Einer dieser Tage

Es musste ihn mal geben

Diese Reisetagebücher haben vor allem den Zweck, an Einzelheiten des Urlaubs zu erinnern. Natürlich weiß man, in welchem Land man war und vielleicht kriegt man auch noch die meisten Sehenswürdigkeiten zusammen. Doch, wenn man mal ehrlich ist, mit der Zeit verschwimmen Erinnerungen. Ich schaffe mir hier also auch eine Art öffentliche Gedächtnisstütze.

Mittlerweile habe ich mir dafür sogar ein paar Regeln aufgestellt. Die wichtigste ist: Halbwegs positiv bleiben. Das heißt auch, dass ich nicht über dumme Touristen herziehe – obwohl ich das manchmal wirklich gern wollen würde. Mal als Kostprobe für Dinge, die ich hier weglasse (und um dieses Ventil auch etwas zu öffnen): Neulich beim Hvítserkur.

Das ist riesiger Stein, der dort an der Küste im Wasser steht. Man kommt dorthin, weil man es will. Niemand ist hier zufällig. Je nachdem von wo man startet, ist man mindestens 30 Minuten Auto gefahren, um bei einem Parkplatz zu landen, der ausschließlich für diesen Stein da ist. Hier ist wirklich nichts anderes bei diesem Parkplatz – gar nichts. Auf besagtem Parkplatz steht dann ein Schild. Auf diesem Schild steht „Hvítserkur“ und ein Pfeil zeigt, in welche Richtung man gehen sollte um den Stein zu sehen. Sofern man also den zig anderen Touristen nicht traut, die alle in diese Richtung gehen, könnte man dem Schild trauen. Oder – und diese Situation tut mir physisch noch heute weh – man ist Hirnakrobat und spricht mich an „Wo steht denn hier der Stein?“ Es sind Menschen wie diese, die mich an der Evolution zweifeln lassen.

Hach… jetzt geht es mir besser. Jedenfalls glaube ich, dass punktueller Hass auf Menschen okay ist. Es ist aber angenehmer, wenn er nicht jeden Tag in einem Tagebuch Platz findet. Auch möchte ich irgendwann in einer Zukunft zurückblicken und mich eben an die schönen Dinge erinnern. Die persönliche Zensur wird also auch dabei helfen, dass irgendwann Urlaube noch schöner in Erinnerung sind.

Und dann kam der heutige Tag und dachte sich: „Wollen mal sehen, was deine Regeln aus mir machen.“

Es begann damit, dass ich wach wurde und Kopfschmerzen hatte. Es fühlte sich nach einem richtig schönen Kater an. Nur, dass ich gestern ausschließlich stilles Wasser hatte. Es will schon was heißen, wenn meine Frau vor mir den Elan für den Tag findet. Während sie bereits munter durch das Cottage wirbelte, lag ich auf der Couch und war das Gegenteil von Tatendrang. Doch draußen wartet Island und von daher konnte ich mich mit etwas Anlauf doch auch aufrappeln.

Wir hatten uns vorgenommen, dass es heute zu ein paar Gletschern geht. Als erstes wollten wir zum Hoffellsjökull. So gegen 8 Uhr nahmen wir an, werden wir wohl recht allein an diesem eher unbekannten Gletscher stehen.

Der Weg dahin begann, wie so viele Wege für uns bislang begonnen haben. Die Sonne schien und wir fuhren munter durch die Schönheit der isländischen Einsamkeit. Doch auf einmal, bekam ein Stein auf der Straße direkt vor mir Flügel, hob ab und… schaffte es nicht übers Auto. Schei…benhonig. Im Seitenspiegel sah ich, dass es es wohl kein Stein war… an dieser Stelle war der Tag richtig mies.

Was macht man dann in so einem Moment? Ändern geht nicht und wiedergutmachen ist auch nicht drin. So stand ich erstmal im Nirgendwo an einem Gletscher, schaute auf ein Stück kaputtes Plastik am Auto und versuchte mich irgendwie zu ordnen.

Nach einer kleinen Ewigkeit mit Leere im Kopf, rief ich den Autoverleiher an. Zwar fand ich das Schicksal des Vogels schlimmer, Fakt war aber auch, dass das Auto was abgekriegt hatte. Die Frau am Telefon war… naja… „Es ist nicht so dringend, aber wenn es Ihnen damit besser geht, können Sie das Auto in Höfn mal checken lassen.“ Wir versuchten dann irgendwie noch in den Tag zu finden.

still

Ich gönnte mir eine Weile und schaute den Eisschollen zu. Es gab ein schönes Bild, wie die kleinen Eisberge regungslos im Wasser liegen und in der Spiegelung der Wasseroberfläche die Wolken vorbeiziehen.

ruhig

Die Eisschollen bewegten sich während unserer Anwesenheit nicht ein bisschen. Wir dagegen mussten uns irgendwann bewegen und fuhren nun erstmal zurück nach Höfn, um das Auto checken zu lassen.

