Vom Fensterputzer zum Abenteurer
Ich sollte mir einen Textbaustein als Kopiervorlage anlegen. Sinngemäß würde dort stehen: „Ich bin übermüdet aber der Tag war toll“. Und wisst ihr was? Ich könnte den problemlos jeden Tag zu Beginn des Blogs einfügen und es wäre wohl nie gelogen.
Heute muss ich jedoch erstmal meine eigene Schludrigkeit korrigieren. Gestern habe ich noch ein dezentes Jammern an den Tag gelegt, weil ich vermeintlich noch keinen einzigen Punkt meiner Bucketliste erfüllt hätte. Dabei steht dort wortwörtlich: „Mach ein Foto von einem Regenbogen„. Der Beitrag gestern hieß sogar „Regenbogen“. Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Asche auf meinem Haupt. Ich würde diesen Punkt aber damit nachträglich abhaken. Es sei für heute aber auch schon mal soviel versprochen, dass weitere Punkte der Liste erledigt wurden. Aber alles zu seiner Zeit.
Mein Tag heute begann damit, dass ich auch mal etwas zum ersten mal in Island tat. Wer nun das erste Abenteuer erwartet, muss auch bereit sein, den Begriff Abenteuer etwas zu dehnen. Denn ich saß im Auto, in der einen Hand ein Schwamm, in der anderen Fensterputzmittel und ich schrubte erstmal ordentlich die Windschutzscheibe von innen und außen. Irgendwer hatte scheinbar mal mit Klebestreifen irgendwas innen an der Scheibe befestigt und außen sah es auch aus, als hätte die Scheibe eine innige Beziehung mit jeglichem Schmutz Islands gehabt. Die Scheibenwischer verteilen den Dreck auch nur von links nach rechts und heute, an Tag 3, war es eben soweit. Die Scheibe wurde geputzt.
Es war noch nicht mal 8Uhr und ich war das erste mal nützlich. So kann der Tag doch auch starten. Die klare Sicht durch das Fenster ermöglichte mir dann auch, dass ich kurze Zeit später einen Parkplatz vor einer Brücke entdeckte. Das Licht war irgendwie besonders und so zögerte ich nicht und packte direkt mal die Drohne aus und versuchte die Szenerie einzufangen. Ist mir glaub ich auch ganz passabel gelungen.

Es war der erste Stopp von vielen, die wir heute machen sollten. Heute hatten wir eine circa 5 Stunden Fahrt in die Westfjorde geplant. Jene Westfjorde, die wohl als emotionale Heimat unserer Sehnsucht dienen. Doch auch der Weg dorthin ist sehr sehenswert und da stumpf im Auto sitzen irgendwann langweilig wird, halten wir eben relativ häufig.
So dann auch bei der Kreuzung zur Straße 54. Besagte Straße 54 wird in diesem Urlaub unsere erste längere Schotterpiste. Irgendwann hatten wir mal einen passenden Parkplatz direkt am Start der Straße gefunden und seitdem stehen wir eigentlich in jedem Urlaub mal kurz dort und freuen uns. Da Licht und Wetter immer noch wunderbar mitspielten, war heute auch keine Ausnahme und so entstand ein weiterer schöner Schnappschuss.

Ich wäre dort gern noch etwas länger mit der Drohne geflogen. Allerdings flog ich einmal entlang der Straße und hörte dann aus der Ferne ein sehr intensives Meckern von Schwänen oder Enten. Das klang zwar urkomisch. Ich befürchte jedoch, das meine Drohne einen Kampf gegen einen Schwan verlieren würde. Insofern war landen die bessere Option.
Unser nächste Stopp sollte dann der Nafnlausfoss werden. Genau genommen handelt es sich dabei um einen Wasserfall, der keinen Namen hat. Aber auch hier schlägt die Routine zu. Die Geschichte ist sehr ähnlich wie bei der Straße 54. Man hat irgendwann mal einen kleinen Punkt gefunden und seitdem ist man in jedem Urlaub wieder dort.

