haben und brauchen
Mit meinen mittlerweile 42 Jahren auf dem Buckel erlaube ich mir hin und wieder eine Lebensweisheit zum Besten zu geben. Eine Maxime die ich durchaus empfehlen kann ist, dass man hin und wieder einfach auf das Leben vertraut. Vertrauen muss man manchmal auch vorschießen. Natürlich sollte man nicht blindlings allem und jedem vertrauen. Aber so auf der Metaebene ist Vertrauen etwas wertvolles und mein Erfahrungswert ist, dass man öfter belohnt als enttäuscht wird.#
Heute habe ich zum Beispiel darauf vertraut, dass es irgendwann mal hell wird. Gegen 6 Uhr war das noch nicht der Fall. Gegen 7 Uhr, 8 Uhr und 9 Uhr auch noch nicht. Aber irgendwann so gegen 10 Uhr war es schon so, dass man geneigt war, eher davon auszugehen, dass das da draußen schon womöglich anteilig etwas mit Tageslicht zu tun hat. Aber hey – ich habe darauf vertraut und wurde belohnt. Ihr seht – meine These hat ein Fundament.
Für heute war eine Wetterwarnung ausgegben worden und tatsächlich hat das Bepacken des Autos bereits gereicht um das erste mal so richtig nass zu werden. Ich spoiler schon mal, dass das heute noch viele weitere Male passieren sollte.
Es regnete Bindfäden und es gab Wetterberichte die behaupteten, dass es sogar noch schlimmer werden soll. Zumindest in der Region, in der wir gerade noch waren. An unserem Zielort des heutigen Tages – Vík í Mýrdal sollte es zwar auch kein Sahnetag werden, aber immer auch keinen Weltuntergang geben. Das reichte für uns, um recht früh loszufahren und nach Möglichkeit die Schlechtwetterfront möglichst weit von uns zu distanzieren. Regen ist ja das eine, aber wir können auch gut damit leben, wenn wir mal einen Urlaub nicht wetterbedingt festsitzen müssen.
Irgendwann um kurz nach 8 Uhr waren wir auf der Höhe von Jökulsárlón und uns beschlich das gute Gefühl, dass wir dem schlimmsten Wetter schon mal erfolgreich davon gefahren sind. Das Vertrauen in meine Frau bei der Deutung des Wetterberichts war also ebenfalls begründet. Klar, es regnete immer noch anständig, aber es reichte um mal auf dem Parkplatz der Gletscherlagune zu stehen und Eisberge und Robben zu sehen. Aus Gründen, auf die ich nicht näher eingehen möchte, musste ich natürlich aussteigen und Fotos machen. Entsprechend wurde ich erneut bis auf die Knochen nass. Aber immerhin gibt es dafür Bilder von Eisbergen.

Eigentlich wollten wir noch beim Fjallsárlon halten. Der Gletscher wäre nur gute 10 Minuten Fahrt entfernt gewesen, aber ich war für den Moment nass genug und meine Frau dachte erst gar nicht daran, bei dem Mistwetter auszusteigen. Wir fuhren also dran vorbei.
Irgendwann passierte es, dass das dauerhafte Trommeln weniger wurde und die Scheibenwischer kein Probetraining zum Marathon mehr absolvierten. Es hörte tatsächlich mal so ein bisschen auf zu regnen. Passenderweise waren wir zu diesem Moment gerade bei der Einfahrt zum Svinafellsjokull. Also auf geht’s.
Das erste Highlight dieses Stopps war der kleine See vorm Gletscher. Er war recht glatt und damit ein idealer Spiegel für den Berg im Hintergrund. Die ganze monochrome Romantik der Natur war schon sehr beeindruckend und dankenswerterweise hat meine Frau es auch geschafft, diesen unfassbaren Anblick auf ein Foto zu bannen.

Doch auch mit dem wechselnden Licht und dem leichten Schauer, der uns kurz danach ereilte, war der Gletscher ein ganz besonderer Anblick. Da liegt dieses riesige Gebirge aus Eis und wälzt sich durch die Natur. Geräuschlos aber gewaltig. Es ist irre beeindruckend. Mit mir macht das auf jeden Fall etwas.

