Mysterien einer Wanderung
Wir waren heute an einem waschechten magischen Ort. Die Überschrift des Beitrags nimmt etwas die Spannung raus, wie der Ort heißt. Aber tut kurz überrascht und neugierig interessiert, wenn ich berichte, dass wir heute in Valagil waren.
Valagil setzt sich zusammen aus „Vala“ und „Gil“. Vala ist so eine Art Prophetin oder Seherin. Gil steht für Schlucht oder Tal. Valagil ist also sinngemäß das Tal der Seherin oder die Schlucht der Prophetin. So oder so – es ist ein Ort des Mystischen und wir waren mittendrin.
Aber natürlich sind wir nicht direkt dort aufgewacht und konnten loslegen. Das erste Mysterium des Tages war, dass ich bis kurz vor 8 Uhr im Bett lag und eine ganze Weile unter der Bettdecke nach der Motivation suchen musste, um den Tag zu beginnen. Ich glaube fast, ich werde zu alt dafür, tagelang durchzuziehen, wenig zu schlafen und Abenteuer nach Abenteuer zu begehen.
Aber gut, der Tag mag kommen, wo ich Erholung suche und finde. Der Tag mag kommen, wo mich die Welt da draußen nicht mehr reizt und das Bett für immer verlockender ist. Der Tag mag kommen, wo mich Island langweilt (- als ob). Aber dieser Tag ist nicht heute.
Der Wetterbericht, der hier bestenfalls als Orientierungshilfe dienen kann, meinte sinngemäß, dass heute 0°C werden und wir irgendwas zwischen Sonne und Schnee haben werden. Es kam ziemlich genau so… mehr oder minder.
Wir zogen uns sicherheitshalber trotzdem mal besonders dick an und fuhren die 10 Minuten von unserem Apartment zum Parkplatz des Trails.

Die ganze Ecke ist eher unbekannt, würde ich sagen. Also selbst für die Verhältnisse, die wir hier zuletzt hatten. Selbst in der Hauptsaison und zu Spitzenzeiten dürfte es hier keine Reisebusse geben. Heute war neben uns exakt eine Frau mit ihrem Hund da. Ein Hund dürfte ein guter Indikator dafür sein, dass es sich um eine Einheimische handelte. Ansonsten hatten wir die Region quasi für uns allein. Fein, ganz allein waren wir auch heute nicht.

Wenn die Welt morgen untergeht und ich es warum auch immer überlebe, wären zwei Sachen gewiss: Ich hätte Dank der Schafe bis zu meinem Ende ausreichend Wolle und sehr wahrscheinlich auch ausreichend Fleisch.
Falls ich der einzige Überlebende einer solchen Apokalypse bin, wäre es aber theoretisch auch die Situation, dass ich allein gegen 400.000 Schafe ankommen müsste. Und ja, sie sind ein bisschen… sagen wir mal so, man merkt ihnen an, dass sie nicht sonderlich viel und das Wenige dann auch sehr langsam denken. Trotzdem bin ich unsicher, ob ich es mit 400.000 Schafen aufnehmen kann. Im Zweifel überrennen sie mich einfach.
Ich schweife ab. Jedenfalls standen überall Schafe rum. Abseits der Schafe hört man sehr viele Vögel, die man eher nicht im heimischen Wald in Deutschland hört. Teilweise sind die Geräusche recht skurril. Aber eher so mit dem Charme, dass man eben in der Natur ist und hier im Zweifel einfach auf besondere Tiere stößt.
Selbstredend könnte ich nicht eine Vogelart benennen. Diesen Urlaub begleiten uns erstaunlich oft und viele Raben. Teilweise sind die echt riesig aber von denen haben wir heute in der Schlucht kaum welche gesehen. Ich bilde mir ein, sowas wie Eisvögel gesehen zu haben. Ein Vogel hatte auch einen sehr kleinen Körper und einen geschwungenen Schnabel. Falls es hier Kolibris geben würde, wäre wohl das mein Tipp gewesen. Aber ja… ich will sagen, es gibt hier viele Vögel.
Der Weg selbst ist im Grunde eigentlich auch gar nicht so lang. Der offizielle Wanderweg endet nach circa 2 Kilometern. Man kann dann aber noch einen markierten Pfad weiterlaufen. Das taten wir dann auch.
Von der Beschaffenheit des Weges kann ich sagen, dass ich schon mal leichtere Wanderungen hatte. Nasses… nein, schwimmendes Gras, Matsch, Steine und alles dazwischen. Dazu kam dann, dass man einmal über eine Brücke musste, unter der es circa 4-5m runter ging. Es hilft einem Menschen mit Höhenangst nicht, dass dann eine Holzplatte aus der Brücke rausgebrochen ist und diese bei jedem Schritt mehr schwingt, als ein Trampolin.

