Rumstehen

Tagesaufgaben der anderen Art

Als ich die Bucketliste erdachte, war der primäre Gedanke, dass ich mir selbst ein paar spannende oder auch witzige Aufgaben gebe. Der offensichtliche Nebeneffekt ist, dass ich dann auch immer wieder was zu schreiben habe. Mit den Urlaubstagen stelle ich fest, dass ich auch Aufgaben erfülle, die nicht mal auf der Liste stehen. Heute beispielsweise habe ich es geschafft, bei so ziemlich jeder Gelegenheit ein Foto zu bekommen, bei dem ich mehr oder minder teilnahmslos in der Gegend rumstehe. Ich bin nicht sicher, wie erstrebenswert diese Leistung ist, aber ich habe sie dann hiermit auch erfüllt. Für den Eintrag ins Tagebuch werde ich mich vermutlich doch mehr an den Sehenswürdigkeiten selbst orientieren. Aber die Nebenaufgabe „Rumstehen“ in 5 Akten werde ich wohl auch mit einfließen lassen. Ist auch immer spannend, wenn man am Anfang eines Blogs noch nicht so genau weiß, was die nächsten 1.000 Wörter passieren wird. Egal – wir fangen an.

Wir starteten heute um 8 Uhr den Tag mit einem Frühstück für Champions. Im Gasthaus Grásteinn versteht man es als selbstverständlich, dass den Gästen beim Frühstück frischgebackenes Brot angeboten wird. Ein bisschen Käse dazu und einen Kaffee, was will ich mehr? Theoretisch hätte ich noch Nordlichter gewollt, aber die gab es leider nicht. Irgendeine Steigerungsmöglichkeit musste sich das Gasthaus wohl noch lassen.

Wir fuhren dann gestärkt in Richtung Süden. Gemessen daran, dass wir auch nicht mehr nördlicher sein konnten, mag das ein stückweit unvermeidlich anmuten, aber es entsprach auch tatsächlich unserem Wunsch.

Die erste Stunde der Fahrt darf man sich dann so vorstellen, dass eine tiefstehende Sonne mich in allen Varianten blendete, die man sich vorstellen konnte. Manchmal schien sie genau zwischen Sonnenblende und Türrahmen hindurch. Manchmal reflektierte sie so stark im Wasser, dass ich keine 50m sehen konnte und eher nach Gehör fahren musste. Auch immer gern genommen ist die Sonne, die spontan in Spiegeln auftaucht und lachend dafür sorgt, dass man eine Weile blind fährt. Aber hey, in der Region gab es außer uns wohl eh kein anderes Auto auf der Straße. Da kann man also auch mal so fahren.

Wenn es doch mal Landschaft zu sehen gab, war die dann aber auch durchgehend wunderschön. Wieder anders, als das was wir aus den Westfjorden oder der Region um Akureyri kannten. Es hat hier ein bisschen was, wie ein nordisches Auenland aus dem Herrn der Ringe. Es gibt viele sanfte grüne Hügel und wirklich viel Wasser. Alles aber ohne die sonst so typische isländische Dramatik in der Natur.

Nach einer guten Stunde kamen wir dann beim Gljúfursárfoss an. Der erste Stopp des Tages war gleich ein großartiger. Der Wasserfall kündigt eine Passstraße an. Zu der kommen wir gleich noch (im wahrsten Sinne des Wortes). Erstmal muss man beim Wasserfall sagen, dass er sich für den Laien wohl ganz gut versteckt. Schließlich sieht man ihn von der Straße aus nicht. Eine kleine Parknische deutet an, dass es was zu sehen gibt. Das Schild für die Sehenswürdigkeiten, was Isländer dort hingestellt haben, zeigt dann auch nur ein paar Felswände, aber nicht den Wasserfall. Aber wenn man einfach mal den Berg hinab geht, findet man eine Aussichtsplattform und die Gelegenheit, einen wirklich tollen Wasserfall zu sehen.

Langzeitschön

Weil ich weiß, dass meine Frau aus der Bodenperspektive eigentlich immer das meiste rausholt, beschloss ich dann ein paar Aufnahmen aus der Luft zu machen. Bei Zeiten muss ich mir noch irgendwas überlegen, wie man die Relationen besser einfängt. Stellt euch einfach mal vor, dass der Wasserfall sicher 20-30m in die Tiefe stürzt und das dann der Blick von oben dazu ist.

