Wind im Hochland

Und weitere Abenteuer

Heute kam der Gedanke, den Urlauber am meisten fürchten: Bald geht es wieder nach Hause. Am Freitag in der Früh treten wir die Heimreise nach Berlin an und heute dachte ich zum ersten mal in diesem Urlaub, dass es nun gilt, noch mal alles aufzusaugen, was Island zu bieten hat. Im Grunde ist der Gedanke natürlich Quatsch. Denn wenn ich ehrlich bin, ist der Urlaub jetzt schon wieder ein Quell für unzählige zukünftige Schwärmereien. Ich wüsste auch gar nicht, was ich jetzt noch anders machen sollte, als in den letzten zwei Wochen. Von daher, ziehe ich vielleicht einfach mein Ding hier durch und mache weiter das Beste aus der Zeit.

Heute hatten wir uns vorgenommen, mir einen Wunsch zu erfüllen. Es sollte ins Hochland gehen. Für diejenigen, die es nicht einordnen können sei gesagt, dass das Hochland vermutlich der Teil Islands ist, der am rauesten ist. Im Vergleich mit dem Hochland sind die Westfjorde geradezu überbevölkert. Im Hochland weht einfach nur eisiger Wind über karges Gestein. Die Straßen sind mindestens 6-7 Monate pro Jahr aufgrund von Unpassierbarkeit gesperrt und wenn sie offen sind, ist man in den meisten Fällen trotzdem auf sich gestellt. Straße ist allgemein ein sehr liebevoller Begriff für Schotter, der von Schlaglöchern zusammengehalten wird. Wer hier herkommt, sucht ein Extrem und wird es sehr sicher auch finden. Mich fasziniert das sehr. Während meine Frau einerseits die Faszination dafür teilt, hat sie aber andererseits recht große Sorgen, weil die Straßen halt wirklich mitunter nicht als solche zu erkennen sind und damit das Risiko für kleine bis riesige Dramen schon auch mitfährt.

Doch von vorn. Die Fahrt begann damit, dass ich mich fragte, was wir heute für Musik hören. Aus mir unbekannten Gründen schlägt mir Spotify wirklich wilde Dinge vor, die ich allesamt nicht hören möchte. Da ich aber dann mit Musik losfahren wollte, landeten wir irgendwie bei Hits aus den 90iger und 2000ern. Ich bin bei wirklich vielen Metalsongs textsicher. Bei den Pussycat Dolls und Lady Gaga muss ich improvisieren. Bei der Gelegenheit kann ich festhalten, dass „schwibbel schwabbel, schwibbel schwabbel“ erstaunlich gut auf so ziemlich jeden Popsong mitgesungen werden kann. Im Auto führte das zu überraschend viel Partystimmung.

Schwibbel und Schwabbel im Groove

Irgendwann im Hochland änderte sich dann die wunderbar asphaltierte Straße in irgendetwas undefiniertes mit Spurrillen und viel Staub. Ich fand es ehrlich gesagt gar nicht so schlimm zu fahren. Zumal in Sichtweite noch andere Autos waren, die offensichtlich auch irgendwie vorwärts kamen. Warum sollte uns das also nicht gelingen?

„Straße“

Meine Frau kämpfte neben mir irgendwie mehr mit der Straße, als unser Auto. Als wir nach einigen Kilometern auf dem angestrebten Parkplatz ankamen (Parkplatz meinte hier eine halbwegs ebene staubige Fläche), hatte meine Frau in der Handinnenfläche Abdrücke vom Text und Muster unseres Selfiesticks. Womöglich war sie doch etwas mehr angespannt.

Produktplatzierung mal anders

Aber nun waren wir hier und das Abenteuer einer kleinen Wanderung konnte beginnen. Als ich die Tür öffnete, stellte ich fest, dass noch jemand hier war: Der Wind. Mit dem ersten geöffneten Türspalt war damit zumindest auch gleich geklärt, dass ich die Drohne nicht brauchen werde. Egal – wir machten uns trotzdem auf den Weg. Es ging zum Sigóldugljúfur oder medial auch bekannt als „Valley of Tears“ – das Tal der Tränen.

