Besondere Momente

In guten wie in schlechten Zeiten

Da sind wir also wieder. Es ist kurz vor Mitternacht, der Tag war unfassbar lang und hatte noch mehr zu bieten. Die Kunst wird sein, nicht auf der Tastatur einzuschlafen. Gleichzeitig bin ich unsicher, was ich hoffen soll. Denn Island hat heute die Eigenschaft zu überraschen und das über den Rahmen der Vorstellungen hinaus.

Etwas paradox bleibt es. Man macht ja auch deshalb in Island Urlaub, weil man eben viel erleben möchte. Gleichzeitig ist man dann überrascht, wenn es genau so kommt. Vielleicht ist das wie beim Lotto. Man hofft natürlich auf den großen Gewinn, aber wenn wirklich mal ein Gewinn rauspurzelt, ist man ja doch irgendwie mit der Situation überfordert. Island ist eben mein persönlicher Jackpot.

Ich saß nun gute 2 Minuten stumpf hier und schaute an ein Bild an der Wand. Meine Müdigkeit sah die ganze Zeit zwei Enten… bis ich merkte, dass es Pferde im Nebel sind. Wir sind hier übrigens gerade auf einem Reiterhof. Keine weiteren Fragen euer Ehren. Der Blog kann eigentlich nur großartig werden, wenn mein Kopf jetzt schon so arbeitet.

Die Pferdeenten

Also dann – ran an den Speck. Der Tag begann mit der Erkenntnis, dass weder unser Auto schmaler geworden ist, noch die Zufahrt zu unserem Cottage breiter wurde. Man wächst ja mit seinen Aufgaben und ich habe erfolgreich mit chirurgischer Präzision unseren Haarald davor bewahrt, in einem isländischen Gebüsch zu enden.

Als Danke für diese herausragende Leistung meinerseits, schenkte uns Island gleich mal ein Spektakel vom Meer aus. Es gab Wellen und zwar nicht nur viele, sondern auch hohe und sehr kraftvolle. Wir standen in Húsavík an der Promenade und konnten spüren, wenn die Welle in die Kaimauer donnerten. Manch eine Welle schoss zumindest in Teilen auch noch weiter darüber hinaus. Natur hat schon richtig viel Wucht, wenn sie will.

Splash me if you can

So beeindruckend dieses Schauspiel war, wir wollten eigentlich zur Westseite des Dettifoss. Von hier ist das ein bisschen mehr als eine Stunde Fahrt. Wobei das die reine Fahrtzeit meint. Wenn man so wie wir, ab und an bei Aussichtspunkten anhält und Fotos vom besonderem Licht an den Klippen macht, dauert es schnell mal ein paar Minuten länger.

Abendstimmung am Morgen

Der Dettifoss ist dann, wenn man ihn auf der Westseite besucht, ein Kapitel für sich. Im Vergleich zum Osten gibt es hier einen ausgebauten Parkplatz, Toilettenhäuschen, einen Foodtruck und markierte Wege. Es ist schon touristischer. Gleichzeitig wartet am Ende immer der Dettifoss und der ist einfach über jeden Zweifel erhaben.

Wasserwand

Was mir allerdings heute sehr bewusst wurde, ist, dass der Dettifoss dem Gebiet durchaus zusetzt. Die Aussichtsplattform, auf die man bis vor ein paar Jahren gehen konnte, ist weggeschwemmt. Ja, selbst die Treppe zu dieser Aussichtsplattform ist weg. Wobei die nicht weggeschwemmt wurde sondern Opfer eines Erdrutsches wurde. Wanderwege sind teils einfach weg, teils nun deutlich gefährlicher oder massiv länger (weil man sie durch „sicheres“ Terrain führt). Ich will sagen, dass der Wasserfall vielleicht einen touristischen Mantel auf dieser Seite bekommen hat. Im Herzen ist er aber auch hier wild und wenn er das will, sogar zerstörerisch. Toi toi toi – wollte er heute Gott sei Dank nicht zerstörerisch sein. Er begnügte sich damit, für uns fotogen zu sein. Finde ich auch angenehmer.