Sieht gar nicht so hoch aus

Und während meine Frau noch fleißig Bilder machte, packte ich die Drohne wieder ein und ging ein bisschen auf Erkundung. Zugegeben, der Wanderweg führte sichtbar einfach nur immer weiter den Berg hinunter, aber ich wollte dann doch mal schauen, wie sich das dort so anfühlt. Ja und dann entstand wohl das erste Bild, was dem heutigen Beitrag seinen Namen gab.

Rumstehen #1

Da der Wanderweg selbst wohl noch kilometerweit am Strand entlang geführt hätte, drehte ich irgendwann um und ging zurück zum Auto. Wir fuhren dann die eben schon angekündigte Passstraße hoch.

Teilweise hat man hier über 15% Steigung auf losem Schotter. Die Spur ist im Regelfall breit genug, dass zwei Autos nebeneinander passen. Gleichzeitig hofft man doch sehr durchgehend, dass man bitte möglichst nie Gegenverkehr bekommt. Ein paar mal ist uns das doch passiert aber hey, wie ihr hier rauslesen könnt, lief das alles gut.

Und warum fährt man so eine Straße, wenn sie doch vom Fahren her eher Ängste schürt? Genau, weil sie schöne Aussichten bietet. Am Anfang sorgt die Höhe für einen unfassbaren Weitblick und dann gesellen sich noch unwirkliche Landstriche dazu, wie man sie nur auf den Plateaus isländischer Berge findet. Dazu hatten wir dann heute bestes Kaiserwetter.

Ganz oben

Was dann folgt, ist wohl das Fegefeuer meiner Autofahrten. Es geht eine Stunde relativ stumpf gerade aus. Keine nennenswerte Kurve, keine Hügel – nichts. Einfach gerade aus. Mit 80km/h immer weiter der Langeweile hinterher. Island selbst ist ja schön, aber diese Straße hat bis auf den Blick in den Rückspiegel rein gar nichts zu bieten.

Aber nach einer Stunde hat man das Elend dann auch überstanden und kommt sofort wieder in den Urlaubsmodus. Wir hielten dann beim Jökulsá á Brú. Das ist ein Rastplatz am Fluß, der auch den Stuðlagil erzeugt. Stuðlagil ist eine Sehenswürdigkeit, die ihr mit Sicherheit auch schon mal irgendwo gesehen habt. Im Internet gibt es im Grunde nur Aufnahmen, wie der Fluss leuchtet. Irgendwie kommt das Wasser in strahlendem Türkis durch die Basaltsäulen und scheint dafür gemacht zu sein, Influencer in Szene zu setzen.

Die Realität

Natürlich mag es auch immer eine Frage vom Wetter, dem Licht, der Jahreszeit oder Photoshop sein. Aber in Natura sieht der Fluss halt aus wie ein Fluss. Nicht dass wir uns falsch verstehen. Der Canyon ist toll und gerade beim Stuðlagil durch die Basaltsäulen ein Erlebnis. Aber wer hier herkommt, um einen fragwürdig leuchtenden Fluss zu sehen, wird womöglich enttäuscht.

Ich für meinen Teil kam heute hier her, weil ich ein wenig aus dem Auto raus wollte. Dazu dann das Rauschen eines Flusses genießen wollte und insgesamt einfach die Seele etwas baumeln lassen wollte.

Rumstehen #2

Nachdem die Füße wieder etwas bewegt wurden, ging die Reise weiter. Wir beschlossen in den Mjóifjörður zu fahren. Wir fanden diesen Fjord vor ein paar Jahren und haben dort unser Herz verloren. In der Konsequenz müssen wir eben nun immer wieder dahin.

Als ich gestern noch schrieb, dass der Nordosten touristisch noch nicht so erschlossen ist, hätte ich mir vielleicht etwas Luft nach unten für den Mjóifjörður lassen sollen. Hier führt genau eine Schotterpiste rein und man sucht jegliche Form von Infrastruktur vergebens. Es ist Natur pur.

Die Fahrt allein ist ein Highlight. Man kann nirgendwo hinsehen, ohne einen neuen Wasserfall zu entdecken. Es ist alles grün und Wasser fließt von überall nach überall. Hier und dort liegt auch noch etwas Eis und Schnee in den Bergen. Ich habe dort trotzdem besseres Internet, als in meiner Küche in Berlin. Die Welt ist gut.

