Perspektivwechsel

Unterschiede machen Unterschiede

Mein erster Gedanke für den einleitenden Satz war: „Lasst mich Euch auf eine Reise mitnehmen.“ Was einerseits ein sehr ausgelutschter Satz ist und andererseits auch etwas eigenartiges hat, wenn man an Tag 19 eines Reisetagebuches ist. Ich würde mich daher vielleicht lieber wieder auf das mehr oder minder Wesentliche konzentrieren und vom Tag erzählen.

Der heutige Tag begann nämlich schon mal anders, als die meisten Tage zuvor. Gestern Abend ging es mir ehrlicherweise nur so bedingt gut. Ich war nicht nur sprichwörtlich übermüdet, sondern tatsächlich körperlich etwas mitgenommen. Schwindelgefühl, Kopfschmerzen, das volle Programm. Wer hätte auch ahnen können, dass ein Tag mit ein paar Pizzabrötchen, Energydrinks und etwa 37 Stunden Action ohne jeglichen Ausgleich, schlecht für einen alten Mann wie mich sind. Ich weiß, ich bin genauso schockiert wie ihr. In was für einer Welt leben wir, wo man ausschlafen muss und sich gesund ernähren sollte?!

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich ins Bett ging, aber es muss so um 23 Uhr rum gewesen sein. Zwischendurch rief mich mal die Natur, aber so richtig die Augen auf passierte dann erst gegen 10 Uhr morgens wieder. Für meine Verhältnisse ist das schon die Schlafmenge für mindestens 2-3 Nächte. Ich war nicht nur ausgeruht, ich hatte auch richtig Kraft für den Tag. Dieses Ausschlafen, von dem ich schon so viel gehört habe, hat also scheinbar auch Vorteile. Vielleicht setzt es sich irgendwann doch noch mal richtig bei mir durch.

Für unsere Verhältnisse war der Tag damit eigentlich schon im vollen Gange, während wir noch nicht mal im Auto saßen. Ungewohnt, aber überhaupt nicht schlimm. Frohes Mutes fuhren wir eben einfach später los. Das Ziel sollte der Þjófafoss sein. Der ist ein bisschen mehr als eine Stunde von uns entfernt, aber touristisch eher unerschlossen und daher für uns hochgradig interessant.

Offiziell sollte heute das Wetter eher durchwachsen werden, aber als wir beim Þjófafoss ankamen, schien tatsächlich sogar mal kurz die Sonne. Grund genug, dass ich mir dachte „ach, egal…“ und die Drohne auspackte. Wenn der Regen doch kommt, werde ich es schon früh genug merken. Der Regen kam gar nicht. Dafür habe ich nun ein paar spektakuläre Luftaufnahmen.

einmalige Aussicht

Die Drohne erlaubte mir einen faszinierenden Blick auf den Wasserfall sowie die Vulkane im Hintergrund. Zu meiner Freude war das Wasser auch wieder so schön türkis. Wir haben dieses Jahr echt Glück. Das Wasser kann je nachdem, wann die Schneeschmelze begann auch eher schlammig aussehen. Das macht so einen Wasserfall zwar auch nicht weniger imposant, aber in türkisblau wirkt es schon noch mal schöner. Ansonsten liebe ich es bei der Drohne, wenn man einfach mal direkt über dem Wasserfall schwebt.

Perspektivwechsel

Es ist eine Perspektive, die man im Normalfall wohl niemals mit dem bloßen Augen bekommen kann. Auf einem Foto gewinnt es dann meiner Meinung nach auch diesen hypnotischen Effekt. Man weiß gar nicht so genau, von wo nach wo das Wasser sich bewegen wollte. Im Video verschmilzt die Wahrnehmung auch schnell und man kann sich dabei ertappen, dass die Bewegungen gar nicht mehr klar sind. Geht es eigentlich nach oben oder unten? Ich schweife ab. Ihr seht, ich bin Fan von manchen Drohnenaufnahmen.