Nach und nach regnete es sich doch wieder ein. Wir beschlossen deshalb weiter zu fahren. Doch so richtig lösen konnte ich mich nicht sofort. Das führte dazu, dass ich wenige Minuten später – dann aber ohne Regenjacke – noch mal ausstieg, schaute und ein Foto machen musste. Ich nehme „nass werden“ heute sehr ernst.

Dieses nasswerden hat ehrlicherweise mehr Schattenseiten, als man erstmal annehmen würde. Klar, man wird offensichtlich nass. Das führt ebenfalls offensichtlich dazu, dass es schneller kalt wird. Doch selbst wenn man dieses Ungemütlich akzeptiert. Nasswerden ist auch eine für mich unlösbare Herausforderung in Sachen Fotos.

Auf manchen Fotos heute sieht es auch einfach so aus, als würde ich den Datenschutz unfassbar ernst nehmen. Woher sollte der Regen auch wissen, dass ich Aufnahmen von mir überhaupt zugestimmt habe? Dann ist es doch viel sicherer und damit besser, wenn man mich zensiert.

Erneut zahlt sich das Vertrauen in meine Frau aus, da sie geistesgegenwärtig weiterhin professionelle Fotos aus der Trockenheit des eigenen Autos machte. Mittlerweile waren meine Sachen übrigens so nass, dass sie auch Sachen nass machten, die auch nur ansatzweise in ihrer Nähe auf der Rückbank lagen. Es hat einen gewissen faszinierenden Humor, wenn man wasserdichte Sachen auswringen kann.

Zählt es als Schadenfreude, wenn es am Ende doch auch sowas wie universelle Gerechtigkeit gab? Denn beim Weg zu einer Pipibox fielen etwa medizinballgroße Regentropfen auf uns nieder. Ich war ja bereits nass, aber meine Frau dann nun im Anschluss auch. Vielleicht ist das auch der Kreislauf des Lebens. Wasser verlässt den Körper, Wasser kommt wieder auf den Körper. Wie dem auch sei, wir landeten dann beim Stjórnarfoss.

Falls ihr euch fragt, warum da wieder ein Regentropfen auf dem Foto ist. Das Bild hab ich geschossen. Wir haben an diesem schönen Wasserfall auch den heutigen Happy Stone hingelegt. Ich fand das sehr gelungen. Denn wer bei solchen Konditionen hier herfährt, der hat natürlich einen tollen Wasserfall, aber so ein bisschen Bonusfreude gönne ich dieser Person auch.

Noch nie hat jemand gefragt, aber ich antworte auch heute gerne auf die Frage, ob der Stein denn eine tolle Aussicht hat. Ja, hat er. Wie sollte es auch anders sein?

Nebenbei bemerkt: Wir (und damit meine explizit und ausschließlich meine Frau) haben die Steine übrigens möglichst wasserfest gemacht. Wasserfeste Farbe, Klarlack und die besten Hoffnungen. Das mag in Island trotzdem nicht für die Ewigkeit reichen, aber hey, ein paar Monate oder Jahre bestimmt.
Aber wir waren bei Vertrauen und wisst ihr, bei mir kann man zum Beispiel auch darauf Vertrauen, dass ich dumme Gedanken ungeachtet meiner körperlichen Auswirkungen durchziehen werde. In der Folge fand ich gute 15min, nachdem ich klatschnass jammernd wieder im Auto saß, erneut draußen wieder. Dieses mal beim Eldhraun.

