Routinierte Routine

Diese verdammten Reifen

Es ist so, dass ich meiner Frau schon durch den Ring am Finger gewisse Versprechungen gemacht habe. Bis das der Tod uns scheidet, in guten wie in schlechten Zeiten und beiläufig gehört in die Kategorie, dass ich niemals Spinnenfotos in meinen Blog oder irgendwo sonst hochlade, wo sie sie sehen könnte. In der Folge müssen wir auch heute ohne Bild von Freddy auskommen.

Doch meine lieben Leser:innen: Freddy kam gestern Abend noch mal vorbei. Ich dachte, er sei mit Agatha durchgebrannt und vielleicht ist dem auch so. Aber kaum, dass ich hier auf „veröffentlichen“ drückte, hing er vorm Fenster, als wolle er sagen: „Ich mag eine Spinne sein, aber du spinnst, dass du denkst, ich würde mich nicht verabschieden“. So winkte er mit mehreren Beinen und mein Herz konnte doch noch Frieden mit dem Gedanken finden, dass nicht nur ich emotional an Freddy hing, sondern er auch an mir. Heute früh war Freddy dann tatsächlich weg. Aber da auch Agatha weiterhin weg ist, gehen wir mal davon aus, dass sie irgendwo einen schönen Ort für sich gefunden haben.

So schnell kann also aus einem Reisetagebuch eine Spinnen Seifenoper werden. Das habe ich auch nicht kommen sehen, aber hier sind wir nun.

Der heutige Tag war erwartungsgemäß auch wieder davon geprägt, dass Schneeflocken vergessen haben gen Boden zu fallen und stattdessen horizontal übers Land flogen. Ich starte dann also genau so, wie man es bei so einem Wetter am besten macht. Gar nicht.

Ich, irgendwann kurz vor 10 Uhr

Fairerweise habe ich jetzt nicht komplett durchgeschlafen. Aber ich lag bis kurz vor 10 Uhr im Bett. Dass ich zwei Tage in Folge zum Langschläfer mutiere, zeigt doch nur, dass Island wirklich einen prägenden Einfluss auf mich hat. Als kleinen Bonus habe ich Dank des tollen Daumen Fotos nun auch ein Bild, was ich in der ToDo Liste vermerken kann. Der Tag startet schon mal sehr gut.

Es folgt ein Frühstücksbrot und die Aussage meiner Frau, dass sie noch raus möchte. Wer nun denkt, dass ein Orkan und Schnee Gründe wären, um nicht rauszugehen, unterschätzt, wie lustig wir werden, wenn wir im Auto sitzen können und YMCA in der Playlist kommt.

Y M C A

Tatsächlich sind es etwa 5 Meter von der Haustür bis zum Auto gewesen. Als ich gerade an der Hauswand vorbei ging und ins offene Feld gelangte, stellte ich fest, dass 1,90m mit guten 100kg nicht reichen, um nicht vom Wind weggeweht zu werden. Es war schon sehr ambitioniertes Wetter. In Dokumentationen würde man wohl bei unserer Fahrt sowas einblenden wie „Bitte nicht nachmachen“.

Das Treiben war aber bei uns am Cottage auch dadurch verstärkt, dass wir hier am Hang eines Berges sind. Als wir auf der Hauptroute aus der Stadt raus waren, ging es vom Wetter her schon etwas besser. Zwar war es immer noch windig und schneite, aber wir fühlten uns doch insgesamt sehr sicher.

Der erste Stopp unserer heutigen Tour war dann handgestoppte 82 Sekunden nach unserer Abfahrt. Dabei schossen mir so Sätze durch den Kopf wie „…und täglich grüßt das Murmeltier“ oder „Alle guten Dinge sind drei… Reifen.“

Der Parkplatz, der einen phänomenalen Überblick über Akureyri bietet ist wirklich gleich neben unserem Cottage. Wir wollten den auf jeden Fall mitnehmen und meine Frau machte auch ein paar schöne Aufnahmen.

