Ruhestein

Bleibt ein Weilchen und hört zu…

Kennt ihr das, wenn ihr im Grunde wisst, dass ein Wunsch von euch sich sehr sicher nicht erfüllen wird und ihr trotz aller Wahrscheinlichkeit eine Resthoffnung habt? Diese hält bis zu dem Moment, wo der Wunsch unwiderruflich erlischt und ihr mit diesem Mix aus Gewissheit und etwas Traurigkeit zurückbleibt. Genau da war ich heute.

Wir haben nicht nur einen Batzen Happy Stones aus Deutschland mitgebracht. In meinem Gepäck befand sich auch Hundespielzeug. Ich wusste wie niedrig die Chance ist, dass ich meine Urlaubsliebe vom letzten mal erneut treffen. Aber naja… es hätte ja sein können und ich wäre vorbereitet gewesen. Leider tauchte er heute nicht auf. Ich poste für die schöne Erinnerung dennoch ein Bild von ihm.

Brekka minn

Ich sag es euch: Wandern mit Hund macht jede noch so schöne Wanderung noch schöner. Aber gut. Dann muss ich heute eben allein mit dem blöden Island leben, bei viel zu guten Wetter und mit meiner Frau… meh… wenn es denn sein muss.

Okay, im ernst. Heute war ein grandioser Tag und ich bin natürlich hier, um davon zu berichten. Bei strahlend blauem Himmel und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt erlebte ich den Tagesbeginn im Auto, während meine Frau den Mix aus Eis und Frost von der Frontscheibe kratzte.

sie kratzt Eis, ich esse Eis

Wir wollten heute nach Seyðisfjörður. Genau gesagt zu einem Wanderweg an der nördlichen Grenze des Ortes im gleichnamigen Fjord. Im Mai hatten wir doch mehr oder minder zufällig herausgefunden, dass es sich um ein wahres Juwel eines Wanderweges handelt. Heute wollten wir die Tour sogar noch ein bisschen länger machen. Und was soll ich sagen, wir kamen kaum an, da musste ich bereits die Drohne auspacken. Es war sagenhaftes Wetter und wenn einem so ein Blick aufs Wasser angeboten wird, muss man ihn wohl irgendwie festhalten.

Seyðisfjörður

Der Wanderweg selbst will eigentlich ein Rundweg werden. Irgendwann kann man scheinbar auch bis in den nächsten Fjord laufen. Da auf eher spartanischen Karten dazu so Vermerke sind wie „Nicht geeignet für Menschen mit Höhenangst“ war unser Ziel heute einfach mal zu schauen, wie weit wir kommen. Fürs Protokoll: Ich habe nicht nur Höhenangst, ich habe auch überhaupt kein Gleichgewicht. Genau genommen ist es ein Wunder, dass ich beim tippen dieser Zeilen nicht vom Stuhl falle.

Ich bin heute dann Gott sei Dank aber auch sehr wenig gefallen. Hier und da mal ausgerutscht und dort und hier vielleicht Glück bei einem fragwürdigen Schritt auf einen nassen Stein gehabt. Aber es ist nichts gebrochen und ich bin heil überall da angekommen, wo ich ankommen wollte. Konkret war das schon nach wenigen hundert Metern ein Wasserfall. Gleich vorab – die Wasserfälle haben alle Namen. Aber entweder heißen sie alle Selfossar oder ich müsste jetzt recherchieren und machen wir uns nichts vor – ich könnte mir auch einfach Namen ausdenken, es würde niemand merken.

Hosimatzipupifoss (doch doch, der heißt so….)

Der Trail geht die meiste Zeit entlang von Wasser. Entweder plätschert ein Bach neben einem oder hier und da wird auch mal ein richtig reißender Fluss draus. Es gibt Stromschnellen und unzählige Mini-Wasserfälle. Wir haben den Weg schon sehr zelebriert. Hunderte Fotos und Videos können bezeugen, dass wir uns sehr langsam fortbewegt haben. Zumal dann auch immer Momente der Entspannung und des Genuss eingeflossen sind.

gute Zeit

Einen Schreckmoment hatten wir dennoch. Meine Frau bat mich darum, dass ich mich mal an einen bestimmten Fleck des Weges stelle. Gerade stehen, Gesicht von ihr weg – nicht bewegen. Sie hatte eine Idee für ein Foto und ich wurde als Modell zwangsrekrutiert. Wer meine Frau kennt, weiß, dass sowas selten mit „klick – klick – fertig“ gemacht ist. Da müssen schon die richtigen Einstellungen im perfekten Winkel sitzen. Der Fokus (kleiner Fotografenwitz) war also voll auf die Kamera und mich ausgerichtet. Ich stand (wie ich das öfter tue) einfach so in der Gegend rum.

