Herzenssache

Takk fyrir Island

Und da sind wir wieder. Im Flughafenhotel. Keine 12 Stunden vor dem Moment, wo wir es auch schon wieder verlassen werden und sinnbefreit zwei Stunden am Flughafen sitzen, um dann den monotonen Freuden eines drei stündigen Fluges zu frönen. Diese Freuden bestehen im Wesentlichen aus darauf warten, dass die drei Stunden vergehen. Das haben sich die Gebrüder Wright damals bei der Erfindung des Flughafens auch anders vorgestellt. Aber so ist die Realität.

Für den Spannungsbogen fehlt gerade leider jegliche Spannung. Der Mietwagen wurde abgegeben und ich war vermutlich noch nie so ruhig dabei, wie heute. Die Koffer haben wir auch schon abgegeben und erneut stellte ich für mich fest, dass das alles schon mal mit mehr Anspannung verbunden war. Es hat nur eine gewisse Schwere. Die unausweichliche Rückkehr nach Berlin, wo der Alltag mit offenen Armen auf uns wartet.

Ganz so dramatisch ist es dabei nicht einmal. Wir freuen uns, auf unsere Kater und am Samstag sind wir schon wieder auf einer Hochzeitsfeier. Es gibt schlimmere Einstiege nach einem Urlaub. Und dennoch, wir wären jetzt auch nicht böse, wenn unsere Freunde in Island heiraten würden und falls per Zauberhand unsere beiden Kater hier wären, wer weiß, vielleicht würden wir einfach hier bleiben. Wir müssten dann nur mal drüber reden, ob ich dann immer noch jeden Tag einen Bericht schreibe. So schön es im Nachgang ist – nach 20 Tagen Reisetagebuch habe ich auch genug geschrieben für die nächste Zeit.

Heute haben wir dann noch mal ein paar kurze Stopps auf dem Weg zum Flughafen mitgenommen. Insgesamt fügte sich der Tag nahtlos an den restlichen Urlaub. Von außen betrachtet mag man denken, dass es vielleicht mal zu kalt, zu nass, zu irgendwas war. Doch ich würde sagen, dass wir einmal mehr für uns Bestätigung gefunden haben, dass Island eine Herzenssache ist. Es hat natürlich nicht alles geklappt, was wir uns gewünscht haben. Aber wir haben wieder so viele Eindrücke, Geschichten und Erinnerungen gesammelt, dass es schwer fällt, es als etwas anderes, als eben eine Herzenssache zu bezeichnen.

Es fing schon damit an, dass unser Gastgeber uns heute früh noch mal gewunken hat und mit einem deutschen „Auf Wiedersehen“ verabschiedete. Einfach ein netter Kerl und es kommt nicht von ungefähr, dass man Handynummern tauschte und beidseitig eine latente Hoffnung für ein erneutes Treffen irgendwann entstand. Mit den besten Wünschen und dem Angebot für einen Spottpreis auch mal Langzeitgäste bei ihm zu sein, fuhren wir dann los.

Die allgemeine Richtung war natürlich der Flughafen. Der erste Halt indes dann ein Geothermalgebiet mit dem schönen Namen Seltún. Falls ihr euch fragt, ob es heute am letzten Tag trotzdem noch mal eine kleine Anekdote aus der Folklore Islands gibt – jap – und die kommt direkt hier.

Dampfende Kessel

Es ist nämlich so, dass vor langer Zeit in dem Gebiet rund um Seltún zwei Frauen lebten. Sie hießen Krýsa und Herdís. Manche sagen sie seien Schwestern gewesen, andere meinen sie waren Cousinen und manche denken, dass sie nicht verwandt waren. Es sind sich jedoch alle einig, dass beide Frauen sehr wohlhabend waren und Magie beherrschten.

Trotz ihres Reichtums beneideten die Frauen den Reichtum der anderen. Aus diesem Neid erwuchs eine Rivalität und immer wieder kam es vor, dass sie sich gegenseitig beschimpften. Eines Tages, im Gebiet von Seltún haben sie sich dann der Sage nach sehr gestritten. Sie belegten erst das Land der anderen und dann sich gegenseitig mit Flüchen. Man sagt, dass kurz darauf beide vor Ort starben. (Wie sollte es in einer isländischen Sage auch anders enden)

Ja und heute haben wir in Seltún dampfende Löcher mit Schwefel und Schlamm. Zumindest braucht es nicht viel Phantasie, wie die Isländer damals zu dieser Sage kamen.

