Klopf Klopf

Wer ist da?

Es war circa 6 Uhr als ich schlagartig aus dem Schlaf entrissen wurde. Drei dröhnende Schläge gegen die Tür unseres Cottages. Bumm Bumm Bumm mit einer Energie, die mich ohne Umwege ins Vertikale katapultierte. Okay, erstmal sortieren. Wir sind in Island. Es ist das Jahr 2026 und alles wird sich bestimmt gleich erklären.

Latent beunruhigt zog ich mir etwas an und bekam dabei die Idee, dass es vielleicht clever ist, erstmal durchs Fenster zu schauen, wer oder was mich so abrupt den Schlaf beenden lies.

erwischt!

Scheinbar hatten drei Lämmer eine gute Zeit mit unserer Tür. Das ist auch für uns Island-Veteranen ganz neu. Gestern kabbelte sich bereits ein Lamm mit einem Vogel. Heute klopfen drei von ihnen bei uns an der Tür. Eigentlich schade, dass wir heute weiterfahren müssen. Es kämen sonst sicherlich noch einige Lamm-Geschichten zusammen. So wird es wohl dabei bleiben, dass sie ab und zu gebraten auf unseren Tellern liegen. Sie wecken mich, ich esse sie. Der isländische Kreislauf des Lebens. Mit diesem warmen Worten: Willkommen zu einem weiterem Tag, der viel zu viel zu bieten hatte.

Etwas zu müde aber in bester Stimmung standen wir dann nach diesem Klopf-Di-Lämmer auf. Ich merke, dass der Urlaubsflow langsam bei mir einkehrt. Entgegen meines Tatendrangs, gönnte ich mir heute erstmal ein paar Minuten mit einem Kaffee und einem schönem Ausblick auf den Kirkjufell.

Kann man so machen

Lasst euch nicht von der Wolkendecke täuschen. Am Ende handelt es sich hier um eine Halbinsel mit Bergen. Morgens hängt hier immer mal so ein bisschen der Schlafrock der Nacht über den Berggipfeln. Es war aber ein schöner Morgen. Es blieb trocken und war nicht allzu windig. Hier und da mähte ein Schaf und ich trank, Gourmet wie ich bin, gepflegt meinen Instantkaffee mit heißem Leitungswasser.

Aber wir wären ja hier nicht in meinem Reisetagebuch, wenn es bei dieser erholsamen Idylle bleiben würde. Nein, Sir! Hier wird geurlaubt und zwar bis zur Erschöpfungsgrenze und darüber hinaus! Mit diesem Geist im Gepäck fuhren wir handgestoppte 2 Minuten und 412 Sekunden zum benachbarten Kirkjufellsfoss.

Es hat immer etwas erhabenes, wenn man auf einen Parkplatz kommt, der für mehrere Reisebusse ausgelegt ist und man ist völlig allein dort. Keine Busse, keine anderen Autos, keine Menschen – ein wohliges Nüscht, als Startschuss für die ersten Wanderschritte des Tages.

Das Areal wird immer mehr ausgebaut und ich bin offen gesprochen sehr dankbar dafür. Die Wege waren in den letzten Jahren schon immer so, dass ich mich fragte, ob ich heil am Ziel ankommen. Eigenartige Kunststoffmatten, aus denen mittlerweile Gras wächst, sorgen bei nassen und steilen Gegebenheiten für erstaunlich wenig Sicherheit. Doch jetzt geht man beim Kirkjufellsfoss eine wunderbare Treppe entlang. Mit Geländer, Aussichtsplattform und Sitzgelegenheiten.

Man mag argumentieren, dass solche touristischen Bauten den natürlichen Charme wegnehmen. Und vielleicht stimmt das auch. Aber ich fand den Parkplatz für Reisebusse davor auch schon nicht sonderlich naturbelassen und insofern, kann man vielleicht auch einfach dazu stehen, dass es Komfort und Sicherheit bei einer Sehenswürdigkeit eine gute Sache ist. Gott, war das ein deutscher Absatz. Erstmal schön die Diskussion gewonnen, die ich künstlich mit mir selbst geführt habe. Aber ihr kriegt die Idee. Achso, wir haben dann übrigens auch Fotos vom Wasserfall gemacht.

Vom Amt für Wasserfallschutzvorrichtungen abgenommen

Es schwingt immer wieder der Gedanke rein, dass diese Kombination von Berg und Wasserfall es in die Liste der schönsten Orte der Welt geschafft hat oder auch in die Serie Game of Thrones. Und dann steht man hier und versteht, warum das so ist. Es ist wirklich schön hier.

Unser nächster Stopp führte uns dann gute 25 Minuten mit dem Auto weiter in den Westen. Eine halbe Kurve um die Halbinsel später schien bereits die Sonne und neben ihrem Leuchten, fiel es kaum auf, dass auch unsere Gesichter am Strahlen waren. Denn wir kamen am Svöðufoss an und auch hier gab es keine anderen Menschen. Der Tag startete echt gut.