Vielleicht nicht so pompös und auch nicht so offensichtlich, fiel mir vor Ort aber auch noch auf, dass es vereinzelte Moose gab, die gerade blühen. Das war irgendwie schön. Man steht da in einer Steinwüste. Um einen nur erkaltete Lava, Schotter und Findlinge und dann gibt es einen kleinen rosa Farbklecks.

Farbenfroh

Ja, in Island gibt es schon immer etwas zu entdecken. Manchmal erschlägt es einen und manchmal ist es das Detail. Ehrlicherweise schließt das eine das andere nicht aus. Ich würde erneut eine Lanze dafür brechen, dass man sich überall ausreichend Zeit nimmt. Man kann hier absolut darauf vertrauen, dass es immer etwas zu sehen gibt.

Meine Frau fand bei ihrer Planung für den Tag, dass es gar nicht weit weg noch einen Wasserfall geben sollte. Der gehört sogar in die Kategorie „haben wir noch nie gesehen“ und war allein deshalb heute noch mal ein Highlight.

Der Weg dahin sollte sich für mich indes als schwierig aus anderen Gründen erweisen. Meine Frau war kurz mal Königin von Quatschistan und beschloss in diesem Zustand dann ihr Tuch zum trocknen der Kameraobjektive als Kopfschmuck zu verwenden und… ja… immerhin habe ich jetzt mein Bild für den Punkt der ToDo Liste „Warum tue ich mir das an“.

ein bisschen witzig war es schon… 😛

Etwa 20 Minuten später standen wir beim Fossabrekkur. Eine Stromschnelle mit vielen kleinen Kaskaden. Instinktiv taten wir das, was wir in so einem Fall immer tun. Die eine Gehirnhälfte staunt und freut sich, die andere macht erstmal die Kamera an. Ich startete außerdem gleich wieder die Drohne. Wenn es schon trocken ist, so dachte ich, dann kann man das auch nutzen. Was soll schon passieren?

schön hübsch

Mit der Drohne passiert gar nichts. Mit uns dafür umso mehr. Ich bin unsicher ob wir den Gott der Fliegen irgendwie beleidigt haben oder heute einfach besonders attraktiv für Insekten mit Flügeln waren. Es dauerte keine 2 Minuten und wir waren regelrecht umhüllt von Fliegen und Mücken. Sie flogen uns in die Augen, Ohren, Haare… überall hin. Es war furchtbar nervig. Da half es auch nicht, dass der Wasserlauf eigentlich sehr hübsch ist. Wir mussten da weg. Man erkennt es leider nicht so gut, aber jeder schwarze Punkt auf dem folgenden Bild ist irgendein nerviges Fliegevieh.

Fliegeviecherfoss

Der gesamte Urlaub stand ja mehrheitlich unter dem Motto, dass wir Dinge machen, die wir noch nie zuvor gemacht haben. Ich hatte auch noch nie so einen elektrischen Tennisschläger bei einem Wasserfall. Ich sage nur – es gibt noch Ideen für die ToDo Liste des nächsten Urlaub.

Nachdem wir ins Auto geflüchtet waren, kam die Frage auf, was wir noch mit dem Tag machen wollen. Dann schlug meine Frau für mich völlig überraschend vor, dass wir mal zur Ostseite des Gullfoss fahren könnten.

Kurzer Abholer dazu: Der Gullfoss hat im Westen alles für Touristen. Ein Besucherzentrum, Parkplätze und Aussichtsplattformen und vieles mehr. Auf der Ostseite gibt es nichts davon. Der Bereich wird im wesentlichen der Natur überlassen. Doch wir sahen schon mal, dass dort Menschen langlaufen. Irgendeinen Weg musste es also geben. Es war gestern, als ich einen Trail fand und meiner Frau zeigte. Da wir beide eher Sicherheit mögen, ist es ein stückweit schwierig Begeisterung zu entfachen, wenn Wege wahlweise nicht einsehbar sind oder gänzlich unpassierbar anmuten. Für den Trail fanden wir letztlich keine seriöse Grundlage und von daher… schwierig.

