Alles was das Herz begehrt
Der heutige Tag sollte zeigen, dass Island mehr als eine Schokoladenseite hat. Er sollte auch zeigen, warum meine Frau und ich niemals Reise-Influencer werden können.
Es ist der letzte volle Tag in den Westfjorden. Gerade sitze ich in einem Häuschen in der Nähe von Hólmavik. Morgen werden wir die Westfjorde verlassen, den Norden durchqueren und dann hoffentlich in Húsavik ankommen.
Die Zeit ist daher reif, langsam Abschied von den Westfjorden zu nehmen. Nicht für immer, aber durchaus für diesen Urlaub. Und weil Trübsal nicht so gut in den Urlaub passt, haben wir heute all unsere Energie in den Tag gesteckt und Island tat es uns gleich.
Dabei wollte ich eigentlich gar nicht so richtig aufstehen. Kurz nach 7 Uhr lag ich im Bett und hätte es vermutlich noch ein Stündchen länger dort ausgehalten. Es will schon immer was heißen, wenn meine Frau morgens die treibende Kraft ist.
Zumal es draußen schön war. Blauer Himmel, Sonnenschein und das Gefühl eines isländischen Spätsommertages. Also die Koffer gepackt, das Auto beladen und nebenbei geklärt, was eigentlich heute alles auf dem Programm steht. Doch wenn man so eine Route plant, kann man nie das berücksichtigen, was Island noch bereithält. Da war zum Beispiel ein sehr farbintensiver Regenbogen direkt nach unserer Abfahrt.

Der Regenbogen reichte sogar dafür aus, dass wir direkt rausfuhren und Fotos machten. Der war schon wirklich sehr hübsch und irgendwie sehr nah an uns dran.

Aber klar, wo ein Regenbogen ist, da ist Sonne aber blöderweise auch Regen nicht weit. Die liebgewonnene Wanderung im Tal von Valagil haben wir heute deswegen auch lieber nicht gemacht. Das Risiko ist dann doch etwas zu hoch, mitten im Nirgendwo bei knapp über 0°C im stürmischen Regen zu stehen.
Stattdessen folgten wir der Sonne. Fjord um Fjord und Kilometer für Kilometer. Immer mal wieder fuhren wir auf einen Parkplatz raus, schauten aufs Meer, die schneebedeckten Hügel am Horizont und ließen uns von kalter klarer Luft das Islandgefühl auf und in den Körper wehen.

Einmal noch mal alles hier mitnehmen. Die Schönheit, das Schroffe, das warme Gefühl innen auch wenn draußen schon manchmal wirklich sehr kalt ist und das ganze emotionale Erlebnis richtig Fahrt aufnimmt, dann garniert man es noch mit Robben.

Beim Parkplatz fürs Robbengucken stand eine kleine Box, in der jemand isländische selbstgemachte Marmelade mit einer Vertrauenskasse hingestellt hat. Ich hatte leider keine Kronen mehr. Ich habe daher aufgerundet und den Betrag in Euro reingelegt. Lieber isländischer Marmeladenkocher – ich hoffe, dass das okay für dich ist.
Meine Frau griff dann recht eloquent das Handy und stellte ein neues Ziel ein. Mittlerweile hinterfrage ich sowas nicht mehr und fahre einfach drauf los. Irgendwann bog ich dann auf eine Straße ab, die mir bis dato noch gar nichts sagte. Entlang zweier Spurrillen ging es zu einem mit Gras bewachsenen Haus und einem Steg. Ein Ort aus einer anderen Zeit.

Im Grunde gibt es hier nicht viel zu sehen und dann doch wieder hunderte Details zu entdecken. Dieser Ort wird es recht sicher niemals in einen Touristenguide schaffen, aber er vermittelt Ruhe, Historie und vielleicht einen Funken Glück, dass man hier sein darf.

Ja und Wasser geht eben immer. So ein Steg hat eine magische Anziehungskraft auf mich. Einfach mal hingehen, draufstehen, Wasser gucken – fertig. Ist manchmal sehr einfach, mich glücklich zu machen.

Motiviert von den neuen Entdeckungen bogen wir kurz danach gleich noch mal von den gewohnten Straßen ab und landeten… bei einem Salzwerk?! Ich glaube, dass man das theoretisch besuchen kann, aber eigentlich war der Gedanke zu diesem Zeitpunkt eher, dass wir einen heißen Pool suchten.
Der Weg war schon recht rustikal und meine Frau hatte vermutlich mehr als einmal Zweifel daran, ob das alles gut ausgeht. Ich dagegen hatte eine richtig gute Zeit. Zumal wir dann einen kleinen Fleck fanden, bei dem wir das Auto abstellen konnten und durch knietiefes nasses Gras wirklich zu etwas liefen, was als Pool ausgeschildert war. Ich würde an dieser Stelle übrigens den Punkt meiner ToDo-Liste als erledigt betrachten, dass wir mal einen Umweg machen, der sich gelohnt hat. Aber zurück zum Pool.

Ich will es mal so versuchen: Es war am Ende wirklich ein Pool. Es gibt heiße Quellen in der Nähe. Aber es gibt auch einen Grund, warum ich das in zwei unterschiedliche Sätze packe. Der Pool war kalt und augenscheinlich schon seit vielen Jahren am verwildern. Hübsch anzusehen war es bei dem tollen Wetter trotzdem.
Wisst ihr, was wir heute noch gar nicht so richtig hatten? Einen Wasserfall. Ich gebe zu, die Überleitung zum nächsten Stopp ist erneut ein lyrischer Hochgenuss, aber wir kamen dann tatsächlich zu einem Wasserfall.