Keine Pflanzen, keine Fische

Für uns war es ein schöner kleiner Rundweg. Es nieselte ein wenig, aber das war kaum der Rede wert. So Gebiete sind und bleiben beeindruckend. Ab und zu dreht der Wind und man steht mitten in einer müffelnden Wolke. Dann dreht der Wind wieder und man sieht roten und orangen Sand, der mit silbriger Flüssigkeit getränkt ist. Es hat ein bisschen was von einer Unterwelt. Wobei ich jetzt schon mal für mein Leben nach dem Tod anmerken möchte, dass ich es echt frech fände, wenn ich für die Unterwelt 7 Euro Parkgebühr zahlen muss. Aber wenn die Aussicht dort auch so hübsch ist, kann man sich vielleicht arrangieren.

Nett hier

Ein stückweit die Straße runter kamen wir dann zu unserer nächsten Aussichtssituation. Namentlich Krýsuvíkurbjarg, also die Klippen der Krýsu. Jap, das ist nach der gleichen Dame benannt, die wir eben schon in der Sage trafen. Laut Folklore kann man vor den Klippen übrigens keine gesunden Fische fangen, weil Herdís dazu mal einen Fluch aussprach.

Klippen der Krýsu

Aber Isländer sind ein sehr starkes Volk. Damals war das Leben noch härter und es überlebten auch nur die, die sich durchkämpfen konnten. In Teilen findet man diesen Geist auch heute noch. Denn wir haben tatsächlich an den Klippen keine Fische gesehen. Der Fluch mag also sogar stimmen. Dafür sahen wir aber Schafe!

Klippenschafe

Die Klippen sind ein echter Hingucker. Es geht steil nach unten, aber man kann recht gut sehen, wie die Wellen gegen die Wände schlagen. An den Felswänden saßen heute dazu noch unzählige Möwen und Schwalben. Wie im ganzen Urlaub waren wir auch hier völlig allein. Ein schöner Moment. In Berlin werden wir vermutlich außerhalb unserer Wohnung nicht so oft allein sein.

Steil ins Meer

Wobei wir ehrlicherweise heute gar nicht auf Berlin warten mussten, um dann auch mal wieder einen Parkplatz zu sehen, der recht voll war. Wir kamen beim Bremketill an und fanden erstmal 2-3 handvoll weiterer Autos. Man könnte fast meinen, dass Touristen diesen Ort kennen. Na gut, dann ist das jetzt unsere Vorbereitung auf die Rückkehr.

Es ist so, dass beim Bremketill der Atlantik pauschal schlechte Laune hat und deswegen seine Wellen recht hart an die Steine knallen lässt. Lava, die Zeit und eben jene Wellen wollten dann, dass dieser Ort ein wenig aussieht, wie eine Badewanne. Weil ich Folklore mag, erzähl ich euch auch hierzu noch einen Schwank.

wuchtige Wellen

Frisch gelerntes Wissen: Der Ort hieß nicht immer so. Früher nannten sie ihn Oddnýjarlaug – also Oddnýs Bad. Jetzt fragt ihr zu Recht: Wer ist denn Oddný? Die Antwort ist einfach. Oddný ist eine riesige Trollfrau.

Und da trolle nur abends oder nachts umherwandern können, da sie sonst zu Stein werden, ging Oddný eben abends zu diesem Ort um sich und ihre Wäsche zu waschen.

Ich mag diese Sage tatsächlich gern, weil sie regional einfach deshalb erzählt wurde, um Kindern zu vermitteln, dass man nicht zu nah an diese Becken gehen sollten. Es hat also eher den Charme, den man hierzulande von Märchen kennt.

Wenn man mal davor steht und sieht, wie die Wellen alles mitziehen, versteht man diese Gedanken. Es ist ehrlicherweise auch leicht vorstellbar, wie in der Dämmerung dort eine Trollfrau ihre Körperpflege betreibt und es ratsam ist, ihr nicht zu nahe zu kommen.