Dann – ein Schreckenslaut! Was war passiert? Nichts, nur dass hinter meiner Frau zwei Wanderer standen und scheinbar nicht länger warten wollten und zaghaft auf sich aufmerksam machten. Nur, wenn man eben in seinem Foto-Mikrokosmos mitten in den Ostfjorden Islands ist, erwartet man halt niemanden weiter hinter sich. Immerhin waren wir alle danach gut wach. Ach und ein Foto gab es dann natürlich auch noch. Zumindest von mir.

Ich, rumstehend

Abseits dieser kleinen Anekdote kann ich noch berichten, dass ich irgendwann bemerkte, dass um mich herum Heidelbeeren auf Knöchelhöhe waren. Quasi eine ganze Heidelbeerenwiese. Ich probierte eine, dann noch eine, dann noch eine… ist es Mundraub, wenn man in Island im Nirgendwo Obst aus der Natur nascht?

nom nom nom

Meine Frau fragte mich dann irgendwann, wie ich denn eigentlich wüsste, dass das wirklich Heidelbeeren oder Blaubeeren sind und nicht irgendwelche anderen giftigen Beeren. Nun – ich weiß es nicht. Aber was ist das schlimmste was passieren kann?

Im Nachgang fragte ich jetzt noch mal das Internet, ob ich mich da potentiell in Lebensgefahr gebracht habe. Tatsächlich gibt es in Island eine ganze Reihe an Beeren, die so ähnlich aussehen, wie Heidelbeeren. Es gibt Rauschbeeren, Krähenbeeren und Schwarzbeeren. Nichts davon ist giftig oder schädlich. Es sei denn, man trifft nicht auf Schwarzbeeren sondern Schwarzbären. Ich gehe aber auch davon aus, dass ich in der Lage wäre eine Heidelbeere von einem Schwarzbären zu unterscheiden.

Jedenfalls gab es dann auch mal wieder Wasserfälle und wir hatten so den Modus, dass wir bei größeren Wasserfällen auch gern mal eine längere Pause einlegten, um einfach den Tag zu genießen.

Drohne am Start

Tatsächlich haben wir bei dem Weg auch den ein oder anderen Höhenmeter mitgenommen. Insofern war das mit den Pausen gar keine so doofe Idee. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass wir irgendwann wieder in kurzärmelig dort waren, weil es in der Sonne schon beinahe hochsommerlich war.

etwa 11°C

Blöderweise fing der Weg dann an immer nasser zu werden. Zwar pflegen die Isländer ihre Wanderwege wirklich vorbildlich. Das nutzt aber auch wenig, wenn ein gesamter Bergkamm der Meinung ist die zig Liter Wasser der Wolken abzufangen und ins Tal zu befördern. Der Boden war an manchen Stellen nur etwa 14 Grashalme davon entfernt als Freibad zu gelten.

Wir beschlossen daher nicht bis zum Ende des Wanderweges zu gehen. Wir kamen an eine Stelle, wo der Fluss schön neben uns rauschte, man einen ganz wunderbaren Blick hatte und die Sonne auf uns schien. Ein Ort zum Verweilen.

Dem Himmel so nah

Und während Island einfach mal einen richtigen Edeltag für uns auspackte, dachte ich bei mir, dass es mich schon manchmal schlechter treffen könnte. Ich hatte dann die Idee, dass ich mich einfach mal ein paar Minuten hinlege. Gar nicht mal zum schlafen, sondern die Natur spüren. Irgendwie hat es sich dann richtig angefühlt, so ein kleines „Moos“kissen zu haben. Das war richtig herrlich.