Belohnt wird man für diese Strapazen aber immer wieder mit grandiosen Ausblicken. Direkt hinter besagter Brücke zum Beispiel, liegt ein erster wirklich großer Wasserfall.

Der Wasserfall war auch bildschön in viele Herbstfarben eingebettet. Hier gibt es, für Island vielleicht sogar noch immer untypisch, relativ viele kleine Bäume.

Zusammen mit den Sträuchern und klassischen Moosen ergibt sich ein Farbenmeer, was selbst bei eher durchwachsenem Wetter beeindruckend schön ist.
Es war auch etwa an diesem Wasserfall, als wir bemerkten, dass es anfing zu schneien. Typisch isländisch standen wir also im Schnee, während überm Eingang des Tals der Himmel aufriss und der blaue Himmel sich zeigte. Insgesamt war es zwar Schnee, aber wohl eher aus der Verlegenheit von niedriger Temperatur und etwas Feuchtigkeit in der Luft. Weder blieb wirklich was liegen, noch wurde es irgendwie winterlicher.
Wir beschlossen dann noch etwas weiter zu gehen. Wie beschrieben gibt es auch noch einen markierten Pfad. Zumindest war das die Theorie. Am Anfang standen auch noch immer wieder so Holzplanken mit blauer Farbe rum und man wusste „Alles klar, da geht es hin.“

Der Weg selbst lässt mich noch etwas gespalten zurück. Von der Natur her und dem Erlebnis war das großartig. Gleichzeitig habe ich überhaupt keinen Sinn für Gleichgewicht. In der Folge stressen mich durchgehend schlammige unebene Untergründe. Es wird auch nicht besser, wenn diese dann immer mal wieder von Bächen und Flüssen durchquert werden und man gezwungen ist, über nasse, wobbelige Steine auf die andere Seite zu kommen.

Meine Frau erzählte mir dann, dass das für sie hier ein riesengroßer Abenteuerspielplatz ist. Sie hat die Zeit ihres Lebens und findet im Grunde alles hier toll.
Währenddessen stand ich da, kämpfte ums Überleben und jeder neue Meter brachte eine Herausforderung mit, die sich im ersten Moment wie meine vermutlich letzte Herausforderung anfühlte. Es gibt auch deshalb heute keine Bilder von mir von vorn, weil ich ab einem gewissen Zeitpunkt eigentlich nur noch so aussah.

Nicht das wir uns missverstehen. Ich würde ohne zögern wieder dorthin. Ich würde den ganzen Matsch und Modder noch mal durchkämpfen. Einfach, weil wirklich alles dort wunderschön ist. Aber wenn ich mir was wünschen könnte, dann will mich eben nicht jeder Meter des Weges aus Spaß verletzen. Nun, wenn ich mir was wünschen könnte, wäre es vielleicht auch einfach Gleichgewichtssinn. Ihr bekommt die Idee. Weg schön, meine koordinativen Fähigkeiten limitiert und ich bin mir dieser Problematik sehr bewusst. Zumal ich wohl in einem Alter bin, wo ein Sturz gleichbedeutend der Start für Sätze ist wie „…und dann kam ich ins Krankenhaus“ und darauf will ich doch lieber verzichten.
Ehrlicherweise wurde der Weg aber noch schlimmer. Wir kamen in eine Art Flussbett. Überall lagen Steine. Große, kleine und alles dazwischen. Das Wasser war kristallklar, arschkalt und sehr wild. Ich glaube nicht, dass man hier den Fluss überqueren sollte. Das wollte der Weg auch Gott sei Dank nicht von uns.

