Ein ganz normaler Roadtrip
Wir wollten es in diesem Urlaub ruhig angehen. Zu meinen neu gewonnenen Gewohnheiten gehört, dass ich mich morgens mit meinem Kaffee ans Fenster setze und für den Zeitraum des Schlürfens nichts anderes mache. Entschleunigung fühlt sich gar nicht mal so doof an, wenn man sie halbwegs vernünftig ausschmückt.
Während ich so mit der Kaffeetasse da saß, stellten meine Frau und ich im Dialog fest, dass wir uns irgendwie wohl an der deutschen Zeit zum Aufstehen orientiert hatten und damit solide zwei Stunden vor unserem Plan waren. Aber gut – wir waren wach, es war alles gepackt und nach einer zweiten Tasse Kaffee konnte die Reise dann direkt beginnen.
Zumal das erste Ziel direkt nebenan lag. Von unserem Cottage aus. sahen wir bereits den Kirkjufell. Auf der anderen Straßeseiten, etwa 5 Minuten mit dem Auto weg, liegt der dazugehörige Wasserfall Kirkjufellfoss.

Es mag am Regen oder der frühen Stunde gelegen haben, doch wir waren hier völlig allein. Keine Menschenseele vor Ort, wo sonst ein riesiger Parkplatz manchmal nicht ausreicht. Tag 3 startet also auch direkt mit etwas Glück.
Zugegeben, den Regen hätte es nicht gebraucht. Auf der anderen Seite… wie wahrscheinlich ist es, dass es in Island mal nicht regnet? Heute ist der Plan sowieso gewesen, dass wir hauptsächlich Kilometer abreißen und in die Westfjorde kommen. Tag 3 und der Mietwagen hat bereits 1.000km mehr auf dem Buckel. Der Punkt ist: Wenn man eh im Auto sitzt, ist auch der Regen egal.
Wir fuhren durch ein Niemandsland von Fjorden und deren Ausläufern. Von der Fahrt gibt es kaum nennenswerte Vorkommnisse. Immer wieder stoppten wir und genossen solche Aussichten.


Während der Fahrt passiert dann letztlich auch gar nicht viel. Manchmal quatscht man und manchmal macht man Quatsch. Ein Highlight aus dieser Kategorie bin ich, wie ich ohne Hände Lakritz nasche.

Ja, ich weiß – sexy. Aber so bin ich und das den ganzen Tag lang. Vermutlich ist das so der Part, der dann nicht in ein Hochglanzprospekt kommt. So ein Roadtrip heißt aber nun mal auch, dass man an manchen Tagen bei Wind und Wetter stumpf eine Straße runterfährt. Mir fällt das hier sehr leicht, denn letztlich ist es durchgehend wunderschön und fairerweise kommen auch immer wieder kleine Momente, wo man doch aussteigt und ein Extra-Bonbon kriegt.

Und dann war es auch endlich soweit – wir kamen in die Westfjorde. Eine der wohl entlegensten Flecken in Europa. Bis heute aus unerklärlichen Gründen bei vielen Islandurlaubern nicht im Standardprogramm. Aber ich beschwere mich nicht: Weniger Menschen = Mehr gut!
Leider spielte das Wetter immer noch nicht mit. Das ist die charmante Umschreibung dafür, dass wir Gebiete hatten, die aufgrund von Wind in leuchtenden Signalfarben Warnmeldungen hatten. Ich merkte bei der Fahrt auch das ein oder andere mal, wie der Wind meine Fahrspur um einige Meter korrigieren wollte. Das hinderte uns aber nicht daran auch hier die Schönheit des Ganzen zu genießen.

Und auch unser Entdeckergeist war hellwach. Während wir weiterfuhren, sahen wir einen Holperweg abzweigen und erahnten einen Wasserfall. Bei der nächsten Gelegenheit wendeten wir und probierten, wie weit wir auf dem Weg wohl kommen.

Und dann war da noch der Gedanke, dass wir eigentlich eine kleine Wanderung machen wollten. Zu diesem Zweck hatten wir uns gestern einen Wasserfall rausgesucht. Mit etwas Recherche fanden wir einen passenden Parkplatz und waren guter Dinge, dass es uns dort schon gefallen wird.
In der heutigen Realität war es windig, es regnete und bei der Ankunft am Parkplatz sah der Weg erstmal so aus und weit und breit war kein Wasserfall zu sehen.

Immerhin hörte man aber schon Wasser und am Ende eines sehr zweifelhaften und matschigen Weges konnte man dann zumindest schon mal einen Blick auf einen Fluss werfen.

Wir folgten dann noch einem anderen Pfad und stellten sehr schnell fest, dass es sich lohnen sollte. Auf einmal tauchte ein großer Wasserfall quasi aus dem Nichts vor uns auf. Spontan fühlte sich auch unsere Glückssträhne wieder motiviert und zauberte in den Regen noch etwas Sonne. Murphy fand es auch großartig.

Man muss sich das so vorstellen, dass es ab hier dann immer weiter und weiter ging. Ein Trail, der früher wohl von Einheimischen als Verbindungen durch und über die Fjorde genutzt wurde, schlängelte sich an und um die Wasserläufe. Uns führte er als nächstes direkt an den Fuß eines Wasserfalls.
Aus Gründen, die ich gerade nicht wiedergeben kann, hielt ich es für eine gute Idee, mir das frische Wasser einfach mal ins Gesicht zu klatschen. Ich darf auch sagen, dass ich mir vorher einen guten Schluck davon gönnte und jedem mal empfehlen würde, direkt von einem Wasserfall zu trinken.

Und wie gesagt, ging der Weg immer weiter und weiter. Man wird dort niemals fertig mit dem sattsehen. Immer wieder fällt irgendwo Wasser oder man hat auf einmal kleine Canyons oder beides zusammen. Es war der Wahnsinn.

Wie zu sehen ist, hat das Wetter auch einfach mal alles mitgemacht. Zwischen den Regen mixte sich Sonne, zu der Sonne kam der Wind und alles zusammen ergab Island in Reinkultur. Da steht man dann also, am Ende der Welt, vor einem Wasserfall und schaut auf einen Regenbogen… es sind solche Momente, die die Westfjorde einmalig für mich machen.
Irgendwann stellten wir dann aber auch fest, dass man auf dem Pfad scheinbar wirklich die gesamten Westfjorde durchlaufen könnte. Wir entschlossen uns daher, bei einem Wasserfall den letzten Stopp einzulegen und dann umzukehren.

Da wir zu diesem Zeitpunkt auch schon beinahe auf dem Kamm dieses Berges ankamen, konnten wir recht gut sehen, dass auch bereits eine tiefgraue Wolke auf ihren Einsatz wartet. Die Zeit war also reif, dass wir langsam umkehrten und zum Hotel weiterfahren.
Aber lasst mich noch mal sagen, heute früh kannte ich weder diesen Trail noch diese ganzen Wasserläufe. Der Tag brachte gute 5 Stunden Autofahrt bei teils widrigsten Bedingungen mit sich und am Ende steht man so da…

Es ist schön, wieder hier zu sein.
Habe die Ehre
X
Hinterlasse einen Kommentar