, keine Diskussionen… einfach und unkompliziert den Tag laufen lassen. Island ist toll und ich lerne echt noch was fürs Leben.
Heute sollte es dann in den äußersten Nordosten Islands gehen. Doch zuerst machten wir noch bei einem See, unweit von Akureyri einen Stopp und blödelten etwas umher.

Mit der isländischen Gelassenheit knobelten wir dann noch mal aus, wie der Tag weitergehen sollte. Unsere Entscheidung fiel auf Dimmuborgir. Die „dunkle Stadt“ der Elfen und Trolle. Mein unnützes Wissen von heute ist, dass die Gebilde hier aus einem Lavasee stammen, welcher circa 10 Meter tief war und vor etwa 2300 Jahren hier brodelte. Es gab auch eine Infotafel, wie das genau funktioniert haben soll. Irgendwie ging Lava auf Wasser, dann wollte das Wasser verdampfen, konnte aber nicht… die Lava zog weiter, der Dampf ging nach oben, kühlte dabei dann ab (weil die Lava wegging) und schwupps gab es völlig bizarre Steinformationen. Ich wäre ein ganz hervorragender Guide für dieses Gebiet. Jedenfalls hatten wir heute sehr viel Spaß auf und zwischen den Steinen.

In der isländischen Mythologie hat das hier alles übrigens nichts mit Lava zu tun. Stattdessen ist es viel mehr das Zuhause von Elfen und Trollen. Falls es die Fabelwesen hier wirklich gibt, hatten sie heute vermutlich auch genug mit uns zu lachen.

Wir beschlossen dann über Husavik weiter in Richtung Norden zu fahren. Husavik ist ja die selbsternannte Walhauptstadt. Letztes Jahr konnten wir bei einer Tour tatsächlich auch bestätigen, dass man hier sehr gut Wale sehen kann. Ich ertappte mich dann heute auch wieder dabei, dass ich gebannt aufs Wasser starrte und ich hoffe, irgendwo vielleicht einen Wal zu sehen. Zwar war dieses Unterfangen nicht erfolgreich, meine Aussicht war trotzdem ein Genuss für sich.

Wir fuhren dann weiter zum Kópasker Strönd. Ein Fleckchen Erde, welches wir bis dato auch noch gar nicht kannten. Mittlerweile hatte der Wind ganz schön zugelegt. Meine Frau stellte auch fest, dass die Augen ziemlich schwer wurden. Ich bin daher kurzerhand einfach mal allein vom Parkplatz zum Strand. Und was soll ich sagen? Ich habe ein weiteres Paradies gefunden.

Ich hatte das Glück, dass zwei einheimische Frauen gerade zum Strand spazierten, sonst hätte ich den direkten Weg wohl gar nicht so schnell gefunden. Wenn man erstmal am Wasser ankommt, steht man durch eine 4-5m hohe Klippe sehr windgeschützt. Man hört die seichte Brandung und kann bestaunen, wie das Wasser bizarre Felsen formt. Der Strand selbst ist dabei wieder typisch für Island pechschwarz.

Ich gewann den Eindruck, dass das Wasser immer weiter in Richtung der Klippen wanderte. Ich weiß nicht, wie genau es sich hier mit Ebbe und Flut verhält. Ich zog es dann aber trotzdem vor, es auch nicht auf die harte Tour herauszufinden und bin dann lieber wieder zurück zum Auto.
Das war insofern auch eine gute Idee, weil das Wetter mehr und mehr zeigte, dass es heute wohl eher nicht zu Späßen aufgelegt ist. Eigentlich hatten wir vor, noch zum Arctic Henge zu fahren. Gemessen daran, dass wir dann aber auf einmal im Regen und Nebel mit Sichtweiten um die 25m zu kämpfen hatten, hielten wir es für eine gute Idee, lieber doch gleich zum Hotel zu fahren. Der Erfahrungswert, vom Wetter festgesetzt zu werden, brennt sich in Island doch sehr ein.
Allgemein leben wir hier sehr gut mit der Devise „better safe than sorry“. Natürlich wäre es speziell in dieser Ecke schön gewesen, wenn wir mehr erlebt hätten Schließlich waren wir noch nicht so oft hier und es gäbe bestimmt das ein oder andere Highlight. Aber, dann eben beim nächsten mal.
Bei unserem Hotel wurden wir dann auch direkt herzlich empfangen.

Ich meine, wirklich sehr herzlich…

Wir haben ein kleines, sehr liebevoll eingerichtetes Cottage. Während ich das hier schreibe, laufen ein paar Schafe durch den Nebel und direkt vor dem Fenster picken ein paar Vögel die Käfer vom Boden. Hier drinnen ist kuschelig warm und nüchtern betrachtet, habe ich alles was ich brauche.

Dann soll es doch draußen wie aus Eimern regnen. Was kümmert es mich? Ich sitze das hier in Ruhe aus. Morgen ist dann ein neuer Tag und wir werden in Richtung der Ostfjorde aufbrechen. Der Wetterbericht deutet bislang an, dass es dann auch wieder trockener wird. Aber selbst wenn nicht – wir werden sehr sicher wieder einen guten Tag daraus machen.
In diesem Sinne
Habe die Ehre
X
Hinterlasse einen Kommentar