Geschichten aus Island
„Habt ihr nicht langsam mal alles in Island gesehen?!“ Heute habe ich erlebt, wie mir drei Gänse auf die Veranda gekackt haben und ich bin sehr sicher, dass das Absicht war. Also nein, ich denke nicht, dass wir bereits alles erlebt haben. Ob das immer alles erlebenswert ist, mag eine andere Frage sein.
Heute sah der Tag vor, dass wir die Westfjorde verlassen und den langen Weg nach Húsavík antreten. Grobf überschlagen sind das 450 Kilometer Fahrt und auch wenn Island per se hübsch ist, kosten 5-6 Stunden Fahrten auch hier eine Menge Energie. Es wird auch nicht besser, wenn dazu sehr ambitioniertes Wetter in Form von Wind und Regen angesagt wird.
Das Motto lautete heute also Kilometerschrubben und trotzdem eine gute Zeit haben. Zugegebenermaßen startete das schon herausfordernd, weil es selbst gegen so gegen 10 Uhr noch die Lichtverhältnisse hatte, als wäre Island allergisch auf Sonne. Wir hielten trotzdem mal bei einem kleinen Wasserfall, den wir über die letzten Jahre liebgewonnen haben.

Vielleicht hat es mehr Wasser geregnet, als den Wasserfall runterfiel. Wir waren trotzdem hier und haben uns gefreut. Zumal wir uns diesen Ort bereits für den heutigen Happy Stone ausgesucht haben. Der heutige Happy Stone ist unserer sehr guten Freundin Yuki gewidmet.

Yuki ist eine alte Dame und sie liebt es draußen zu sein und zu schnuppern. Vermutlich wird sie uns niemals nach Island begleiten können, aber dieser Ort würde ihr sehr sicher gut gefallen.

Bereits jetzt leicht durchnässt und angefröstelt, fuhren wir endgültig von den Westfjorden und waren zurück auf der Hauptinsel. Das ist immer wieder spannend. Auf einmal sind da tatsächlich andere Autos.
Man ist immer noch weit weg von dem Verkehrsaufkommen, was man aus Deutschland oder Mitteleuropa im Allgemeinen kennt. Gleichzeitig muss ich gestehen, dass es auch immer etwas verwirrend für mich ist, auf einmal wieder drauf zu achten, dass es wirklich Fahrbahnmarkierungen gibt und es für die Gesundheit ratsam ist, dass man auf seiner Seite der Straße bleibt. Dabei ist Spuren schneiden in den Westfjorden wirklich lustig… aber na gut. Dann fahre ich eben wieder vernünftig.
Oder, wir fahren einfach zum Kolugljúfur denn da fährt man auf einer Schotterpiste und zumindest fühlt es sich doch noch mal nach dem wilden Island an.
An dieser Stelle muss man sagen, dass der Plan solang gut war, bis wir vor Ort sahen, wie jemandem seine Mütze wegflog. Andere Menschen hatten augenscheinlich Schwierigkeiten sich vorwärts zu bewegen oder sahen irgendwie sogar schmerzverzerrt aus. Alles in allem brauchte es wenig Phantasie um zu erahnen, dass die Kombination aus Wind und Regen hier eine gewisse Stufe der Eskalation erreicht hat. Natürlich musste ich trotzdem mal aussteigen. Ich bereue nichts.

Tatsächlich hatte ich schon Schwierigkeiten die Autotür aufzubekommen. Der Wind schlug sie immer wieder zu. Es brauchte schon beide Arme und ein bisschen Schwung. All das, um nach circa 08173 handgestoppten Nanosekunden durchnässt zu sein und von Regentropfen aufgespießt zu werden. Immerhin habe ich den Kolugljúfur dann trotzdem noch live sehen dürfen und auf der Habenseite waren dann überraschenderweise auch kaum Menschen da.

Mein Zwiebellook bestand aus: Einem T-Shirt, einem Pullover, einer Unterjacke, einer Wetterjacke – ich war bis auf die Haut nass und das binnen nicht mal 5 Minuten. Komm nach Island haben sie gesagt… es ist schön dort haben sie gesagt…. Es war arschkalt und touristisch etwa so wertvoll wie ein Besuch beim Zahnarzt. Immerhin erlaube ich mir hiermit den Punkt der ToDo-Liste abzuhaken, dass es doch schlechtes Wetter gibt.
Die beste Aufnahme der Schlucht bekamen wir übrigens dadurch, dass wir die GoPro aus dem Auto hielten und einfach mal gefilmt haben.