Bad mit Tageslicht

Wieder im Auto und noch ein Stück weiter, kamen wir dann zu Gunnuhver. Einem brodelnden Loch mitten an der Südküste. Hier steigt permanent irre viel Dampf auf. Ich glaube auch, dass ich schon mal die Sage der Gunnu erzählt habe. Die Kurzfassung ist, dass sie der Hexerei beschuldigt wurde und nun heute noch ab und an nachts tanzend am dampfenden Loch gesehen wird.

Der Ort ist aber insgesamt sehr spannend. Man sieht dieses riesige dampfende Loch. Dahinter ist ein gigantisches Kraftwerk in der Ferne zu sehen. Wenn man sich dreht, hat man einen einsamen Leuchtturm in der Distanz. Man kann problemlos eine Weile hier schlendern und wird genug sehen, was Deutschland so nicht hat.

Gunnus Dancefloor

Apropos Dinge, die Deutschland nicht hat. Wir waren dann auch noch bei der Brücke, die ja angeblich die Kontinentalplatten verbindet, es aber eigentlich gar nicht tut.

Einst fand ich den Ort langweilig und fairerweise ist es wirklich schwer dort ein atemberaubendes Bild zu machen. Es gibt auch keine nennenswerte Sage oder dergleichen. Es ist halt einfach eine Brücke, die zwei schwarze Hügel verbindet. Und selbst die bräuchte es nicht, weil man problemlos ein paar Meter weiter von einem Hügel auf den anderen gehen kann.

Mittlerweile hat die Brücke aber so einen Aspekt für mich gewonnen, dass wir hier gern am letzten Urlaubstag noch mal herkommen. Damals, im allerersten Urlaub, war es noch die erste Sehenswürdigkeit, die wir mitgenommen haben. Ein Ort also, der meine ganz eigene Urlaubssage startete. Heute eben ein schöner Ort, um noch mal kurz innezuhalten und dankbar zu sein, wie schön wir es schon so oft in Island hatten.

Brú

Es war so 13 oder 14 Uhr, als wir feststellten, dass wir alles gesehen haben, was wir heute sehen wollten. Es schien uns ein wenig zu früh, um direkt ins Flughafenhotel zu fahren. Wir beschlossen daher, dass wir in die Stadt Keflavík fahren und dort mal schauen, ob wir was passendes zum Essen finden. Quasi so als Abschlussessen und auch als Variante, damit wir nicht im Flughafenhotel dinnieren müssen.

Passenderweise ergab sich dadurch dann noch die Situation, dass ich einen weiteren Punkt auf meiner ToDo Liste abhaken konnte. Endlich habe ich mal an das Foto mit den Islandflaggen gedacht. Das hätte es im Urlaub vermutlich schon 100x zuvor geben können. Egal – hier ist es nun.

Posieren mit Flagge – check

Wir suchten uns ein Hotelrestaurant aus, was zumindest auf den Bildern ganz gut aussah. Dort angekommen war der erste Eindruck auch noch gut, sodass wir uns also an den Tisch setzten. Beim Blick in die Speisekarte fiel dann aber schnell auf: Es gibt kein Lamm und nicht das, was wir online vorher gesehen haben.

Wir sprachen mit dem Kellner und irgendwie empfahl er uns ein anderes Restaurant. Er war dabei durchaus nett. Scheint also vielleicht nicht das erste mal zu sein, dass Leute irritiert über die Karte waren. Sein Tipp war dann jedenfalls Gold wert.

Wir landeten in einem Restaurant, was richtig isländische Küche anbot. Das war richtig stark. Ich meine, ich hab Rinder Carpaccio als Vorspeise bestellt und dann Wal bekommen. Aber hey – geschmacklich eine sehr spannende Erfahrung und irgendwie ist es auch erst aufgefallen, als alles aufgegessen war.

Zum Hauptgang gab es dann das heiß ersehnte Lamm. Begleitet wurde das alles, von der vermutlich lustigsten Kellnerin des Urlaubs. Eine Isländerin und sie hatte zwischendurch wohl recht viel Mühe, sich von unserem Tisch zu lösen. Kennt ihr das, wenn man gleich mit jemanden eine gute Gesprächsenergie hat? Wir redeten über die Insel, die Jahreszeiten, Gott und die Welt. Sie war supernett und wir am Ende superhappy und sehr satt.

