Akzeptanz – Irritation – Akzeptanz
Manchmal frage ich mich, ob unsere Einstellung zu Island bereits zu romantisch ist oder ob man im Urlaub generell dazu neigt, Dinge zu akzeptieren, die einem sonst vielleicht irritieren würden oder gar schwer fallen. Gestern Abend stellten wir beispielsweise fest, dass das Cottage, in dem wir die Nacht verbringen wollten, wackelt, wenn der Wind stark weht und man gleichzeitig springt.
Wir springen generell jetzt nicht so irre viel, von daher erschien uns das auch gestern kein Problem. Aber was würde man in Deutschland machen, wenn die Unterkunft scheinbar nicht die 100% in der Statik schafft? Man hätte wohl mindestens ein komisches Bauchgefühl. Ich komme selbst jetzt im Nachgang nicht in irgendeine Sphäre, wo ein wackelndes Haus mich beunruhigt. Island entspannt mich offenkundig sehr.
Zum Part „Irritation“ sei gesagt, dass ich gerade beim SD Karten auslesen herausgefunden habe, was meine Frau gestern Abend mit meiner Kamera trieb. Sie ging zwischendurch mal kurz vor die Tür und freute sich sehr, als sie wieder reinkam. Man mag mich für einen schlechten Ehemann halten, aber wer meine Frau kennt weiß, dass das manchmal eben so passiert. So nahm ich auch gestern diesen Zustand kommentarlos hin, freute mich mit ihr und machte weiter meine Sachen. Heute sehe ich dann, dass ich ein mehrminütiges Video auf meiner Kamera habe, wie Lämmer eine Straße überqueren. Werde ich jemals irgendwas mit dem Video machen? Vermutlich nicht. Darf ich das Video löschen? Sehr sicher ist die Antwort hierzu ebenfalls nein.
Jedenfalls sitze ich jetzt in Akureyri, habe ein Lämmervideo gesehen und werde nach guten 400 Wörtern ohne nennenswerten Inhalte nun tatsächlich anfangen vom Tag zu berichten. Allerdings fällt mir das jetzt schon schwer, weil ich während ich hier sitze bereits eine gewisse emotionale Bindung zu einer Spinne aufgebaut habe, die hier außerhalb meines Fensters sitzt. Sie hat dort ein schönes Netz gespannt und bereits eine erste Fliege gefangen. Jede Fliege, die sie fängt, nervt mich nicht. Ich weiß um die Ängste, die Spinnen auslösen können. Gleichwohl bin ich in diesem Fall absolut „Team Spinne“. Ich denke, ich werde diese Spinne Freddy taufen. Go Freddy – schnapp dir alle Fliegen!
Nun aber wirklich. Der Tag begann im wackeligen Cottage und aus Gründen, die nur meine Frau kennt, war sie heute früh voller Energie, während ich damit kämpfte irgendwie Antrieb zu finden. Island war verlockend, aber das Bett war viel näher dran. Ich mag immer gern früh an Wasserfällen sein, aber warum muss das eigentlich ohne Bett sein? Urlaub ist manchmal unfair.
Fein, dann stehe ich eben auf und helfe mit das Auto zu beladen. Was tut man nicht alles, um seinen eigenen Wünschen gerecht zu werden. Bei der Gelegenheit möchte ich sagen, dass wir vor einer Woche einen weißen Wagen von der Mietwagenfirma bekommen haben. Mittlerweile ist der Farbton ein geologisches Zeugnis für alle Gebiete Islands. Eines Tages werden Forscher bestimmt unter den Sedimentschichten sogar das Nummernschild wieder entdecken. Mich stört so ein bisschen Schmutz am Auto meistens nicht. Wobei es schon schade ist, dass die Rückfahrkamera mittlerweile nur noch schwarz durch den Dreck zeigt. Anderes Thema.
Der erste Stopp war dann sage und schreibe 10 Minuten entfernt. Fun Fact für die Island-Nerds hier im Blog (also vermutlich nur meine Frau): Es gibt in den Westfjorden auch einen Goðafoss. Während sein Namenszwilling an der Ringstraße eine richtige Berühmtheit ist, kennt vermutlich kaum jemand den Goðafoss der Westfjorde. Gut für uns, schade für den Wasserfall.

