Sozialstudie Island

Das I in Island steht für International

Ab und an starte ich Gespräche mit den warmen Worten: „Ich hasse Menschen.“ Und auch wenn das im Kern verhältnismäßig oft den Tatsachen entspricht, muss ich doch gestehen, dass es eher die Masse der Menschen ist. Treten Exemplare dieser Gattung einzeln oder in sehr überschaubaren Gruppen auf, ist es meistens doch sehr nett.

Vielleicht bin ich am Ende doch sozialer, als ich selbst von mir dachte. Vielleicht ruft Island mit seiner naturgewordenen Einsamkeit aber auch einfach dieses gesellige in mir hervor. Sprich – die wenigen Gelegenheiten, die ich hier habe mit Menschen interagieren, sind dann halt aus Prinzip schon mal schöner. So oder so – heute wurde dieser Trend wirklich sehr deutlich greifbar und das im Guten, wie auch im Herausfordernden.

Alles ging los, als ich am Goðafoss heute mal nicht diesen eigenartigen Reflex fühlte, andere Menschen gelegentlich den Abgrund runterschupsen zu wollen, nur weil sie irgendetwas sehr menschliches machen (wie im Weg stehen, atmen oder sehr laut sein). Da hätte ich vielleicht schon ahnen können, dass heute wirklich ein sozialer Tag wird.

Goðafoss

Ich stand einfach da und genoss den Wasserfall. Wie ein ganz normaler Tourist. Na gut, es hat sich auch niemand lautstark an mir vorbeigedrängelt, es flog keine Drohne permanent in meinem persönlichen Störradius und insgesamt waren Wetter und Wasserfall einfach so dominant schön, dass es für den Grummeldeutschen in mir kaum Futter gab.

Theoretisch haben wir für heute einen Plan geschnitzt, der uns zum Nachmittag am Dettifoss ankommen lassen sollte. Wir waren noch nicht mal halb mit dem Goðafoss fertig, da waren wir schon deutlich hinter diesem Zeitplan. Falls ich die letzten Tage unsere tolle Planung gelobt habe – tja… Vom Wetter (so viel kann ich vorwegnehmen) hat heute auch alles wunderbar geklappt. Der Tag wurde nur doch deutlich länger, als ursprünglich angenommen.

Sei es drum. Unbeirrt vom zeitlichen Verzug fuhren wir in Richtung des Hochlands. Das Ziel war der Aldeyjarfoss. Als ich gerade noch mal seine Schreibweise prüfte, wies mich das Internet daraufhin, dass der Aldeyjarfoss einer der fotogensten Wasserfälle Islands ist. Ich finde recht schwer zu bewerten, aber ich kann schon verstehen, wie das Internet zu dieser Einschätzung kommt.

Beweisstück 1

Vor Ort lernten wir dann wohl die kleinste Reisegruppe des Landes kennen. Zwei Männer aus Connecticut und einen dazugehörigen Guide aus Island. Randnotiz: Ich habe gerade erschrocken gelernt, dass es Connecticut heißt und nicht Conneticut. Das mittlere C spricht man nicht mit, oder? Ich schweife ab.

Die Konstellation vor Ort war schon wirklich gut. Meine Frau und der jüngere der beiden Männer unterhielten sich über Fotos, Belichtungen und Restaurants. Der ältere Mann und ich besprachen die besten Drohnenspots und wie man mit der Drohne schöne Langzeitbelichtungen machen kann. Ab und an kam der Guide dazu und streute ein paar isländische Weisheiten ein. So ein bisschen Austausch unter Gleichgesinnten steigert schon die Stimmung im Urlaub.

Drohnen-Mastershot

Um den Sozialakku nicht zu sehr zu strapazieren, waren wir dann beim nächsten Wasserfall auch allein. Wir fuhren noch ein Stück weiter ins Hochland und kamen zum Hrafnabjargafoss.

Die Strecke dahin ist schon eher in der Kategorie „anspruchsvoll“ zu verorten. Zwischendurch fährt man über eine Sammlung fußballgroßer Steine und hofft doch sehr, dass sich nicht gleich der Unterboden des Fahrzeugs mit Schmerzenslauten meldet. Unser Haarald hat das aber alles ganz hervorragend gelöst.

Das, was man dann vor Ort irgendwie als Parkplatz interpretiert, ist dann auch keinen Steinwurf vom Wasserfall entfernt. Wobei man sagen muss, dass eigentlich das Ganze Gebiet dort Wasserfälle bietet. Man könnte vermutlich 500m in alle Richtungen gehen und immer wieder einen Wasserfall finden.

