Szenen einer Ehe

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Island und ich sind nun seit guten acht Jahren ein Paar. Wir haben damals gar nicht so kitschig begonnen. Es war eher Liebe auf den zweiten Blick. Wir wussten durchaus auf Anhieb, dass wir uns gefallen, aber es hat dann doch noch eine Romanze mit Costa Rica gebracht, um dann die Bindung mit Island zu festigen.

Mittlerweile sind wir durchaus eingespielt. Wie das in einer guten Beziehung so ist, haben wir mehrheitlich gute Zeiten zusammen. Zur Wahrheit gehört aber natürlich auch, dass es hier und da schlechte Zeiten gibt. Solange am Ende die guten Zeiten überwiegen, scheint mir das ok zu sein.

Ja und ihr ahnt es sicherlich schon. Der heutige Tag war mindestens eher durchwachsen. Es gab vieles, was mir gefallen hat, aber auch echt viel, wo Zweifel aufkommen könnten, ob die Liebe zwischen Island und mir wirklich auf Gegenseitigkeit beruht. Aber gut, eins nach dem anderen und wir starten wie üblich von vorn.

Es war kurz vor 8 Uhr, als ich den Koffer zum Auto brachte. Meine Frau – Urlaubsprofi durch und durch – hat das Wunder vollbracht, die Koffer so umzumodeln, dass ein Koffer mit Schmutzwäsche permanent im Auto verbleiben kann. In der Folge ist das Auto beladen nur noch halb so anstrengend. Gefällt mir schon sehr gut.

Ich taperte also los und hatte exakt die eine Aufgabe, den Koffer zu verstauen. Doch dann wollte das Schicksal, dass ich eine zweite Aufgabe erledigen sollte.

First things first

Er sagte mir, er hat noch nie Liebe gekriegt. Er wurde noch nie gekrault und generell hat er auch noch nie Essen gekriegt. Sofort verlor er den Kampf gegen die Schwerkraft und lag auf dem Rücken. Ich war also quasi gezwungen den Flauschebauch zu kraulen. Was hätte ich auch sonst tun sollen?

Irgendwann kam noch meine Frau dazu und der arme Kerl wurde von insgesamt vier Händen geknetet. Er hatte es schon nicht leicht. Schweren Herzens beschlossen wir dann aber doch langsam aufzubrechen. Zuerst fuhren wir noch mal zum Hügel, wo wir gestern die Puffins gesehen haben. Heute früh war das Wetter richtig schön. Gute 10°C, kaum Wind und etwas Sonne hier und dort. Urlaubsherz, was willst du mehr?

Jetzt im Nachgang denke ich mir, dass mein Urlaubsherz es irgendwie auch gut gefunden hätte, wenn am Ende nicht 700+ Fotos der Puffins entstanden wären. Wer soll die denn alle fein säuberlich sichten und sortieren? Auf der anderen Seite kann ich meiner Frau kaum einen Vorwurf für die Fotoflut machen. Die Puffins sind unnormal süß und absurd fotogen.

Wir blieben über eine Stunde an der Klippe. Immer wieder ergaben sich neue Perspektiven, weil auch immer wieder ein Puffin irgendwo landete, während ein anderer auf die offene See flog. Neben den Fotos hatte man dadurch auch die ganze Zeit etwas zu gucken.

Island meinte es sehr gut mit uns. Wie so oft schon in diesem Urlaub hatten wir ein ganzes Paradies nur für uns. Kleiner Profitipp an der Stelle: Wenn man wirklich allein bleiben möchte, sollte man so parken, dass andere Leute das Auto von der Straße aus nicht sehen können.

Es ging dann weiter zum nächsten Aussichtspunkt. Es sollte der gleiche Stopp werden, an dem wir gestern in der Ferne Wale sahen. Heute, soviel kann ich vorwegnehmen, waren da leider keine Wale zu sehen. Ich beschloss mit meiner morgendlichen Energie einen kleinen Spaziergang zu machen.

Lone Wolf?