Denn ich muss sagen, der Wasserfall war schon sehr hübsch. Gut, ich sage das vermutlich über die meisten Wasserfälle. Aber hier kam noch dazu, dass der folgende Fluss so schön von Basaltsäulen eingerahmt war. Es erinnerte mich ein bisschen an eine Klamm im deutsch / österreichischen Gebiet. Vielleicht vergleichbar mit der Partnachklamm? Das Wasser dort habe ich auch so strahlend blau und eiskalt in Erinnerung.
Wie mittlerweile schon fast obligatorisch, waren wir ganz allein auf der Welt und konnten uns nach Belieben austoben. Während meine Frau also neue Wege erkundete, flog ich mit der Drohne ein bisschen umher. Dabei stellte ich fest, dass ich zwar bereits seit ein paar Jahren „Drohnenpilot“ bin, aber immer noch gewisse Ängste spüre. Die Schlucht des Goðafoss ist locker 5-6m breit. Man kann theoretisch also mühelos hindurch fliegen. Ich tat das auch – bis auf den Part, wo das mühelos war. Ich hatte mehrfache Schweißausbrüche. Doch am Ende wurde ich immerhin mit ein paar coolen Aufnahmen belohnt.

Heute war es dann so, dass es gern mal unabhängig von der Anwesenheit der Sonne anfing zu regnen. So geschah es auch heute morgen, dass das Wetter zwar eigentlich gut aussah, aber dann doch so richtig schöne dicke Kullertropfen Regen runterkamen.
Kennt ihr diesen richtig schönen Geruch von frischem Regen? Das ganze Land roch heute immer wieder danach. Neben den optischen Highlights bedient Island nun also auch meine Nase.
Wir fuhren dann vom Goðafoss langsam aber sicher los und kamen circa eine halbe Stunde weit, bis sich mein Magen meldete und anmerkte, dass Frühstück eine gute Idee wäre. So standen wir dann auf einem Parkplatz am Straßenrand. Zu meiner linken das große weite Meer, zu meiner rechten ein kleiner Wasserfall.
Ja, ich habe auch ein Herz für kleine Wasserfälle. Natürlich gibt es hier Wasserfälle, die Millionen Klicks auf Youtube generieren. Ein Superlativ, der den nächsten jagt. Doch muss es denn immer höher, schneller, weiter sein? Ich denke wir sind uns einig, dass man manchmal auch die kleinen Dinge genießen kann. Deswegen ehren wir heute zum Frühstück einen bis dato namenlosen Wasserfall. Ich habe ihn seit eben liebevoll Pieselfoss genannt.

Der Pieselfoss ist offensichtlich eher klein. Tatsächlich mag es in jeder Kleingartenanlage diesen einen Bungalow mit kaputter Regenrinne geben, wo mehr Wasser fällt. Aber heute früh, so neben Brot mit Käse und einem Hotdog, war der Pieselfoss der schönste Ort der Welt.
Gerade musste ich noch mal nachschauen, wie die korrekte Schreibweise unseres nächsten Halts ist. Es ging zum Kolugljúfur, einem wirklich schönem Wasserfall, der dann durch einen Canyon läuft und ich lese gerade bei Google, dass er aktuell geschlossen hat und am Donnerstag um 10 Uhr wieder öffnet. Vielleicht muss jemand Wasser sparen? Wer weiß.

Zu dem Canyon kann ich übrigens auch eine Geschichte erzählen. Heute nicht in Reimform und heute auch nicht von mir. Das Internet hat mir mal beigebracht, dass der Canyon nach Kola benannt wurde. Einer Frau, die dort früher gelebt haben soll. Kola hatte die Gabe, dass sie Lachse mit den bloßen Händen fangen konnte. Wenn sie das tat, ging sie danach mit ihrem Fang zu einer nahe gelegenen heißen Quelle und kochte die Fische dort. Die restlichen Leute damals fanden das so beeindruckend, dass sie seither den Canyon nach ihr benannt haben.

Zwar habe ich heute niemanden Lachse fangen sehen, ich fände es aber per se auch sehr beeindruckend, wenn es dort jemand mit den Händen schafft. So insgesamt muss ich aber auch sagen, dass ich den Wasserfall auch so recht imposant fand. Das Licht wollte es, dass das Wasser recht dunkel und tief anmutete. Das gab dem ganzen noch etwas stürmisches und unheimliches. Dank meiner Frau und dem Weitwinkelobjektiv kommen wir jetzt auch in den Genuss, dass wir den gesamten Wasserfall inklusive Stromschnellen auf einem Foto haben.