Aber da waren wir nun. Von Fliegen gejagt und mit einem halben Tag zur Verfügung. Also warum nicht? Wir einigten uns darauf, dass wir mal schauen, wie weit wir kommen. Es ist für den Kopf schon auch ok, wenn man so eine Fahrt beginnt und sich friedlich damit arrangiert, dass es vielleicht nicht erfolgreich endet. Immerhin hat man für den Weg die Spannung. Und der Weg sollte den Abenteuermodus auf jeden Fall aktivieren.

Irgendwann verlässt man den Asphalt und ist auf Schotter, soweit kein Problem. Der Schotter wird ein bisschen rauer, ist aber noch fahrbar. Also immer noch kein Problem. Dann steht man irgendwann auf einem Weg und liest ein Schild.

Warnung!

Es beruhigt erstaunlich wenig, wenn man in neongelb mit riesigen Ausrufezeichen liest „Wenn du weiterfährst, kann es schon echt lange dauern, bis dich jemand findet, falls etwas passiert.“ Psychologisch also eher ein Moment zum Schlucken. Doch wir fuhren weiter. Ehrlicherweise war es dann gar nicht so schlimm. Ich würde vielleicht nicht mit einem Stadtauto dorthin fahren. Ein handelsüblicher SUV kriegt das aber durchaus hin. Einen 4×4 Antrieb haben wir nicht gebraucht.

Am Ende der „Straße“ ist dann ein kleiner Parkplatz und man darf via einer kleinen Trittleiter über einen Zaun klettern. Ab hier sind es dann noch mal vielleicht 15 Minuten durch die Landschaft. Auch hier dachte ich, dass uns Gefahren und Herausforderungen begegnen werden. Nichts dergleichen geschah. Es ist ein Trampelpfad und zum Ende hin wurde es unmöglich zu sagen, wo genau man eigentlich langgehen sollte. Da man aber dort auch schon die Gischt des Wasserfalls sah, konnte man immer zumindest die allgemeine Richtung ganz gut abschätzen.

Auf den letzten Metern zum Wasserfall musste ich noch daran denken, was ich meiner Frau auf der Fahrt sagte. „Ich glaube, dass der Ausblick gar nicht so cool ist und man von den Plattformen auf der anderen Seite die bessere Sicht hat.“ Was für ein Narr ich doch war.

Gullfoss austur

Man kann viel besser sehen, wie der Gullfoss in die Tiefe stürzt. Es war, als würde man einen völlig anderen Wasserfall sehen. Einen Wasserfall, der viel mehr Ehrfurcht einfordert, als der touristische Wasserfall, den man an gleicher Stelle von der anderen Seite sieht. Ich stand mit offenem Mund da, als würde mir ein Chromosom fehlen und wiederholte immerzu und „wow….“

Mit Regenbogen

Der Wettergott meinte es dann auch gut mit uns. Gerade als wir dort waren, kam die Sonne noch mal durch. Zwar war es schon ordentlich windig, aber wir sahen nun auch einen Regenbogen und insgesamt ist es natürlich auch alles freundlicher, wenn die Sonne scheint.

Mit der Zeit wurde es dann nicht nur von den Temperaturen schön warm. Wir wurden auch warm mit der Situation. Wir standen am Namensgeber des Golden Circle und haben es geschafft, auf der Seite des Wasserfalls zu sein, auf der sonst niemand ist. Während im Westen die Reisebusse standen und dutzende Besucher die Aussichtsplattformen fluteten, lag ich auf einem kleinen Hügel aus Gras und getrockneten Pflanzen und hätte wohl kaum mehr Glück spüren können. Einfach Wahnsinn!

Glück

Die Fahrt hierhin, die Wanderung, das war schon alles aufregend. Doch hier zu sein, war eine prägende Erfahrung. Doch so langsam sahen wir, wie die dunklen Wolken vom Horizont immer näher rückten. Es wurde daher Zeit für uns, langsam wieder zu gehen.