Dann passierte etwas, dass ich gern irgendwie festgehalten hätte. Ich stand weit weg vom Parkplatz. Auf meiner einen Seite war der Abgrund und das Meer. Auf der anderen Seite war etwa knöchelhoch ein wenig Gestrüpp und was eben so in Island wächst. Auf einmal hörte ich dann aber sowas wie ein Bellen. Es war deutlich „heller“ als das, was ich von Hunden erwarten würde und es klang, als wäre es direkt hinter mir. Ich blickte mich um und sah exakt nichts.

Ich weiß gar nicht, ob Polarfüchse bellen können, aber ich hoffte doch sehr, dass ich einen sehe. Ich kann aber auch nicht ausschließen, dass es einfach eine sprachbehinderte Möwe war. So oder so – für mich war es dann das Signal zur Umkehr. Einen Moment blickte ich dann noch vom Parkplatz aus aufs Wasser. Island war weiter nett zu mir und ich wusste es absolut zu schätzen.

Island, Stern des Nordens

Wir fuhren dann nun endgültig aus dem Fjord und beschlossen, dass wir in die Ostfjorde über den Umweg des Nordostens fahren. Ich kann gar nicht genau erklären, warum, aber ich mag die Ecke rund um Kópasker.

Kleine Namenskunde: Kopur bedeutet sowas wie Jungtiere von Robben und Sker würde man im deutschen wohl mit Schäre oder felsige Insel übersetzen. Kópasker ist also ein Ort, wo Robbenjungtiere auf einer felsigen Insel sitzen. Wieder was gelernt. Wenn euch mal jemand nach isländischen Trivia-Facts fragt, könnt ihr das gern benutzen.

Jedenfalls ist der Ort für die Region eigentlich gar nicht mal sooo klein. Es gibt alles, was man braucht. Aber eigentlich kriegt man davon nichts mit. Ich glaube, die lokale Zeitung würde schon von einem Erlebnis sprechen, wenn man zwei Autos gleichzeitig auf der Straße sind. Der Ort wirkt durchaus lebendig, aber er ist gleichzeitig die Ruhe selbst. Für uns ging es aber gar nicht in die Stadt, sondern zu dem etwa 20 Minuten entfernten Strand.

Strönd

Dort tat ich das, was ich primär bei Urlaubsfotos am besten kann. Ich stand in der Gegend rum und ignorierte jeden Anspruch daran, irgendwie elegant für Bilder auszusehen.

The Strönd is near

Das Meer wollte nur ganz seichte Wellen ans Ufer bringen. Um uns herum flogen dutzende Vögel. Der Wind war zwar mittlerweile mehr geworden, doch da der Strand gut geschützt hinter ein paar Hügeln liegt, haben wir davon nichts abbekommen. Kurzum: Es war ein Idyll und Island wusste einmal mehr mehr, was mir gut tut. Das muss doch wahre Liebe sein.

Wir beschlossen nach dem Strand entlang des entlegenen Nordostens zum Arctic Henge zu fahren. Auf dem Weg selbst verdunkelte sich nach und nach der Himmel. Es blieb zwar trocken, doch wir entfernten uns immer mehr vom freundlichen Sommergefühl.

Beim Arctic Henge angekommen, fand ich das ehrlicherweise optisch sogar noch schön. Wir standen mitten in einer Wolke und waren allein dort. Der ganze Platz hatte dadurch etwas mystisches. Gleichzeitig war es wirklich saukalt und der Wind fand jede noch so kleine Lücke in der Kleidung.

Symmetrie

Aus einer Laune heraus beschloss ich dann, dass ich trotz aller Witterungsbedingungen mal die Drohne in die Luft jagen könnte. Ich bin sonst eigentlich eher ein vorsichtiger Drohnenpilot. Aber heute wollte ich es wohl wissen. Vielleicht war das auch etwas, was Island verärgert hat. Wer weiß. Ich flog erstmal los.

mystisch

Keine 10 Meter in der Luft meldete sich meine Drohne mit allerhand Meldungen. Es wäre ganz schön windig (na, ach). Sie können auch nicht so gut sehen. Die Lichtverhältnisse sind doof und so insgesamt fände sie es besser, wenn sie wieder landen darf. Ich erlöste sie dann relativ schnell wieder von ihrem Jungfernflug durch eine Wolke.