Mit Drohne, Kamera, GoPro und meiner Frau ging es dann einen kleinen Fußmarsch von vielleicht 10 Minuten über Gitter, die einen über eine Wiese und einen Fluss führen. Am Ende des Weges wartet dann ein Aussichtspunkt und ein wundervoller Wasserfall.

Svöðufoss

Ich stellte meine GoPro für einen Zeitraffer auf und flog mit der Drohne einen Akku leer, während ich Zeitlupenaufnahmen am Fließband produzierte. Meine Frau war nicht weniger umtriebig. Es gibt also gefühlt allein von diesem Wasserfall 3 Tonnen Fotos und Videos – alle wunderschön und wie kleine Erinnerungspostkarten für mein Herz.

Glücklich aber wohlwissend, dass uns noch eine sehr lange Tour in die Westfjorde bevorsteht, haben wir dann beschlossen Snæfellsnes zu verlassen. Es gäbe zwar noch viele Dinge, die man sich noch anschauen könnte, aber am Ende dauert es dann doch alles wieder länger und die Fahrt in die Westfjorde allein sind dann eben doch schon gute 4-5 Stunden (mindestens).

Naja… zumindest sind wir nicht noch weiter in die „falsche“ Richtung gefahren. Tatsächlich haben wir dann nämlich zufällig einen Wasserfall entdeckt, den wir noch gar nicht kannten. Ja, das passiert ab und zu wirklich noch.

Entlang einer Ansammlung von Schlaglöchern, die sich als Straße getarnt haben, landeten wir auf einer Wiese, die sich als Parkplatz identifiziert hat. Von dort aus führte uns ein Trampelpfad zu sowas, wie einem Weg. Stellt euch vor, dass ein Riese ein Gebirge in einen Mixer geworfen hat. Am Ende verteilt er die Steine fröhlich an einem Berghang. So in etwa war dieser „Weg“. Aber da wir aktuell auch sehr geprägt vom Gedanken sind, dass wir neue Sachen sehen wollen, kämpfen wir uns da ohne zweite Gedanken direkt durch. Mit Erfolg – muss ich dazu sagen.

Its not a Feature – its a Bugsfoss

Wobei Erfolg natürlich auch immer im Auge des Betrachters liegt. Zwischendurch hatte ich eine kleine Panikattacke, weil ich nicht mehr vorwärts noch rückwärts von einem nassen Stein wegkam. An einer anderen Stelle musste ich meiner Frau von einem Stein runter helfen, weil der Sprung dann doch ein bisschen viel Action und Adrenalin mitgebracht hätte.

Behind the Scene

Aber hey, wir haben einen neuen Wasserfall entdeckt uns sonst etwas verschwitzt, aber sonst unbeschadet wenig später zurück im Auto gewesen und fuhren dann tatsächlich los. Naja… also… technisch gesehen stimmt das. Praktisch hielten wir aber doch noch mal beim Kirkjufell.

Adieu geliebte Halbinsel

Jetzt aber wirklich. Es ging mal eine ganze Weile gut vorwärts. Wir fuhren eine Schotterpiste entlang und stoppten erst nach guten 2 Stunden wieder bei einem Supermarkt für ein paar Haferkekse und einen Kaffee. Soviel Zeit muss dann auch sein.

Wenig später kam dann schon das Eingangstor der Westfjorde. Hier wartet seit jeher ein Wasserfall auf uns, der bis heute bei Google keinen Namen hat und den selbst meine anderen Geo-Dienste nicht kennen. Für uns ist es der Nafnlausfoss (Der namenlose Wasserfall).

Am Straßenrand

Einst hatte ich Sorgen, dass der Tourismus seinen Tribut verlangen wird und solche Wasserfälle dann auch auf kurz oder lang überrannt werden. Das war vor circa 5-6 Jahren. Bislang ist der Trend in dieser Ecke wohl eher, dass sich weiterhin kaum Menschen hierher verirren. Mir ist das sehr recht.

Wenig später im Auto erblickte meine Frau dann im vorbeifahren, dass wir heute noch zu einem weiterem Wasserfall kommen werden, den wir bislang nicht auf dem Schirm hatten. Letztlich auch direkt am Straßenrand findet sich der Drifandagilsfoss.

Drifandagilsfoss

Auch hier gehört zur Wahrheit, dass man einen eher rustikalen Weg entlang muss. Die Alternative dazu sieht so aus, dass man sich über Mini-Gletscher aus Eis bewegen könnte. Wir zogen den Weg über Steine dann jedoch vor.

Mittlerweile waren wir bei guten 15°C angekommen und Island meinte es einfach sehr gut mit uns. Ich beschloss daher auch noch ein paar Minuten mit der Drohne umherzufliegen. Die Aufnahmen sind auch durchaus hübsch geworden. Doch ehrlicherweise ist der hängengebliebende Mehrwert gerade der, dass es einfach auch mal wieder schön war ein bisschen mehr zu fliegen.

