Zeit ist relativ
Es war irgendwann heute Mittag, als ich merkte, dass wir bereits über 3.000 Kilometer gefahren sind. Wir sind noch keine zwei Wochen hier. Ich glaube es ist Tag 13? Vielleicht auch 12? Es verschwimmt alles in einem wohligen Urlaubsrausch. Auch wenn die Sonne nicht immer scheint, es wird recht wenig dunkel. In der Folge gelten die klassischen Regeln nicht mehr, wann ein Tag beginnt und endet.
Das gilt auch für die Erlebnisse. Ich ertappe mich regelmäßig dabei, dass ich mich frage, was ich eigentlich heute alles erlebt habe. Es ist so viel und manchmal ist es wirklich so ein „Oh Gott, das hatten wir ja auch noch“-Moment. Man ist dann so ein bisschen fassungslos, wie viel der Urlaubsalltag bietet.
Die Schattenseite ist offenkundig, dass der gefühlte Tag bereits 39 Stunden lang ist und es immer noch nicht Nacht ist. Mindestens eine graue Zelle in meinem Kopf ruft energiegeladen sowas wie: „Lass uns noch mal los… vielleicht Drohne fliegen?!“ während der restliche Körper wippend in der Ecke sitzt und irgendwas von „…bitte…endlich schlafen…“ murmelt. Urlaub ist eine spannende Zeit.
Heute war es auch so, dass Island mal wieder alle Register zog. Ich konnte diverse Punkte meiner ToDo-Liste abhaken und habe Sachen erlebt, die mich vermutlich noch sehr lange begleiten werden. Puffins, Lakritzeis, eine Schaukel mit Blick in den Fjord und so viel mehr. Einmal mehr ein Tag, der auch bequem einen ganzen Urlaub beschreiben könnte.
Nach dem letzten Absatz hielt ich kurz inne und fragte mich, ob ich eigentlich zusammenkriegen würde, was wir so die letzten Tage gemacht haben. Die kurze Antwort ist nein. Ein erstaunlich gutes Gefühl. Zumal noch ein paar wirklich aufregende Ecken und sehr lange Tage vor uns liegen. Während dieser Zeilen freut sich die eine graue Zelle und der restliche Körper hat angefangen zu weinen. Vielleicht starte ich nun mit dem Tagesbericht, damit am Ende heute doch noch wenigstens ein paar Stunden Schlaf drin sind.
Man weiß, dass der Tag gut wird, wenn man gerade im Begriff ist aus einem Cottage abzureisen und dabei den Hund der Gastgeberin kennenlernt. In diesem Urlaub treffe ich bislang gefühlt täglich ein neues Tier zum knuddeln.
Unsere erste Tour sollte uns eine Stunde nach Norden führen. Genau genommen ist das die falsche Richtung, aber meine Frau hatte einen Wunsch und ich muss gestehen, dass ich auch nicht abgeneigt war. Das Ziel war die Puffin-Insel.
Ich finde es relativ schwierig einen Spannungsbogen aufzubauen, was genau uns wohl bei der Puffin-Insel erwartet hat. Wäre ich eine Netflix Serie, dann würde ich jetzt einen raffinierten Cliffhanger einbauen und erst morgen auflösen, ob wirklich Puffins da waren. Randnotiz: Mein Kopf hatte gerade ein wenig zu lange Spaß an dem Gedanken, dass man die Wörter auch einfach zu Puffinsel zusammenführen kann. Nur um dann zu merken, dass es womöglich dann auch einen anderen Sinn haben könnte. Ich schweife ab.
Ihr wisst, dass ich manchmal viel und wirr schreibe. Ich bin wirklich müde. Wir müssen uns da heute alle zusammen durchkämpfen. Aber Indianerehrenwort: Ich gebe mir Mühe.
Als Beweis für meine Blogger-Ambitionen darf ich euch direkt ein paar Fotos von der Puffin-Insel (ja, wir bleiben doch bei dieser Schreibweise) anbieten.