Nein, der Weg wollte, dass wir über Steine klettern, über kleine Löcher springen und dann abschüssige Matschwege gehen, die keine 30cm breit sind.
Meine Frau und ich standen da und waren ein stückweit unentschlossen, was nun passieren soll. Better safe than sorry und so. Aus dem Nichts kamen dann von hinter uns zwei junge Menschen angelaufen. Sie nickten uns zu, spazierten über den Matschweg, als wäre es nichts und waren wieder verschwunden.
Ich spürte, wie meine Frau das sah und damit haderte, mich ungern auf dem Gewissen haben zu wollen und gleichzeitig nun doch noch etwas weitergehen zu wollen.
Mein Selbsterhaltungstrieb hatte scheinbar kurz gedöst. Wir gingen dann wirklich noch etwas weiter. Irgendwie kletterte ich aus dem Flussbett über eine 1,5m hohe Wand auf einen Matschweg und bewegte mich dann in sehr unvorteilhaften Bewegungsabläufen vorwärts. Kleiner Fun-Fact: Ich fand dabei Wacholderbeeren.
Wir kamen dann noch ein Stück weiter aber auch meine Frau fand dann irgendwann, dass das hier kein gutes Ende nimmt, wenn wir noch weitergehen. Wir konnten absehen, dass der Schwierigkeitsgrad mindestens gleich bleiben wird und dann sollte es noch gut 150 Höhenmeter aufwärts gehen. Wir sind doch erwachsen genug, um zu wissen, wann Schluss ist.

An dieser Stelle waren wir auch gut 3,5km gegangen und mussten die geleistete Strecke naturgemäß auch wieder zurück. Ich hatte also gleich noch mal das „Vergnügen“ über einem Fluss an einer Wand zu hängen. Ich weiß auch nicht, warum ich gefühlt jeden Tag so einen Moment habe. Ich lege es wirklich nicht drauf an. Es passiert einfach so.
Auf dem Rückweg habe ich dann irgendwie eine Eingebung gehabt. Vielleicht hat mir ja die Seherin des Tals was zugeflüstert. Jedenfalls schoss mir meine Bucketliste durch den Kopf. Ich habe ja noch die Aufgabe, eine Trollgeschichte zu erfinden. Da Valagil zumindest mit einer kurzen Recherche keine eigene Legende hat, schlägt nun also meine Stunde.
Die Legende der Trolle von Valagil
Sie aßen sehr wenig, doch tranken sie viel
Sie waren im Zwist mit den Zwergen
Die wohnten dort tief in den Bergen
Eines Tages, ich sag es, damit ihr es wisst
Bedienten sich die Zwerge einer bösen List
Sie tauschten das Wasser der Berge zu Wein
Und ließen die Trolle zum Trinken allein
Die Trolle von Valagil tranken und tranken
Sie vergaßen die Zwerge und das ständige Zanken
Doch der Tag brach an und sie tranken zu viel
Die nun zu Stein gewordenen Trolle von Valagil
Doch ist das nicht das Ende der Geschichte
Denn waren die Trolle nun zu Stein
Freuten sich die Zwerge, sie waren allein
Doch kam bald viel Wasser, was von den Bergen fiel
Und überschwemmte das Tal von Valagil
Ohne die Trolle fließt Wasser zu viel
Durch das Tal mit dem Namen Valagil
Und bist du ein Wanderer ohne Ziel
Dann zieh durch das Tal von Valagil
Doch rate ich dir, bleib dabei fern vom Wein
Sonst kommst auch du vielleicht nicht Heim
Es war also nicht eine Erfahrung zu wandern sondern auch ein Erfolg für meine Bucketliste. So kann es gehen. Aber im Ernst. Ich würde nicht soweit gehen und die Wanderung nun mystisch nennen. Allerdings glaube ich, dass es hier sehr leicht fällt, sich mit der Natur verbunden zu fühlen. Im Guten, wie im Schlechten. Am Ende ist es ein Erlebnis und wie gesagt, ich würde es sofort wieder machen.
Für uns war der Tag dann auch schon recht fortgeschritten. Allerdings berichtete mir meine Frau, dass sie eine persönliche kleine Bucketliste führt. Auf dieser steht „lokale Cafés finden“. Sie fand in Ísafjörður eine Bäckerei, auf die das zutraf. Da wir uns dort in der Nähe noch einen Wasserfall anschauen wollten, fuhren wir die 20 Minuten noch mal in die Stadt.
Der Wasserfall selbst ist im Grunde schnell gesehen und schnell erzählt. Am Stadtrand gibt es einen Campingplatz und so eine Art Naturlehrpfad. Über all dem thront der Wasserfall.

