Eine Seifenoper namens Urlaub
Der heutige Tag hatte die Qualität einer guten Daily Soap. Es gab Romanzen, überraschende Wendungen, Dramatik, Spaß und mich, als wohl schlechtesten Hauptdarsteller seit der Erfindung des Farbfilms. Vorab muss ich sagen, dass ich heute einen offensichtlichen Fakt realisiert habe. Der Kellner, der mich vor zwei Tagen doch recht solide mit einem einzigen Cocktail abgefüllt hat, ist überraschenderweise nicht zwischenzeitlich nach Hause geschwommen. Mein sagenhaftes Kombinationsgeschick hat nun nach ein kurzen Zeit bemerkt, dass er also noch an Bord ist. Heute hatte ich drei Cocktails und ich fürchte, man wird es im Blog merken.
Wie es im Alter so ist, werden die Dinge in der Erinnerungen verschwommener, die weiter weg sind. Je länger ich also hier eine Einleitung schreibe, umso weiter entfernt ist der Start vom Tag und damit meine Klarheit, was eigentlich passiert ist. Ich schlage daher vor, dass auch dieser Beitrag chronologisch am Morgen beginnt. Ich nehme meinen Vorschlag hiermit an.
Der Tag begann, wie schon viele vor ihm, mit einem Frühstück. Mittlerweile verlaufen wir uns kaum mehr und haben auch insgesamt ein ganz gutes Gefühl dafür bekommen, wie lang die Wege sind und wo wir dann am liebsten sitzen. Zum Frühstück gibt es auch heute nicht viel mehr zu sagen, als das es wie immer üppig war und keinen Wunsch offen lies.
Direkt danach sollte bereits unsere erste Tour folgen. Getreu dem Gedanken der eben angesprochenen Daily-Soap muss ich wohl hier die Titelmelodie einer deutschen Sendung anstimmen…
„Ich seh‘ in dein Herz… sehe gute Guides und schlechte Guides…“ oder so ähnlich.
Wir hatten eine Panorama-Rundfahrt gebucht und unsere Frau Guide war irgendwie sonderbar. Sie stieg ein und raunte dann erstmal, dass sie ja auch wieder aussteigen könnte, wenn sie keinen Applaus kriegt. Ein paar Leute klatschten dann scheinbar aus Irritation oder warum auch immer. Letztlich muss man sich die Reise dann so vorstellen, dass sie sehr viel davon erzählt hat, wie großartig ihr Leben ist und teilweise gabs dann hier und da Referenzen zu dem, was wir eigentlich gerade draußen gesehen haben. Kennt ihr Menschen, die aktiv stolz darauf sind, dass sie ihren Job verfehlen? So eine war das. Aber wir sind im Urlaub und wenn ich mir von dummen Menschen die Laune verderben lassen möchte, bleibe ich einfach in Berlin.
Die Tour selbst führte uns einmal um den Nordfjord oder genauer gesagte um ein paar Arme des Fjords. An spektakulärer Natur hat es uns also erstmal gar nicht gemangelt.

Ihr seht, dass Wetter war heute eher so im lebensbejahenden Grau gekleidet. Es blieb bisweilen aber trocken und von daher kann man so wabernde Wolken auch einfach eine mysteriöse Wirkung für das Ambiente zuschreiben und damit gut finden. Das taten wir dann auch.
Der Charme einer solchen Rundfahrt ist für mich, dass ich einerseits natürlich die Fotostopps habe und mich damit schonmal um sehr wenig Organisation vorab kümmern muss. Da ich für gewöhnlich im Urlaub der Fahrer bin, eröffnet sich aber auch aus der Passagierperspektive für mich mal eine neue Welt. Auf einmal sieht man Dinge, die vielleicht keinen touristischen Wert haben und die einem als Fahrer mangels Relevanz fürs Fahren egal sind. Diese Dinge können aber trotzdem schön sein oder auch einfach mal gut die raue schroffe Schönheit des Landes erklären. Ein Beispiel für dieses Phänomen sind Tunnel. Denn gerade bei einspurigen Straßen muss man hinterm Lenkrad nun mal komplett auf den Verkehr achten und hat gar keine Zeit, mal alles wirken zu lassen.