Auch hier mussten wir dann im Wechselbad der Sonne- und Regenkonstellation irgendwann einsehen, dass die Tropfen mehr und größer wurden. Da wir aber ohnehin bereits zufrieden mit unserer Fotoausbeute waren, fuhren wir erstmal weiter.
Es war nun bereits Mittagszeit. Wenn wir hier in der Ecke von Hvammstangi sind, haben wir sonst im North West Hotel & Restaurant übernachtet. In diesem Urlaub fahren wir direkt weiter nach Akureyri. Das hinderte uns aber nicht daran, dass wir wenigstens im Restaurant Mittag essen gehen wollten.
Mittlerweile habe ich die Erkenntnis gewonnen, dass es neben Lamm noch ein weiteres traditionelles isländisches Essen gibt. Die Rede ist natürlich von Brotsticks mit Tomatensauce. Meistens sind sie ölig aufgebacken mit reichlich Oregano, Knoblauch und Parmesan. Ich weiß nicht warum, aber es gibt sie gefühlt in jedem Restaurant und sie sind immer extrem lecker.
Während wir dort im Restaurant saßen, hatten wir auch Gelegenheit mit dem Mann zu reden, der Besitzer, Koch und Kellner in Personalunion ist. Direkt am Hotel wurden gerade offensichtlich Bauarbeiten vorgenommen. Der Winter hatte einer Fensterscheibe nicht gut getan und diese musste nun getauscht werden.
In Deutschland würde man nun eine Fachkraft für Arbeitssicherheit erwarten, die das alles fachmännisch regelt. In Island standen dort 3-4 Leute und irgendwann klirrte es einfach sehr laut, weil die Fensterscheibe aus dem zweiten Stock den Gesetzen der Schwerkraft folgte und gen Boden flog. Wie eingangs gesagt, Irritation ist ein ständiger Begleiter.
Im Restaurant versuchten wir sogar noch ein paar Sätze isländisch zu sprechen. Das klappte anfangs ganz gut. Blöderweise konnte der Besitzer scheinbar nicht widerstehen und antwortete dann auch so, wie er eben normal im Alltag reden würde. Also schnell und mit vielen Wörtern. So standen wir dann da und lächelten. Er hat uns trotzdem für unser isländisch gelobt.
Vollgefressen fanden wir uns im Auto wieder und starteten dann die nächste Episode von „Blauer Himmel, Sonnenschein und gleichzeitig Regen“. Wir fuhren circa eine Stunde bis zum Reykjafoss. Eine schöne Gelegenheit für einen kleinen Spaziergang.

Der Wasserfall liegt auf einem Privatgrundstück. Man darf aber gegen eine kleine Parkgebühr (1500 isländische Kronen) auf dem Gelände spazieren.
Wie gesagt, habe ich den Spaziergang ehrlicherweise gern mitgenommen. Nach einer Woche Island und bereits gut 2.000km auf der Uhr, nehme ich nach 4 Stunden im Auto jede Gelegenheit zum Beine vertreten dankend mit. Was mich aber dann so ein bisschen irritierte war, dass der Bezahlvorgang etwas eigenartig ablief.
Wir scannten einen QR Code und kamen auf eine Website, wie wir sie in Island schon zigfach gesehen hatten. Im Grunde steht immer nur da, wie der Ort heißt und dann soll man auch schon seine Kreditkarte zücken. Das tat ich auch. Dann passiert das, was eben immer passiert: Bei Visa und Mastercard darf man ja dann noch mal per App bestätigen, dass man wirklich gerade etwas bezahlen möchte. Auch das tat ich. In der App las ich dann „Zahlung bestätigt“. Auf der Website des Parkplatzes blieb es allerdings bei Schritt 2 von 4 stehen und machte einfach nichts mehr. Ich bin recht zuversichtlich, dass mein Geld so oder so weg sein wird. Trotzdem möchte mein deutsches Herz, dass so ein Zahlvorgang ordnungsgemäß dokumentiert wird. Naja, man kann ja nicht alles haben.
Auf der Zielgeraden nach Akureyri haben wir dann noch auf einem Parkplatz gehalten. Wieder schien die Sonne, wieder regnete es. Der Wettergott in Island scheint betrunken zu sein oder sehr launisch. Schon mal als Ausblick: Morgen sollen 5°C werden und es soll schneien. Wie auch immer das dann funktioniert.
Na jedenfalls waren wir auf dem Parkplatz und schauten erneut in einen kleinen Canyon, den die Gewässer aus dem Hochland erzeugten. Im Grunde auch nur wieder ein Stopp, damit man sich die Beine vertritt. Aber auch wenn es jetzt nichts einzelnes hervorzuheben gibt, ist es dennoch immer wieder schön so Wasserläufe zu sehen.