Tatsächlich wurde das Wetter hier und dort sogar freundlicher. Naja, was heißt freundlicher – der Himmel wurde blau und es regnete nicht überall. Der Wind wurde dafür immer stärker. Ich zog es dann ehrlicherweise vor nicht allzu viel auszusteigen. Trotz warmen Auto, Sitz- und Lenkradheizung war ich echt lang durchgefroren und der Großteil meiner Sachen immer noch sehr klamm bis nass (Randnotiz: Selbst jetzt wo ich den Blog schreibe sind die Taschen meiner Jacke feucht). Ich sprang also bestenfalls mal für ein Foto raus und hoffte sonst, dass ich nicht absehbar zum Eiswürfel mutiere.

Der Wind nahm dann immer mehr zu. Wir waren laut App weit über 100km/h Windgeschwindigkeit und da kamen dann noch Böen obendrauf. Das Auto wackelte manchmal schon sehr bedenklich und ich versuchte so gut es geht fokussiert einfach die Kilometer abzureißen.
Mulmig wurde mir besonders dann, als ich sah, wie auf einmal die geschlossene Motorhaube anfing sichtbar auszutesten, wie weit sie sich nach oben bewegen könnte. Man geht vom Gas, hofft das Beste und spielt gedanklich durch, was man eigentlich machen würde, wenn man in einem isländischen Unwetter auf einmal freie Sicht auf seinen Motor hätte – dafür aber wohl eher keine Sicht mehr auf die Straße. Im Nachgang kann ich darüber scherzen. In dem Moment hätte selbst der Hulk es nicht geschafft, meine Hände vom Lenkrad zu lösen. Morgen habe ich recht sicher Muskelkater in den Armen.

Manchmal ist es auch einfach schön zu sagen, dass man ereignislos irgendwo ankam. Wir kamen ereignislos in Akureyri an. Nachdem wir heute relativ wenig Sehenswürdigkeiten bestaunt hatten, wollten wir zumindest noch ein bisschen Touri sein und ein paar Souvenirs shoppen gehen.

Ein bisschen Krams findet man ja immer und so gaben wir natürlich auch Geld für völlig unnütze Dinge aus, über die wir uns trotzdem sehr freuen. Das Shoppen war insofern auch toll, weil in dem einen Laden eine Katze umherlief. Genau genommen hat sie sogar ein Körbchen und wohnt scheinbar dort. Isländer haben echt kreative Methoden um Kunden in einen Laden zu locken. Bei mir funktioniert das.
Danach ging es noch mal eine Stunde ins Auto und wir fuhren nach Húsavík. Nachdem jüngst Wahlen in Berlin waren, erscheint es doch irgendwie naheliegend, dass wir in die Walhauptstadt Islands fahren. Lasst mich, ich bin müde und heute habe ich mich wirklich noch sehr mit schlechten Gags zurückgehalten.
In Húsavík gingen wir essen. Einmal den Fisch des Tages und einmal Lamm. Dazu hatte ich ein lokales Bier. Das war schon alles sehr stark und die Chancen stehen gut, dass wir morgen noch mal das Restaurant besuchen. Seit den Westfjorden wissen wir, dass es auch nicht selbstverständlich ist, dass Restaurants Ende September überhaupt noch auf haben.
Der letzte Halt des Tages ist unser Cottage kurz vor der Stadt. Wir liegen hier direkt neben dem Wasser und mal abgesehen davon, dass die Zufahrt 2,21m breit ist, während unser Auto 2.20m breit ist, ist alles perfekt.

Ich dachte so bei mir, dass ich mal ein paar Schritte über das Gelände mache. Es ist echt malerisch. Nichts ist von der Straße zu hören oder zu spüren, die nur ein paar hundert Meter weit weg ist. Die Stadt nebenan ist quasi inexistent. Weder sieht man Lichter noch hört man irgendwas. Es ist wunderschön. Auf dem Weg begleiteten mich dann auch noch drei Graugänse (Ich hab gegooglet, was das für Tiere sind. Ich könnte sie zwar vermutlich kochen, aber im Leben nicht benennen).

Ich setzte mich dann auch erstmal ins Cottage und zusammen mit meiner Frau war nun die Zeit für Entspannung gekommen. Zumindest bis wir doch sehr lautes Schnattern hörten. Was soll ich sagen… die Gänse haben mich scheinbar verfolgt.

Die drei Standen vor unserer Tür. Sie meckerten ein bisschen und dann kackten sie uns unsere Veranda voll. Kurze Zeit später flogen sie dann meckernd davon. Wie gesagt, wir haben längst noch nicht alles in Island erlebt.
Morgen soll das Wetter auch durchwachsen werden. Solange drei Gänse vor der Tür reichen, um den Tag als etwas Besonderes zu empfinden, bin ich aber guter Dinge, dass auch der Tag gut wird.
In diesem Sinne
Habe die Ehre
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