Wer in Höfn eine Art Bürokomplex erwartet, wird überrascht sein. Im Gebäude einer Fischverarbeitung gibt es im zweiten Stock einen Raum, der durch einen Aufkleber als Europcar-Büro entlarvt wird. Meine Frau war dort, ich war dort, aber von Europcar war niemand zu sehen. Wir riefen ein paar mal „Hallo“, aber keine Reaktion. Nach 15 Minuten rief ich noch mal die Servicerufnummer an und wenige Augenblicke später, kam eine gut gelaunte Isländerin um die Ecke. Sie schaute sich den Schaden an, fand ihn kaum der Rede wert, scherzte ein wenig mit uns und klebte etwas Klebeband auf das Loch im Plastik.

Nun gut – dann starten wir jetzt noch mal neu in den Tag. Von Höfn aus fuhren wir nun doch zu den Gletschern. Der erste Stopp wurde der berühmte Diamond Beach. Mittlerweile war es später Vormittag und der Parkplatz lässt sich nur mit brechend voll beschreiben. Wir fanden trotzdem recht schnell ein Plätzchen und machten uns beim strahlenden Sonnenschein auf den Weg zum Strand.

Aus der Ferne sahen wir schon, dass dort heute jede Menge Eis liegt. Wir beschlossen ein wenig abseits der meisten Menschen ans Wasser zu gehen. Die Eiskristalle waren dort vielleicht kleiner, aber immer noch wunderschön anzusehen.

Sommerliches Eismeer

Wir fühlten uns dann doch recht schnell wieder wie im Urlaub. Meine Frau machte Fotos und ich bekam wieder Ideen, für ein paar Videoaufnahmen. Eine meiner Ideen möchte ich euch gern per Slideshow näher bringen…

Ich hatte mir davor mehrfach angeschaut, wie weit die Wellen gehen und hatte den Plan, dass die GoPro recht nah an der Grenze des seichten Wellenausklangs liegt. Das Ergebnis war, dass ich mal live eine sogenannte „Sneaky Wave“ abgekriegt und nun auch gefilmt habe. Aus dem Nichts schoss das Wasser gut über Knöchelhöhe locker 5-10m weiter, als die ganze Zeit zuvor. Danach war es wieder still. Im ersten Moment realisiert man noch gar nicht so viel. In meinem Fall kam der Gedanke „Wo ist die GoPro?“ und zu meinem Glück sah ich sie dann auch schon etwas umhergewürfelt vor mir liegen. Das kleine Stativ hat es leider nicht geschafft. Zwar hat jemand dann meiner Frau die Überreste des Stativs in die Hand gedrückt, aber die Wucht der Welle kannte kein Pardon.

Wenige Augenblicke später fiel mir auf, dass ich immer noch auf meinen Füßen stand. Und wenn meine Knöchel mal kurz im Wasser nicht mehr zu sehen waren….. jap – die Schuhe waren völlig klatschnass. Großartig.

Wir gingen dann zurück zum Auto und auf dem Weg bemerkte ich schon, dass meine Knöchel scheinbar auch irgendwas mitgenommen hatten. Ich setzte mich hinters Auto in die Sonne und holte erst mal einen Liter Wasser aus meinen Socken und stellte die Schuhe aufs Autodach. Dann bemerkte ich, dass meine Knöchel beide einen kleinen Ratsch abgekriegt haben. Gott sei Dank nichts tiefes und nichts, was als Verletzung im Alltag der Rede wert gewesen wäre. Doch, da saß ich nun. Die Schuhe untragbar, die GoPro ohne Haltegriff und die Knöchel fingen mal kurz an wehzutun. Der Tag läuft.

Schuhe auf der Motorhaube = gute Zeit

Ich setzte mich dann ins Auto, trank etwas und haderte mit dem bisherigen Ereignissen. Meine Frau folgte dann noch dem Ruf ihrer Natur, zahlte das Parkticket und hatte dann den wohl sinnigsten- wenngleich irgendwie blödesten Gedanken: Wir überspringen die Sehenswürdigkeiten, fahren nach Vik, um neue Schuhe zu kaufen und dann schauen wir weiter.