Und dann waren wir in Akureyri. Seit einer Woche sahen wir zum ersten mal eine Ampel. Weil man in Akureyri weiß, dass die Leute Ampeln schon gar nicht mehr gewöhnt sind, machen sie die roten Lichter immer noch als Herzchen. Ich find’s schön.

Die Herzchen in den Ampeln kommen übrigens daher, dass man in Akureyri damals nach der Finanzkrise in Island (Anfang der 2000er Jahre) Zusammenhalt symbolisieren wollte. Mittlerweile prägen sie überall das Stadtbild, auch wenn das isländische Verkehrsamt da wohl eine andere Meinung hat. Letztes Jahr gab es in den Nachrichten mal Meldungen, dass die Herzen nicht den Verkehrsnormen entsprechen und eigentlich zurückgebaut werden müssen. Bislang sind sie aber da und wie gesagt, ich find sie schön.
Dann landeten wir in unserer Unterkunft. Wir blicken auf die Stadt, neben mir sitzt immer noch Freddy die Spinne (mittlerweile mit einer zweiten Fliege im Netz) und vor unserer Terrasse läuft ein kleiner Bach entlang. Es ist herrlich.
Wäre da nicht der launische Wettergott mit seinen Eigenarten. Akureyri ist als Hauptstadt des Nordens zwar selbst recht gut auf Wind und Wetter vorbereitet. Die umliegenden Täler und Fjorde können das aber nur bedingt von sich behaupten. Falls es also wirklich schneit, dann müssen wir erstmal schauen, ob und wenn ja wie viel wir morgen unternehmen können. Der Plan sieht bislang so aus, dass wir einfach mal schauen, wie es morgen aussieht und dann findet sich schon was. Notfalls liegen auch schon die ersten Postkarten bereit. Langweilig wird uns also sicher nicht.
In diesem Sinne ich werde wieder berichten
| Aufgabe | Beweisfoto | Status |
| Ein Foto mit einem Schaf 2.0 | ![]() | 22.05.2026 Grásteinn erledigt |
| Jemanden Huckepack nehmen (meine Frau ausgeschlossen) | ||
| Eine coole Schattenfigur machen | ||
| Posieren mit einer Islandflagge | ||
| Baue eine Eisskulptur | ||
| Umarme einmal Island (so gut es geht) | ||
| Verewige Murphy auf einem schmutzigen Auto | ![]() | 25.05.2026 Dynjandi erledigt |
| Mach einen Spaziergang, obwohl du eigentlich müde bist und Blog schreiben solltest | ||
| Ausschlafen! | ||
| Sei einmal außerhalb des Badezimmers richtig nass | ![]() | 26.05.2026 Hvammur erledigt |
| Zeichne an einem Abend irgendwie den Lieblingsort des Tages | ||
| Springe auf einem Regenbogen | ![]() | 22.05.2026 Snæfellsnes erledigt |
| Verschwinde im Dampf | ||
| Hab ein typisch isländisches Frühstück | ||
| Warte geduldig auf einen Wal | ![]() | 26.05.2026 Skötufjörður erledigt |
| Gönn dir Lakritzeis | ||
| Halte einen „Warum tue ich mir das an?“ Moment fest | ||
| Einen neuen Freund finden | ![]() | 21.05.2026 Hafen von Borgarnes erledigt |
| Schreibe eine isländische Saga | ![]() | 24.05.2026 Rauðasandur erledigt |
| Errichte ein Elfenhaus | ![]() | 24.05.2026 Rauðasandur erledigt |
Habe die Ehre
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