Herz verloren

Glück gefunden

Ruft die Polizei! Ich wurde bestohlen! Mein Herz und meine Liebe wurden geraubt. Der Täter? Eine streunende Fellnase. Ob ich Anzeige erstatten will? Nein! Ich will ihn adoptieren!

Dieser einleitende Absatz soll schon mal spiegeln, dass es mir mitunter heute schwerfällt, mich auf Island zu konzentrieren. Wobei ich vorwegnehmen kann, dass der heutige Tag entgegen aller Erwartungen heute wieder eine beachtliche Menge an Erlebnissen mitbrachte.

Immer wenn ich abends vorm Laptop sitze, stelle ich fest, dass wir jeden Tag wirklich viel erleben. Manche Tage könnten auch problemlos als ganzer Urlaub durchgehen. Es sind solche Tage, die Island zu etwas besonderem für mich machen. Und auch heute wird wohl unvergesslich werden.

Dabei hatten wir eigentlich sehr wenig Ansprüche an den heutigen Tag. Gestern wurde es doch sehr lang und wir waren fix und fertig. Ohne Wecker und ohne richtigen Plan gingen wir ins Bett. Es war so circa 9 bis halb 10, als wir dann aus Anstand doch noch mal das Cottage verlassen hatten.

Immerhin 7°C

Unser Weg führte uns ins beschauliche Fischerdorf Seyðisfjörður am Ende des gleichnamigen Fjords. Seyðisfjörður heißt übersetzt wohl soviel wie „Fjord der Feuerstelle“ aber ich finde es viel plausibler, dass einfach damals ein Wikinger fragte, wo er mit seinem Schiff anlegen sollte und ein anderer Wikinger sagte ihm nuschelnd in halb englisch, halb deutsch: „see this fjordur?“ Von mir aus haben sie danach auch Feuer gemacht, aber ich bleibe bei meiner Variante.

Jedenfalls ist der Ort echt schön. Gute 650 Seelen leben hier und das ganze Dorf hat etwas malerisches und ruhiges. Zumindest solang die Fähre aus Dänemark nicht hier ankommt und mehrere tausend Touristen ins Land spühlt.

Doch unser Ziel war gar nicht das Dorf selbst, sondern ein Parkplatz ein bisschen außerhalb im Norden. Meine Frau hatte dort einen Wasserfall entdeckt und da das Wetter heute eher gemischte Aussichten bot, dachten wir uns, dass eine kurze Wanderung mit der Option auf spontanes Shopping und Restaurant eine gute Idee ist.

Kaum auf dem Parkplatz angekommen, überwogen aber unzählige andere Gedanken und Gefühle. Zuerst mal: Wie konnte es sein, dass wir noch nie hier waren? Dieser Ort ist die reinste Postkarte. Alles saftig grün, überall fließt Wasser und das alles mit den schneebedeckten Bergen eines Fjords umrahmt. Bildschön!

Nett hier

Ja und dann lernten wir auch schon Brekka kennen. Den eingangs erwähnten Herzensräuber. Schon als wir auf den Parkplatz fuhren, sahen wir, dass er in unsere Richtung schaute. Vielleicht ist es hier und dort schon mal durchgeklungen, aber ich mag Tiere. So liegt es in meiner Natur, dass ich einem freundlichen Vierbeiner auch erstmal hallo sage. Es war Liebe auf den ersten Wuff.

Ehrlicherweise war ich dann kurz besorgt. Denn er zeigte an, dass ich mitkommen soll. Zumindest habe ich das aus seiner Haltung gelesen. Ich folgte ihm ein paar Schritte und war gedanklich schon am Sortieren, was wir wohl gleich finden werden. Klassisch würde man wohl im Krimi nun eine Leiche erwarten. Vielleicht hat er auch einen Wal erlegt und wollte seine Beute teilen? Oder es ist doch das Tor in eine andere Welt? Nun, es war ein großer Stock. Kaum dass ich ihn aufgehoben hatte, war auch klar – jemand sollte ihn werfen. Ich wurde also erstmal von einem Hund entführt, um Stöckchen zu werfen. Ich beschwere mich nicht. Dennoch fühle ich mich etwas benutzt.

Wir tobten bestimmt gute 10 Minuten herum. Dann gingen meine Frau und ich aber so langsam doch mal zu dem Wanderweg, wegen dem wir eigentlich hier waren. Ja und mein neuer vierbeiniger Freund? Der folgte uns. Wir haben ihn dann über den Tag Brekka getauft. Nach dem Wasserfall benannt, zu dem er uns dann schlussendlich führte. Selbstredend habe ich auch ein Bild von dem Prachtjungen mitgebracht.