Eigentlich wollten wir nur mal beim Dettifoss vorbeischauen. Es wurden dann doch wieder 2-3 Stunden. Doch da wir noch in die Ostfjorde wollten, machten wir uns dann doch langsam auf die Socken.

Meine Frau zahlte den Tribut für die letzten Tage und schlief erstmal eine Weile im Auto neben mir. Ich hielt mich mit guten alten Metalcore und einem Energydrink über Wasser. Ich kann jetzt schon mal prognostizieren, dass ich nach dem Urlaub dringend Erholung brauchen werde.

Das bezieht sich aber ausdrücklich nur auf den Energiehaushalt und vielleicht ein bisschen auf das Körperliche. Für die Stimmung ist Island immer gut. Neulich kam im Gespräch der Satz, dass selbst ein schlechter Tag in Island ein guter Tag ist und da ist auf jeden Fall was dran.

Wir landeten dann beim Rjúkandafoss. An der Ringstraße gelegen, ist das im neudeutschen ein Nobrainer, ob man da anhält oder nicht. Außerdem mag Island in vielen Fällen anders sein als Deutschland. Ob besser oder schlechter, will ich dabei gar nicht zur Diskussion stellen. Manche Dinge sind gleich. Dazu gehört, dass man beim Autofahren ab und an mal eine Pause einlegen sollte. Wir notieren an der Stelle: Metalcore und Energydrink halten den Körper wach, aber ein Wasserfall hält den Kopf bei Laune.

Augenhöhe

Ich flog eine Weile mit der Drohne umher und wurde direkt von einem Familienvater angesprochen. Diesen Urlaub dominiert irgendwie echt der soziale Touch. Jedenfalls war er auch Drohnenpilot. Zumindest bis zu dem Tag, wo er seine Drohne wegen einer Signalstörung verloren hat.

Gestern habe ich ja mal aktiv gelernt, dass Gespräche mit Gleichgesinnten eine feine Sache sind. Wobei es sich gestern doch sehr auf den Aufenthalt in Island bezog. Es stellt sich raus, dass Drohne fliegen als Hobby auch ein Anlaufpunkt für Gleichgesinnte und Stimmungsverbesserung ist.

Die Beine waren dann vertreten und der Kopf gut durchgelüftet. Es ging mit einem kleinen Stopp an einer Tankstelle in Egilsstaðir direkt weiter in den Mjóifjörður.

Irgendwas wird in der Einfahrt des Fjords gebaut. Meine Frau und ich vermuten, dass das ein Hotel oder Guesthouse wird. Mal schauen, ob der Fjord es irgendwann auch aus der Kategorie „Geheimtipp“ in die Liga der etablierten Touristen Hotspots schafft.

Heute ist der Fjord aber noch recht unberührt und allein deshalb schon sehr verlockend. Der erste Stopp, nach einer sehr schönen Fahrt über den Pass, war der Klifbrekkufossar. Man darf sich das so vorstellen, dass wir 30 Minuten in den Fjord fuhren. Theoretisch sieht man den Wasserfall dann schon. Wir wanderten an Wacholderbeeren vorbei über einen Fluss, Stock und Stein und schlängelten uns bis an den Fuß des Berges. Dort hatte ich dann die Chance einmal direkt vor dem Wasser Platz zu nehmen. Über mir schien die Sonne und in mir wurde es warm.

Am Ende der Welt

Ein echt schöner Moment. Zumal der Wind so gnädig war, und die Gischt trotz der Nähe an mir vorbeiwehte. Ich blieb also verhältnismäßig trocken. Nicht das etwas Wasser bei einem Wasserfall stören würde. Aber so ist es manchmal auch schön.

Ich flog dann ein Weile mit der Drohne umher. Dabei entdeckte ich die Schattenseite von gutem Wetter – das direkt Gegenlicht der Sonne. Es ist das eine, dass die Drohne sich ab und zu mal meldet und sagt, dass ihre Abstandssensoren aufgrund des Lichts nicht mehr funktionieren. Auf der anderen Seite habe ich gerade auch unzählige Aufnahmen, für die das Wort überbelichtet echt noch ein Kompliment wären. Was will man machen? Die Sonne stand nun mal exakt 2mm über dem Kamm an der Stelle, wo der Wasserfall ist. Ein paar Aufnahmen sind am Ende trotzdem ganz okay geworden.

blauer Himmel Dank Gegenlicht in weiß

Meine Frau erledigte in der Zwischenzeit den wohl mittlerweile wichtigsten Tagesordnungspunkt unseres Urlaubs. Die Rede ist selbstverständlich vom Happy Stone.