/sleepmode

Klar, der Stein war irgendwann kalt, das Moos hinterließ einen nassen Fleck an meiner Jacke aber wen interessieren solche Sachen schon in so einem Moment? Eben.

Da wir nicht mehr weitergehen wollten, haben wir dann auch gleich diesen Ort dafür auserkoren, die neue Heimat eines Happy Stone zu werden. Heute handelt es sich dabei um einen Ruhestein.

Ruhestein

In World of Warcraft ist so ein Stein ja dafür da, dass man ihn benutzt um dann kurze Zeit später wieder Zuhause zu sein. Im echten Leben wird das wohl anders funktionieren. Unser Ruhestein ist eher so ausgelegt, dass wir irgendwann hierher zurückkommen und es dann hoffentlich unser Zuhause nennen dürfen. Mal schauen, was die Zukunft bringt. Und bevor sich jemand fragt: Na klar hat auch dieser Steine eine tolle Aussicht.

Ruhestein auf CD

Vor unserem Rückweg fing ich mit der Drohne ein, wo wir gleich langgehen werden. Es ist schon wirklich ein unfassbar schöner Flecken Erde.

Paradies von oben

Am Ende waren es nicht mal 7 Kilometer. Körperlich hatte ich eher ein Thema mit meinen Schultern, weil ich viel zu viel Fotoequipment dabei hatte. Kraft und Ausdauer hätten vermutlich gereicht, dass wir den Weg auch ganz bis zu Ende gehen. Da auf unserem Rückweg aber auch die ersten dickeren grauen Wolken über die Berge wubbelten, fühlte sich die Entscheidung zurück zu gehen auch im Nachgang richtig an.

Da wir heute früh auch eher so improvisiert gefrühstückt hatten, beschlossen wir, dass wir dann eben jetzt zum Mittag etwas gönnen. Es ging noch mal in den Ort Seyðisfjörður. Wir parkten vor der wohl recht bekannten Kirche mit der Regenbogenstraße und gingen in ein kleines Restaurant.

Grüße von Walter Mitty

Es war übrigens das gleiche Restaurant wie gestern. Es ist vermutlich auch morgen nochmal das gleiche Restaurant und wenn wir nächstes Jahr wieder herkommen…. ihr kriegt die Idee.

baked potato

Das Essen da ist super simple aber vermutlich genau deswegen gut. Die Kartoffel wird einfach auf einen Grill geworfen, angeschnitten, Butter und Salz drauf – fertig. Macht einfach Spaß.

Im Anschluss gingen wir noch in den benachbarten Souvenirshop. Die Besitzerin kennt uns vermutlich auch schon deutlich mehr, als die meisten anderen Touristen. Wir redeten mit ihr über den Kauf eines Hauses in Island und es dauert keine Minute, bis sie mit dem Laptop dastand und mit uns die Hausangebote von Seyðisfjörður durchging. Sind wir danach durch die Stadt gefahren und haben uns die Immobilien mal angeschaut? Vielleicht. Es war sehr warmherzig mit ihr und es freut uns einfach sehr, wenn Einheimische uns gegenüber auftauen. Das kann man bei der guten Frau wohl mit Fug und Recht sagen.

Auch wenn es erst Nachmittag war, fuhren wir so langsam in Richtung Heimat. Einen kleinen Zwischenstopp legten wir noch mal beim Gufufoss ein. Ich sags mal so, ich habe exakt 5 Bilder gemacht und ansonsten auch dort einfach sehr friedlich auf einem Stein gesessen. Ich bin irgendwie gerade nicht im Tourimodus – es ist eher der Island-Genießermodus.

Gufufoss von meiner Frau

Fix wurde dann noch beim Nettó ein Lakritzeis gekauft und schwupps, waren wir auch schon wieder im Cottage.

Einfach mal einen Tag „ruhig“ ausklingen zu lassen, fühlt sich heute gar nicht mal so schlecht an. Morgen soll es auch eher durchwachsen vom Wetter her werden. Wir werden deswegen vermutlich einfach mal ein bisschen mit dem Auto durch die Gegend fahren und schauen, was uns anlacht. Ich bin guter Dinge, dass aber dieser Tag am Ende ein guter sein wird.

In diesem Sinne

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