Ich hoffe es klingt durch: Ich war mit dem Anteil meiner Feuchtigkeit auf der Haut vielleicht unzufrieden, aber mit dem Tag selbst war ich schon sehr glücklich. Auch wenn die meisten Stopps wetterbedingt sehr kurz wurden. Ich war dankbar und froh in Island sein zu dürfen.
Es sollte noch mal 45 Minuten dauern, bis wir dann tatsächlich in Vik ankamen. Dem befürchteten Unwetter sind wir großteils gut davon gefahren. Wir haben einige Bäche gesehen, die zu ausgewachsenen Flüssen wurden. Manche Gewässer sahen schon sehr bedrohlich aus und die ein oder andere Wiese ist spontan zum See mutiert. Letztlich kamen wir aber unbeschadet.
In Vik waren wir erstmal richtig Touris und sind Souvenirs shoppen gegangen. Liebe Mama, falls du das liest – ja, wir bringen dir was mit. Aber ehrlicherweise haben wir auch direkt mal für uns gut zugeschlagen. Unsere Wohnung wird irgendwann vermutlich zu isländischen Territorium erklärt. Mir wäre es sehr recht.
Danach sind wir zu einem eher abgelegenen Parkplatz gefahren, von dem man aus auf den berühmten schwarzen Strand bei Vik kommt. Es sollte dort auch die Aussicht auf die drei Trolle im Wasser geben. Das Wetter war zwar immer noch nicht perfekt, aber es regnete kaum und von daher probierten wir diesen Spot mal aus.

Es war wirklich cool dort. Die Wellen waren locker 2-3m hoch und hatten unfassbar viel Wucht. Ab und zu gesellte sich so eine heimtückische Sneaky-Wave dazwischen, erwischte aber Gott sei Dank heute niemanden. In der Ferne sah man dann tatsächlich die drei Steinsäulen (oder eben Trolle) und alles war sehr dramatisch und in so einem mystischen Flair eingehüllt. Ich fand das richtig richtig gut dort.
Irgendwie hatte ich dann den Drang, dass wir auch mal zum Wahrzeichen von Vik fahren – die Kirche. Vermutlich ist das der erste Anlaufpunkt für jeden Touristen in der Stadt. Wir waren jetzt schon hundert mal hier und sind noch nie wirklich dort gewesen. Wir haben sie immer nur im vorbeifahren gesehen und das hat uns gereicht.
Fairerweise waren wir auch heute nicht so richtig bei der Kirche. Aber auf dem Parkplatz auf dem Hügel dahinter. Von dort hat man nämlich einen unfassbar guten Blick auf den Strand und die gesamte Szenerie. Direkt unten am Meer mag die Stimmung ein bisschen greifbarer sein. Aber die Ausmaße erkennt man oben besser.

Wenn man bedenkt, dass wir heute früh noch mit den Gedanken gestartet sind, dass wir vor einem Unwetter davonfahren müssen, hat sich der Tag doch am Ende echt sehr gelohnt. Da waren Gletscher, Wasserfälle, Strände und noch so viel mehr. Es lohnt sich also auch auf Island zu vertrauen.
Den Tagesabschluss machte dann das Restaurant in Vik. Mal abgesehen davon, dass wir erneut richtig gutes Essen bekamen, lag direkt vor dem Gebäude erstmal auch ein Happy Stone. Das freute uns natürlich sehr.

Was das Restaurant sonst angeht, möchte ich davon berichten, dass mir die Kellnerin in Seyðisfjörður neulich sagte „Vertraue niemals einer Frau neben einem Dessert“. Meine geliebte Ehefrau versicherte ausdrücklich und mehrfach nach dem Hauptgang, wie voll sie sei und das sie unter gar keinen Umständen ein Dessert möchte. Ich bekam von meinem Crème brûlée Käsekuchen so wenig ab, dass ich erhobenen Hauptes einen zweiten bestellen konnte, ohne verfressen zu wirken.
Jetzt sitzen wir hier auf einem Bauernhof. Jon und Martina haben uns bereits warmherzig empfangen und Tipps gegeben, wo man zum Beispiel in den Bergen eine versteckte Höhle findet, die früher mal ein Schafsstall war. Ich war mir auch gar nicht bewusst darüber, dass wir hier Frühstück kriegen. Aber wir werden nun zu 8 Uhr erwartet und ehrlich? Ich freue mich drauf.
Laut Wetterbericht wird der morgige Tag auch wieder eher durchwachsen. Aber ich vertraue jetzt wieder einfach darauf, dass es schon irgendwie schön werden wird.
In diesem Sinne
Habe die Ehre
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