Gemischte Gefühle

Die Schotterstraße zum Ziel

Ich weiß nicht was das ist, aber dieser Urlaub ist für Computermäuse irgendwie nicht so positiv. Meine treue Maus von zuhause ist leider auch genau dort geblieben. Unser erster Airbnb Gastgeber war so freundlich und hat mir dann eine alte Maus geschenkt. Die fiel dann aber recht schnell in den Bereich Schwerbehinderung, da die rechte Maustaste nicht mehr funktionierte. Dann habe ich mir in Akureyri eine billige neue Maus gekauft und die sorgt jetzt dafür, dass der Mauszeiger epileptische Anfälle hat und ich alles klicke, nur nicht das, was ich will.

Soll mal einer sagen, ich berichte in Island immer nur von den guten und schönen Sachen. Das Leben hier ist hart und Blog schreiben ist wirklich herausfordernd, wenn man hier mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Aber was tut man nicht alles für ein paar Zeilen Urlaubsfeeling in der Zukunft. Andererseits, wo würde es sich besser anbieten den Kampf gegen die Technik zu führen, als in Island?

Abseits dieser hochinteressanten Gedanken über Computermäuse in Island, haben wir heute einmal mehr einen ganzen Urlaub in einen Tag gesteckt. Es ist auch so, dass der Urlaub im Grunde mehr und mehr dem Ende entgegengeht. Doch irgendwie will sich dieser Urlaub in vielen Punkten undefiniert anders anfühlen. So auch bei dieser Zielgeraden. Wo manchmal doch etwas Schwermut zum Ende der Reise einkehrt, ist aktuell sehr viel Lebens- und Reiselust und Dankbarkeit für die Dinge, die man erleben darf.

Außerdem ist uns zurzeit das Glück beim Wetter treu. Theoretisch sollte es wieder durchwachsen werden. Es sollte mehr Regen und Wind geben, als man handelsüblich in einem Urlaub haben möchte. Insgesamt sind wir aber doch sehr trocken geblieben und haben sogar den ein oder anderen Sonnenschein einfangen können.

Gestartet hat der Tag ein weiteres Mal mit einem sensationellen Frühstück bei der lieben Martina in unserem Airbnb. Gemüse aus dem eigenen Gewächshaus, Eier von den eigenen Hühner, selbstgefangene Forelle (geräuchert) – Frühstücksherz, was willst du mehr?

Draußen liefen die Hühner auch schon wieder fröhlich umher und die innere Uhr war der Meinung, dass man schon ewig hier ist und andererseits viel zu wenig Zeit hier verbracht hat. Wohlwissend, dass wir heute aber einiges vorhatten, brachen wir dann mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf.

Der erste Stopp war der Skógafoss. Da waren wir zwar bereits gestern, aber der Wasserfall ist einfach wunderschön. Neben dem offensichtlichen touristischen Aktivitäten wie Fotos machen und Staunen, gab es dann auch noch die Aufgaben zu schauen, ob der Happy Stone noch da ist und ob der – für die Ewigkeit gebaute – Murphy noch Bestand hat.

First things first

Tatsächlich war der Happy Stone weg. Fairerweise war das ein Stein, der schon mehr oder minder viel Kontrast hatte und an einer Stelle lag, an der täglich mehrere Tausend Menschen vorbeigehen. Wir haben ja etwas die Hoffnung, dass man zum Beispiel über eine Bildersuche im Internet irgendwann einen der Steine doch noch mal sieht und vielleicht erfährt, wer ihn dann gefunden hat.

Der Stein-Murphy dagegen war komplett und vollständig erhalten. Es fanden sich zwar neue Abdrücke fremder Schuhe im Sand drumherum, aber Murphy selbst wurde offensichtlich hochachtungsvoll nicht angerührt. Richtig so! Ich fühle mich daher bestätigt, dass dieses Kunstwerk nun wirklich für die Ewigkeit bereit ist.

Auch der zweite Stopp heute sollte etwas werden, was wir eigentlich gestern schon mal gemacht haben. Namentlich der Irárfoss. Da die Isländer sprachlich dazu neigen die erste Silbe sehr stark zu betonen, ist es also der Ir-aur-Foss. Ir ist in diesem Fall die Kurzform für „Irre schön“.

Naturparadies

Doch was soll ich sagen. Gestern war ich noch sicher, dass der Ort abgelegen ist und wenig besucht wird. Ich würde diese Aussage auch heute wieder treffen. Gleichwohl mussten wir feststellen, dass auch unser zweiter Happy Stone bereits gefunden wurde und nicht mehr da war.

Das ist irgendwie ein komisches Gefühl. Einerseits ist damit ja genau das passiert, was man sich erhofft hat. Andererseits war es auch etwas… ich weiß gar nicht genau – vielleicht enttäuschend oder traurig, dass der Stein nicht mehr da war? Schwer zu beschreiben. Ich glaube, wir waren einfach nicht darauf vorbereitet, dass jemand unsere Steine direkt mitnimmt.

IHR DIEBE!!!

