Es geht auch so

Tage wie dieser

Lasst mich mal meckern. Der Stuhl auf dem ich hier sitzen sollte um den Blog zu schreiben, ist derart weich, dass mir mittlerweile doch etwas der Rücken wehtut. Ich glaube schon, dass der Stuhl insgesamt gemütlich ist. Würde ich der Gastgeberin gerade sagen, dass ich damit ein Thema habe, würde sie mir vermutlich dutzende andere Stühle anbieten, wenn nicht gar einen individuellen für mich bauen. Aber dieser eine Stuhl jetzt gerade ist eben nicht perfekt. Damit wäre die Liste der Dinge, die heute irgendwie nicht so irre gut sind im Grunde auch schon fast abgeschlossen.

Auch dürfte man anhand der Schwere des Problems erahnen, welch grausam hartes Leben wir hier in Island zurzeit führen. Ja, die Welt ist ungerecht. Wir sind in einem Land bei dem selbst schlechtes Wetter fotogen ist und jeder Tag das beste in den Menschen zum Vorschein bringt. Oh nein, ich muss noch länger hier bleiben – wie ärgerlich.

Auch heute war das Wetter im Grunde für einen Urlaub eher fragwürdiger Natur. Regen, Wind und alles so, dass man wirklich keine 10 Minuten im Vorfeld planen konnte, was man eigentlich macht. Doch heute sollte das alles kaum eine Rolle spielen. Denn wir sind endgültig im Islandmodus angekommen. Was du heut‘ nicht kannst besorgen, machst du halt ein andern mal (oder wie auch immer dieses Sprichwort ging). Ich bin übrigens vom Stuhl ins Bett umgezogen und frage mich schon ernsthaft, warum ich eigentlich nie vorher auf die Idee kam, im liegen diese Texte zu schreiben. Ja gut, vielleicht ist das Risiko zu hoch, dass ich beim Tippen einschlafe, aber irgendwas ist ja immer.

Ich höre schon wieder aus dem Off, wie die KI mit mir nörgelt „schöner persönlicher Text, aber etwas zu lang“. Wer die letzten Tage gelesen hat weiß bereits, wie ernst ich diese Kritik nehme. Trotzdem werde ich jetzt wohl mal beginnen vom Tag zu erzählen. Der hatte nämlich durchaus viel Schönes zu bieten.

Begonnen hat es um 8 Uhr mit dem Frühstück. Martina, unsere Gastgeberin holte Gemüse aus dem eigenen Gewächshaus. Frische Eier wurden zum Rührei und das Brot war recht sicher auch frisch gebacken. Zu uns an den Frühstückstisch gesellten sich dann noch 3 Amerikaner und es ergab sich, dass dann 6 mehr oder minder fremde Menschen in Island zusammen frühstückten. Wir redeten über Island, schöne Erlebnisse, unsere Touren – halt ganz viel Tourikrams, aber das war ein richtig guter Start in den Tag.

Gestärkt ging es dann für uns zum Skógafoss. Der Lieblingswasserfall meiner Frau hat nach dem vielen Regen der letzten Tage schon ordentlich an Wucht dazu gewonnen. Der Skógafoss war noch nie klein und irgendwie unbeeindruckend. Heute war da aber eben noch mal mehr Urgewalt zu spüren.

Ich erinnere mich, dass wir früher sehr einfach noch nah an ihn rangehen konnten. Heute ging da gar nichts mehr. Ein sehr wilder Fluss überschwemmt jeden denkbaren Zugang. Zuletzt konnte man noch über ein paar Steine balancieren und dann doch noch die ein oder andere trockene Insel vorm Skógafoss erreichen. Heute war da keine Insel. Nur eine unendliche Lawine aus Wasser.

Skógafoss

Es ist eine neue Seite vom Postkarten-Wasserfall. Ohne Regenbogen, ohne dutzende Touristen mit Selfiesticks davor. Es ist fast so, als ob sich der Skógafoss sein Land zurückholt. Es sei ihm gegönnt. Für uns war es trotzdem wieder ein imposanter Anblick und schön hier zu sein.

Außerdem hatten wir schon im Vorfeld den Beschluss gefasst, dass wir hier den Happy Stone hinlegen, auf dem einer unserer Kater zu sehen ist. Der Yoshi Happy Stone hat schon verdient, dass er beim schönsten Wasserfall liegt.

Yoshi ❤

Da wir morgen sowieso noch mal am Skógafoss vorbeifahren, werden wir wohl auch mal schauen, ob er zumindest einen Tag „versteckt“ geblieben ist oder ob der Stein bereits jemanden happy gemacht hat.

Mit Ausblick

Die Ausläufer des Skógafoss waren auch Schauplatz für eine weitere Aktion, die in die Geschichtsbücher meines Blogs eingehen sollten. Also… falls mein Blog Geschichtsbücher hätte. So steht es jetzt halt nur hier. Aber irgendwann ist dieser Text auch alt und zählt in den Bereich der Historie. Ich wollte eigentlich nur sagen, dass ich jetzt hier schreibe, was passiert ist. Ich sollte wirklich manchmal lernen mich kurz zu fassen.

