Fjord und Zeitmaschine

Viel für einen Tag

Ich bin müde. Ausnahmsweise nüchtern und zu allem Überfluss scheint auch noch die Sonne auf meinen Bildschirm. Von wegen Entspannung im Urlaub. Ich betreibe hier literarischen Hochleistungssport. So ganz nebenbei erlebe ich dazu auch Norwegen. Doch zum Wohle eines halbwegs unterhaltsamen Beitrages bin ich bereit, dieses Übel auf mich zu nehmen.

Für Island beginnt jede Doku mit dem Satz „Das Land von Feuer und Eis“. Irgendwie ist es schade, dass Norwegen nicht so einen Satz hat. Vielleicht sollte der heutige Beitrag mit einer Petition starten. Was haltet ihr von „Norwegen, dass Land mit Wasser und noch mehr Wasser“ oder „Norwegen, wir können Tunnel aber konnten nicht ahnen, dass auf Straßen manchmal zwei Autos nebeneinander passen sollten“. Was für uns bislang passend wäre „Norwegen, alle sagen es wird regnen – aber für dich scheint die Sonne.“

Ja, heute war wieder ein sonniger Tag. Langsam glaube ich, dass Norweger die Geschichten vom vielen Regen nur erzählen, weil sonst noch mehr Leute hier Urlaub machen möchten. Ein wenig verstehe ich sie. Aber was soll ich sagen, Tatsächlich finden sich am Himmel nur ein paar Wolkenfetzen. Die Sonne strahlt und für morgen sind bereits 20°C angekündigt. Es ist Sommer nach allem was wir wissen, ist es hier gerade klimatisch besser als Zuhause.

Kommen wir zu den Ereignissen den heutigen Tages. Wir haben eine Fjordtour mit einem Boot gebucht. Es sollte durch den Hjørundfjorden gehen. Das ist quasi der kleine etwas unbekanntere Bruder vom Geirangerfjord. In Sachen Schönheit. steht er ihm aber wohl kaum in etwas nach.

Um kurz nach 8 Uhr ging es also mit wehender Fahne aufs Wasser und raus aus Ålesund. Allein für den Anblick war ich ehrlicherweise schon dankbar. Die Berge mögen nicht so hoch sein, wie unsereins es beispielsweise aus den Alpen gewohnt ist. Aber die Kombination aus Berg und Wasser mit all dieser Vielfältigkeit, dass macht schon eine Menge mit mir. Die wehende Norwegenflagge dazu… das Fernweh nickte mir kurz zu, dass wir mit so einer Situation einen Moment Frieden haben können.

Wisst ihr, als ich eben davon sprach, dass es sonnig war, war das nicht gelogen. Am Ende des Tages werde diese 24h als sonnig in die Geschichtsbücher der Wetterfrösche eingehen. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass in einem Fjord hin und wieder ein einzelner Abschnitt sein eigenen Wetter fabriziert. Das kann allesmögliche sein und genau genommen kann dieses „Allesmögliche“ sogar mehrere Wetter gleichzeitig bedeuten. Wir blieben zwar im groben Ganzen trocken, sahen dann aber durchaus auch eine Sonne durch eine Regenwand.

Vielleicht ist es auch nur eine Illusion, dass es dort regnet. Vielleicht saugt der Himmel auch einfach etwas Schönheit vom Land ab. So schön, wie es hier ist, kann das Land ja auch ruhig mal etwas davon abgeben.

Wie dem auch sei. Auf der Reise durch den Fjord passierten wir auch Dinge, die man mit Zivilisation in Verbindung bringen darf. Hier und da stand eine Werft und da es in Norwegen zum guten Ton gehört, ein Boot zu haben, finden sich auch mal mehr und mal weniger Bootsschuppen.

Ich weiß, ich weiß. Niemand interessiert sich für Zivilisation. Wir sind alle nur wegen der Natur hier und das ist auch richtig so. Denn Fakt ist, Norwegen kann nur spektakulär. Man könnte meinen, dass es eine gewisse Dekadenz mit sich bringt, wenn ein Volk aufhört Wasserfälle und Berge zu benennen. Nur, sie haben tatsächlich viel zu viele, um allen einen Namen zu geben. Und so sieht man als Tourist irgendwelche Formationen der ultimativen Naturschönheit und fragt sich, wie das sein kann und die Norweger daneben wissen, dass es in der nächsten Kurve etwas noch schöneres gibt.

