Altersweisheit

Gedanken der grauen Haare

Ich bin unsicher, ob früher alles besser war oder ich einfach jünger. Der heutige Tag brachte vor allem die Erkenntnis, dass Veränderung allgegenwärtig ist. Das gilt für mich genauso, wie für Island.

Hier im Süden des Landes wird es für uns tatsächlich immer schwerer dem Gedanken zu folgen, dass wir Dinge tun, die wir noch nie gemacht haben. Ich glaube schon, dass es noch Sachen gibt, die in diese Kategorie fallen könnten. Allerdings haben wir schon irre viel hier gemacht und ein paar Sachen möchten wir auch partout immer und immer wieder machen, sodass für andere Dinge die Zeit knapp wird.

Als ob der Wetterbericht in Island geahnt hat, wie das Wetter wird, gab es dann heute auch nur flüssigen grauen Sonnenschein von oben. Den aber dafür in rauen Mengen. Nach mehr als zwei Wochen einen Regentag haben, ist vermutlich für einen Islandurlaub trotzdem ein guter Schnitt. Gleichwohl hilft es nicht unbedingt der Motivation besonders viel zu machen. Wir haben trotzdem versucht ein bisschen was aus dem Tag rauszuholen.

Schließlich sind wir professionelle Islandurlauber und so eine Reisetagebuch schreibt sich am Ende auch nicht von allein. Ein paar Erlebnisse braucht es da schon (und einen dummen, der sich abends übermüdet hinsetzt und Worte für alles findet).

Also dann – das Aufstehen fiel mir heute doch verhältnismäßig leicht. Nach der gestrigen Wanderung und den unzähligen Stufen hatte ich durchaus Muskelkater erwartet. Doch meine Beine waren ok. Insgesamt war mein Fitnesslevel den letzten Tagen und meinem Alter entsprechend. Ein gutes Zeichen für einen erfolgreichen Tag.

Unser erster Stopp sollte nach Hjörleifshöfði gehen. Hierzu braucht es ein bisschen Insiderwissen. Es handelt sich um eine Höhle, die in Internetkreisen den Ruf hat, dass der Eingang aussieht wie Yoda. Für meine Frau und mich ist es ein Ort, den wir schon seit dem ersten Mal in Island besuchen. Meine Frau ist hier das erste Mal mit 80km/h über eine Schotterpiste gefahren und allein der Gedanke an die vielen Aufenthalte löst eine gewisse warme Nostalgie aus.

Zu viel erwartet, du hast

Heute war es dann… na, ich sag mal – schwierig für mich. Es ging damit los, dass man beim Abbiegen auf die Schotterstraße eine Kamera sah und ein Schild, dass man für den Parkplatz nun Geld bezahlt. Das sind für einen normalen PKW meistens so knapp 7 Euro in Island. Na gut, dann sei das so.

Die Straße ist ramponiert wie eh und je aber jetzt steht ein Schild da, dass man nur noch 30km/h fahren darf. Aus einer Perspektive der Sicherheit schon plausibel. Für den Fahrspaß ein Todesurteil. Ja und dann nennt sich der ganze Bereich jetzt „Viking Park“.

Yoda oder ein einäugiges Höhlenmonster?

Warum es jetzt ein Park ist, habe ich nicht so ganz verstanden. Es steht jetzt ein Replikat eines Wikingerschiffes dort und scheinbar baut man Toilettenhäuschen. Natürlich steht dann auch der obligatorische Automat für die Parkgebühren da, wobei auch der noch nicht funktionierte. Schilder weisen dann aber mehrfach darauf hin, dass trotzdem zu zahlen ist.

Die Spanngurte der Wikinger

Es fühlt sich ein wenig so an, als hätte eine Marketingabteilung beschlossen, dass sie schon mal Geld verdienen möchte, aber der Gegenwert für Touristen kommt erst noch… später… irgendwann… vielleicht.

Vielleicht ist es so, dass uns hier wirklich die Vergangenheit in die Quere kommt. Für uns hat der Ort damals viel Charme gebracht und der ging heute leider etwas flöten. Es hatte Entdeckergeist und war unerschlossen für große Teile der Menschheit. Nun ist es eben ein Bauprojekt des Tourismus und hat mindestens das Geschmäckle von Geldgier. Vielleicht ist das in ein paar Jahren sogar was gutes, weil der Ort bestimmt auch irre viel Potenzial hat? Ich weiß es nicht. Für heute bleiben leider gemischte Gefühle an diesen Ort zurück.

Aber hey, am Ende sind es 7 Euro und in aller Arroganz tun uns die nicht so übermäßig weh. Man hat es mal gesehen, kann es jetzt bissl aktiver verfolgen und wahrnehmen und dann kann man in der Zukunft immer noch die Frage neu bewerten, ob man nochmal hinfahren möchte oder nicht.