Akureyri von oben

Ich dagegen saß im Auto, starrte auf ein Interface, welches mir sagte „Reifendruck niedrig“. Vor zwei Jahren hatten wir einen Platten in den Westfjorden und mussten das Auto daher wegen einem Reifen wechseln. Letztes Jahr ging ein Sensor vom Reifen in unserem Mietwagen kaputt, wodurch wir permanent Fehlermeldungen sahen, dass der Reifendruck nicht ok ist. Und heute saß ich nun wieder hier. Gelbe Ausrufezeichen blinkten mir entgegen. Eine liebevolle Chatnachricht teilte mir mit, dass das Auto auch gern Service haben möchte. Und während ich diese tollen Anzeigen so sah, ging die Zahl für den Reifendruck langsam, aber beständig hoch. Bis sie letztlich wieder so war, wie die anderen drei Reifen. Die Fehlermeldungen blieben natürlich und übten scheinbar für Weihnachten ihren Blinkemodus.

Da wir aber eine gewisse Routine mit Reifen bei Mietwagen haben, beobachteten wir das ganze und beschlossen trotzdem erstmal weiter unser Ding zu machen.

Die Schlechtwetteralternativen in Island sind relativ limitiert. Dazu kommt, dass meine Frau und ich eher wenig mit Wellness und Shopping anfangen können. In der Folge heißt die Alternative bei so einem Wetter, dass wir einfach rumfahren, ohne viel auszusteigen. Unsere Fahrt sollte uns deshalb um die nördliche Halbinsel Tröllaskagi führen.

Das hat insofern auch viel Charme, weil es auf dem Papier hier wieder wenig einzelne Highlights gibt. Es gibt hier keine herausstechenden Wasserfälle oder spektakuläre Schluchten. Hier gilt eher das Konzept, dass alles schön ist und man immer etwas sieht, egal wo man hinsieht.

Am Straßenrand

Ist das nicht schön? Wir haben fast Juni und Island präsentiert uns schneebedeckte Berge und einen Anblick, bei dem man sich wohl fragen darf, warum die Wikinger es damals für eine gute Idee hielten, hier zu siedeln. Denn so schön das alles hier ist, wenn ich solche Berge sehe, ist mein erster Gedanke nicht „Hier bau ich bestimmt gut Kartoffeln an und lebe ganz bestimmt sorgenfrei“. Aber hey, ich bin auch kein Wikinger und wer weiß, vielleicht mochten Wikinger auch einfach die Herausforderung zwischen eisigen Bergen und verheerenden Vulkanen Boote zu bauen. Wir werden es nie erfahren und am Ende bin ich so oder so froh, dass sie sich hier niedergelassen haben.

Eine gewisse Routine war dann auch in der Folge nötig, als wir bei der Fahrt herausfanden, dass es auch hier auf der Halbinsel einspurige Tunnel gibt. Ich bin ja gern bemüht um diplomatische und ruhige Ausdrucksweisen. Aber heilige Kuka habe ich eine Abneigung gegen solche Tunnel. Aber gut. Wir sind jetzt hier und was wollen wir machen? Augen zu und durch!

Heute kam es dann auch wirklich dazu, dass ich artig fuhr und dann am Horizont des Tunnels zwei Lichter auf mich zukommen sah und dachte „die nächste Seitentasche ist meine“. Ja und dann stand mir direkt ein Auto gegenüber und der Fahrer war eher wenig begeistert, dass er 10m zurücksetzen musste, damit ich noch in die Seitentasche fahren kann und er an mir vorbeikommt.

Ich bin doch nicht der einzige, der Schwierigkeiten hat, an der Größe der Scheinwerfer zu erkennen, wie weit entfernt ein Auto noch ist, oder? Das ganze Konstrukt von einspurigen Tunneln ist echt nicht meins. Aber hey, wir haben es geschafft und wurden auf der anderen Seite des Tunnels einmal mehr mit wunderschönen Aussichten belohnt.

Héðinsfjörður

Als wir dann da waren, bekam ich auch das gute Gefühl, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der manchmal mehrere Gedanken gleichzeitig hat, die auch nicht unbedingt zusammen passen.

Stellt euch einen Parkplatz vor. Um euch herum sind schneebedeckte Berge. Der Wind pfeift eisig kalt in euer Gesicht und dennoch genießt ihr jeden Ausblick, sowie den Moment. Dann seht ihr am Rand des Parkplatzes insgesamt vier Infotafeln. Neugierig geht ihr zu ihnen und beginnt zu lesen. Auf der ersten Tafel steht: „Folgende Vogelarten sind hier auf den Wiesen zu finden..“ auf der zweiten Tafel steht „Dies ist der Ort für die größte Flugzeugkatastrophe Islands“ auf der dritten Tafel steht „Genießen Sie all unsere schönen Wanderwege“ und dazu gesellt sich eine Landkarte und auf der vierten Karte steht „Naturschutzgebiet, Sie sind hier auf eigene Gefahr – achten sie auf Lawinen“.