I ❤ Iceland

Bei der Nahaufnahme sieht es so aus, als wäre der Stein recht offensichtlich abgelegt worden, oder? In der Praxis sieht das anders aus. Ihr könnt ja mal schauen, ob ihr ihn auf dem nächsten Bild findet und wie ihr dann die Chance einordnen würdet, ob ihn jemals jemand vor Ort findet.

Gut versteckt

Irgendwann ist man sowas wie vernünftig und versucht sich dann von einem Ort zu trennen, um noch mehr aus dem Tag rauszuholen. Wir wollten nach einer wunderschönen Weile dann noch an den „Strand“ des Mjóifjörður fahren. Im Grunde wäre das auch einfach, da man nur der einzigen Straße folgen müsste. Doch die „Besondere Momente“-Kiste in Island holte einen neuen Moment heraus und konfrontierte uns mit drei Schafen, die im Physikunterricht nicht aufgepasst haben. Wo ein Körper ist, kann kein anderer Körper sein. Oder: Wo drei Schafe auf der Straße stehen, kann kein Auto sein.

„Was bist’n du für’n Schaf?!“

Ich stieg kurz aus und dachte mir, in den letzten Urlauben sind die Schafe immer weggelaufen, sobald ich ein Foto von ihnen machen wollte. Aber nicht die drei. Sie standen da, ich stand da… für einen Moment teilten wir uns wohl alle den Gedanken „Und nun?“. Ich nehme das mal als was Gutes, dass meine Gedanken mittlerweile so isländisch sind, dass ich in Schafsprache denke. Wir einigten uns auf Unentschieden. Ich stieg ins Auto und sie wobbelten dann doch irgendwann irritiert am Auto vorbei.

Der Weg war frei für die Fahrt ans Wasser. Es gibt hier viele kleine Wasserfälle, ein paar hübsche Hügel, ein Schiffswrack und irre viele Details. Letztlich aber kaum etwas, bei dem man sagen würde, es sticht aus den anderen Sachen besonders hervor. Es ist immer das am schönsten, was man gerade sieht.

Paradies

Und wer jetzt denkt, dass ich da demütig sitze und die Natur genieße, der hat für die meiste Zeit durchaus Recht. Es gibt dann aber auch noch die anderen Momente, wo ich der Welt beweise, dass ich im Inneren einfach nur ein Kind mit Führerschein und Bartwuchs bin.

gnihihihi

Und ihr seht richtig: Es war T-Shirt Wetter. Die Sonne spendierte viel Wärme. Es gab kaum Wind. Das Thermometer zeigte zwar nur 11°C aber das fühlt sich in Island bequem wie 25°C in Deutschland an. Ein absolutes Traumwetter.

Zumindest solang, bis man den Fjord zurückfahren will und am Kamm des Berges feststellt, dass die Sonne punktuell so bescheiden für die Fahrt steht, dass man exakt NICHTS mehr sieht. Und ich meine wirklich gar nichts. Da half keine Sonnenbrille, keine Sonnenblende, kein seitlich versetztes gucken – es war nichts zu machen. Wenn man auch nur halbwegs in Richtung der Straße schauen wollte, war das einfach gleißend helles Licht. Vielleicht wäre das in anderen Momenten auch schön. Wenn man aber weiß, dass es links und rechts wahlweise in den sicheren Tod oder in ein sehr anspruchsvolles Gespräch mit der Mietwagenfirma geht, wird die Situation doch schwierig.

Es ist auch nur im Nachgang im Blog lustig, wenn man sagt, dass man dann einfach mal ein Stück nach Gehör gefahren ist. In der Realität stieg meine Frau auch kurz aus und wollte mich dirigieren. Mit dem Ergebnis, dass sie 3m vorm Auto stand, aber im Grunde auch einfach im Licht verschwand. So ein krasses Gegenlicht habe ich wirklich noch nie erlebt.