Ja und dann sind wir dort, wo dieser Beitrag anfing. Der Flughafen Keflavík hat mittlerweile viel Bekanntes für uns. Wenngleich man sich dann an vieles gewöhnt, der Abschied ist immer noch eine mulmige Sache.

Vorhin habe ich mit meiner Mama telefoniert und sie fragte schon, wann wir das nächste Mal herkommen. Eine berechtigte Frage. Leider aktuell noch ohne Antwort. Aber Island war wirklich gut zu uns. Wir sind dankbar über jeden Tag, den wir hier haben durften. Wir haben tolle Menschen kennengelernt und noch mehr schöne Orte.

Island ist eben doch Herzenssache. Wen wundert es da, dass ich den letzten Punkt der ToDo Liste mit „ganz Island“ beantworte? Die selbstgemachte Zeichnung des Ortes, der mir am besten gefällt… ja, das ist eben ganz Island.

Am Ende des Reisetagebuchs habe ich auch festgestellt, dass es täglich 20 bis 90 Leute gab, die sich das hier angeschaut haben. Das ist gelinde ausgedrückt völliger Wahnsinn in meinen Augen. Aber hey, Danke, dass ich dir Island und unsere Abenteuer zeigen durfte. Falls du selbst auch mal nach Island kommst, lass es mich gerne wissen.

In diesem Sinne – Danke und bis zum nächsten Mal

AufgabeBeweisfotoStatus
Ein Foto mit einem Schaf 2.022.05.2026
Grásteinn
erledigt
Jemanden Huckepack nehmen (meine Frau ausgeschlossen)31.05.2026
Gufufoss
erledigt
Eine coole Schattenfigur machen08.06.2026
Eyrarbakki
erledigt
Posieren mit einer Islandflagge09.06.2026
Keflavík
erledigt
Baue eine Eisskulptur06.06.2026
Eyrarbakki
erledigt
Umarme einmal Island (so gut es geht)29.05.2026
Tröllaskagi
erledigt
Verewige Murphy auf einem schmutzigen Auto25.05.2026
Dynjandi
erledigt
Mach einen Spaziergang, obwohl du eigentlich müde bist und Blog schreiben solltest02.06.2026
Stokksnes
erledigt
Ausschlafen!29.05.2026
Akureyri
erledigt
Sei einmal außerhalb des Badezimmers richtig nass26.05.2026
Hvammur
erledigt
Zeichne an einem Abend irgendwie den Lieblingsort des Tages09.06.2026
Keflavík
erledigt
Springe auf einem Regenbogen22.05.2026
Snæfellsnes
erledigt
Verschwinde im Dampf30.05.2026
Námafjall
erledigt
Hab ein typisch isländisches Frühstück04.06.2026
Fimmvörðuháls
erledigt
Warte geduldig auf einen Wal26.05.2026
Skötufjörður
erledigt
Gönn dir Lakritzeis02.06.2026
Egilsstaðir
erledigt
Halte einen „Warum tue ich mir das an?“ Moment fest08.06.2026
Þjófafoss
erledigt
Einen neuen Freund finden21.05.2026
Hafen von Borgarnes
erledigt
Schreibe eine isländische Saga24.05.2026
Rauðasandur
erledigt
Errichte ein Elfenhaus24.05.2026
Rauðasandur
erledigt

Habe die Ehre
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Eine Antwort zu „Herzenssache“
  1. Avatar von haraldboettger

    Gute Wiedereingliederung im vollen Berlin. Über deinen Blog bekomme ich ja ab und an Vorschläge für andere Blogs, sogar für einen Blog der kurz vor euch in Island war. Und es ist unglaublich, es gibt Island tatsächlich in BLAU. Also himmelstechnisch. Man muss da scheinbar nicht dauernd im Regen unterwegs sein. Gibs zu, ihr wollt das so. So wie im Blog https://nimmhinundweg.com beschrieben würde euch nicht gefallen, das wäre nicht euer Island. Na egal, wir sind euch wieder gern gefolgt, warten noch auf die Ansichtskarte und freuen uns auf euren nächsten Besuch. Vielleicht sehen wir uns ja mal Anfang September in Berlin. Martina weiß Bescheid 🙂 LG die Böttgers vom See

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