So eine Panoramafahrt zeigt einem damit dann auch schnell, dass es draußen noch eine Welt gibt, die man besucht, die aber ganz anders ist, als die eigene. Man muss sich das vorstellen. Im Dorf am Ende des Fjords wohnen kaum mehr Menschen, als bei mir in Berlin im Hochhaus. In der Folge gibt es Lebenssituation, die sicherlich deutlich leichter sind und welche die deutlich schwerer werden. Allein darüber nachzudenken, erweitert glaub ich den Horizont.

Und so standen meine Frau und ich an Deck und hatten mitunter Schwierigkeiten damit, dass jeder von uns nur zwei Augen hat. Es gibt viel zu sehen. Auch wenn es vielleicht nicht das eine Highlight gibt. Es sind eher die vielen Details. Die Ruhe und die kleinen Momente, in denen man versteht, warum es hier gut ist.

Denn es ist gut. Als Tourist weiß ich, dass es natürlich auch immer etwas vergängliches für mich hat, sowas zu sehen. Gleichzeitig bin ich ja gerade hier und was sollte mich hindern, irgendwann wieder hier zu stehen? Es liegt doch allein bei mir. Und wer weiß, vielleicht wache ich wirklich irgendwann mal auf und stelle fest, dass IT nett war, ich jetzt aber Tourguide werde und damit jeden Tag in so einer Natur umherfahre.

Am Ende des Fjords warfen wir dann nur einen flüchtigen Blick von weitem auf das Dorf. Zu diesem Zeitpunkt stand ich recht allein am hinteren Teil des Schiffes und mal ehrlich: Ich sehe schon ein bisschen aus, wie die menschgewordene Werbung für Norwegen, oder?

Wir fuhren dann wieder nach Ålesund zurück. Ursprünglich war der Plan, dass wir dann noch mit einem Hop on Hop off Bus mal auf Erkundungstour gehen. Allerdings war ich einfach nur müde. Die letzte Zeit hat ihren Tribut gefordert und da meine Mama und meine Frau einverstanden waren, ging es dann für mich auf den Balkon und in die Hängematte.

Für die dann folgenden 1,5h habe ich keinerlei Erinnerung. Ich weiß noch, dass ich mein Pullover auszog, weil es in der Sonne viel zu warm war. Ich lag ohne Decke oder im Shirt und kurzer Hose in der Hängematte und gönnte mir eine wohlverdiente Auszeit.

Als ich wieder wach wurde, lag meine Frau im Bett und schlief. Genauer gesagt, sah ich eigentlich nur einen atmenden Berg Decke und vermutete darunter meine Frau. Letztlich egal. Wenn ich schlafen darf, gönne ich die Erholung auch jedem Anderen.

Da ich nun aber wach war und irgendwas machen wollte, ging es für mich mal wieder zum Theatrium. Ich besorgte mit einen Aperol und setzte mich hin. Die Leinwand verriet mir, dass gerade geprobt wird. „Sehr gut! dachte ich bei mir. „Habe ich gleich was zu gucken!“. Ja und so saß ich da mit meinem Aperol und sah exakt: nichts.

Alle Tänzerinnen und Akrobaten saßen am Rand, unterhielten sich und ab und zu dehnte sich mal jemand. Aber circa 10 Minuten lang, passierte eben genau gar nichts. Das war schon ein bisschen komisch. Es ist das eine, jemanden bei einer Probe oder Show zuzusehen. Wenn die Leute da Pause machen, wird es doch unangenehm zuzuschauen, finde ich.

Da ich nun aber ans Getränk gefesselt war, beschloss ich mir per Kopfhörer allein Musik anzumachen und die Situation einfach durchzustehen. Auf einmal erhoben sich zwei junge Männer, platzierte ein Handy auf der Bühne und finden an, wild umherzutanzen.