Brekka innan á

Während wir nun zu dritt waren, entpuppte sich der Wanderweg als reinste Goldgrube für Naturliebhaber. Jeder Schritt war ein Genuss. Kennt ihr dieses Gefühl, wenn alles so klar und schön ist, dass ihr das Gefühl habt, dass das Stadtleben euren Blick zuvor vernebelt hatte und ihr nun endlich echte Freiheit spürt? Ja, ich weiß. Ein bisschen kitschig, aber es war wirklich atemberaubend schön.

Wasserfälle überall

Wir fragten uns auch mehrfach, wie wir es schaffen konnten, diesen phänomenalen Ort noch nie vorher besucht zu haben. Wir waren wirklich schon oft in Seyðisfjörður, aber diese Tour war eine Premiere. Dass wir einen Begleiter hatten, machte es dann nur noch besser. So eine Tour mit Hund hat einfach noch mal einen anderen Charme. Der gute Brekka war sehr selbstständig und man musste nicht wirklich auf ihn achten. Gleichzeitig war er aber immer in der Nähe und leistete einem Gesellschaft, wenn sich die Gelegenheit bot.

Kleine Kuscheleinheit

Man könnte jetzt noch drüber diskutieren, ob das Wetter heute eigentlich gut war oder nicht. Tatsächlich standen wir nach einem guten Kilometer der Wanderung da und prüften erstmal, ob wir noch weitergehen. Wir sahen nämlich, wie hinter uns nach und nach eine Wolke den Fjord hochzog und wohl mindestens unseren Weg kreuzen wird. Da wir aber insgesamt das Gefühl hatten, dass die Wege ok sind und selbst bei schlechtem Wetter eine Rückkehr machbar sein dürfte, beschlossen wir noch etwas weiterzugehen. Unterm Strich blieb der Himmel die ganze Wanderung grau und hier und da hing der Nebel doch sehr tief, aber es passte gut in das gesamte Bild des Tages und ich habe es durch und durch als schön erlebt.

Ich, mal wieder rumstehend

Das Weitergehen sollte sich auch immer mehr lohnen. Brekka zeigte ungeahnte Qualitäten als Reiseführer. Wir kamen an Stellen, an denen der eigentliche Wanderweg locker 3-4m breit unter Wasser stand. Doch er kannte Pfade über Wiesen, auf denen wir trockene Füße behalten sollten.

Außerdem folgte ein schöner Wasserfall auf den nächsten und wie in diesem Urlaub typisch, waren wir völlig allein dort und mussten unser Glück mit keiner Menschenseele teilen. Die ganzen Wasserfälle hatten auch alle Namen, aber Hand aufs Herz: Ich müsste jetzt googlen und für euch macht es keinen großen Unterschied, ob ich die Namen aufschreibe, oder? Bilder gibt es natürlich trotzdem.

Es war insgesamt auch sehr abwechslungsreich. Wir gingen an Blaubeerbüschen vorbei, dann an kargen Steinen, überfluteten Wiesen und hier und dort vermischte sich alles. Es gab sogar mal eine Stelle, an der noch sehr gut Schnee lag. Als waschechter isländischer Hund hat Brekka sich dann versucht im Schnee zu panieren.

Was für ein Hundeleben

Der Weg war wirklich wunderschön und man hätte ihn wohl noch ein paar Kilometer weiter gehen können. Allerdings waren wir durch die Fotos, das gelegentliche Kuscheln und das andauernde Staunen schon gute zwei Stunden unterwegs gewesen. Dafür, dass wir im Grunde dachten, wir fahren mal hin und dann passt das schon, waren wir doch schon sehr lange hier.

beim nächsten Mal

Zumal man annehmen musste, dass der Rückweg auch kein Sprint wird. Denn wir hatten zwischendurch herausgefunden, dass wir sogar zu dritt Fotos machen können und diese Gelegenheit wollte natürlich auch gut genutzt werden.

Die Wanderbuddies

Beim Rückweg haben wir dann zwischendurch mal eine andere Abbiegung genommen, als beim Hinweg. Dadurch ergab sich dann auch noch, dass wir den Fjord gleich noch mal von einer anderen Perspektive sehen konnten. Es blieb alles sehr hübsch. Nur das wir dann auch noch mehr Vögel gesehen haben. Weil es mich interessiert hatte, habe ich jetzt auch gelernt, dass wir wohl ganz viele Schnepfen gesehen haben. Laut Internet nennt man diese Vögel wohl auch „Klang des Sommers“. Wir bleiben also auch konsequent dabei, dass das hier ein guter Sommerurlaub ist.