Jedenfalls habe ich einen Murphy aus dem Material gebaut, welches mehr oder minder für immer und ewig hält: Aus Stein! Ja – in Island am Skógafoss gibt es nun einen circa 1,2m großen Murphy liegenderweise zu sehen.

Murphy Stonebird

Also womöglich wird er jetzt nicht für immer und ewig da liegen. Aber wohl eine ganze Weile. Das Wasser wird ihn nicht wegspülen und in der Ecke kommen normalerweise gerade keine Menschen vorbei. Und falls sich doch mal jemand dahin verirrt – warum sollte er den wohl schönsten Steinvogel Islands was tun? Notfalls muss ich eben im nächsten Urlaub einen neuen bauen!

Abseits dieser künstlerischen Leistung bleibt zu berichten, dass das Wetter typisch isländisch uns trollen wollte. So kam zum Beispiel der Regen eine Zeit lang nur von hinten. Das ist zwar insofern angenehm, weil man dann immerhin kein nasses und kaltes Gesicht hat, aber man lernt auch schnell, dass dann zum Beispiel nur der Hintern nass werden kann oder auch, dass bei passendem Wind der Regen direkt in die Jackentaschen weht und sich dort kleine Pfützen bilden können. Man lernt nie aus.

Unser Tag ging dann bei Irárfoss weiter. Ein kleiner Kulturschock, denn hier verirrt sich kaum jemand her, obwohl der Wasserfall keine 20 Minuten vom Skógafoss entfernt ist. Wir standen erstmal ganz allein dort.

Kraftvoll ins Tal

Wir stellten jüngst auch fest, dass wir mehr Happy Stone übrig haben, als wir noch Tage hier bleiben. Wir beschlossen deshalb auch, dass wir heute noch einen zweiten auslegen. Und wo würde sich das mehr anbieten, als bei einem unbekannten Wasserfall?

Wikinger Murphy

Und auch dieser Stein wurde trotzdem nicht völlig offensichtlich abgelegt. Es ist schon so, dass man mit offenen Augen im Gebiet rumlaufen muss, um ihn irgendwann zu finden.

Ei ei ei wo isser denn?

Apropos mit offenen Augen durch die Gegend rennen. Erstmal bin ich heute so blöd gewesen und mit einer offenen Kameratasche durch die Gegend gelaufen. Das war insofern blöd, weil dort die Akkus für meine GoPro drin waren. Die Vergangenheitsform war dann auch richtig. Denn als ich bei meiner Frau ankam, war die Tasche noch da, die Akkus aber nicht. So verbrachte ich dann bestimmt 15 Minuten damit, den Boden nach den Akkus abzusuchen.

Tja…

Zwei von drei Akkus habe ich gefunden. Beim Dritten hatte ich irgendwann doch die Hoffnung, dass er nie in der Tasche war und einfach noch in unserer Unterkunft liegt. War dann nicht so. Aber keine Ahnung, wo der abgeblieben ist. Der Bereich vom Auto bis Wasserfall ist im Grunde wirklich nicht so groß und ich bin zig mal in Slowmotion und mit weit aufgerissenen Augen dort lang gegangen.

Mich ärgert dabei eigentlich weniger der Verlust des Akkus sondern mehr, dass ich jetzt gegen meinen Willen die Umwelt verschmutzt habe. Bleibt zu hoffen, dass ein anderer Tourist ihn vielleicht mal findet und mitnimmt.

Wenn jemand solche Adleraugen hat, dass er einen GoPro Akku dort findet, hat die gleiche Person vermutlich auch das Glück den Happy Stone zu finden. Wird also ein guter Tag für diese Person.

Durchnässt und irgendwie bissl knülle fuhren wir dann erstmal zurück in unsere Unterkunft. Wir hatten mit dem Gedanken geliebäugelt eine Wanderung zu machen, aber nein. Meine Frau hat sich mal ins Bett gehauen und ich stellte dann auch fest, dass eine Runde „nichts tun“ eine ganz hervorragende Idee ist. Was lustig war: Während meine Frau sich gerade ins Bett legte, beschloss der Hahn der Farm sich etwa 15cm vor unser Fenster zu stellen und sein Stimmbruch Kikeriki zu üben. Meine Frau störte es wenig und ich hatte Spaß.

Hannes der Hahn

Mein Nichts tun bestand dann aus einer Runde Karten spielen und danach verquatschte ich mich mit unserer Gastgeberin. Stellt sich raus, dass sie jemanden sucht, der mal den ganzen Bauernhof „sitten“ könnte. Hi, wenn ich mich vorstellen darf – ich bin interessiert.

Es war echt ein schönes Gespräch und man redete über Gott und die Welt. Ernste Themen, weniger ernste Sachen und irgendwie fühlte es sich mehr so an, als wäre man hier gerade bei Freunden zu Besuch.

