Was Gjáin muss

Im Land aus Feuer und Eiscreme

Müsste ich etwas schlechtes an diesem Tag finden, es wäre wohl der Umstand, dass es schon kurz nach 20 Uhr ist und ich gerade mal anfange den Bericht für den Tag zu schreiben. Während man in jedem Reiseführer von Island lesen kann, dass die Tage im Sommer sehr lang hell sind und man daher viel Zeit hat, Dinge zu erleben, lehrt einen die Realität, dass die Müdigkeit einen irgendwann einholt. Nachdem wir heute um kurz nach 7 Uhr im Auto saßen, ist für mich heute der Tag gekommen, wo die Müdigkeit definitiv mitschreiben wird. Wir müssen da jetzt alle durch.

„Warum stehen wir auch so früh auf?“ könnte man jetzt fragen und ich will das gern beantworten. Heute ist der Tag, an dem wir zum Strokkur fahren wollten. Die Illusion, dass wir dort auch allein sind, machten wir uns gar nicht erst. Aber sehr wohl wollten wir die Menschenmassen möglichst gering halten. Ergo – früh aufstehen gehörte heute in die Kategorie „Wer das eine will, muss das andere mögen.

Eine Stunde später waren wir da und unser Plan ging ziemlich gut auf. Der Parkplatz war recht leer und auch sonst tummelten sich kaum Leute im Areal rum. Die Sonne schien und ich war aufgeregt. Das wird ein guter Tag, ich hatte es bereits da im Gefühl.

Heißes Gebiet

Selbstredend war Murphy auch wieder mit am Start. Für ihn war es das erste mal, dass er live den Geysir bewundern durfte. Wir stellten uns zusammen an den Rand und warteten auf den ersten Ausbruch. Da der Strokkur alle 6-7 Minuten ausbricht, mussten wir auch gar nicht lange warten.

Wuuuusch

Wenige Augenblicke später lernte Murphy dann, dass es taktisch unklug ist, sich in die Windrichtung zu stellen. Der erste Ausbruch segelte in Form von heißen Wassertropfen genau über uns drüber.

Heiß von oben

Wenn das Wasser auf einem landet, ist es aber auch kaum heißer, als eine normale heiße Dusche. Man hält das also problemlos aus und kann sich weiter auf das Spektakel konzentrieren.

Zu meiner Freude war direkt am Becken des Strokkur gerade eine Bank frei. Ich setze mich dort hin und könnte gar nicht mehr sagen, wie viele Ausbrüche ich dann letztlich gesehen haben. Es war eine Menge.

Höher als die Sonne

Auf der Bank ließ es sich wirklich gut aushalten. Die Sonne schien uns ins Gesicht, niemand konnte sich vor uns stellen und der Strokkur machte Strokkurdinge. Mal täuschte er einen Ausbruch an, mal erschreckte er uns regelrecht und immer wieder staunte ich nicht schlecht, was für ein grandioses Erlebnis das hier ist.

Murphy blieb dieses mal trocken

Ich glaube, so richtig fertig ist man in diesem Gebiet eigentlich nie mit sattsehen. Wir sind dann trotzdem irgendwann weiter. Noch mal schnell durch den Souvenirshop und dann fuhren wir zum Gullfoss.

Von der oberen Plattform

Vielleicht hatte der Gullfoss mitbekommen, wie bislang unser Urlaub verlief. Vielleicht wusste er auch, wo wir davor waren. Was auch immer ihn heute antrieb – er wusste scheinbar, dass er sich gut ins Zeug legen musste, um uns zu beeindrucken. Und das tat er dann auch. Sein Wasserschweif flog ewig weit durch die Gegend und man musste nicht mal nah dran stehen, um eine passable Gullfoss-Dusche zu bekommen.

Wir gingen dann noch entlang des Wasserfalls zur unteren Aussichtplattform. Auf dem Weg dahin genoss ich wieder mal das Spiel von Wasserpartikeln in der Luft, durch die die Sonne scheint. Hier beim Gullfoss fliegt das Wasser auch gern mal nach oben. Es ist ein faszinierender Anblick.

Wand aus Tropfen

Der Grund für dieses Phänomen ist, dass das Wasser hier in einen schmalen Canyon fällt und sein Schweif damit erstmal gar nicht anders kann, als direkt wieder nach oben zu steigen. Der Wind kümmert sich dann um den Rest.