Hrafnabjargafoss

So ganz allein auf der Welt wunderte ich mich ehrlicherweise auch immer mal wieder über mich. Denn eigentlich bin ich schon ein Fan von Sicherheit. Es braucht nicht immer höher, schneller und weiter gehen. Ich bin auch gern mal damit zufrieden, dass Dinge einfach normal sind. Heute fand ich mich aber auf einmal am Abgrund wieder. Zwei Schritte entfernt von einer sehr nassen und kalten Erfahrung und es hätte kaum besser für mich sein können.

Daredevil me

Die Fachkraft für Urlaubssicherheit fände es vermutlich auch nicht gut, wenn ich jetzt noch erwähne, dass die Steine durchaus nass waren und hier und da bedenkliche Risse zeigten. Aber hey – ich hatte eine wirklich gute Zeit und manchmal muss man das Leben auch einfach mal laufen lassen.

Kleiner Tipp vom Islandprofi: Wenn man eine Scheißstraße irgendwo hinfährt, stehen die Chancen ganz gut, dass man die gleiche Scheißstraße auch wieder zurückfahren muss. Mein Augenarzt sagt mir, ich bin weitsichtig. Was die Routenplanung angeht, irrt er sich sehr sicher.

Wir fuhren jedenfalls dann binnen einer Stunde ein zweites mal über die Fußballsteine und es war wieder nicht sonderlich angenehm. Allerdings hat Haarald uns auch dieses mal wieder erfolgreich auf bessere Straßen manövriert.

Zeitlich waren wir mittlerweile noch deutlicher vom Plan entfernt. Was will man machen. Man feiert die Feste wie sie fallen und Island macht man eben solang Fotos von Wasserfällen, wie sie fallen – und das kann eben manchmal doch sehr lange dauern.

Auf dem Weg zum Dettifoss haben wir dann Billie und Dave kennengelernt. Ein Paar aus Australien. Ich schätze, die beiden hätten sich unterm Strich aber auch eher gewünscht, dass es nicht zu der Situation gekommen wäre.

Wir fanden die beiden in ihrem Auto auf einer Schotterstraße mit Warnblinker an. Wir fuhren zu ihnen und fragten, ob alles okay bei ihnen ist. Eine recht aufgeregte Antwort mit den Wörtern Ersatzrad, Pannenservice und Hilfe sagte uns schnell, dass gerade nicht alles okay ist.

Die beiden hatten erst einen Platten und haben in Australien wohl gelernt, dass man entweder ein Ersatzrad hat oder mit dem Platten versuchen soll bis in die Zivilisation zurück zu kommen. Nun hatten sie weder einen Ersatzreifen dabei und die Zivilisation ist dort an der Stelle bequem 1-2 Stunden mit einem funktionierendem Auto entfernt gewesen.

Kurze Zeit später hielt noch ein weiteres Auto an. Ein weiterer Australier, wie sich herausstellte. Der Pannenservice in Island hatte den beiden die etwas fragwürdige Aufgabe gegeben, ohne Internet im Internet ein Formular für den Pannenservice auszufüllen. Irgendwie brauchte die Situation eine bessere Lösung.

Meine Frau richtete ihnen über ihr Handy erstmal einen Internet Hotspot ein. Wir drei Männer standen dann da und grübelten, wie es weitergehen kann. Die beste Idee war dann, dass die drei Australier zum nächsten Guesthouse fahren oder, falls man ihnen dort nicht weiterhelfen kann, sie die nächste Stadt aufsuchen.

Dave war verständlicherweise ganz schön durch den Wind, aber auch sehr dankbar, dass wir alle versuchten irgendwie die Situation zu retten. Sie haben dann tatsächlich ihre Koffer vom kaputten Auto ins Auto des anderen Australiers gebracht und fuhren los. Vorher schenkte ich Dave aber noch mein letztes Island-Armband. Davon gibt es jetzt kein Foto weil das halt einfach kein guter Fotomoment war, aber ich glaub der arme Kerl braucht heute alle Liebe, die er irgendwie kriegen kann. Ich vermute, diese Zeilen werden die beiden nie erreichen, aber lieber Dave, liebe Billie – wir hoffen ihr seid heile irgendwo angekommen und man hat sich gut um euch gekümmert.

Ist halt echt Scheiße, wenn sowas im Urlaub passiert. Aber immerhin ist niemand verletzt und bis auf Zeit und Geld wird am Ende kein nennenswerter Schaden zurückbleiben.

Als die drei losfuhren, ging unsere Tour zum Dettifoss auch weiter. Zeitlich waren wir nun endgültig raus aus jedem jemals gemachten Plan. Aber wen stört das schon, wenn man am Dettifoss sein kann?