Tschüss Gullfoss

Auf dem Rückweg fand meine Frau dann noch zwischen Milliarden kleinen Steinen auf einmal diesen kleinen Stein. Ich will sagen, wer auch immer dich dort hingelegt hat: Vielen Dank. Wir haben uns sehr gefreut und haben ihn nach unserer Freude für die nächsten platziert. Auf dass er wieder Freude bringen möge.

Knuffelig

Kaum das wir dann im Auto saßen, konnten wir die ersten Tropfen auf der Windschutzscheibe entdecken. Perfektes Timing. Wir kamen noch gut von der Holperstraße runter und dann brach die Wolke über uns richtig auf.

Wir wollten aber nun auch nur noch zurück nach Eyrarbakki. Von daher durfte es draußen soviel regnen, wie es will. Das tat es auch, bis ungefähr 5 Minuten vor unserer Ankunft. Wir beschlossen, dass wir unseren letzten Abend hier im Dorf noch im Restaurant essen gehen. Dort kamen wir direkt mit der Besitzerin ins Gespräch.

Außer uns war niemand da und ich traute mich dann auch mal wieder auf isländisch zu bestellen. Sie erzählte uns von ihren Erfahrungen mit angetrunkenen Isländern und wie gut die dann isländisch sprechen. Wir erfuhren auch ein bisschen was über ihr Leben hier. Das war schon sehr cool. Ein Abend mit schönen Plaudereien und gutem Essen hat den Tag auf jeden Fall abgerundet.

Vorhin haben wir dann auch noch mal kurz mit unserem Gastgeber gesprochen. Wir sind jetzt per WhatsApp und Instagram in Kontakt. Falls wir mal länger hier sein möchten, vielleicht auch im Winter, macht er uns ein gutes Angebot. Ich glaube ja, er hofft auch darauf, dass wir ihm mit dem Aufbau des Cafés helfen. Wer weiß. Vielleicht machen wir das ja sogar mal.

Morgen ist dann der letzte volle Tag. Wir werden abends schon in Keflavík sein und am Flughafen übernachten. Bislang haben wir noch keinen festen Plan, was sonst noch auf dem Programm steht. Das Wetter soll wieder etwas blöder sein. Aber bislang hat uns das im Urlaub gar nicht gestört. Ich bin daher zuversichtlich, das der morgige Tag auch wieder mit einem Lächeln enden wird.

In diesem Sinne

AufgabeBeweisfotoStatus
Ein Foto mit einem Schaf 2.022.05.2026
Grásteinn
erledigt
Jemanden Huckepack nehmen (meine Frau ausgeschlossen)31.05.2026
Gufufoss
erledigt
Eine coole Schattenfigur machen08.06.2026
Eyrarbakki
erledigt
Posieren mit einer Islandflagge
Baue eine Eisskulptur06.06.2026
Eyrarbakki
erledigt
Umarme einmal Island (so gut es geht)29.05.2026
Tröllaskagi
erledigt
Verewige Murphy auf einem schmutzigen Auto25.05.2026
Dynjandi
erledigt
Mach einen Spaziergang, obwohl du eigentlich müde bist und Blog schreiben solltest02.06.2026
Stokksnes
erledigt
Ausschlafen!29.05.2026
Akureyri
erledigt
Sei einmal außerhalb des Badezimmers richtig nass26.05.2026
Hvammur
erledigt
Zeichne an einem Abend irgendwie den Lieblingsort des Tages
Springe auf einem Regenbogen22.05.2026
Snæfellsnes
erledigt
Verschwinde im Dampf30.05.2026
Námafjall
erledigt
Hab ein typisch isländisches Frühstück04.06.2026
Fimmvörðuháls
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Warte geduldig auf einen Wal26.05.2026
Skötufjörður
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Gönn dir Lakritzeis02.06.2026
Egilsstaðir
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Halte einen „Warum tue ich mir das an?“ Moment fest08.06.2026
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Einen neuen Freund finden21.05.2026
Hafen von Borgarnes
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Schreibe eine isländische Saga24.05.2026
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Errichte ein Elfenhaus24.05.2026
Rauðasandur
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Habe die Ehre
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