Das lag aber vor allem daran, weil ich selbst auch wieder zurück ins Auto wollte. Es wurde richtig ungemütlich und Winterklamotten fror ich langsam mehr als mir lieb war.

Zurück auf der Straße war Island dann auf einmal quasi verschwunden. Wir waren mitten in einer Wolkendecke. Wir konnten zusehen, wie das Grau um uns herum immer dichter wird. Es hatte etwas faszinierend und unheimliches zugleich.

Sommerurlaub 2.0

Ich dachte noch so bei mir, dass das bestimmt gleich wieder vergehen wird. Pustekuchen. Wir hatten eine Sichtweite von vielleicht 25-50m und das für die nächste 2,5 Stunden.

Niemand sagt den Schafen und Vögeln, dass sie bei dem Wetter besonders vorsichtig sein müssen. Niemand bessert wegen so einem Nebel die Schlaglöcher aus. Island wollte mal richtig anstrengend sein und schaffte das auch.

Zwischendurch dachte ich schon, ich sei blind geworden. Man fokussiert sich irgendwann so auf die paar Meter vor einem. Es fängt dann an visuell zu vermatschen. Das Grau kriegt mal weiße und mal schwarze Silhouetten, obwohl es letztlich doch immer unverändert bleibt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen wir beim Rjúkandafoss an und ich wollte einfach nie wieder im Nebel Auto fahren. Ich habe noch nie drüber nachgedacht, aber heute habe ich dann gelernt, dass einem von schlechter Sicht die Augen wehtun können. Eine Urlaubserfahrung, auf die ich auch durchaus hätte verzichten können.

Der Wasserfall war dann für die Strapazen aber immerhin eine sehr gute Entschädigung. Ich flog ein bisschen mit der Drohne und ging zusammen mit meiner Frau direkt vor ihn. Ein schöner Anblick und wieder etwas Balsam für die gescholtene Islandseele.

Ohne Wolke

Doch erholt waren wir nach dem Wasserfall natürlich trotzdem nicht. Mittlerweile waren gute 8 Stunden seit den Puffins von heute früh vergangen und viel Pause gab es dabei nicht. Dafür aber umso mehr Nebel und anstrengendes Fahren.

Bei klarer Sicht fuhren wir dann noch mal 30 Minuten weiter, tankten voll und ich stockte meinen Vorrat an Dosenkaffee auf. Wir beschlossen dann nach Seyðisfjörður zu fahren und in einem Restaurant Abendbrot zu essen.

Es ist eher schlicht, doch es gibt hier die vielleicht beste Backofenkartoffel. Die haben auch ein unfassbar gutes Honigsenf Dressing für ihren Salat und Fleisch können die Isländer sowieso. Ich will sagen, wir haben sehr gut gegessen. Und dann ging es auch schon wieder aus der Stadt raus.

Wir legten aber noch einen kurzen Stopp beim Gufufoss ein. Der ist einerseits sehr markant im ganzen Fjord und andererseits liegt er direkt am Straßenrand. Dafür reichte die Kraft also gerade noch so. Auch wenn mein Blick mit Sorgen ab und an schon wieder nach oben ging, weil über dem Bergkamm eine wobbelige Nebelwand auf uns zukam. Doch noch war sie weit genug weg.

Gufufoss aus einer Wolke

Dann schaltete in meinem Kopf irgendeine Zelle auf Durchzug und ich beschloss, dass ich meine Komfortzone verlasse. Auf meiner ToDo Liste steht noch, dass ich einen fremden Huckepack nehmen muss.

