Vom Mittelfinger bis zur Saucenexplosion
Wenn die Katzensitter morgens um 9 Uhr deutscher Zeit schreiben „Können wir mal telefonieren?“ kann das eigentlich nie etwas Gutes bedeuten. Meine Freundin stand vor der Tür und der Wohnungsschlüssel beschloss nicht mehr zu funktionieren. Es war kurz nach 7 Uhr in Island, als ich das erste mal dachte, dass ich Urlaub bräuchte.
Aber unsere Katzersitter sind pfiffig und mal abgesehen vom Ärgernis eines irgendwie wirren Schlüssels, klärte sich die gesamte Situation relativ schnell und dann auch noch so, dass alle (inklusive mir) der Meinung waren, dass es doch gar nicht so schlimm war. Trotzdem holte ich mir auf den Schreck erstmal ein bisschen Liebe von meinen neuen Freunden ab.

Bei bestem Wetter starteten wir dann so richtig in den Tag. Wir wollten zum Arctic Henge und von dort aus dann so nach und nach in die Ostfjorde.

Der Zauber des sonnigen Morgens hielt bis zum ersten Parkplatz. Wir standen an einem Berg und hatten einen Wahnsinnsblick ins Tal. Meine Frau stieg aus um Fotos zu machen. Die Autotür knallte zu, ein Schrei war zu hören und… ich hatte gar nicht gecheckt was passiert war.
Meine Frau stand schmerzgekrümmt da und wurde bleich und bleicher. Sie hielt sich die Hand und nach wenigen Augenblicken war klar, dass die Finger noch im Türrahmen waren, als die Tür zuflog. Ein Blick aufs Nagelbett des Mittelfingers reichte um zu wissen, dass das sehr schmerzhaft war.
Wenn eine Fingerkuppe unterm Nagel anfängt dunkelblau / schwarz zu werden, ist das wohl eher kein gutes Zeichen. Leichte Bewegungen gingen zwar recht bald wieder aber es tat schon beim zusehen weh. Um eine lange Geschichte abzukürzen, wir haben dann jetzt auch den Erfahrungswert, wie es ist, bei einem isländischen Arzt anzurufen.
Per telefonischer Ferndiagnose wurde erstmal bestätigt, dass es wohl sicher sehr wehtun müsse (jap, der Mann hat dafür studiert). Man bot uns an, in gut einer Stunde vorbeizukommen. Das nahmen wir dann dankend an.
Aber was tun wir die Stunde lang? Nun, wir waren immer noch nur 20 Minuten vom Arctic Henge entfernt und mal davon ab, dass meine Frau einhändig durchs Leben ging, war sie wieder stabil. Also machten wir nach so einem Unfall und passender Verletzung das, was man als Tourist so macht: Urlaub und Fotos!

Das Gebiet des Arctic Henge ist irgendwie schon speziell. Einerseits hat man sich hier mit den Steinformationen etwas richtig cooles ausgedacht. Es ist schon monumental und man hat auf jeden Fall genug zum Staunen.

Andererseits fuhr während unseres Aufenthalts die ganze Zeit ein Bagger dort umher und ein paar Bauarbeiter schippten Steine. So ein richtig mysteriöses Gefühl kam dann letztlich doch nicht auf. Aber auf den Bildern kann man es sich ja trotzdem vorstellen.

Der Zeitvertreib bis zum Arztbesuch ist zumindest damit geglückt. Vor Ort lernten wir dann, dass Bürokratie kein deutsches Kulturgut ist. Es hatte viel interessantes, zu lernen, wie kompliziert ein Arztbesuch in Island sein kann, wenn man kein Isländer ist. Die reine Behandlung dauert etwa 5 Minuten. Die Abrechnung danach eine gute Stunde. Anfangs kostete der Spaß angeblich fast 100 Euro – bis der Arzt meinte „Nein, das ist viel zu viel“. Wir standen nur unbeteiligt daneben, als die sehr engagierte Schwester versuchte die Dinge zu klären. Am Ende gingen wir mit einem Unkostenbeitrag von circa 3,50 Euro und wirklich vielen neuen Eindrücken über das isländische Gesundheitssystem aus der Arztpraxis.
Der Finger ist nach jetzigem Wissensstand übrigens nicht gebrochen. Die Quetschung wird wohl aber ein paar Tage wehtun. Wir sind guter Dinge, dass wir damit gut umgehen werden.
Mit einer leichten Verzögerung von einem halben Tag, ging es dann nun doch auf den Weg in die Ostfjorde. Wir hielten aus Prinzip aber auch noch mal an dem Rastplatz, wo vorhin das Unglück mit dem Finger passiert ist. Damit ihr eine Idee kriegt, was wir da auf Foto bannen wollten, habe ich meine Drohne in die Luft gejagt und es mal geknipst.