Wenn man über die Berge hinweg ist, kommt als erste große Sensation der Klifbrekkufossar. Ein Wasserfall, der über mehrere Kaskaden fällt und andernorts vermutlich berechtigt dafür sorgen würde, dass jemand für ihn Eintritt nimmt. Aber nicht hier, hier ist er einfach nur schön.

Aus der Luft

Meine Frau ging recht schnell wieder auf Erkundungstour. Ich dagegen flog einmal mehr an dieser Stelle die Drohnenakkus leer. Man darf sich das heute so vorstellen, dass ich die Drohne aber auch mitunter einfach Zeitrafferaufnahmen machen ließ, während ich dastand und mich am Anblick des Wasserfalls erfreute.

Tiefflieger

Irgendwann wurde ich dann von jemanden angesprochen. Ob ich tolle Aufnahmen machte, wollte eine Stimme hinter mir wissen. Als ich mich umdrehte, stand dort ein junges Paar vor mir. Ungefragt erzählte er mir dann, dass er auch mal eine Drohne hatte und diese aber gegen eine Wand flog, weil er vor Vögeln flüchten musste. Er interessierte sich dann noch für alle Perspektiven, die ich wohl noch fliegen werde und so insgesamt, war das so ein Typ Mensch, der direkt mit dir redet, als würde man sich schon seit 100 Jahren kennen. Wie oft hab ich abseits vom Blog sonst auch Gelegenheit, von meinen Drohnenaufnahmen zu sprechen? Das war schon cool.

Und weil ich coole Menschen würdige, habe ich dann so bei mir gedacht, dass sie es bestimmt wertschätzen werden, wenn ich ihr Auto etwas verschönere. Gedacht, getan. Ihre Seite zierte dann „Speed Sheep“.

Speed Sheep!

Ich bin nicht ganz sicher, welche besonderen Fähigkeiten Speed Sheep mitbringt. Aber ich gehe fest davon aus, dass die Fahrt mit Speed Sheep an der Tür besser ist, als ohne Speed Sheep.

Wir fuhren dann noch ein wenig weiter in den Fjord. Dort gibt es einen kleinen Rastplatz und ihr ahnt, was ich tat. Richtig, ich stand rum. Allerdings wieder mit dem Gedanken, dass es sehr schön ist und die Ruhe ungefiltert von der Natur in meinen Kopf zieht. Manchmal ist es eben auch einfach schön, so rumzustehen. Meine Frau machte währenddessen weiter tolle Aufnahmen.

Langzeitwrack

Ich weiß gar nicht so genau, wie lange wir letztlich da waren. Irgendwann beschlossen wir dann aber doch, wieder in die Zivilisation zurück zu kehren. Unser Weg sollte uns in Richtung Seyðisfjörður führen.

Ich erzählte meiner Frau dazu, dass ich den Plan habe, beim Wasserfall vor der Stadt die Wanderung zu machen. Sie nickte und wir sprachen weiter über Gott und die Welt und imitierten Schafe, die unser Auto anguckten und fragten „Was bist’n du für’n Schaf?!“

Und dann fuhr ich auf den Parkplatz zum besagten Wasserfall und meine Frau war etwas irritiert, warum wir hier sind. Während ich recht fest davon überzeugt war, dass ich den Wasserfall einwandfrei beschrieben hätte, hatte sie verstanden, dass ich etwa 25km weiter östlich zu einem anderen Wasserfall will. Zwar würde man bei beiden Orten letztlich einen Wasserfall sehen. Der Unterschied ist jedoch, dass man bei dem Ort, an dem ich hielt, noch gute 2-3km bergauf wandern muss.

Aber nun waren wir hier also wird auch gewandert. Außerdem hatte ich zu dem Zeitpunkt zwei Tankstellen-Espresso intus und die gebündelte Energie musste wieder raus. Und so liefen wir los. Es dauert keine 10 Minuten in normaler Schrittgeschwindigkeit, bis man dann auf den ersten Wasserfall trifft.

Scharfer Wasserfall

Wisst ihr übrigens, was ich bei dem Wasserfall tat? Man ahnt es schon, oder?

Rumstehen #3

Aber hey, ich stand ja auch nicht nur rum. Manchmal ging ich auch zielstrebig weiter den Berg hinauf. Das fiel mir nicht nur aufgrund des Koffeins leicht. Der Weg ist wirklich malerisch, zumal wir immer noch bestes Wetter hatten.