In einer strengen Diskussion wäre die Frage wohl berechtigt, ob man wirklich zwei Stunden Umweg fährt, nur um Puffins zu sehen. Aber wer auch immer diese Frage stellt, hat diese Vögel einfach noch nie live gesehen.
Die Puffin-Insel hat dazu den Charme, dass die Tiere dort mitunter wenige Zentimeter vor einem landen. Man geht ein paar Stufen auf einer Holztreppe entlang und schon sitzen sie überall. Es ist so toll.
Meine Frau hatte ihr Teleobjektiv dabei und konnte dadurch Bilder machen, die es auch problemlos in eine Naturdoku schaffen würden. Ich dagegen hatte irgendwie mein Glück. Beispielsweise filmte ich in Super-Zeitlupe einen Puffin beim Landeanflug. Gerade, als er auf der Wiese landete, stand ein anderer Puffin neben ihm, der erstmal „Nummer 2“ vom Berg runter machte. Ich habe jetzt in 180 Bilder pro Sekunde, wie das finale Produkt von Puffin-Verdauung extrahiert wird. Stand zwar nicht auf der ToDo-Liste, ist aber schon trotzdem eine Leistung.
Mir hat vor Ort auch sehr gefallen, dass zwar einerseits viele Menschen da waren, aber alle haben die gleiche Idee gehabt, wie man sich dort verhält. Es war ein respektvolles Miteinander. Sowohl zwischen den Menschen, als auch zwischen Menschen und Tieren. Niemand ist „nur mal schnell“ für ein Foto zu den Tieren und alle waren bemüht möglichst still zu sein. Die Puffin-Insel lässt einen sogar ein wenig Hoffnung für die Menschheit haben.
Wir mussten uns nach etwa einer Stunde von der Insel trennen, da uns immer noch über 4 Stunden reine Fahrtzeit bevorstanden. Nüchtern betrachtet kommen dann auch noch mal locker 2-3 Stunden für Fotos und spontane Einfälle dazu. Es ist also insgesamt auch kein Zufall, dass der Tag heute sehr lang wurde.
Apropos spontane Einfälle. Kennt ihr das, wenn ihr am Straßenrand eine Schaukel seht und denkt „Ja, ich bin erwachsen, aber hier kennt mich eh keiner und was ist schon das schlimmste, was die Leute von mir denken könnten?“ Nein? Ich auch nicht…

Unser nächster Halt war dann in Egilsstaðir. Der Plan war recht einfach. Einmal Pipi, einmal volltanken (das Auto, nicht mich) und wenn wir schon mal hier sind, kann ich auch gleich meinen Punkt von der ToDo-Liste streichen und ein Lakritzeis essen.

Gestärkt ging es auf die Straße. Ein wenig fuhr die Sorge noch mit, denn der Wetterbericht kündigte einmal mehr Nebel an. Die letzten Tage hatten wir Fahrten mit wirklich wenig Sichtweite erlebt. Doch heute sollte es okay-ish bleiben. Zwar verschwand der Horizont hier und da in einer Wolke, die Fahrt selbst war aber mühelos möglich.
Wir landeten nach nicht mal einer Stunde in einem abgelegenen Winkel der Ostfjorde. Das Auto wurde geparkt und wir gingen eine alte Straße zu Fuß entlang, bis wir nach einem Kilometer beim Gilsárfoss ankommen. Man weiß, dass man kaum andere Touristen befürchten muss, wenn der Wegweister zum Wasserfall noch handgeschrieben ist.
Vor Ort hat man dann die Möglichkeit von der Straße aus einen hübschen kleinen Wasserfall zu sehen. Die Alternative dazu sieht so aus, dass man auch einem Trampelpfad folgen kann und dann feststellt, dass der Wasserfall von Nahem doch schon sehr mächtig ist. Natürlich haben wir uns für die letztere Variante entschieden.