Der Wasserfall hält vermutlich keinen einzigen Superlativ und trotzdem ist er sehr schön. Vor allem auch deshalb, weil gefühlt immer ein paar Schafe in der Gegend ihr Übriges für das passende Islandflair tun.
Es gab hier auch den Versuch von mir, irgendwie über den Fluss zu kommen. Ich hätte damit schön den Punkt abhaken können, dass ich einen Fluss ohne Brücke überquere. Voller Tatendrang sprang ich elfengleich bis zum Ufer des Flusses. Dann wollte ich entlang einer Steinschräge zu einem Punkt, wo der Fluss möglichst schmal ist. Wenn ich Schräge sage, meine ich übrigens so solide 80° steile Wand.
Auf der Steinschräge angekommen, stellte ich fest, dass ich ein wirklich furchtbarer Kletterer bin und a) nicht mal bis zum Ende der Schräge komme, ohne abzustürzen und b) auch zu tun haben werde, den bisher geleisteten Meter unbeschadet zurück zu kommen. Zack ist der Abenteurergeist weg und die Panik hat ihre Blütezeit.
Wisst ihr, es hat einen ganz eigenen Charme von Adrenalin, wenn man 30cm über einen Fluss hängt und merkt, wie die Arme anfangen zu zittern. Das Wasser selbst wäre vielleicht 1-1,5m tief gewesen. Es wäre also recht schwer geworden, dort zu ertrinken. Es wäre aber vermutlich auch nur 5-6°C warm gewesen und der Ausstieg wäre erst nach einem Miniwasserfall möglich gewesen. Insgesamt also wenig erstrebenswert.
Mit der Eleganz einer Bratkartoffel und dem Bewegungsgechick einer zerknüllten Zahnpastatube konnte ich mich dann doch noch irgendwie zurück in Sicherheit hangeln. Ohne Absturz natürlich. Womöglich werde ich beim nächsten Versuch einen Fluss zu überqueren doch etwas genauer überlegen, wie ich das anstelle.
Und dann waren wir auch schon in den Westfjorden. Zu unserer großen Freude haben die Isländer die smarte Idee gehabt, zwischen den ersten Fjorden Brücken zu bauen. Das bedeutet, dass man nicht mehr um alles herumfahren muss, sondern einfach quer übers Wasser darf. Wenn man das mal so selbst mitmacht, versteht man auch schnell, warum Jesus übers Wasser lief. Es geht einfach unfassbar viel schneller.
Leider war der Wind hier so stark, dass die Drohne nicht erneut ausgepackt werden konnte. Irgendwie führte das aber dazu, dass ich mich an einen Hang setzte und die Schönheit des Moments genoss.

Es wäre wohl gelogen den heutigen Tag insgesamt mit Erholung in Verbindung zu bringen. Aber so in diesem Moment, dort sitzend in den Westfjorden… es wird still im Kopf und vermutlich bin ich Erholung schon lang nicht mehr so nah gewesen, wie dort.
Eine Weile verging und der Wind durchdrang nun doch recht erfolgreich immer wieder die Klamotten. Es zog uns daher weiter. Allerdings auch nur zwei Fjordarme weiter.
Meine Frau stellte dort fest, dass sie gern was snacken möchte. Ich dagegen war einmal mehr im Tatendrang gefangen und hatte auch keinen Hunger. Ich sah neben unserem Parkplatz, das dort ein Weg zum Wasser hinunterführte.
Also… „Weg“. Es sah aus, wie eine Verbindung von Schotter und Steinen, die sehr wahrscheinlich mein Gewicht halten könnte. Und so schlängelte ich mich bergab. Nach einer Weile stand ich am Strand und war allein auf der Welt. Das Wasser war ruhig, während der Wind sich kräftig austobte. Ich ging ein wenig am Strand entlang und sah dann, dass es dort eine Art natürlichen Steg oder Wellenbrecher gab.
In den Tiefen der Westfjorde, einen Schotterhügel hinab, am schwarzen Strand entlang. Durch Gewächse und Strandgras kam ich dann irgendwann zu einer Sammlung von Steinen. Und wieder war ich sehr zuversichtlich, dass diese Steine mich schon halten werden. Taten sie dann auch. Und ich, ich kann jetzt wohl den Punkt abhaken, irgendwo gewesen zu sein, wo ich niemanden sehe oder hören kann.

Selbstredend gibt’s dort auch ein Selfie von mir. Auch wenn das nicht ganz so den Eindruck vermittelt, derart abgeschieden zu sein.

Die Aussicht von dort kann ich natürlich auch noch zum Besten geben.

Auf der Bucketliste steht ja auch der Punkt, dass ich mal unter freiem Himmel mit den Füßen im Wasser stehe. Das hätte hier auch problemlos funktionieren können. Ich bin aber insgesamt ganz froh, dass es dazu nicht kam.
Nach einer Weile kämpfte ich mich zurück zum Auto und war doch sehr zufrieden mit der Welt und mir. Solche Abenteuer machen die Westfjorde unvergesslich.
Wir fuhren danach zu einem weiteren Wasserfall. Kreativ wie die Isländer sind, haben sie diesem Wasserfall keinen Namen gegeben. In der Folge heißt er nun „Der Namenlose“. Zumindest sind Isländer sehr konsequent.

Hier ist im Grunde niemand. Der Parkplatz zu diesem Wasserfall ist nicht wirklich ausgeschildert und von der Straße nicht einsehbar. Es gibt hier offiziell nicht wirklich was in der Nähe und ich glaube, dass man den Ort irgendwann zufällig findet oder – und so geht es wohl den meisten – niemals entdeckt.
Wir hatten das Glück hier zu sein und genossen es in vollen Zügen. Am Anfang geht man noch einen recht unscheinbaren Schotterweg entlang. Von der Breite her würde man sogar denken können, dass hier Autos fahren könnten. Tun sie aber nicht. Irgendwann biegt man in ein Gebüsch ab und auf einmal steht man am Start zu einer Serie von Wasserfällen.
Man darf sich das so vorstellen, dass dort ein Wasserfall ist, der einen Fluss erzeugt, der dann einen Wasserfall erzeugt, der wieder einen Fluss erzeugt. Wiederholt das noch 100 mal und ihr habt eine Idee, wie es dort aussieht.
Ich nutzte die Gunst der Stunde dann auch gleich dafür, dass ich einen weiteren Punkt auf der Bucketliste abhakte. Nämlich den, aus einem wilden Gewässer zu trinken. Ich mein, viel abgeschiedener als hier kann man kaum stehen und die Chance, dass das Wasser hier vollkommen naturbelassen und sauber ist, ist wohl extrem hoch.