Aber hey. Irgendwann war es geschafft und wir fuhren in die Richtung von Seyðisfjörður. Zur Wahrheit gehört hier, dass mein Kopf dann mal einen Aussetzer erlebte. Es ist ja immer so eine Frage, wie viel man letztlich im Internet schreibt und ich will es gar nicht zum Fokusthema machen. Andererseits gehört es eben auch zu mir und ich will kein Tabu daraus machen. Ich glaube die Ärzte nennen sowas schnell „depressive Episode“. In der Praxis darf man sich das so vorstellen, dass dann jeder Antrieb für irgendwas fehlt. Da hilft kein rationaler Fakt und auch kein gutes Argument. Der Kopf macht dann erstmal das, was der Kopf machen will. Kann ich am Ende nicht empfehlen. Erklärt aber auch, warum die nächsten Fotos dann erst zum Abend kamen.

Denn die Strategie war irgendwann der Versuch mich raus zu kämpfen. Meine Frau versucht da nach Kräften zu helfen und letztlich ist Island nicht nur für den Blog Herzenssache sondern dann eben auch im echten Leben. Die Kombination half mir über den Moment hinweg.

Im Ergebnis muss ich sagen, wäre das medial sogar sehr gut anders verkaufbar gewesen. Denn irgendwie entstanden aus dieser Geschichte meine ersten Versuche der Langzeitbelichtung via Drohne. Meine Frau übernahm die Einstellungen, ich übernahm das Fliegen et voila:

Langzeit Gufufoss

Wir fuhren dann noch zu einem Restaurant in Seyðisfjörður und gönnten uns eine Backkartoffel mit Lamm. Es ist ein Restaurant, wo wir schon x-mal waren und es hat auch was heimatliches, wenn man irgendwo ist, wo man erkannt wird.

Trotzdem war der Tag bis hierhin natürlich sehr abwechslungsreich und für den Energiehaushalt eine echte Herausforderung. Draußen war es mittlerweile dunkel und wir beschlossen dann doch mal so langsam in unser Cottage zu fahren.

Die abendliche Stimmung wurde dann von einem Aufschrei meiner Frau durchbrochen: „NORDLICHTER!!!“ hallte es vom Beifahrersitz. Ich bin direkt an der nächsten Stelle von der Straße gefahren und ausgestiegen. Da waren Nordlichter! Links der Vollmond – rechts Nordlichter!

wow

Es war saukalt und irgendwie macht man Fotos, staunt, versucht noch eine Kamera zu justieren, friert noch mehr… der Moment überforderte mich maßlos – aber dieses mal im Guten.

Als die Nordlichter den Eindruck machten zu verschwinden, stellte ich fest, dass wir laut Navi keine 10 Minuten mehr von unserer Unterkunft entfernt sind. Also ging es jetzt wirklich nach Hause. Dort angekommen, legten die Nordlichter noch mal los.

so schön

Ich sah, dass im Nachbarcottage noch Licht brennt. Mit kurzem Hadern beschloss ich dann, dass ich kurz anklopfe und Bescheid sage, dass gerade Nordlichter da sind. Irgendwie finde ich es sehr befremdlich, mitten in der Nacht bei Urlaubern zu klopfen. Aber es waren Nordlichter…

Dort wohnte ein junges Paar und nach anfänglicher Irritation standen dann auch beide Draußen und man hörte nur „wow….“ und „WOW!!!“ ich denke daher, dass es okay war zu klopfen.

Wirklich WOW!

Was vom Tag bleibt, ist, dass es wirklich viele schöne Momente gab. Ich weiß, dass ich hier schon immer viel schreibe. Ein beruflicher Redakteur würde viel mehr kürzen und viel mehr bündeln. Für mich steht hier jedoch nicht mal ein Bruchteil des Tages.

Island bietet so unfassbar viele schöne Momente. Klar, das echte Leben passiert nebenbei auch noch und dort mag es dann auch die anderen Momente geben. Aber ich darf euch versichern, dieser Tag wird mir sehr lange in Erinnerung bleiben und am Ende sogar sehr sicher in guter Erinnerung.

In diesem Sinne

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