Sie wirbelten durch die Luft, dann über den Boden und dann wieder durch die Luft. Das war schon wirklich sehr unterhaltsam und ich würde mir sehr sicher begeistert davon eine Show ansehen.

Für mich ging es dann aber doch erstmal noch woanders hin. Denn heute hatten wir die „Time Machine“ gebucht. Ein Themenrestaurant, wenn man es so nennen will. Es wird eine kurzweilige Geschichte erzählt und kulinarisch wird man anständig nebenbei versorgt.

Man sitzt gute zwei Stunden im Restaurant. Es gibt wahlweise ein Fleisch-, Fisch- oder vegetarisches Menü. Einigen Zuschauern werden dann Rollen zugwiesen und ehe man sich versieht, sitzt man aufgeregt in einer schönen Geschichte. Ich war der Ventilbeauftragte der Zeitmaschine. Mein Job bestand darin, einen Verschluss permanent nach rechts zu drehen.

Man muss keine Angst vor dem ganzen haben. Ich selbst finde Animationsprogramme furchtbar und möchte am liebsten gar nicht in die Show involviert werden. Das, was ich dort heute erlebt habe, war aber maximal harmlos und hat einfach für alle sehr viel Spaß gemacht.

Ich bin jedenfalls sehr froh, dass wir heute zum ersten mal nicht in einem Buffetrestaurant Abendbrot gegessen haben. Es war auf jeden Fall mal etwas ganz anderes und ich würde es ohne zögern noch mal mitmachen.

Die zwei Stunden dort vergingen auch wie im Flug… wenn ich sage, dass sie wie im Boot vergingen, nimmt das irgendwie die Idee, dass es schnell ging, oder? Egal… ich bin müde.

Wir sind dann noch mal über drei Deck spaziert und haben hier und da ein bisschen die Shops besucht oder einfach geschaut, was auf dem Schiff gerade so los ist. Ein Eis gab es natürlich auch noch.

Und nun sitze ich schon wieder hier, schreibe vom Tag und freue mich auf mein Bett. Morgen ist der letzte Landgang in Stavanger. Wir haben wieder eine Panorama-Bootsfahrt gebucht. Laut Wetterbericht (ich erwähnte es bereits) soll morgen auch ein sehr schön Tag mit 20°C und wenig Wolken werden. Wir werden sehen. So oder so freue ich mich schon drauf, was der Tag alles bereithalten wird.

In diesem Sinne

Habe die Ehre
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2 Antworten zu „Fjord und Zeitmaschine“
  1. Avatar von haraldboettger

    Euch reichts mit dem Bootsfahren irgendwie nich, oder? Neben dem großen Boot, dauernd noch kleine Boote 😂 Dabei ist Ålesund ne hübsche Stadt, die einzige norwegische Stadt die nach einem verheerenden Feuer im Jugendstil aufgebaut wurde. Vom Hausberg hättet ihr einen fantastischen Blick über die Stadt samt umliegenden Inseln gehabt und eure AIDA hätte unten malerisch vor Anker gelegen. Hach. Und morgen wieder in den Fjord, wahrscheinlich bis unter den bekanntesten Felsen Norwegens, den Prejkestolen. Aber schön, dass das Wetter schön ist. Wir haben die Boots-Tour damals im Regen gemacht, brrrr. Vielleicht gibts diesmal Waffeln statt Pfannkuchen. Bin gespannt.

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  2. Avatar von lordnibblerblog

    Ach ja, der wirklich tolle Ausblick in Ålesund. Da kann ich meinem Vorredner nur recht geben, da habt ihr was verpasst. Auch wenn ich verstehen kann, dass ihr knülle seid und lieber geschlafen habt. So eine Kreuzfahrt ist anstrengender als man anfangs denken mag. Ich kenne das auch. 🙂

    Auch frage ich mich die ganze Zeit, wie dein Urteil über das Thema „Kreuzfahrt“ nun ausfallen wird. Wenn man den Blog so liest, wirkt alles total positiv. Na mal sehen was du in deinem Abschlussplädoyer am letzten Tag schreiben wirst.

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