Der Wasserfall bietet auch die unnötige aber sehr schöne Erfahrung, dass man in eine Höhle hinter ihn gehen kann. Im Grunde gibt es dort nichts zu sehen, es ist nass und sobald man den Gedanken kriegt, ob eigentlich jemals ein Statiker das Konstrukt auf Stabilität geprüft hat, wird einem vielleicht sogar mulmig. Aber ich bin trotzdem rein gegangen. Man muss ja nicht alles aufs nächste Mal in Island verschieben.
Der nächste Stopp wurde dann der Folaldafoss. Das muss man sich so vorstellen, dass man vorher an einer Kreuzung ankommt und wir in 8 Jahren Island jedes Mal nach links abgebogen sind. Meine Frau, clever wie sie ist, hat einfach mal geschaut, was denn nach rechts kommen würde. Tja, siehe da – ein Wasserfall.

Ein hübscher Wasserfall noch dazu. Man kann direkt davor parken, hat eine ganz hervorragende Sicht und viele Möglichkeit Fotos zu schießen. Leider tröpfelte es ein wenig, sonst wäre es bestimmt auch ein toller Ort für die Drohne geworden.
Wir beschlossen dann noch weiter in Richtung eines Passes zu fahren. Doch das war recht schnell keine gute Idee mehr. Es dauerte keine 20 Höhenmeter und wir sahen im Grunde nichts mehr. Sätze wie „Die nächste Kurve fahren wir nach Gehör“ verlieren ihren Humor, wenn sie ernst gemeint sind.
Selbst wenn da oben noch mehr Wasserfälle gekommen wären – wir hätten sie erst gesehen, wenn wir in ihnen gestanden hätten. So machte diese Strecke keinen Sinn und bei der nächstbesten Gelegenheit wendete ich das Auto und wir fuhren zurück.
Vielleicht war es Trotz oder unsere Übermüdung. Es gibt auch eine Chance, dass es beides war. Wir sahen aus der Ferne einen Wasserfall, davor stand eine Art Auto und ich war sofort Feuer und Flamme und wollte dort hin. Meine Frau im gleichen Zustand prüfte sofort und fand direkt einen Weg. Ich sag mal so: Es war eine ambitionierte „Straße“. Doch zur Belohnung kamen wir bei einem Wasserfall an, den wir bis dato auch noch nicht kannten.

Die ganze Situation war schon wieder sehr speziell. Vor Ort hatten wir diesen wirklich traumhaften Wasserfall für uns allein. Es wirkte so, als sollte hier mal professionell mit Gittern ein Treppensystem gebaut werden. Zumindest konnte man über diverse Gitter nach oben gehen. Allerdings muss ich gestehen, dass ich hier und dort Zweifel hatte, ob mir nicht gleich der Boden unter den Füßen wegbricht. Stabil ist definitiv anders. Ach und das Auto, was wir von der Straße aus sahen? Ja, das hatte kein Nummernschild und wirkte so, als wäre es seit geraumer Zeit verlassen. Aber hey, wir waren hier und es war toll. Wir mussten dann aber auch noch mal den Abenteuerweg zurück. Es sei hier auch festgehalten, dass es dabei durch einen kleinen Fluss ging.

Zurück auf einer richtigen Straße wusste meine Frau dann zu berichten, dass in dem Areal wohl Rentiere gesichtet wurden. Speziell wenn es dämmert, sollte man daher vorsichtig fahren. Wir haben ja aber schon gelernt, dass es eigentlich keine Nacht und damit keine Dämmerung gibt. Insofern war ich unbesorgt.
Die kommenden Kilometer waren dann davon geprägt, dass quasi überall auf einmal Horden von Rentieren standen. Mal grasten sie vor sich hin. Mal trappten sie am Straßenrand. Und jedes mal, wenn wir sie sahen, freuten wir uns.

Auf einer Gerade hatten wir dann Glück, dass wir sie rechtzeitig sahen und dann auch noch eine gute Gelegenheit fanden, das Auto kurz abzustellen. Den Rest regelt dann das Teleobjektiv meiner Frau.

Es ist immer schön wilde Tiere zu sehen. Rentiere sind dazu unfassbar scheu und man kommt ihnen in der Natur wohl kaum näher. Das macht Freude und man ist einmal mehr dankbar, für so eine Erfahrung.
Gute 10 Kilometer später war dann noch der Barkináfoss. Ein schöner kleiner Wasserfall, direkt an der Ringstraße. Man kann auf einem Parkplatz halten, geht etwa 50 Meter und ist happy. Island kann so einfach sein.