Nach Vik sind es etwas mehr als zwei Stunden von hier. Blöderweise ist das aber wirklich die nächste Chance, auf ein Schuhgeschäft. Also dann… beißen wir heute in diesen sauren Apfel. Immerhin sahen wir auf der Fahrt dann doch ein paar der Gletscher, die wir eigentlich näher besuchen wollten.

Im Vorbeifahren

Nach den meisten Gletschern kommen hier im Süden mehr und mehr die Wasserfälle. Zu unserem Glück kann man ein paar davon auch sehr gut aus dem Auto heraus bewundern.

Am Straßenrand

Ich trug aktuell nur noch Socken. Was sollte ich auch tun? Die Schuhe waren offiziell wasserfest aber fairerweise mache ich ihnen keinen Vorwurf, nachdem ich sie so in den Ozean getaucht hatte. Doch je länger der Tag ging, desto mehr wurde diese Situation problematisch. Ich versuchte mich daher ab und zu einfach auf Socken fortzubewegen.

5m vom Fahrersitz bis hier

Doch die nächsten Stopps waren allesamt so, dass ein paar Meter mehr zu laufen gewesen wären. Auf den Stjórnarfoss hatte ich mich eigentlich sogar sehr gefreut. Als mir bewusst wurde, dass der nun auch auszufallen drohte, arbeitete es noch mal richtig in mir. Kurzerhand gab es dann den Plan, dass ich eben barfuß loslaufe und notfalls in die nassen Schuhe schlüpfe.

semiguter Plan

Immerhin hatte meine Frau mittlerweile viel Freude an meinem Elend gefunden.

Tja…

Aber hey, der Stjórnarfoss war wirklich ein Segen heute. Hier kippte die Stimmung endlich wieder ins Gute. Den ganzen Tag hing diese graue Wolke über mir und ich glaube jeder kennt das: Man hat dann irgendwie nicht schlechte Laune, aber keine Gute. Man will eigentlich auch wieder besser drauf sein, doch es will einfach nicht klappen. Der Stjórnarfoss war heute das Zünglein an der Waage, dass es dann eben doch wieder klappte.

Gefällt

Mit mal war die Welt wieder etwas leichter. Die Sonne schien und wir standen recht allein dort. Ich flog mit der Drohne umher und weder Vögel noch Wind machten mir das Leben schwer. Meine Frau tigerte durch die Gegend und machte mal wieder wunderschöne Profifotos.

Farben und Formen

Und selbst Murphy leistete uns Gesellschaft und genoss dann seinerseits die tolle Aussicht. Das Leben war wieder in Ordnung.

Murphy goes Instagram

Nach einer guten Stunde ging es dann weiter nach Vik. Tatsächlich habe ich dort dann neue Schuhe kaufen können. Die neuen Schuhe sind natürlich wasserdicht. Ich hoffe dennoch, dass ich es nicht allzu schnell prüfe.

Ich durfte dann zum Ende der Fahrt noch die Passage nach Vik fahren, die ich sehr gern mag. Hier schlängelt man sich einen Berg hinab und während die Beschilderung Geschwindigkeiten um die 50km/h empfiehlt, kann ich sagen, dass 70-80km/h auch gehen und wirklich viel mehr Spaß machen.

Wrumm

Unser Cottage liegt dann auch noch wirklich gut. Wir sind einen Steinwurf vom Skógafoss entfernt. Das kleine Häuschen hat wieder alles, was man zum Wohlfühlen braucht. Ich fand besonders niedlich, dass das Bett in einer kleinen Nische ist und per Vorhang noch weiter verdunkelt werden kann.

Vorhang auf!

Insgesamt war der Tag natürlich trotzdem recht durchwachsen. Den gesamten Vormittag hätte es so nicht gebraucht. Trotzdem glaube ich, dass wir das Beste draus gemacht haben. Morgen ist ein neuer Tag und ich hoffe, dass wir dann nicht wieder in paar schwere Themen abdriften müssen. Da wir mal wieder wandern wollen, bin ich aber guter Dinge, dass uns das schon gelingen wird.

In diesem Sinne

Habe die Ehre
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2 Antworten zu „Einer dieser Tage“
  1. Avatar von haraldboettger

    Du fährst mit EINEM Paar Schuhe in die Wildnis???

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    1. Avatar von mydailybadluck

      Ja, ich weiß – aber ich mache auch mal Fehler 😉

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