Wir wollten dann irgendwie mit den Händen ein Herzchen machen und dabei halbwegs passabel vor der Kamera stehen. Wir haben es bestimmt 20 Sekunden lang versucht und dann aufgegeben… das Ergebnis doch trotzdem ganz ok, oder?

Meine Frau ging dann zurück ins Auto, während ich den Hügel noch etwas weiter hinaufging. Als ich so meine Lebensentscheidung bereute (warum müssen Bergspitzen eigentlich immer verlockend aber eben auch oben sein?!) sah ich, wie hinter mir einmal mehr ein wunderschöner Regenbogen erschien.

Jetzt kann man natürlich darüber spekulieren, wie sehr sich der Weg auf den Hügel gelohnt hat, wenn ich von dort oben gar kein anderes Bild zeige, als das des Regenbogens. Naja, manchmal muss man auf die harte Tour lernen, das manche Entscheidungen dumm sind.
Meine Frau wurde dann langsam müde und bei mir machten sich auch Anzeichen bemerkbar, dass der Tag schon wieder viel zu bieten hatte und etwas Ruhe gut tun würde. Wir hielten deshalb beim alten Schloss der Westfjorde.

Auch wenn das Areal recht klein ist, kann man theoretisch auch hier viel auf Erkundungstour gehen. Wäre da nicht die Müdigkeit… Ich bin zumindest aus Anstand mal ein paar Meter umhergelaufen. So hatte ich immerhin auch hier die Gelegenheit, kurz bei einem Steg zu stehen und ins Wasser zu gucken.

Dass einige Synapsen in meinem Kopf bereits im Feierabend waren, beweist auch die nächste Aktion. Wir fuhren zu einem Supermarkt und kauften ein paar Kleinigkeiten. Danach dachte ich bei mir, dass es klug wäre, das Auto wieder vollzutanken. Bis hierhin – alles normal. Dann saß ich im Auto und dachte bei mir, dass es auch schön wäre, wenn man mal wieder was durch alle Fenster sehen könnte…

Kleiner Tipp vom Profi: Motor ausmachen hilft. Ansonsten reagiert der Regensensor. Falls du denkst, man könnte schneller wischen, als die Scheibenwischer… nein, kann man nicht. Ich habe es probiert und bin kläglich gescheitert.
Wir fuhren dann erstmal nach Hólmavik rein und fanden zur Abwechslung der letzten Tage ein Restaurant, das tatsächlich offen war und Essen servierte. Mit diesem völlig verrückten Zwischenfall mussten wir auch erstmal umgehen. Zumal es dann auch noch sehr lecker war.
Gestärkt fuhren wir dann noch zu einem weiteren Wasserfall. Selbstredend wurden wir auf der Fahrt einmal mehr von mehreren echt schönen Regenbögen überrascht.

Die Westfjorde sind einfach toll. Vor allem auch, weil es hier noch so viel gibt, wo der Tourismus noch keine Ahnung von hat. Schaut euch diesen tollen Wasserfall an.

Der goldene Zirkel hat auf Google mehrere Tausend Rezensionen. Dieser Wasserfall knapp 30 und man versteht letztlich auch schnell warum. Entweder weiß man von seiner Existenz oder man fährt mangels eines Schildes fröhlich an ihm vorbei. Vor Ort steht auch ein Schild mit roten Rahmen und isländischen Text. Das könnte auch für manche abschreckend wirken. Aber eigentlich steht da nur, dass man hier nicht jagen darf. Da wir das nicht vorhaben, genossen wir also einfach so unsere Zeit dort.

Und während ich mit der Drohne umherflog und die Umgebung erkundete, ging meine Frau noch weiter auf Abenteuertour. Außerdem haben wir auch heute selbstverständlich einen Happy Stone in Island ausgesetzt.

Der Stein liegt vielleicht etwas „offener“ rum, als die Steine bisher. Aber der Ort ist ja wie beschrieben auch wirklich nicht für eine große Masse leicht zu finden. Eine gute Aussicht und passende Umgebung hat der Stein natürlich auch wieder bekommen.

Beim Tagesabschluss kam uns nun zu Gute, dass unser heutiger Host spontan die Eingebung hatte uns umzubuchen. Statt 20m² Cottage sitzen wir jetzt in einem 3-Raum Haus mit Fußbodenheizung. Draußen steht ein Hot-Tub und wäre das nicht irgendwie völlig überflüssig in Island, könnten wir hier sogar TV schauen. Wir haben uns selbstredend für den Aufenthalt im Hot Tub entschieden.

Theoretisch gibt es für heute Nacht eine ganz passable Chance, dass wir Nordlichter sehen. Das wäre natürlich der Oberknaller. Ich versuche meine Euphorie da aber noch etwas zu zügeln. Nordlichter haben leider viele Gemeinsamkeiten mit einem Lottogewinn, was ihre Wahrscheinlichkeit angeht.
Aber wer weiß? Vielleicht haben sich die Westfjorde ja noch etwas für uns heute Abend aufgehoben. Doch selbst wenn nicht, heute war ein Tag voller schöner Erlebnisse und ich werde sehr sicher nachher sehr zufrieden einschlafen.
In diesem Sinne
Habe die Ehre
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