Der nächste Halt des heutigen Tages sollte dann die Lava Show in Vik werden. Die Idee für einen erneuten Besuch hatten wir gestern schon mal in den Raum geworfen. Noch unter der Bettdecke gab es den finalen Entschluss, dass wir die Show um 11 Uhr besuchen werden. Zack – Tickets gebucht und dann in der Bestätigungsmail noch den fettgeschriebenen Text gelesen, dass es gern mal ausverkauft ist und man mindestens 20 Minuten eher da sein soll – gern früher.

Es gibt doch auch ein Restaurant und laut Google und der eigenen Website macht das alles um 10 Uhr auf. Wir standen um etwa 10.20 Uhr da und dachten so bei uns, dass wir noch einen Tee trinken und dann wird das schon passen. Wir gingen dann zur Tür und…. die blieb zu. Joa… gut. Dann wohl nicht.

und nu?

Wir saßen dann etwas irritiert im Auto und dachten bei uns, dass wir einfach mal noch etwas abwarten. Im Laden sahen wir, dass jemand noch am Boden wischen war. So richtig eilig hatte sie es aber damit auch nicht.

Nach ein paar Minuten kamen dann weitere Fahrzeuge auf den Parkplatz. Eine Frau ging zur Tür und erlebte die gleiche Verschlossenheit, wie wir. Wir stiegen dann auch aus, um ihr und der Irritation etwas Gesellschaft zu leisten. Jemand von der Lavashow öffnete dann kurze Zeit später einen Spalt die Tür und meinte so sinngemäß: „Ihr seid ganz schön früh dran.“ Aber immerhin durften dann alle eintreten und sich drinnen aufhalten. Schon auch nett, so eine halbe Stunde nach offizieller Öffnungszeit. Soll niemand sagen, die Isländer sind kein lockeres Völkchen.

Unserer Stimmung tat das alles aber auch keinen Abbruch. Die Laune war geprägt von Vorfreude. Uns sprach dann auch noch eine Frau aus den USA an und wir unterhielten uns eine Weile. Ist manchmal auch ganz nett, mit anderen Touristen zu plaudern. Es hat was verbindendes, wenn man sich über die gleichen Sachen freut. Für uns auch immer wieder schön, wenn wir Tipps geben können. So als alte Islandhasen kennen wir mittlerweile doch den ein oder anderen Kniff, wie man es sich hier gutgehen lassen kann.

Die Lavashow selbst ist dann wieder großes Kino. Wir waren jetzt das vierte oder fünfte Mal dort. Wir wissen also recht gut, was kommt. Ein bisschen Einleitung, ein Video über Vulkane und dann die Lava. Nein, das hab ich falsch rübergebracht. Ich versuch es noch mal: dann.. DIE LAVA!!!! Besser.

Hexenhaare in der Herstellung

Wir saßen in der ersten Reihe und es wurde richtig heiß. Wer hätte es ahnen können, wo doch Lava mit über 1.000°C in den Raum geführt wird. Clever wie ich bin, saß ich direkt im T-Shirt da. Auch hier greift wohl meine Altersweisheit.

Mozzarella Lava

Der Gastgeber hat meines Erachtens dann auch mit einer guten Energie durch das Programm geführt. Hier und da ein kleiner Scherz, dann immer wieder ein paar spannende Fakten über Lava und ein bisschen Show gibt es natürlich auch. So „probierte“ er zum Beispiel mal, wo man am besten auf der Lava ein Taschentuch verbrennen kann.

Mr Lava Lava

Nach einer guten Stunde waren wir gut aufgewärmt. Das war auch nötig, weil es draußen mehr und mehr grau wurde. Bevor wir aber die Fahrt in den Westen angetreten haben, stoppten wir noch bei einem Food Truck und gönnten uns ein paar Crêpes.

Nom

Habt ihr eine Vorstellung davon, wie schwer es ist, ein gutes Bild zu finden, von zwei Personen, die gerade essen? Hätte ich gewusst, ich hätte diesen Part heute nicht ins Reisetagebuch mit aufgenommen. Aber hey – jetzt habe ich die Mühe auf mich genommen und diesen literarisch wertvollen Passus auch optisch gut untermalt. Wie dem auch sei.

Der Stopp war nicht nur wegen der Crêpes cool. Mich sprach ein Kind an, dass er mein T Shirt sehr cool findet. Ist mir auch noch nie passiert und hat mich ehrlich gefragt, weil er auch wirklich begeistert schien. Ich hab ihm dann verraten, wo er sich auch so eins kaufen kann. Ob seine Mama mit ihm wirklich in den Laden gefahren ist, ist leider nicht übermittelt.