Also ging ich, im Vollrausch eines wildes Tages auf eine kleine Gruppe zu. Erstmal fragen, ob jemand englisch spricht. Der junge Mann vor mir tat sich schon mit der Frage schwer. Aber eine Freundin von ihm sprang ein. Ich erklärte mein Anliegen und joa…

Völkerverständigung

Es war ein kurioser Moment durch und durch. Ihr seht der Ehrenmann auf dem Bild. Er hatte erst das Anliegen missverstanden und wollte mich hochheben. Gott segne sein Herz, dass er allein den Versuch wohl wirklich gewagt hätte. So verstand er kein Wort von dem, was ich sagte und ich hatte irgendwie auch nicht zu Ende gedacht, wie es nach der Frage eigentlich weitergeht. Aber hey, dafür kann sich das Ergebnis doch sehen lassen.

Danach haben wir dann noch erfahren, dass seine Freundin und er aus Thailand kommen. Sie konnte auf deutsch auch noch „Guten Morgen“ sagen. Ich bin wirklich unschlüssig, wie es dieser Punkt überhaupt auf meine ToDo Liste geschafft hat. Das war schon mit viel Überwindung verbunden, aber ich muss zugeben, es war am Ende auch echt super lustig und ich stelle mir gern vor, dass irgendwann mal in Thailand in einer Bar die Geschichte erzählt wird, wie ein komischer Deutscher Leute am Gufufoss Huckepack genommen hat.

Dann ging es zum Cottage und zum letzten mal ins Auto für diesen Tag. Selbstredend musste Island noch mal kurz daran erinnern, wie wir hier aktuell den Sommerurlaub erleben.

Der Sonne hinterher…

Beim Cottage sind wir noch vorm Auto auspacken zum Gehege der Pferde gegangen. Mein großer Plan sah so aus, dass für jede blöde Autofahrt mindestens ein Tier tätscheln werde. Pferde sind mir zwar immer noch etwas suspekt, aber da hier sonst nichts rumlief… man nimmt ja, was man kriegt.

„Ich muss alle Tiere anfassen“

Tja und das wars dann auch für heute. Schneeblind, vollgefressen und mit genug Geschichten für einen gesamten Urlaub beende ich diesen Tag. Der Wetterbericht für morgen lässt uns glauben, dass wir lieber im Bett bleiben werden.

Ganz ehrlich? Ich bin gerade auch völlig knülle und sehr geneigt ohne Wecker ins Bett zu gehen und die Challenge „Ausschlafen“ zu wiederholen. Meine Frau wirds mir auch danken und fairerweise ist Islandwetter auch immer schön, wenn man einfach im Trockenem sitzen bleibt. Aber schauen wir mal. Bislang ist zumindest nichts geplant und trotzdem gehe ich davon aus, dass am Ende des Tages ein Blogbeitrag entstehen wird.

Ich werde berichten – und ihr werdet es merken.

In diesem Sinne

AufgabeBeweisfotoStatus
Ein Foto mit einem Schaf 2.022.05.2026
Grásteinn
erledigt
Jemanden Huckepack nehmen (meine Frau ausgeschlossen)31.05.2026
Gufufoss
erledigt
Eine coole Schattenfigur machen
Posieren mit einer Islandflagge
Baue eine Eisskulptur
Umarme einmal Island (so gut es geht)29.05.2026
Tröllaskagi
erledigt
Verewige Murphy auf einem schmutzigen Auto25.05.2026
Dynjandi
erledigt
Mach einen Spaziergang, obwohl du eigentlich müde bist und Blog schreiben solltest
Ausschlafen!29.05.2026
Akureyri
erledigt
Sei einmal außerhalb des Badezimmers richtig nass26.05.2026
Hvammur
erledigt
Zeichne an einem Abend irgendwie den Lieblingsort des Tages
Springe auf einem Regenbogen22.05.2026
Snæfellsnes
erledigt
Verschwinde im Dampf30.05.2026
Námafjall
erledigt
Hab ein typisch isländisches Frühstück
Warte geduldig auf einen Wal26.05.2026
Skötufjörður
erledigt
Gönn dir Lakritzeis
Halte einen „Warum tue ich mir das an?“ Moment fest
Einen neuen Freund finden21.05.2026
Hafen von Borgarnes
erledigt
Schreibe eine isländische Saga24.05.2026
Rauðasandur
erledigt
Errichte ein Elfenhaus24.05.2026
Rauðasandur
erledigt

Habe die Ehre
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