In den Bergen von Seyðisfjörður

Natürlich haben wir auch dem Hundeherz versucht etwas Gutes zu tun. Wir haben unzählig oft Stöckchen geworfen und Streicheleinheiten gab es auch immer wieder (und das trotz des nassen Fells).

Mein Freund

Der Rückweg näherte sich dann auch immer mehr dem Parkplatz und damit wohl auch dem Kapitel, dass im Urlaub manchmal auch etwas wehtut. So eine Urlaubsliebe ist zwar schön und darf gern unvergesslich sein. Aber es kommt eben der Moment, wo man Abschied nehmen muss.

Fast zurück

Brekka lief noch eine Weile neben unserem Auto. Wäre es nach ihm gegangen, er wäre sicher mit uns mitgekommen. Ich war ehrlich gesagt auch nicht weit weg davon, dass wir einfach mal die Türen hinten aufmachen und wenn er dann schon mal auf der Rückbank sitzt, kann er ja auch gleich mitkommen. Doch meine Frau übte ihre Stimme der Vernunft. Schon schade, dass sie recht hatte.

Wir fuhren dann nach Seyðisfjörður und beschlossen im gleichen Restaurant was zu essen, in dem wir bereits gestern Abend waren. Meine Frau gönnte sich ein Lammbein und ich hatte ein Veggie Steak. Begleitend kamen jeweils eine Backkartoffel mit dazu. Da wir heute kein Frühstück hatten, sah unser Dessert so aus, dass ich noch ein Stück Lamm bestellte und noch zwei weitere Backkartoffeln für meine Frau. Sind wir verfressen? Vielleicht. Wissen wir, wie man es sich gut gehen lässt? Auf jeden Fall!

Als meine Frau dem Ruf der Natur folgte, sprach mich dann eine Kellnerin an. Sie meinte, dass sie irgendwie mein Gesicht kennt und ob wir schon mal hier waren. Ich erzählte ihr dann, dass wir seit guten 8 Jahren immer mal wieder herkommen und sie war sehr happy darüber. Die Freude war insofern beidseitig, weil es für uns natürlich auch schön ist, wenn die „Locals“ einen schon kennen.

Sie erzählte uns, dass sie hier mal studiert hat und dann aber einfach hier geblieben ist. Ursprünglich kam sie aus Spanien. Muss auch eine spannende Umstellung sein, wenn man das Mittelmeer im Blut hat und dann feststellt, dass das Herz für Island schlägt.

Keine 50m weiter gibt es dann noch einen Souvenirladen, in den wir auch immer wieder gern gehen. Wir fanden ein paar Mitbringsel für uns und kamen dann mit der Kassiererin ins Gespräch. Auch sie wohnt in Seyðisfjörður und erwähnte schon mal beiläufig, dass sie aktuell Leute für den Laden einstellt. Auf einmal steht man dann da, redet über Island, lokale und regionale Sachen und fühlt sich doch sehr angekommen.

Natürlich ist uns klar, dass die Leute zu Touristen bestimmt immer noch ein wenig netter sind. Aber ich glaube schon, dass es einen Unterschied macht, wenn man den Leuten zum Beispiel mit ein paar Sätzen isländisch begegnet. Man merkt immer, dass sie dann ein bisschen auftauen und einfach auch gern ein bisschen plaudern.

Für uns ging es dann noch weiter in den Süden des Fjords. Hier gibt es nämlich noch eine wirklich kleine Wanderung zu einem hübschen kleinen Wasserfall. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass wir das zum Abschluss gemacht haben. Eine längere Tour hätte ich wohl nicht mehr geschafft. Es kam auch immer mehr Nieselregen dazu. Von daher war es eher eine Stippvisite beim Wasserfall.

Hübsch war es trotzdem

Wir fuhren dann noch ein bisschen einkaufen. Neue Pizzabrötchen und etwas Zucker für die morgige Reise landeten im Einkaufskorb. Meine Frau musste dann mit Erschrecken feststellen, dass wir tatsächlich morgen schon weiterfahren nach Höfn. Sie war noch im Denken, dass wir noch einen weiteren Tag hier haben. Da war vielleicht auch der Wunsch Vater des Gedankens.

Morgen soll indes das Wetter tatsächlich mal wieder gut werden. Es sind gut 3-4 Stunden Fahrt nach Höfn und auf dem Weg liegen durchaus eine handvoll Sachen, die wir uns anschauen möchten. Eigentlich steht auch noch ein Besuch auf der Puffin-Insel auf der Agenda, aber da müssen wir wohl mal schauen, ob das in diesem Urlaub klappt. Ansonsten endet der Gedanke so, wie heute so viele „Tja, dann müssen wir eben nächstes Jahr wieder herkommen.“

In diesem Sinne

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