Es ist nicht überliefert, aber ich tendiere dazu, dass im Stadtrat von Héðinsfjörður exakt 4 Personen sitzen, die sich nicht einigen konnten, wie genau ihre Außenwirkung sein soll und weil sie aber alle nicht streiten wollten, haben sie einfach vier Schilder hingestellt. Sollte ich jemals nach Island ziehen, dann in diesen Fjord und ich werde mein eigenes fünftes Schild hinstellen! Vermutlich dann mit meinem Rezept für Kasseler!

Weil ich gerade bei Zielen bin: Es ergab sich dann auf der Rücktour der Moment, an dem ich einmal mehr an meine ToDo Liste denken musste. Dort gibt es noch den Punkt, dass ich einmal Island umarme.

Soweit die Arme reichen

Wie gesagt, manchmal vermengen sich bei mir auch mehrere Gedanken zu einer Situation. So sah ich diesen kleinen Berg von Eis und Schnee, dachte an die ToDo Liste, meine Frau fand den Hintergrund schön und ich höre sie noch sagen „Nein, nicht hinlegen“, aber ihr seht selbst, wie gut das geklappt hat. Ich denke, ich habe mir das Abhaken dieses Punktes auf jeden Fall wohlverdient.

Mit so einem Erfolgserlebnis im Rücken und etwas Schnee am Bauch fühlte ich mich dann souverän genug, um bei Europcar mal anzurufen und zu fragen, ob wir einen Weg finden, dass unser Auto nicht mehr über Reifen meckert. Nennt mich altmodisch, aber ich mag einfach keine penetranten Fehlermeldungen, die mich ununterbrochen darauf hinweisen, dass alles kaputt ist.

Eigentlich offensichtlich mussten wir dann lernen, dass man via Telefon so Probleme schlecht lösen kann. Wir planten dann also noch einen zusätzlichen Abstecher zu Europcar in Akureyri.

Doch davor haben wir am Straßenrand noch einen Wasserfall entdeckt. Man sieht ihn kaum und muss erstmal dran vorbeifahren, um zu merken, dass es sich doch gelohnt hätte anzuhalten.

Mígandifoss

Wir fuhren auf einen kleinen Parkplatz und schauten uns auch diesen Wasserfall an. Übrigens wieder ein Punkt für die Liste „Dinge, die wir das erste mal sehen und machen“.

Auf dem Parkplatz hörte ich dann ein bekanntes Geräusch. Irgendwo in der Luft war eine Drohne unterwegs. Da außer uns nur exakt ein anderes Auto dort war, hatte ich einen Verdacht, wer die Drohne wohl steuern wird. Neugierig wie ich bin, ging ich zum Auto und fragte, ob ich mal einen Blick auf die Bilder werfen dürfte

Josh, ein netter Kerl, zeigte mir seine Aufnahmen. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte uns, dass er Park Ranger in der Gletscherlagune Jökulsárlón ist. Außerdem betreibt er als Hobby einen Youtube Kanal über Island. Das fand ich insofern witzig, weil ich den Kanal tatsächlich gut kenne. Die ein oder andere Inspiration für einen Ausflug habe ich unter anderem dort auch gesehen. Es heißt ja eigentlich „Triff niemals deine Helden“. Das Plaudern mit ihm und der ganze Aufenthalt auf dem Parkplatz waren aber doch sehr schön. Falls ihr mal seine Videos anschauen mögt, verlinke ich gern mal seinen Kanal: https://www.youtube.com/@VividIceland

Dann ging es für uns nach Akureyri und den schmerzlich bekannten Weg zu Europcar. Dort erklärte ich dann, dass das Auto zwar sicherlich fahrtüchtig sei, aber die konstante Fehlermeldung doch ein wenig das Gesamtbild trübt. Das Ergebnis eines kurzen Gesprächs war, dass man es in der Filiale jetzt auch nicht ändern kann, aber so 600m weiter ist eine Werkstatt und die helfen uns kostenlos weiter.