Irgendwann gesellte sich dann auch meine Frau nach ihrem Power-Nap zu uns und wir quasselten weiter. Ich spielte dann auch noch eine Runde Gitarre und war sehr zufrieden mit dem Tag und dem Leben.

Kein Island-Blues

Irgendwann erweckte dann in mir der Wunsch, dass ich auch den anderen Farmtieren mal hallo sagen wollte. Speziell den Pferden wollte ich eigentlich mal einen Besuch abstatten. So ging es dann mal zum Gehege und sie schauten schon sehr interessiert zu mir rüber. Allerdings wurden wir dann alles überrascht, denn ein Rudel Schafe war irgendwie sehr interessiert an mir und lief direkt auf mich zu und blieb mit kurzem Abstand vor mir stehen.

Was bist’n du für’n Schaf?!

Als sie registrierten, dass ich nichts zu essen für sie hatten, zogen sie auch schon wieder recht schnell weiter. Aber irgendwie hat es auch seinen Charme, wenn so eine ganze Herde Schafe interessiert an einem ist.

Die Pferde kamen auch nur für ein Zeitfenster zu mir, welches sich eher in Sekunden als Minuten erklären lässt. Ich hab ihnen Hallo sagen können, aber viel mehr Konversation war dann leider auch schon nicht möglich.

Doch gerade als ich dachte, dass alle Tiere hier auf kurz oder lang vor mir weglaufen, lernte ich Hugo kennen. Hugo hat noch nie Liebe gekriegt, ist chronisch am verhungern und insgesamt einfach ein echt armes Ding. Hat er mir zumindest so erzählt.

Ein neuer Freund

Also Hugo und ich sind jetzt jedenfalls beste Kumpels und wir haben beschlossen, dass ich ihn zum Kuscheln auf den Arm nehme und dabei mit ihm über den Bauernhof laufe. Er wollte theoretisch auch gern mal in unsere Unterkunft, aber ich glaube das fände unsere Gastgeberin nur so bedingt gut.

Um nicht in die Versuchung zu kommen, absehbar einen Hugo zu entführen, sind wir dann noch mal an den Strand von Vík gefahren.

Strandläufer 2.0

Es war wieder ein wahres Vergnügen den wütenden Ozean gegen die stoischen Felsen kämpfen zu sehen. Ich bin mal bis zum Rand der Klippen gegangen. Da hat man zwar aus einer fotografischen Perspektive die schlechtere Sicht, kann dafür aber mal wirklich spüren, wie das Wasser die Steine zum Beben bringt. Selbst wenn man es sieht und dann eben sogar fühlt, bleibt es am Ende aber auch unvorstellbar, wie viel Kraft da in jeder einzelnen Welle steckt. Wir standen dann einfach eine Weile am Strand und staunten und freuten uns. Island kann so schön und so einfach sein.

Tumult vor den Trollen

Wir gingen dann wieder ins Restaurant. Dort trafen wir tatsächlich die gleiche Kellnerin, die wir im Mai bereits schon kennenlernen durften. Das war sehr cool. Sie kam zu uns an den Tisch und ihr Gesicht verriet direkt: „Moment, die kenne ich irgendwoher“.

Es ist immer schön, wenn man im Ausland bekannte Gesichter wiederfindet. Sie erinnerte sich tatsächlich auch an Teile vom Gespräch aus Mai. Ja und nun haben wir ihre Handynummer und schauen gern mal, ob man sich beim nächsten Urlaub trifft oder wo die Welt doch wieder nur Dorf wird und sich Wege kreuzen können

Als letzte Amtshandlung fuhren wir doch noch mal ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Morgen soll es weitergehen zur vorletzten Unterkunft in Eyrarbakki. Da braucht es schon ein paar Snacks im Auto.

Außerdem waren wir noch mal im Souvenirladen. Mein persönliches Highlight dort war, wie eine asiatische junge Frau neben mir stand und mir aufgeregt auf dem Handy eine Mütze zeigte. Ich zeigte einfach mal in die grobe Richtung des Ladens, wo es solche Mützen gibt und sie lief mit einem Thank you davon. Es dauerte dann keine 5 Minuten bis sie wieder vor mir stand und ich dann doch lieber versuchte ihr zu vermitteln, dass ich hier gar nicht arbeite. Ich glaube irgendwann hat sie den Wink auch bekommen. Spätestens als sie merkte, dass ich mit einem Paar Socken, Seife und einem Kühlschrankmagnet dastand. Ich nehme es aber trotzdem mal als Kompliment, dass ich scheinbar auf sie so isländisch wirkte.

Ach und ist mir bei dem Einkauf womöglich ein isländisches Fußballtrikot in den Korb gefallen? Vielleicht..

Tore Goalson

Morgen soll das Wetter wieder durchwachsen werden. Aber wem will ich was vormachen? Wir werden recht sicher wieder genug erleben, um am Ende des Tages wieder zufrieden ins Bett zu fallen. Und selbst wenn wir einfach mal von A nach B fahren und einen ruhigen Tag machen – Island wäre immer noch toll.

In diesem Sinne

Habe die Ehre
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