❤

Am Dettifoss angekommen war ich erstmal wieder direkt schockverliebt in diesen sagenhaften Wasserfall. Es ist einfach unfassbar, wie viel Kraft sich doch eindrucksvoll durch die Landschaft manifestiert.

Während ich am Staunen war, wurde ich auch mal kurz angesprochen, ob ich ein Foto von einem Paar machen könnte. Konnte ich – tat ich dann auch. Es waren Deutsche und dazu noch ganz nette. Man kam die ersten Sätze ins Gespräch. Meine Frau gesellte sich dazu und ich… war dann doch mal kurz Sozialautist. Irgendwie hatte ich den inneren Drang, dass ich zur vorderen Plattform, direkt an der Fallkante gehe. Und so stiefelte ich quasi mitten im Satz los und ließ meine Frau mit dem Paar stehen.

Ich bemerkte erst auf halber Strecke, dass das vielleicht als etwas eher unhöfliches wahrgenommen werden könnte. Aber da war nun mal der Dettifoss und in diesem Moment war das meine klare Priorität.

Dett is mein Foss

Ich weiß gar nicht, wie lang ich dann letztlich da stand und einfach stumpf in den Wasserfall starrte. Wie so ein staunendes Monument für Wasserfallbegeisterung stand ich einfach da. Irgendwann tippte mich meine Frau an und holte mich aus meiner Trance raus. War auch gut so, denn schließlich mussten wir noch einen Happy Stone platzieren. Heute haben wir uns bewusst für einen Murphy auf dem Stein entschieden. Denn es ist schon wichtig und richtig, dass Murphy und der Dettifoss zusammen sind.

Berlin-Murphy

Selbstverständlich hat der Stein auch eine gute Aussicht. Wie sollte es auch anders sein, wenn man den Dettifoss als Nachbarn hat?

Stein mit Aussicht

Dankenswerterweise bekam ich dann noch eine zweite Chance, meinen sozialautistischen Moment auszubügeln. Es ergab sich dann noch eine weitere Gesprächsrunde mit den vorhin von mir versetzten Deutschen.

Das war schon sehr unterhaltsam. Sie reisen auch bereits seit 2018 durch Island und es hatte was von positiven Schlagabtausch. Sie erzählten von schönen Erlebnissen, wir konnten sofort mitfühlen weil wir das wahlweise so oder so ähnlich auch schon erlebt haben und andersrum ging es genauso. Erneut ein schöner Moment, in dem sich Gleichgesinnte ins Stimmungshoch katapultieren.

Wir wurden dann ein bisschen abrupt unterbrochen, weil eine extrem gut gelaunte junge Frau auf einmal neben uns stand und zu berichten wusste, dass da hinten noch ganz viele tolle Wasserfälle sind. Sie sprach vom Selfoss und auch wenn wir da heute nicht waren, wussten wir alle von seiner Existenz.

Da sie aber so nett war, uns ihre Entdeckung zu teilen, haben wir ihr unsererseits verraten, dass in die andere Richtung auch noch ein riesiger Wasserfall warten würde.

Wir kamen dann mit ihr ins Gespräch. Sie kam aus Hong Kong, ihr Begleiter aus Texas – dazu dann die deutsche Fraktion. Eine Gruppe, wie man sie wohl nur Ende September am Dettifoss findet.

Da war richtig viel gute Energie und ich nutzte das dann auch noch schamlos aus und spielte eine Runde Tic Tac Toe vorm Wasserfall, um diesen Punkt auf meiner ToDo Liste abhaken zu können.

Check

Das Match endete unentschieden, aber ich glaube man kann recht sicher sagen, dass wir uns alle wie Gewinner fühlten.

Irgendwann trennten sich unsere Wege wieder. Die Heimfahrt nach Húsavík war dann geprägt von den Gedanken, an die tollen Menschen, die wir heute kennenlernen durften. Passenderweise schrieben uns genau in dem Moment auch noch mal unsere neuen indischen Bekannten, die wir vor ein paar Tagen in Snæfellsnes kennengelernt haben. Islandurlauber sind schon echt tolle Menschen! So – jetzt hab ich es mal laut gesagt… also…geschrieben.

Wir gingen noch im gleichen Restaurant essen, in dem wir auch gestern Abend waren. Der Fisch des Tages war heute ein Steinbeißer und ich persönlich fand ihn noch besser, als den „Red Fish“ von gestern. Dazu noch mal ein lokales Bier. Der Tag endete auf jeden Fall sehr gut.

Morgen geht es dann in den Osten der Insel. Der Wetterbericht zeigt so einen komischen gelben Ball an. Ich weiß gar nicht genau was das bedeuten soll. Wir werden das noch mal in Ruhe prüfen und dann berichten.

In diesem Sinne

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