Wir fuhren dann recht direkt weiter in Richtung Egilsstaðir. Dabei machten wir bewusst einen Umweg über eine Passstraße. Wir fuhren hier schon mal lang, nur um damals vom Sturm, Regen und sonstigen Naturkatastrophen überrascht zu werden. Heute sollte es besser sein. Allein der Weg dahin war schon wunderschön.

Und Wasserfälle gab es dann natürlich auch noch auf dem Weg. Dadurch, dass es damals so sehr stürmte, bin nur ich ab und zu mal ausgestiegen. In der Folge waren die Wasserfälle für meine Frau heute auch etwas ganz neues.

Indes, stürmisch war es dort oben auf dem Berg dann auch heute. Ich hatte richtig zu tun Murphy gut festzuhalten. Denn er ist zwar ein Vogel aber fliegen kann er für gewöhnlich nicht.

So richtig glücklich wollte er im Wind dann aber auch nicht aussehen. Ich darf euch aber versichern, dass ihm die Natur insgesamt sehr gefallen hat und er mit der Fahrt heute auch sehr zufrieden war. Auch wenn es eben nicht so aussieht.

Wir kamen dann irgendwann wieder auf der Ringstraße an. Dort fuhren wir zu einem Wasserfall, den wir von den letzten Reisen noch gut kannten. Der Rjúkandafoss liegt passenderweise direkt neben der Straße und ist ohne große Mühen für ein paar Fotos gut.

Man geht dabei circa 250m einen kleinen Hang hoch und steht dann direkt vor dem Wasserfall. Wir hatten einmal mehr das Glück, dass wir hier ganz allein waren.

So langsam zahlte ich dann aber doch den Preis für den Tag. Ich wurde zusehends müder und müder. Es half auch nicht, dass wir beim Tanken auf einmal überall am Auto irgendwelche Saucenspritzer hatten. Irgendein Trottel hatte neben die Zapfsäule eine Tupperdose mit eben jener Sauce gestellt. Die Dose habe ich natürlich nicht gesehen und erstmal überfahren. Es gab einen dumpfen kleinen Knall und kurz dachten meine Frau und ich, bei all den roten Punkten, ich hätte vielleicht einen Vogel oder ein anderes Tier überfahren. Der Blick aus der Tür brachte dann aber die eklige Gewissheit, dass mein Hass auf Menschen gerechtfertigt ist.
So war ich dann nicht nur tanken sondern kurz darauf auch noch mal das Auto waschen. Was man halt so macht, wenn der Tag viel zu lang wird.
Vielleicht wollte Island mich aufmuntern oder doch ein wenig verhöhnen. Nach diesem kleinen Intermezzo saß ich völlig gerädert hinterm Lenkrad und neben mir ploppte der wohl dickste Regenbogen seit langem auf.

Gute 10 Minuten später waren wir dann aber endlich in unserer heutigen Unterkunft. Ein kleines Cottage und direkt vor dem Fenster stehen ein paar Pferde. Die Sonne scheint noch mal durch die Wolken und wir haben Nudeln mit Tomatensauce. Vielleicht ist der Tag am Ende doch ganz ok.

Insgesamt gab es heute aber doch viel mehr Aufregung, als mir lieb ist. Morgen wollen wir mal schauen, dass wir a) viel weniger Auto fahren und b) vielleicht weniger stressige Momente haben. Bis zum Mittag soll morgen sogar die Sonne immer mal wieder rauskommen. Ich bin so oder so aber guter Dinge, dass auch der morgige Tag ein paar Highlights mitbringen wird.
In diesem Sinne
Habe die Ehre
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