Und so gaben sich auf der Fahrt, wie auch in jeder guten Seifenoper, die Ereignisse die Klinke in die Hand. Mal kommt ein unscheinbarer Tunnel und dann folgt ein Fjord, der seines Gleichen sucht.

Wir hatten dann noch einen Stopp in Stryn. Ein kleines Dorf mitten in Norwegen. Irgendwie ein bisschen touristisch aber auch völlig verschlafen. So richtig viel konnte ich mit dem Nest nicht anfangen. Aber immerhin gab es einen sehr schönen See und einen wunderbaren Ausblick.

Nach gut drei Stunden im Bus gab es dann eben die Erkenntnis, dass Norwegen selbst dann schön ist, wenn man nebenbei einen Guide ignorieren muss. Ich habe auch gelernt, dass meine Frau selbst aus einem fahrendem Bus heraus Bilder machen kann, die mir unerklärlich stark zusagen. Vielleicht liegt das daran, weil ich mitunter einen künstlerischen Moment kriege und Motive interpretiere… wer weiß. Aber schaut mal:

Eine hölzerne Scheune, symbolisch für das urtümliche Norwegen. Dahinter ein hübsches Wohnhaus als Kontrast dazu, für die Moderne. Dahinter folgen ein paar grüne Hügel und das tiefdunkle Wasser als unauffälliger aber deutlicher Bezug zur Natur. Über all dem thront ein schroffes, schneebedecktes Gebirge mit einem stürmischen Himmel. Es fasst Norwegen in Full HD zusammen. Ich habe keine Ahnung von Fotografie. Insofern vermag ich am Ende kein professionell Urteil zu fällen. Aber wenn ich mal aus einem fahrendem Bus heraus solche Bildkompositionen sehe und festhalten kann, wird das ein großer Tag für mich. Bis dahin leben wir alle sehr gut damit, dass meine Frau das für mich macht.
Aber zurück zum Tagesgeschehen. Es sollte noch mehr passieren und dieses mal sogar mit einem Guide, der nicht selbstverliebt war. Wir hatten nämlich über AIDA noch einen Besuch bei einer Farm gebucht. Keine normale Farm: Eine Hirschfarm!
Unser Bus war nicht mal zur Hälfte gefüllt. Gemessen an zig Tausenden Menschen an Bord und noch mehr im Fjord haben wir uns zwar etwas über diesen Zustand gewundert, ihn aber natürlich dankend angenommen. Die Tour bekam dadurch direkt einen sehr familiären Touch. Alle waren gut drauf und nach gut einer halben Stunde Fahrt, standen wir dann auch schon in der Einfahrt der Hirschfarm.

Pünktlich zum Aussteigen hat es dann geregnet. Nein, das wäre deutlich untertrieben. Bowlingkugelgroße Regentropfen hämmerten im Sperrfeuer auf uns herab. (Detailwissen des Autors: Ich finde die Formulierung wirklich sehr passend für das, wie ich mich dort gefühlt habe.)
Unser Gastgeber begrüßte uns sehr freundlich und teilte dann mit, dass wir erstmal zu den Lamas gehen. Bis dahin wussten wir nicht mal, dass es dort Lamas gibt. Aber er kennt seine Farm recht sicher besser als wir, also sind wir ihm einfach gefolgt.
Vor einem Tor drückte man dann jedem von uns einen Ast mit Blättern in die Hand und signalisierte uns, dass wir mal einen kurzen Moment warten sollten. Und so standen wir dann da: Platzregen, ein Ast in der Hand, auf einer Wiese in Norwegen… was man halt so macht. Über einen Hügel kamen dann tatsächlich Lamas angelaufen. So wie wir sie sahen, sahen sie glaub ich nur das Futter und stürmten recht zielstrebig auf uns zu. Ich hätte heute Früh auch nicht gedacht, dass ich heute noch ein Lama füttere – aber hier stand ich nun.