Auf geht’s

Ich dachte ja, dass es Tal der Tränen wegen irgendeiner traurigen Geschichte heißt. Alternativ hätte ich es auch okay gefunden, wenn es wegen der ganzen Wasserfälle im Canyon so genannt wird. Die Realität verriet mir, dass es so heißt, weil der Wind einem Tränen aus den Augen drückt.

Es war unfassbar windig. Ich stand schon in Orkanen, die weniger Kraft hatten als der laut Wetterbericht „leichte Wind“ im Hochland. Es war auch völlig egal, wie man stand. Der Wind kam immer von vorn und ging immer direkt in die Augen. Ortsbedingt weinend, gingen wir aber unbeirrt weiter und kamen letztlich auch beim Canyon an.

Ich, als Flugzeug

Und das ist eben auch Island. Man muss sich seine Highlights manchmal auch verdienen. Nach einem guten Kilometer wandern, der sich wie 20 Minuten Leistungssport anfühlte, standen wir also an der Klippe des Sigóldugljúfur und ich war richtig beeindruckt. Türkisblaues Wasser, schroffe Felsen, unzählige Wasserfälle und ich mittendrin. Was für ein Erlebnis!

Blick hinab

Dass ich optimistische Momente habe, erkennt man daran, dass ich die Drohne doch mal auf Verdacht mitgenommen habe. Aber hier war leider echt nichts zu machen. Die Drohne wäre vermutlich vor dem Anschalten bereits weggeflogen. Das trübte die Stimmung aber überhaupt nicht. Ich hatte mir bei meiner Tour ins Hochland gewünscht, dass ich einerseits mal eine sehr rustikale Straße fahre und dann gern einen schönen Flecken Erde sehe. Beides klappte auf Anhieb und ich war sehr zufrieden mit dem Tag.

Da der Wind aber gefühlt immer stärker wurde und hier und dort auch Sand und Staub in Augen, Ohren und Mund beförderte, machten wir uns wieder auf den Weg zurück zum Auto und letztlich auch langsam wieder raus aus dem Hochland.

Nach ein paar Minuten Fahrt sahen wir dann noch ein kleines Schild, welches den Sigöldufoss ankündigte. Na, wenn wir schon mal hier sind, fahren wir doch auch noch da hin. Ich möchte dabei betonen, dass das die Idee meiner Frau war. Wäre ihr die Straße zu viel gewesen, hätte ich auch den direkten Weg zurück in die Zivilisation gewählt. Aber die Aussicht auf einen Wasserfall war eben doch zu verlockend.

Und auch hier muss man sagen, dass das Hochland es letztlich sehr gut mit uns meinte. Denn der Sigöldufoss war schon wirklich sehr hübsch anzusehen. Was die Situation noch besser gemacht hat, war, dass man hier halbwegs windgeschützt stand.

Viel Wasser, wenig Wind

Das gab nun endlich auch Murphy mal wieder die Chance, auf einem Foto zu sein. Bislang hatte er aufgrund seines leichten Körperbaus doch berechtigte Sorgen, vom Winde verweht zu werden.

Murphy, der Highlander

Nun ging es aber wirklich raus aus dem Hochland. Allerdings wurden die Straßen genau genommen sogar noch schlimmer. Unser weiterer Weg führte uns zum Háifoss.

Háifoss und Granni

An dieser Stelle mal wieder etwas unnützes Wissen:

Háifoss heißt grob übersetzt einfach „Hoher Wasserfall“. Der Wasserfall direkt daneben heißt Granni, was sich seinerseits mit „Nachbar“ übersetzen lässt. Ja, die Isländer haben einen 122m hohen Wasserfall „Hohen Wasserfall“ und den daneben „Nachbar“ genannt. Kreativität bei der Namenswahl liegt den Isländern offensichtlich im Blut.