Links flüssig, rechts als Gas

Auf der unteren Plattform steht man dann mitten im Getümmel und kann sehen, wo das Wasser Fahrt aufnimmt, wo es fällt und wo es über Steine bricht. Auch hier für die Relation: Wir sprechen von 100 bis 140 Tonnen an Wassermasse – pro Sekunde. Völlig verrückt, was die Natur hier geschaffen hat.

Die ersten Kaskaden

Für uns ging es nach diesem VIP jeder Touristentour weiter zu einem eher kleineren und vielleicht noch unbekannteren Wasserfall. Circa 30 Minuten entfernt liegt der Faxi. Hier fällt nicht ganz so viel Wasser und womöglich denkt manch einer, dass er auch nicht ganz so spektakulär ist. Er ist aber mindestens genau so malerisch und für uns immer ein gern genommener Zwischenstopp.

#noFilter

Wie schon in den letzten Tagen ein paar mal, standen heute auch am Faxi ein paar Angler. Aber auch die drei Herren heute hatten kein Glück. Schade für sie, gut für die Fische. Und da sie dann irgendwann ohne Fische weiterzogen, hatten wir den Wasserfall auf einmal komplett für uns.

Natur pur

Bei der Gelegenheit möchte ich das Wetter noch mal lobend erwähnen. Den gesamtem Urlaub hindurch und heute mal wieder besonders hatten wir fabelhaftes Sommerwetter. Es mag für deutsche Ohren komisch klingen, wenn ein Sommertag nicht mal an die 20°C herankommt. Doch in Island fühlt sich das definitiv wärmer an. So warm, dass ich hier recht viel in T-Shirt rumlaufe und nicht friere.

Ein Sommer für mich

Unsere Tour ging dann zum Brúarfoss weiter. Auf der Fahrt hierhin machte ich mir ein wenig Sorgen, denn es waren erstaunlich viele Autos hier unterwegs. Auf dem Parkplatz standen dann auch schon eine Menge Fahrzeuge. Wir fanden aber ohne große Mühen ein Plätzchen für uns und gingen dann die letzten Meter zu Fuß.

Blaue Ader

Der Brúarfoss lässt mich heute insgesamt mit gemischten Gefühlen zurück. Denn einerseits ist der Wasserfall wirklich bildschön. Das Wasser leuchtet regelrecht und das dunkle Gestein daneben verstärkt diesen Eindruck sogar noch. Aber die Menschen… es waren wirklich viele davon vor Ort. Und wie das manchmal so ist, einer muss ganz weit vorgehen, damit zwei andere das dann auch machen, damit noch jemand noch weiter vorgehen muss… Auf einmal stehen 10 Leute so, dass niemand mehr vernünftig Fotos machen kann. Ich gönne jedem sein Erlebnis, aber manchmal wünsche ich mir dann auch, dass den Leuten ihre Kamera ins Wasser fallen möge. Das Karma war heute nicht meiner Meinung. Aber wie gesagt – der Wasserfall selbst ist trotzdem richtig schön.

Ohne Menschen

Wir saßen dann einen Moment im Auto und fragten uns, wohin die Reise als nächstes gehen könnte. Ursprünglich hatten wir uns für den Þingvellir interessiert. Da der Nationalpark aber selbst an schlechten Tagen recht voll ist, wird er heute bei gutem Wetter wohl aus allen Nähten platzen.

Kurzerhand beschlossen wir, dass wir noch mal zu einem neuen Ort fahren. Der Ort mit dem Namen Gjáin hatte laut Internet mindestens einen Wasserfall zu bieten, den wir noch nicht kannten. Grund genug für uns, da mal einen Abstecher hin zu machen.

Auf dem Weg dahin musste meine Frau aber erstmal tief durchatmen. Wir kamen nämlich an eine Stelle, wo es durch Wasser ging. Nun gibt es zwei Varianten der Geschichte. In ihrer sind wir durch einen reißenden Fluss gefahren. In meiner Variante war das Wasser keine 10cm tief und wir hätten nicht mal ertrinken können, selbst wenn wir das gewollt hätten.