Jetzt sollte es dann aber wirklich wirklich wirklich in die Westfjorde gehen. Es war immer noch gute 2-3 Stunden Fahrt vor uns und in diesem Tempo kommen wir vermutlich nie an. Also noch mal volltanken und dann geht es richtig los.

Beim Tanken fuhr ich an die Zapfsäule 1 und ein anderes Auto quasi zeitgleich an die Zapfsäule 2. In Island zahlt man an einem Automat (der in der Mitte der Säulen steht oder direkt daneben) und tankt dann. Das blöde für manche Touristen ist: Der Automat spricht, wenn man nicht aufpasst, erstmal isländisch mit dir.

So stand ich da und wartete darauf, dass zwei Männer, die aus dem anderen Auto ausstiegen ihr Ding machen und ich dann am Automat mein Tanken starten kann. Nach ein paar Sekunden sprachen sie mich dann mit deutlichem Akzent an, dass sie mit dem Automaten nicht klarkomme und Hilfe brauchen. Ich ging zu Ihnen und sie sagten dann noch ein paar sowas wie „wir können nicht lesen was da steht“ und „wir wissen nicht was er sagt“. Irgendwie im Humormodus gelandet, sagte ich dann einfach: „Da steht, dass sie für mich tanken sollten“ und bedankte mich schon mal.

Ein schöner Moment der Situationskomik und ich bin ehrlicherweise dankbar, dass die beiden Männer es lustig fanden und mich nicht für völlig behämmert hielten. Da der Bildschirm letztlich nur auf isländisch zeigte, dass die Kreditkarte noch mal rangehalten werden sollte, stellte ich den Automat für sie auf Englisch um und wir gingen alle lächelnd unserer Wege.

Unser Auto war in der Folge dann wieder voller Energie. Unsere eigene Energie ging aber doch zusehends bergab. Es war dann bei einem Parkplatz, den wir auch schon seit unserem ersten Besuch in die Westfjorde kennen, wo ich feststellte, dass es wieder etwas von Zuhause hat, hier zu sein.

Home is where my Fjord is

Ja, ich weiß wie kitschig und abgedroschen das klingen mag. Ich will darauf auch gar nicht zu lang eingehen. Für mich ist es hier schön und das nicht nur aus ästhetischen Gründen. Dieser Ort hilft mir unfassbar zu einer inneren Mitte zu finden, die ich im sonstigen Alltag schlicht manchmal gar nicht mehr kenne. Ob das jetzt Heimat, Zuhause oder Wohlfühlzone heißt, spielt dabei im Grunde auch gar keine Rolle. Ich setzte mich auf ein Stein, genoss die vereinzelten Windböen und schaute aufs Wasser und in die Ferne. Ein schöner Moment.

Happy me

Danach zogen wir richtig durch und fuhren in einem Ritt bis zu einem Restaurant in Patreksfjörður. Es gab, wie man eingangs vielleicht schon vermuten konnte: Lamm.

Nachdem Essen ging es dann noch 20min weiter in unsere Unterkunft. Ein Fjordarm, indem wir bislang auch noch nie waren. Die Sonne schien immer noch herrlich und ich machte das, was man am Ende von so einem Tag macht. Richtig – Nichts.

Nichtaction

Jetzt anschnallen – es wird wild. Morgen Vormittag soll es über die gesamten Westfjorde regnen und wir… wollen… ausschlafen? Mal schauen wie gut das in der Praxis klappt. Der Plan ist jedoch, dass wir keinen Wecker stellen und dann mal schauen, was der Tag für uns bereithält. Ich werde sicherlich wieder berichten.

In diesem Sinne

AufgabeBeweisfotoStatus
Ein Foto mit einem Schaf 2.022.05.2026
Grásteinn
erledigt
Jemanden Huckepack nehmen (meine Frau ausgeschlossen)
Eine coole Schattenfigur machen
Posieren mit einer Islandflagge
Baue eine Eisskulptur
Umarme einmal Island (so gut es geht)
Verewige Murphy auf einem schmutzigen Auto
Mach einen Spaziergang, obwohl du eigentlich müde bist und Blog schreiben solltest
Ausschlafen!
Sei einmal außerhalb des Badezimmers richtig nass
Zeichne an einem Abend irgendwie den Lieblingsort des Tages
Springe auf einem Regenbogen22.05.2026
Snæfellsnes
erledigt
Verschwinde im Dampf
Hab ein typisch isländisches Frühstück
Warte geduldig auf einen Wal
Gönn dir Lakritzeis
Halte einen „Warum tue ich mir das an?“ Moment fest
Einen neuen Freund finden21.05.2026
Hafen von Borgarnes
erledigt
Schreibe eine isländische Saga
Errichte ein Elfenhaus

Habe die Ehre
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