Es stellte sich dann heraus, dass nicht nur Zeit relativ ist, sondern auch der Raum. In unserem Fall genauer gesagt der Weg. Wir waren immer noch ein gutes Stück von unserem Hotel entfernt. Es wurde also auch mal Zeit ein bisschen Meter zu machen.
Als wir dann in Stokksnes im „Viking Hotel“ ankamen, gab es eigentlich noch den Plan, dass wir nur einchecken und dann noch mal 30 Minuten nach Höfn in ein Restaurant fahren. Ich hielt es für eine smarte Idee erstmal im Restaurant anzurufen, ob sie uns einen Platz reservieren könnten. Nein, können sie nicht. Aber wenn wir da sind, kann sie uns auf eine Warteliste setzen – weil jetzt gerade ist alles voll und sie weiß auch nicht, wie lang das so bleibt.
Nach einem schönen aber echt langen Tag war das keine Option mehr für uns. Wir fuhren daher einfach hier an einen Strand und machten mit unserem eigenen Proviant ein schönes Abendessen. Wir hatten noch Hotdog-Brötchen und Würstchen. Das reicht zum satt werden. Außerdem haben wir so letztlich eine Stunde Fahrt gespart. Im Nachhinein war das schon der bessere Plan.
Eigentlich wäre dann der Punkt gewesen, wo ich sagen müsste „Hey, langer Tag – ich mag noch Reisetagebuch schreiben. Lass uns mal ins Hotel.“ Stattdessen gingen wir aber noch am Strand spazieren und machten fleißig Fotos. Ich glaube, man könnte sich hier als Fotograf problemlos einen Tag lang aufhalten.

Und fürs Protokoll habe ich hiermit dann auch den Punkt erfüllt, dass ich abends noch einen Spaziergang machte, obwohl ich eigentlich hätte Blog schreiben sollen. Es ist ja nicht verboten gewesen, dass ich bei dem Spaziergang auch noch coole Fotos bekomme.

Keine Sorge, es gibt auch noch „die anderen“ Fotos.

Ja und jetzt bin ich totmüde. Hätte ich nicht schon zwei Punkte auf der ToDo-Liste heute erfüllt, ich würde wohl noch ein Foto von mir jetzt gerade machen und auch den Punkt abhaken, dass ich mal ein Bild von einem „Warum tue ich mir das an?“-Moment mache. Aber nein. Für heute reicht es.
Morgen geht es dann eigentlich schon weiter in Richtung Vík. Auf der Strecke liegen wieder mal zig Möglichkeiten, wie man den Tag verbringen kann. Am Ende wird es wohl dann wieder damit enden, dass es keine Nacht in Island gibt und die Tage unendlich scheinen, die Zeit die man zur Verfügung hat aber doch irgendwann endlich wird.
Wie philosophisch. Ich glaube, das ist auch mein Zeichen an mich, dass ich jetzt zum Schluss komme und schlafen gehe. Wir werden schon noch früh genug rausfinden, wie der Plan für morgen ist.
In diesem Sinne
| Aufgabe | Beweisfoto | Status |
| Ein Foto mit einem Schaf 2.0 | ![]() | 22.05.2026 Grásteinn erledigt |
| Jemanden Huckepack nehmen (meine Frau ausgeschlossen) | ![]() | 31.05.2026 Gufufoss erledigt |
| Eine coole Schattenfigur machen | ||
| Posieren mit einer Islandflagge | ||
| Baue eine Eisskulptur | ||
| Umarme einmal Island (so gut es geht) | ![]() | 29.05.2026 Tröllaskagi erledigt |
| Verewige Murphy auf einem schmutzigen Auto | ![]() | 25.05.2026 Dynjandi erledigt |
| Mach einen Spaziergang, obwohl du eigentlich müde bist und Blog schreiben solltest | ![]() | 02.06.2026 Stokksnes erledigt |
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Habe die Ehre
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