Am Weg

Es ist auch so, dass man durch den geschlängelten Weg nach oben manchmal den Fardagafoss schon sieht und manchmal verschwindet er dann wieder. Entsprechend hat es noch mal was sehr belohnendes, wenn man um die letzte Kurve geht und dann das Prachtstück sieht. Und ja, auch dort stand ich erstmal wieder rum.

Rumstehen #4

Wir gingen dann auch noch das letzte Stück aufwärts. Man steht dann auf Augenhöhe mit dem Wasserfall. Dank der Sonne warf die Gischt sogar einen kleinen Regenbogen. Es ist ein wirklich schöner Ort und letztlich mit der kleinen Wanderung auch eine gute Abwechslung zum ganzen Autofahren.

Fardagafoss

Ein kleines Highlight, was es leider nicht auf ein Foto geschafft hat, gab es dann dort oben noch. Die alten Bloghasen wissen sicherlich noch, dass meine Frau und ich manchmal so eine Schattenfigur machen. Meine Frau steht dann vor mir und der Schatten sieht dann aus, wie ein Körper, aber eben mit vier Armen.

Als wir dieses Schattenspiel wieder machten, stand neben uns ein Paar. Sie sahen uns, kicherten kurz und per Reflex fragte ich, ob sie nicht mitmachen wollen. Ohne zögern stellten sie sich dazu und zack hatten wir heute mal acht Arme. Es war großartig und ein ganz wunderbarer Spaß zwischen Fremden. Ich bleibe dabei, manchmal ist die Welt ganz einfach.

Wir gingen dann den Berg wieder hinunter und fuhren weiter. Der nächste Stopp sollte der Gufufoss werden. Hier ging gerade die Sonne hinterm Berg unter und versetzte den Fjord in ein spannendes Licht. Manche Flecken waren noch voll mit warmen Licht. Andere Stelle wurden bereits vom Schatten erobert. Ein kleiner magischer Moment.

Zwielicht

Währenddessen ich:

Rumstehen #5

Wir fuhren dann noch nach Seyðisfjörður. Dort hatte heute ein Kreuzfahrtschiff angelegt und der kleine Ort platzte aus allen Nähten, was die Menschenmassen anging. Wir hatten trotzdem das Glück, dass das Restaurant, das wir angepeilt hatten, noch halbwegs leer war und damit einen Tisch für uns hatte.

Ein paar Backofen-Kartoffeln später fuhren wir dann aber doch in unsere Unterkunft für die nächsten zwei Nächte. Endlich, möchte man sagen. Denn der Tag war zwar wieder einmal unfassbar schön, aber auch sehr lang.

Der Weg ins Bett

Morgen werden wir mal schauen, was das Wetter sagt und dann die Ostfjorde erkunden gehen. Ich freue mich drauf.

In diesem Sinne

Habe die Ehre
X

Stand der Bucketliste
AufgabeStatusBeweisfoto
Erzähle einem Isländer einen Witz.
Natürlich auf isländisch
erledigt
16.09.2025
Breiðavík
Mache ein Foto von dir zusammen mit mindestens einem Schafoffen
Iss etwas typisches isländisches.offen
Halte eine Hand in einen Wasserfalloffen
Finde Lavagestein in der freien Naturoffen
Trinke Wasser aus einem wilden Flusserledigt
15.09.2025
Nameless
Mach ein Foto von einem Regenbogenerledigt
14.09.2025
Svöðufoss
Streichle ein Pferdoffen
Baue einen Freund für Kleifakarlerledigt
15.09.2025
Kleifakarl
Nasch isländische Lakritzeerledigt
23.09.2025
Aldeyjarfoss
Zeichne ein Schaf auf eine schmutzige Scheibe eines Autoserledigt
17.09.2025
Dynjandi
Erfinde deine eigene Islandsage mit Trollenerledigt
18.09.2025
Valagil
Sing ein isländisches Lied mit –
egal wie gut du den Text kannst
offen
Lass dich vom Strokkur berieselnoffen
Überquere einen Fluss ohne Brückeoffen
Erhebe dein Glas und rufe Skàl in einem Restaurantoffen
Stehe im Dampf in einem Geothermalgebieterledigt
22.09.2025
Námafjall
Gib einem Ort einen Wikingernamen,
den du dir selbst ausgedacht hast
offen
Steh mit den Füßen im Wasser unter freiem Himmelerledigt
23.09.2025
Kópasker
Steh an einem Ort, an dem du niemanden siehst oder hörsterledigt
15.09.2025
Skálmarfjörður

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