Dazu entstand dann auch noch dieses Premiumbild von mir, welches ich euch nicht vorenthalten möchte.

Der Tag war also nicht nur toll, sondern auch sehr erfolgreich. Wir gingen dann noch ein wenig weiter den Wanderweg entlang.

Heute früh habe ich noch Fenster geputzt. Nun bin ich Entdecker in einer schroffen Wildnis. Island macht es möglich.
Ich fand mich dann schnell wieder in einer Situation wieder, in der ich schon beinahe demütig feststellte, dass ich wirklich viel Glück habe, so eine Natur erleben zu dürfen.

Hier ist die Welt noch in Ordnung. Wie oft kann man das schon im Brustton der Überzeugung sagen? Vielleicht gönn ich mir eines Tages mal den gesamten Wanderweg. Der führt wohl einmal quer durch die gesamten Westfjorde. Muss man schon wollen. Aber ja – vielleicht will ich das ja wirklich mal? Wir werden sehen.
Für den Moment führte unser Weg dann aber doch erstmal wieder zurück zum Auto. So ein Weg über Stock und Stein möchte auch erstmal zurückgegangen werden und schließlich wollten wir irgendwann auch noch im Hotel ankommen.

Einen Stopp mussten wir auf der Tour dann aber doch noch einlegen. Schließlich will meine Bucketliste auch, dass wir dem Kleifakarl einen Freund bauen.
Kleifakarl ist eine Statue oder auch ein Schutzpatron in den Westfjorden. Er steht auf einem Pass und hütet die Straßen und all jene, die auf ihr fahren. Er ist also auf jeden Fall einer von den Guten. Allerdings steht er da auch sehr alleine. Bis heute… Wir haben ihm nun eine Gefährtin gebaut. Sagt hallo zu Kleifakarla.

Ja,ok – Stein vor Stein ist nicht so richtig gut zu erkennen – geb ich zu. Deswegen gibt es auch noch ein Foto, wo ich unauffällig den Hintergrund für Kleifakarla stelle. Passenderweise gibt es damit auch das Bild, wo Karl, Karla und ich zu dritt zu sehen sind. Wenn das mal kein Highlight für die Bucketliste ist.

Wir sind dann ehrlicherweise nicht gleich zum Hotel gefahren. Unser Weg führte uns schmuddelig, wie wir waren, direkt in ein Restaurant. Erstmal schön 3-Gänge Lamm und Kuchen. Das haben wir uns heute auf jeden Fall verdient.
Es war ein Bilderbuchtag. Ich werde heute sehr sicher schlafen wie ein Stein. Und gleichzeitig ahne ich, dass der morgige Tag nicht mal viel Glück braucht, um mindestens genau so schön zu werden. Aber das ist eine Geschichte für den morgigen Tag.
In diesem Sinne
Habe die Ehre
X
Stand der Bucketliste
| Aufgabe | Status | Beweisfoto |
|---|---|---|
| Erzähle einem Isländer einen Witz. Natürlich auf isländisch | offen | |
| Mache ein Foto von dir zusammen mit mindestens einem Schaf | offen | |
| Iss etwas typisches isländisches. | offen | |
| Halte eine Hand in einen Wasserfall | offen | |
| Finde Lavagestein in der freien Natur | offen | |
| Trinke Wasser aus einem wilden Fluss | erledigt 15.09.2025 Nameless | ![]() |
| Mach ein Foto von einem Regenbogen | erledigt 14.09.2025 Svöðufoss | ![]() |
| Streichle ein Pferd | offen | |
| Baue einen Freund für Kleifakarl | erledigt 15.09.2025 Kleifakarl | ![]() |
| Nasch isländische Lakritze | offen | |
| Zeichne ein Schaf auf eine schmutzige Scheibe eines Autos | offen | |
| Erfinde deine eigene Islandsage mit Trollen | offen | |
| Sing ein isländisches Lied mit – egal wie gut du den Text kannst | offen | |
| Lass dich vom Strokkur berieseln | offen | |
| Überquere einen Fluss ohne Brücke | offen | |
| Erhebe dein Glas und rufe Skàl in einem Restaurant | offen | |
| Stehe im Dampf in einem Geothermalgebiet | offen | |
| Gib einem Ort einen Wikingernamen, den du dir selbst ausgedacht hast | offen | |
| Steh mit den Füßen im Wasser unter freiem Himmel | offen | |
| Steh an einem Ort, an dem du niemanden siehst oder hörst | erledigt 15.09.2025 Skálmarfjörður | ![]() |




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