Nach den Pflanzen drückte man uns auch noch ein Stück Brot in die Hand. Augenscheinlich ist Brot bei Lamas sehr hoch im Kurs und so ergab sich das Vergnügen, dass ich neben der ersten Fütterung ab sofort auch sagen kann, dass mir ein Lama aus der Hand gefressen hat. Ich fands dabei gerade zu rührend, dass sie zwar einerseits sehr gierig auf das Brot waren. Andererseits sind sie sehr vorsichtig, beim schnabulieren aus der Hand.
Und während die Glücksgefühle unsere Sinne durchströmten, tat der Regen das Gleiche mit unseren Körpern. Es wurde tatsächlich noch schlimmer. Unser Gastgeber führte uns kurzer Hand in einen Unterstand und erklärte dann, dass es bei diesem starken Regen keinen Wert hat, zu den Hirschen zu gehen. Er besprach sich kurz mit einem Helfer. Anschließend fuhren zwei Kinder schon mal mit besagtem Helfer davon. Unser Gastgeber stieg in einen Traktor (in dem bereits ein Hund saß) und meinte, er würde den Rest gleich mit einem Auto abholen. Dann fragte er, ob jemand schon im Traktor mit ihm mitkommen wolle. Da noch ein paar Kinder dastanden, habe ich erstmal nichts gesagt. Die Momente vergingen und nichts passierte. Ich hatte das Gefühl, dass er jeden Moment dann eben allein losfährt und… ehe ich mich versah, saß ich neben ihm im Traktor, streichelte einen Hund und war selbst etwas überrascht, wie unternehmungslustig ich spontan war.

An der Hütte angekommen, stand ich dann auf einmal in einem Raum mit ein paar Bänken, Tischen, zwei Kindern und in der Mitte ein schönes warmes Feuer. Erneut war ich etwas irritiert, wie diese Situation entstand. Zumal die Kinder direkt anfingen mir zu erzählen, dass sie Ziegen gesehen haben. Ich mein… das war nett. Aber ich mag es eigentlich auch ganz gern, wenn fremde Kinder eine gewisse Scheu haben und einfach still sind. Fairerweise waren die beiden aber völlig in Ordnung und allein aufgrund des Feuers konnte ich meinen Aufenthalt ganz gut genießen.

Als dann alle im kleinen Haus waren und auf Bänken saßen, bekamen wir selbstgemachte Pfannkuchen auf norwegische Art. Das meint, dass man sie halb mit Sour-Creme beschmiert und die andere Hälfte mit Marmelade. Dann wird das ganze zusammengeklappt. Bon Appetit

Wer sich mittlerweile fragt, ob es heute dann auch noch Hirsche auf der Hirschfarm gab: Ja, die gab es. Der Regen hörte zwar nicht auf, änderte seinen Status aber von „Wasserfall“ auf „normaler Regen“.
Wir wurden dann wieder mit einem Ast voller Blätter bewaffnet und in einer Reihe in ein Gehege aufgestellt. Am Zaun wurden die Hirsche gerufen. Dann wurde das Tor geöffnet und erneut wäre ich nicht sicher, ob die Tiere überhaupt registriert haben, dass sie gerade nicht von einem Strauch fressen, sondern von einem Menschen gefüttert werden.

Man kommt den Tieren schon wirklich sehr nahe. Sie sind schon schön anzuschauen. Es ist auch so, dass man merkt, dass da wirklich starke Tiere stehen. Klar, wenn Gefahr käme oder auch nur ein Schreck, dann werden sie in 99 von 100 Fällen einfach stumpf so weit flüchten, wie sie können. Das Problem ist aber dabei, dass sie sehr sicher auch genug Masse und Kraft hätten, um einen handelsüblichen Menschen bei dieser Aktion mühelos umzurennen. Die Begegnung war also in mehrerer Hinsicht eine sehr spannende.
Nach der Aktion wurden wir dann aus dem Gehege geführt. Anscheinend mögen auch Hirsche Brot sehr gern. Allerdings werden sie bei dieser Fütterung wohl etwas… fordernder. Diese Fütterung musste daher durch einen Zaun passieren. Wer nun denkt, dass es damit vielleicht ein wenig langweiliger wird, irrt gewaltig. Denn unser Gastgeber wusste zu erklären, dass das auch DIE Gelegenheit ist, mal einen Kuss von einem Reh zu bekommen. Naja, und wenn ich schon mal da bin…