Flussdurchfahrt

Ihre Variante klingt auf jeden Fall abenteuerlicher. Wir bleiben also beim reißenden Fluss. Wo ich darüber nachdenke, habe ich glaube ich auch ein paar Haie im Wasser gesehen…

Jedenfalls war der Weg tatsächlich nicht der Beste, auch in meinem Verständnis. Ich mag es auch nicht, wenn der Weg einfach nur aus vielen losen Steinen besteht. Man weiß dann nie, wo genau es rutschig ist oder wo der eine spitze Stein liegt, der dem Auto wehtut. Aber es sollte sich lohnen. Wenige Kilometer später kamen wir an einem kleinen Parkplatz an. Nach ein paar Schritten weg vom Auto, sahen wir schon, welches kleine Paradies da auf uns wartet.

Stairway to heaven

Das war schon ganz großes Kino. Eine urige Steintreppe führte in ein Tal. Überall floss Wasser, alles war grün und man fühlte sich direkt in eine andere Welt versetzt.

Wunderland

Ich war wie in Ekstase. Sowas schönes hatte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Sicher, ich wusste dass es hier einen Wasserfall geben sollte – aber das hier war viel mehr. Es war eine Oase der Schönheit.

Wenn man sich hier bewegen möchte, muss man aber auch gewillt sein, ein paar abenteuerliche Wege zu gehen. In meinem Fall hieß das zum Beispiel, dass mein fehlendes Gleichgewicht irgendwie kompensiert werden musste, weil es sonst nun mal nicht über den Fluss geht.

Ohne nasse Füße drüber

Mit der Kraft des Tages und angetrieben davon, dass ich hier unbedingt noch mehr sehen wollte, bin ich über die Steine drüber. Auf der anderen Seite des Flusses hörte ich zwar mein Herz im Hals schlagen, aber das war es wert.

Als nächstes kam eine Passage, wo wir tatsächlich etwas klettern mussten. Der Trampelpfad ging über 2-3m hohe Steinformationen. Ich weiß nicht genau wie, aber ich bin da relativ einfach drüber. Mittlerweile war ich völlig in der Euphorie des Moments. Vermutlich bestand mein Körper in dem Moment hauptsächlich aus Adrenalin. Anders kann ich mir im Nachgang auch nicht erklären, warum ich schnurstracks auf einen Felsen kletterte, mich dort oben auf einen Stein setzte und die Aussicht genoss. Erst ein paar Momente später fiel mir auf, dass es links neben mir sicher gute 10m einfach mal nach unten geht. Doch das war relativ egal. Der dominierende Gedanke war, dass es unfassbar schön hier ist und ich dankbar bin, dass ich das mal so erleben durfte.

Kleines Paradies

Meine Frau war glaub ich auch irritiert, wie ich da so auf dem kleinen Felsen saß. Wie skurril die Situation war, stellte ich dann erst so richtig fest, als sie meinte, sie traut sich nicht so weit nach vorn. Meine Frau – die am Grand Canyon an der Kante zum Abgrund Fotos machte… ging nicht so weit auf den Felsen, wie ich… nun gut – haben wir auch das mal erlebt.

Der Rückweg aus dem Gebiet war dann auch noch mal richtig schön. Man muss hier nicht linear eine Route gehen. Es hält einen niemand auf, dass man mal an dem einen Grashügel links abbiegt und dann beim nächsten Wasserfall rechts. Ich genoss jeden Meter. Auch wenn es auch beim Rückweg den einen oder anderen nicht ganz barrierefreien Moment gab.

Über Stock und Stein

Meine Frau und ich haben aktuell das Ritual, dass wir uns gegenseitig fragen, was so das Highlight des Tages war. Heute war ich wirklich sicher, dass gar kein Weg am Strokkur vorbeiführen könnte. Und der Geysir war auch tatsächlich eine glatte 10 von 10. Aber Gjáin war einfach… wow.

Für Morgen behauptet der Wetterbericht zum einen, dass es grau und nass werden soll und zum anderen, dass wir hier im Gebiet einer Wetterwarnung sind. Das mag einerseits ein wenig dramatisch klingen – andererseits haben wir damit beschlossen, dass wir ausschlafen werden. Vielleicht komme ich ja doch noch an einen ruhigen Tag. Wir werden es zusammen erfahren.

In diesem Sinne

Habe die Ehre
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