Also gut, wieder ins Auto und zur Werkstatt gefahren. Dort fanden wir einen jungen Mann vor, der irgendwie einerseits sehr sympathisch war und gleichzeitig wirkte er so charmant unsicher, dass er mit Menschen reden muss. Es war schon etwas knuffig, zumal er optisch problemlos auch als Wikinger durchgegangen wäre.

Er fuhr unser Auto in die Werkstatt, bastelte an den Rädern und kam keine 5 Minuten später zurück und erklärte, was Europcar wohl mal beim Reifen wechseln falsch gemacht hat und wie er es jetzt korrigiert hat. Er wollte weder Geld, noch eine Unterschrift noch irgendwas. Wir bedankten uns und wie von Zauberhand, war die Fehlermeldung verschwunden.

Ich bin durchaus dankbar, dass wir das Auto nicht tauschen mussten. Fairerweise haben wir bei allen Zwischenfällen immer gute Erfahrungen gemacht. Entweder hat man uns ein größeres Auto gegeben oder den Wagenwechsel wirklich sehr sehr einfach für uns gehalten. Trotzdem ist es ja immer so eine gewisse Umstellung und ich mag unser jetziges Auto schon ganz gern.

Wir fuhren dann noch ein paar Snacks einkaufen. Schließlich wollten wir auch heute selbst kochen. Dann ging es auch schon nach Hause. Gerade rechtzeitig, will ich auch meinen. Denn auf den letzten Metern kam dann schon wieder ein Schneesturm über uns hergezogen.

Es hat auch was kuscheliges, wenn man in einer Hütte sitzt und draußen die Welt im Schnee untergeht. Ich habe dann eine Runde Karten gespielt und unserem Kühlschrank gelauscht.

Das hatte ich noch gar nicht erzählt, oder? Aber unser Kühlschrank hier versucht zu kommunizieren. Manchmal hört man ein „huuuuh?“ gefolgt von „ahööö! whoop“. Ich gebe zu, ich spreche diese Sprache nicht, aber ich habe das Gefühl, ihm ist wichtig, dass ihm jemand zuhört.

Nachdem ich hier nun erfolgreich emotional mit einer Spinne und einem Kühlschrank verbunden bin, ist es vielleicht richtig so, dass wir bald abreisen werden. Morgen soll es in die allgemeine Richtung des Dettifoss gehen. Wir werden uns dann wieder spontan die Karten legen müssen, denn besagter Dettifoss ist in einer Steinwüste und diese sieht zumindest aktuell bei den Straßendiensten eher so semi-befahrbar aus. Wir werden vermutlich gut hinkommen, aber idealerweise sitzen wir dann nicht den dritten Urlaub in Folge fest. Das wäre zwar auch eine gewisse Form von Routine, aber ich würde doch gern darauf verzichten. So oder so – ich gehe fest davon aus, dass auch der morgige Tag wieder berichtenswertes bereithalten wird.

In diesem Sinne

AufgabeBeweisfotoStatus
Ein Foto mit einem Schaf 2.022.05.2026
Grásteinn
erledigt
Jemanden Huckepack nehmen (meine Frau ausgeschlossen)
Eine coole Schattenfigur machen
Posieren mit einer Islandflagge
Baue eine Eisskulptur
Umarme einmal Island (so gut es geht)29.05.2026
Tröllaskagi
erledigt
Verewige Murphy auf einem schmutzigen Auto25.05.2026
Dynjandi
erledigt
Mach einen Spaziergang, obwohl du eigentlich müde bist und Blog schreiben solltest
Ausschlafen!29.05.2026
Akureyri
erledigt
Sei einmal außerhalb des Badezimmers richtig nass26.05.2026
Hvammur
erledigt
Zeichne an einem Abend irgendwie den Lieblingsort des Tages
Springe auf einem Regenbogen22.05.2026
Snæfellsnes
erledigt
Verschwinde im Dampf
Hab ein typisch isländisches Frühstück
Warte geduldig auf einen Wal26.05.2026
Skötufjörður
erledigt
Gönn dir Lakritzeis
Halte einen „Warum tue ich mir das an?“ Moment fest
Einen neuen Freund finden21.05.2026
Hafen von Borgarnes
erledigt
Schreibe eine isländische Saga24.05.2026
Rauðasandur
erledigt
Errichte ein Elfenhaus24.05.2026
Rauðasandur
erledigt

Habe die Ehre
X

Previous Post

Hinterlasse einen Kommentar