Ihr merkt schon. Die Luft war ziemlich raus. Der Wasserfall ist eigentlich sehr schön und durchaus sehenswert. Aber wenn man mehrere Stunden durch die Einsamkeit läuft und die Natur quasi mit jeder Pore aufgesogen hat, dann ist man irgendwann vielleicht auch etwas platt.
Im Café gönnten wir uns noch einen Kaffee und einen Hunangsbolli. Hunang ist Honig und Bolli ist ein Brötchen. Während Isländer in der Natur und bei Orten dazu neigen, Dinge immer exakt nachdem zu benennen, was es ist, scheint es bei Lebensmitteln so „lustige Momente“ gegeben zu haben. Ein Hunangsbolli (also Honigbrötchen) ist ein mit Schokolade überzogener Lebkuchen mit Milchcremefüllung. Geschmeckt hat es.
Wir kauften uns dann noch ein paar Lebensmittel, die wir gekonnt zu Hause in die Pfanne geworfen haben und anschließend Abendessen nannten.
Morgen soll es dann aus den Westfjorden aufs „Festland“ gehen. Ein wenig bin ich angespannt, weil das Wetter hier doch recht wechselhaft ist. Wir wollen eigentlich über eine Passstraße fahren und heute früh sagte der Straßendienst noch, dass es dort „Spots of ice“ also Flecken mit Eis gibt. Mittlerweile soll die Straße wieder komplett problemlos befahrbar sein. Wir werden sehen, was die Nacht bringt. Ich entscheide dann morgen in aller Früh, wie wir fahren. So oder so wird morgen ein recht autofahrtenreicher Tag werden. Wenn alles klappt, landen wir dann aber in einem Hotel, in dem wir schon 5-6x waren und bei dem ich mich auch sehr aufs hauseigene Restaurant freue. Ihr seht, auch morgen wird ein guter Tag.
In diesem Sinne
Habe die Ehre
X
Stand der Bucketliste
| Aufgabe | Status | Beweisfoto |
|---|---|---|
| Erzähle einem Isländer einen Witz. Natürlich auf isländisch | erledigt 16.09.2025 Breiðavík | |
| Mache ein Foto von dir zusammen mit mindestens einem Schaf | offen | |
| Iss etwas typisches isländisches. | offen | |
| Halte eine Hand in einen Wasserfall | offen | |
| Finde Lavagestein in der freien Natur | offen | |
| Trinke Wasser aus einem wilden Fluss | erledigt 15.09.2025 Nameless | ![]() |
| Mach ein Foto von einem Regenbogen | erledigt 14.09.2025 Svöðufoss | ![]() |
| Streichle ein Pferd | offen | |
| Baue einen Freund für Kleifakarl | erledigt 15.09.2025 Kleifakarl | ![]() |
| Nasch isländische Lakritze | offen | |
| Zeichne ein Schaf auf eine schmutzige Scheibe eines Autos | erledigt 17.09.2025 Dynjandi | ![]() |
| Erfinde deine eigene Islandsage mit Trollen | erledigt 18.09.2025 Valagil | ![]() |
| Sing ein isländisches Lied mit – egal wie gut du den Text kannst | offen | |
| Lass dich vom Strokkur berieseln | offen | |
| Überquere einen Fluss ohne Brücke | offen | |
| Erhebe dein Glas und rufe Skàl in einem Restaurant | offen | |
| Stehe im Dampf in einem Geothermalgebiet | offen | |
| Gib einem Ort einen Wikingernamen, den du dir selbst ausgedacht hast | offen | |
| Steh mit den Füßen im Wasser unter freiem Himmel | offen | |
| Steh an einem Ort, an dem du niemanden siehst oder hörst | erledigt 15.09.2025 Skálmarfjörður | ![]() |






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