Gesprochen Hauifoss

Wenn man hier so steht, weiß man, dass das wieder einmal eine Naturgewalt ist, die dort gegenüber haust. Gleichzeitig kann man die Relation gar nicht greifen. Mal fürs Gefühl: Hier fallen zu Spitzenzeiten 3m³ Wasser pro Sekunde. Das sind gute 3 Tonnen Masse – jede Sekunde. Verrückt, oder?

Der Nachbar

Am Rande sei erwähnt, dass wir 2018 irgendwie beim Stöng landeten und vor Ort gar nicht so genau wussten, was wir da machen sollten. Erst im Nachgang lernten wir, dass der Stöng eine alte Farm aus dem Mittelalter war, die durch den Vulkan Hekla zerstört wurde. Heute kann man beim Stöng noch ein paar Grundmauern des Langhauses sehen. Oder – und das Wissen kam heute dazu – man wandert vom Stöng 5-6 Stunden zum Háifoss. So klein ist die Welt.

Und während ich immer detailreicheres Wissen zu Island anhäufe, fotografiert meine Frau Steine, die irgendwie unglücklich grummelig aussehen…

meh… Wasserfälle

Wir fuhren dann weiter zum nächsten Wasserfall. Es sollte der Hjálparfoss werden. Der Name des Wasserfalls bedeutet übersetzt „Hilfewasserfall“. Die ganze Region hier heißt „Hjálp“, also „Hilfe“. Das kommt aus einer früheren Zeit und hängt damit zusammen, dass Leute durch das Hochland zogen und dort eben nur wüstenähnliche Bedingungen hatten. Am Hjálparfoss gab es dann aber endlich wieder Essen und Trinken und man war für isländische Verhältnisse wieder in Sicherheit.

In der heutigen Zeit und speziell für uns nach der Reise aus dem Hochland, war die Region und der Foss auch sehr hilfreich – denn es gab dort endlich eine Toilette. Die Probleme mögen sich ändern, der Name Hjálparfoss bleibt aber damit richtig.

Es läuft

Vielleicht liegt es daran, dass wir hier auch schon ein paar mal waren. Aus irgendeinem Grund fühlt es sich hier gar nicht so wichtig an, noch ein Foto mehr zu machen. Stattdessen sitzt man mal hier und mal dort und schaut aufs Wasser. Es ist sehr beruhigend. Für den Blog gibt es aber natürlich trotzdem noch ein paar kleine Schnappschüsse. Selbstredend muss auch ein Bild von Murphy dabei sein.

Komischer Vogel

Ich sah dann ein paar Kiddies, die es irgendwie über einen Trampelpfad schafften, bis fast nach ganz vorn an den Wasserfall zu gehen. Als die beiden weg waren, mussten wir das natürlich auch mal versuchen und siehe da – es war eigentlich gar nicht so schwer und brachte uns dann noch eine neue ungekannte Perspektive.

Nah dran

Wir überlegten noch, ob wir dann noch einen Stopp einlegen, kamen aber zu dem Schluss, dass der Tag eigentlich lang genug war und der immer noch starke Wind nun auch nicht unbedingt einlädt, noch viel mehr zu machen.

Daher gab es nur noch den Stopp beim Supermarkt, um Abendessen und Lakritzeis einzukaufen. Zuhause angekommen, habe ich Kartoffeln und Lamm gemacht. So sitzen wir hier am Esstisch, durchs Fenster sieht man das Meer und so langsam geht die Sonne unter. Viel isländischer können wir wohl kaum werden.

Morgen soll das Wetter noch mal besser werden und sich sogar etwas der Wind beruhigen. Ich habe daran zwar noch Zweifel aber ich freue mich auch schon drauf, was wir alles sehen werden. Soviel sei gesagt – es wird wieder ein großartiger Tag.

In diesem Sinne

Habe die Ehre
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