Der Weg als Ziel
Natürlich sind immer genau die Nächte unruhig, wenn man am nächsten Morgen früh raus muss. Heute hatten wir uns den Wecker auf 5 Uhr gestellt und meine Nacht war ausbaufähig. Meine Frau übte sich im Schlaf an ihrer Karriere als Kickboxerin und ich brauchte ewig, um irgendwie mal richtig wegzuknacken. Gnadenlos klingelte dann um 5 Uhr der Wecker und es hieß aufstehen und den Tag angehen.
Das Ziel war den berühmten Fimmvörðuháls Wanderweg zu gehen. Zumindest für ein paar Kilometer. Wahlweise startet man diesen Weg im Hochland oder bei unserem Nachbarn, dem Skógafoss. Um kurz nach 6 Uhr standen wir dann tatsächlich mit Sack und Pack vorm Wasserfall und waren bereit aufzubrechen.

Die erste Etappe sieht vor, dass man solang Treppen geht, bis man den Skógafoss von oben sieht. Das sind etwa 60 Höhenmeter, die man in Form von Treppen im Zickzack-Kurs marschiert. Oder anders ausgedrückt – man geht bequem 15 Minuten lang Stufen hoch. Man darf das als eine Art Prüfung verstehen. Der Wanderweg will so herausfinden, ob man überhaupt würdig ist, auf ihm zu gehen.
Wir waren würdig, mussten aber oben feststellen, dass es ein Problem mit dem Wetterbericht gab. Während die Prognose Sonne und leichter Wind war, hatten wir oben unterhalb einer Wolke zu tun, nicht weggeweht zu werden. Mit dem Blick in die Ferne sah es auch nicht so aus, als würde diese Wolke gleich verschwinden. Schnell war klar, dass wir auf solche Konditionen weder vorbereitet waren, noch Lust darauf hatten. Unverrichteter Dinge gingen wir also wieder nach unten.
Was nun? Wir hatten uns auf einen Tag mit vielen Wasserfällen gefreut und standen um nicht mal 7 Uhr am Parkplatz, an dem wir eigentlich erst mittags wieder sein wollten. Meine Frau beschloss kurzerhand, dass wir dann einfach andere Wasserfälle besuchen. Und wie schon mal beschrieben, hat sie für gewöhnlich gute Ideen und ich folge diesen deshalb gern blind. Es sollte auch heute wieder funktionieren.
Unser erster Halt war dann keine 20 Minuten entfernt. Der Íráfoss gehört selbst tagsüber zu den eher wenig besuchten Wasserfällen. So früh am Morgen war dann noch weniger los. Wieder mal hatten wir einen Wasserfall völlig für uns allein.

Es war schön, so allein am Wasserfall zu stehen. Vielleicht wäre es unter anderen Umständen ärgerlich gewesen, dass die geplante Wanderung nicht geklappt hat. Aber wenn man gleich so eine Wiedergutmachung von Island angeboten bekommt… wer will da lange schmollen?
Zumal es auch gleich weitergehen sollte. Der Süden Islands ist voll mit Wasserfällen. Als nächstes kamen wir zum Seljalandsfoss. Das ist wohl der bekannteste aller Wasserfälle hier. In der Vergangenheit gab es deshalb sogar schon mal die Situation, dass wir von der Straße aus sahen, wie voll der Parkplatz ist und daher gar nicht erst rangefahren sind. Heute konnten wir Dank der frühen Morgenstunde bequem direkt vorm Wasserfall parken. Murphy hat sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen und erstmal ein paar Fotos geschossen.

Die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen.

Theoretisch kann man hinter den Seljalandsfoss gehen und durch das Wasser in die Weite schauen. Man wird dabei auch anständig nass und ich würde jedem, der es noch nie gemacht hat, das auf jeden Fall empfehlen. Da wir aber schon mehrmals dahinter waren, fanden wir einen anderen Weg, wie wir mich durchnässen.
Circa 500 Meter neben dem berühmten Seljalandsfoss liegt der mehr oder minder unbekannte Glúfrabui. Vor Ort gibt es ein Schild, was auf ihn aufmerksam macht, aber selbst das übersehen wohl die meisten. Ihr Pech – denn der Wasserfall ist nichts anderes als spektakulär. Denn man muss durch einen Höhleneingang, durch den ein Fluss läuft, um direkt an den Wasserfall zu kommen. Der gute Fall fällt nämlich in besagter Höhle.

Meine bessere Hälfte war das viel zu nass. Ich ging also allein in die Höhle. Wobei – stimmt nicht. Ihr ahnt, wer mich begleitet hat.

Und klar, da drinnen ist es wirklich sehr nass. Aber allein der Blick nach oben lohnt sich absolut und rechtfertigt, dass man mal etwas mehr tropft, als sonst. So eine Aussicht bekommt man nicht jeden Tag. Selbst in einem wasserfallreichen Land wie Island, ist das schon etwas ganz besonderes.

Entsprechend gut gelaunt, bin ich dann wieder aus der Höhle und war bereit, für die nächsten Abenteuer.

Nachdem wir heute früh bereits auf einen Berg gelaufen sind, beschlossen wir, die gleiche Dummheit bei einem anderen Berg noch mal zu machen. Vielleicht sei dazu noch erwähnt, dass wir bis dahin noch immer kein Frühstück hatten und vom Energiehaushalt auch alte Menschen sind, die bereits zwei Wochen Aktivurlaub hatten. Und trotzdem – der Berg namens Stóra-Dímon liegt ganz wunderbar in einen Flussdelta und bietet eine wunderbare Aussicht. Ich weiß das, weil ich schon mal mit der Drohne dort hochgeflogen bin. Heute sollte die Liveerfahrung folgen.