Unser Weg sollte uns dann in Richtung Westen führen. Wir wollten beim Seljalandsfoss mal schauen, wie voll der Parkplatz ist. Aus der Ferne wirkt es mindestens sehr gut gefüllt. Dazu gesellte sich ein ordentlicher Schwung Regen und damit kam dann die Entscheidung, dass wir nicht anhalten. Stattdessen fuhren wir weiter zum Gluggafoss.

Gluggafoss heißt übersetzt soviel wie Fenster-Wasserfall. Was vermutlich daran liegt, weil im Gestein ein Loch ist, was aussieht wie ein Fenster. Durch dieses fällt dann das Wasser.

Eine weitere These, die ich mir womöglich heute ausgedacht habe, ist: Wenn man das Wasser von dort trinkt, weil man gerade sehr durstig ist, dann macht man *glugg, glugg, glugg…. aaaaah*

Heute war ich unterwegs wirklich hart an der Grenze. Wir standen auf dem Parkplatz und ich war hundemüde Ich hatte schon einen doppelten Espresso und einen Energydrink, aber mein Körper kam nicht mehr über den Notbetrieb hinaus. Ich verlor sogar den Kampf gegen die Ärmel meiner Jacke und resignierte zwischenzeitlich beim Versuch, mich fürs Rausgehen anzuziehen.

the struggle is real

Ich glaube es war Nena, die schon mal in einer ähnlichen Situation gewesen sein muss, als sie damals sang: „Gib mir die Hand und zieh mir die Jacke an… irgendwie, irgendwo, irgendwann“. Es dauerte eine Weile und ich muss wohl dankbar sein, dass meine Frau mich ertragen hat, aber ich habe es dann tatsächlich doch noch geschafft.

Draußen war es nass und kalt. Und weil Bodyshaming bei Regentropfen okay ist, sei gesagt: Die Regentropfen waren echt fett. Wettertechnisch also wirklich herausfordernd. Doch bei mir war das für einen Moment alles vergessen, als ich dann vorm Gluggafoss stand. Es ist so ein schöner Wasserfall.

Wie immer greift auch hier die offensichtliche Wahrheit, dass blauer Himmel und Sonne nicht geschadet hätte. Gleichzeitig kann ich aufrichtig sagen, dass mir das für eine kleine Ewigkeit egal war.

Die Wassermassen, die ihren Regeln folgen und zu einem Fluss werden. Das Moos an den Wänden, was seinen eigenen wunderschönen Regen produziert. Die Kräfte, die einen hier unweigerlich umgeben. Alles zog mich in seinen Bann und gab mir das gute Gefühl, einen besonderen Ort für mich einmal mehr erleben zu dürfen.

Ich weiß nicht sicher, ob mich da ein emotionaler Moment überkam oder ob ich vielleicht einfach in meiner Müdigkeit weggedriftet bin. So oder so wurde mir doch irgendwann klar, das nasse Sachen und Wind eine doch eher unangenehme Kombination sind. Wir machten dann nur noch eine handvoll Fotos und beschlossen den Satz zu sagen, der diesen Urlaub öfter kam: „Dann machen wir das beim nächsten Mal“.

Im Kampf gegen den Schlaf fuhren wir dann nach Selfoss und kauften noch mal ein paar Sachen für die kommenden Tage ein. Danach ging es direkt in unsere neue Unterkunft.

Dana, unser Gastgeber war sogar so cool und brachte mir eine Gitarre vorbei. Das heißt, wir sitzen jetzt hier in Eyrarbakki, keine 30m vom Wasser entfernt, können die Wellen sehen und die Möwen hören und ich kann dazu Gitarre spielen.

Zum Abendessen haben wir dann ganz spektakulär vorhin Nudeln mit Tomatensauce gemacht. Beim Einkaufen ist mir dann vielleicht auch noch ein Lakritzeis in den Einkaufskorb gefallen. Es gab in meinem Leben sicherlich schon schlechtere Abschlüsse für einen Tag.

Ehrlicherweise habe ich noch keine Ahnung, was wir eigentlich morgen machen. Das Wetter ist vielleicht vormittags gut? Vielleicht auch nicht. Vielleicht weiß es der Wetterbericht oder doch nur meine Frau. Egal wer – ich weiß es gerade nicht. Insofern ist mein Plan: Bereit sein, wenn meine Frau mich bereit haben will. Wann auch immer das ist und was auch immer wir dann vorhaben. Und ist es nicht irgendwie auch schön, dass ich mich trotz dieser ganzen Wissenslücken auf morgen freue?

In diesem Sinne, ich werde morgen berichten

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