Eine sehr gelungene und vor allem unterhaltsame Aktion. Die Stimmung war richtig ausgelassen. Das war natürlich ein Erlebnis, was so schnell nicht wiederkommen wird. Erst Lamas aus der Hand gefüttert, jetzt Rehe geküsst. Ein verrückter Tag. Und was macht man an so einem verrückten Tag noch? Richtig, man wirft eine Axt durch die Gegend.
Solche Touren, wie wir sie hier hatten, sind natürlich recht genau geplant. In unserem Plan waren nach den Fütterungen von Lamas, Gästen und Rehen nun anscheinend aber noch gut 20 Minuten übrig. Kurzerhand ging es daher noch mal zur Hütte zurück. Vor einer bereits recht ramponierten Zielscheibe blieb der Helfer stehen, zeigte mal kurz wie man so eine Axt richtig hält und dann auch wirft. Er fragte dann nach einem Freiwilligen und erneut erklärte meine Spontanität, dass heute ihr Tag ist.
Aber wenn es einmal läuft, dann läuft es auch. Was soll ich sagen. Ich nahm die Axt, ich visierte kurz das Ziel und in einem Zug wirbelte ich die Axt hinter meinem Rücken und über meinen Kopf hinweg auf die Zielscheibe. Der erste Versuch – direkt ein Treffer.

Sollten absehbar die Vikinger wieder an die Macht kommen – ich denke, ich bin Dank meines Bartes und meiner Axtwurftechnik ein heißer Kandidat für die Stammrunde.
Meine liebe Frau Gattin hat übrigens auch die Axt geworfen und dabei offenbar ihr Showtalent gefunden. Der erste Wurf ging noch direkt in den Boden. Der zweite Wurf landete irgendwo im Schilf, woraufhin der Gastgeber meinte, sie hätte einen Frosch getötet. Doch dann, als der dritte Wurf anstand, hielt sie kurz inne und forderte die kleine Gruppe auf, sie anzufeuern. Als eingeschworener Kreis von Touristen taten wir natürlich, was man uns befahl. Dann holte sie aus, legte die geballte Kraft einer Urlauberin in den Wurf und… Volltreffer! Die Menge jubelte und noch vor Ort wurde sie von den hiesigen Norwegern für das olympische Axtwurfteam auserkoren. Wenn das mal keine Erfolgsgeschichte ist.
Leider endete unser schöner Aufenthalt auf der Hirschfarm dann aber auch. In einer sehr kurzweiligen Fahrt ging es zurück zum Schiff und dort dann erstmal schön heiß duschen. Im Anschluss haben wir das Buffet erneut unsicher gemacht. Dem aufmerksamen Leser ist sicherlich nicht entgangen, dass es heute keinen Mittagssnack gab. Es gibt schlechtere Gründe, beim Abendessen richtig reinzuhauen.
Nachdem Essen sind wir dann noch beim Theatrium hängen geblieben. Heute lief dort „AIDA Diamonds“. Eine Show, mit Musik und Tanz. Es wurden einige Hits aus der 80igern und 90igern gespielt. Nebenbei gab es das wohlige Gefühl, dass mich der Kellner nun schon mit Vornamen anspricht, mir Nüsse vorbeibringt und beinahe besorgt wirkt, wenn ich nach dem dritten Cocktail binnen 30 Minuten sage, dass es erstmal genug ist.

Tja und dann war es auch schon soweit, dass wir wieder auf dem Balkon saßen. Gegen 20 Uhr war die Abfahrt aus dem schönen Nordfjord geplant. Das Schiff macht hier eine 180° Wendung und man schaut doch sehr fasziniert in der Gegend umher, wie so ein riesiges Schiff in so einem „kleinen“ Fjord solche Manöver vollbringen kann.
Morgen geht es nach Ålesund. Das ist dann schon unser vorletzter Landgang. Ich bin ehrlicherweise jetzt schon gespannt, was der Tag für uns bereithalten wird.
Auch suche ich immer noch eine für mich passende Antwort auf die Frage, wie gut mir eigentlich die Kreuzfahrt gefällt. Bis hierhin möchte ich meine Mutti zitieren: „Es ist nicht vergleichbar.“ Das ist im Guten wie im Schlechten richtig. Ich habe aber auch noch ein bisschen Zeit, für mein finales Urteil.
In diesem Sinne
Habe die Ehre
X
Hinterlasse eine Antwort zu haraldboettger Antwort abbrechen