Jetzt gibt es zwei Wahrheiten. Die eine Wahrheit ist, dass ich eine wirklich schöne Aussicht hatte und mir oben am Berg ein Plätzchen suchte, mich hinsetzte und die Zeit genoss. Die zweite Wahrheit ist, dass ich nicht am Gipfel war.

Mein Körper meldete sich und erinnerte mich daran, dass ich ein untrainierter Kerl bin und wahlweise erstmal etwas an diesem Zustand ändere oder lieber nicht denken sollte, dass ich mal so nebenbei einen Berg hochlaufe. Da der Weg oben auch noch rutschig wurde und mein Gleichgewicht noch nie das Beste war, hörte ich lieber auf die Warnung meines Körpers und bin ich dann nach meiner schönen Sitzgelegenheit wieder nach unten.
Das fiel mir insofern auch leicht, weil der nächste Stopp einer meiner absoluten Lieblingswasserfälle sein sollte. Der Gluggafoss!

Bevor es aber zum Wasserfall ging, holten wir erstmal das überfällige Frühstück nach. Als das erledigt war, übten wir uns soweit in Geduld, dass wir genau dann losgingen, als niemand außer uns beim Wasserfall war. Wir sind schon Profis.

Murphy war natürlich auch wieder mit dabei und tat das, was ich zuvor beim Stóra-Dímon tat. Er setzte sich einfach mal hin und genoss das Naturschauspiel. Er ist dabei natürlich sehr fotogen.

Dass Isländer einen besonderen Humor haben, merkt man dann, wenn es darum geht, den Parkplatz des Gluggafoss zu bezahlen. Man wird per kleiner Tafel darauf hingewiesen, dass man die Gebühr online entrichten kann. Das wäre auch alles gar nicht schlimm, wenn der Gluggafoss nicht in einer Ecke liegen würde, wo man exakt 0 Empfang / Netz hat. Aber am Ende alles halb so wild. Wir haben die Gebühr dann einfach entrichtet, als wir an der nächsten Tankstelle wieder Internet hatten.
Unser Tagespensum an Wasserfällen war aber immer noch nicht voll. Wir fuhren direkt weiter zum Árbæjarfoss. Ich würde mir manchmal wirklich wünschen, dass ich hören könnte, wie ihr solche Namen im Lesefluss aussprecht. Wie dem auch sei. Der Árbæjarfoss ist ein kleiner und weitestgehend unbekannter Wasserfall. Der hiesige Parkplatz umfasst recht genau den Platz für zwei Fahrzeuge. Das ändert aber nichts daran, dass er ein sehr schmucker Wasserfall ist.

Man kann hier auch ganz prima über eine Wiese schlendern und einfach genießen, dass das Wetter so mitspielt. Es ist friedlich hier und für ein paar Momente ist man dann eben gedankenlos und glücklich.

Doch bevor es wieder zu träumerisch wird, fuhren wir ein weiteres mal weiter und das natürlich wieder zu einem Wasserfall. Dieses mal ging es zum entlegenen Þjófafoss.

Der Þjófafoss liegt ziemlich genau neben einem riesigen schneebedeckten Vulkan namens Hekla. Es ist immer wieder eigenartig, dass man Urlaub neben so einer tickenden Bombe macht. Aber auch heute ist der Vulkan nicht ausgebrochen und wir konnten stattdessen schöne Fotos vom Wasserfall machen.

Es sollten heute noch zwei weitere Wasserfälle kommen. Beide lagen immerhin sehr gut auf dem Weg zu unserer Unterkunft, denn so langsam wurden wir doch ziemlich müde.
Als erstes stoppten wir beim Ægissíðufoss. Wieder könnte man sagen, dass es vielleicht weniger ein Wasserfall und mehr eine Stromschnelle ist. Da das Wasser aber punktuell doch ein paar Meter fällt, gilt es offiziell eben als Wasserfall.

Als kleines Highlight konnten wir vor Ort zuschauen, wie zwei Angler versuchten, heute Abend nicht hungrig zu bleiben. Zumindest solang wir da standen, hatten die beiden aber kein Glück.

Zu guter Letzt kam der Urriðafoss. Der angeblich wasserreichste Wasserfall Islands. Mit diesem Titel gibt es immerhin keine Zweifel daran, dass es wirklich ein Wasserfall ist. Auch wenn er kaum sichtbar wirklich tief irgendwo fällt. Auch hier durften wir dann zuschauen, wie ein paar Männer ihr Glück beim Fliegenfischen versuchten. Auch hier waren die Angler erfolglos.

Und dann waren wir auch endlich in unserem Apartment angekommen. Ich weiß nicht warum, aber wir haben hier einen Massagesessel stehen und ich bin damit sehr glücklich. Nach einem wunderbarem Abendessen im hiesigen Restaurant, sitze ich jetzt nur noch mit den Augen auf Halbmast hier, schreibe den Blog und freue mich, dass der Tag sich so entwickelt hat. Ich glaube, unterm Strich haben wir dann wirklich mehr Wasserfälle gesehen, als wir auf dem Weg beim Skógafoss gesehen hätten.
Aus dem Bauch heraus, wird morgen auch wieder ein aufregender Tag. Ich hoffe aber auch, dass wir ein klitzekleines bisschen mehr Ruhe hinbekommen. Ich werde berichten.
In diesem Sinne
Habe die Ehre
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PS: Meine Frau und damit Rechtschreibkorrektur liegt bereits im Bett. Es besteht eine gute Chance, dass damit gerade noch Wortendungen oder ganze Wörter fehlen 😉
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