Aber irgendwer auf dieser Welt hat nun einen Happy Stone in der Tasche, auf dem unser Yoshi ist. Und vermutlich hat eine andere Person nun einen Wikinger-Murphy als Happy Stone. Das sind doch sehr schöne Vorstellungen.

Eigentlich hatten wir dann überlegt zum Seljalandsfoss zu fahren. Doch als wir sahen, dass dort vor dem Parkplatz bereits die Auto in einer recht langen Schlange standen, haben wir uns überlegt, dass wir vielleicht doch lieber woanders unser Glück versuchen. Dabei fiel unser Augenmerk auf Nauthúsagil. Das ist ein Wandergebiet auf halber Strecke ins Hochland. Dort verirren sich deutlich weniger Menschen hin und damit ist es allein schon mal attraktiv für uns.

Die Straße zum Parkplatz ist mit viel Liebe rustikal. Medizinballgroße Schlaglöcher gesellen sich neben lose Steine, die einen unfreiwillig in Graben oder ins Wasser driften wollen. Ich mag ja Schotterstraßen, aber das war schon herausfordernd und ehrlicherweise würde ich mir zweimal überlegen, ob ich mit einem Mietwagen da noch mal langfahre. Am Ziel angekommen wurde Island erstmal wieder richtig kitschig und hat einen satten Regenbogen für uns ausgepackt.

Ich bin ein Goldtopf!

Vom Parkplatz aus geht man dann so circa 10 Minuten einen ganz netten Weg auf eine Bergkette zu. Wir hatten die Hoffnung, dass man dann irgendwann in eine Schlucht einbiegt und einen tollen Wasserfall sieht. In der Realität biegt man zwar hinter einen Berg ab, dann steht man aber vor einem Fluss. Kein kleines Rinnsal und kein plätscherndes Bächlein. Nein. Ein ausgewachsener Fluss mit ordentlich Strömung und locker knietief, wenn nicht sogar mehr. Und ja, da kann man wohl an guten Tagen durchgehen und kommt dann zu einem Wasserfall. Heute war da nichts zu machen.

„Wanderweg“

Hübsch war das ehrlicherweise trotzdem. Es erinnerte mich an eine Fantasywelt. Vielleicht ein Ort aus dem Herrn der Ringe. Wäre dort eine Elfe aufgetaucht, es hätte wohl niemanden gewundert.

Da der Ort insgesamt trotz aller Umstände schön war und wir uns immerhin mal gut die Füße vertreten haben, zogen wir dann gut gelaunt wieder von dannen. Wir erinnern uns jedoch an die Lebensweisheit, die ich neulich bereits zitierte: Wer einen Scheißweg irgendwo hinfährt, muss den gleichen Scheißweg auch wieder zurück.

Aber hey, kurze Zeit später waren wir dann auch schon beim Gluggafoss. Die alten Bloghasen wissen, dass das einer meiner liebsten Wasserfälle ist. Alle anderen Leser wissen es jetzt auch. Ich bin schon ein Fuchs, wie raffiniert ich hier meine Vorlieben für Orte einfließen lasse.

Meine Frau hat auf dem Parkplatz dann erstmal erneut ihre Qualitäten als Wetterprophetin demonstriert. „Wir bleiben noch so 10-15 Minuten sitzen, dann klart es auf“. Also saßen wir 10-15 Minuten da und es klarte auf. Wer denkt, dass solche Aussagen mit banalen Wetter-Apps durch jeden machbar wären, der war einfach noch nie in Island. Es verdient das isländische Verdienstkreuz für Wetterologie, hierzulande solch präzise Angaben, in solch einer beeindruckende Konsequenz zu machen.

Mein inneres Kind wollte auch, dass ich dann über ein paar Steine klettere. Auf einmal fand ich mich auf einem großen Stein direkt vor dem Wasserfall wieder. Die Sonne kam heraus und spendierte mir neben warmen Licht auch einen Regenbogen, der zum greifen nah schien. Island ist ja eigentlich immer schön, aber dann kommt so ein Moment und der macht dann noch mal mehr mit einem.

yay me

Der Gluggafoss sollte heute auch die neue Heimat für einen unserer Happy Stones werden. Gemessen an den beiden Erlebnissen von heute Vormittag waren wir auch bemüht, diesen Stein ein kleines bisschen mehr zu verstecken.

Germanisland

Dieses mal ist der Stein auch mit einer grünen Grundfarbe zwischen grünen Pflanzen auch nicht so leicht aus der Ferne zu entdecken. Natürlich ist es immer noch findbar, aber ich glaube, die Herausforderung ist schon etwas größer.

mit Aussicht

Wir gingen dann langsam zurück ins Auto, saßen dort dann aber noch mal 20-30 Minuten. Das Sonnenlicht wechselte ein paar mal. Ein paar Leute kamen, ein paar Leute gingen. Es war alles sehr friedlich und ich wünschte, man könnte so Momente noch mehr konservieren, als mit einem Foto und der Erinnerung an sie.

Noch ein Paradies

Irgendwann konnten wir uns doch trennen und fuhren in die allgemeine Richtung Westen. Kurz vor der Stadt Hella bekam meine Frau das, was wir in meiner Jugend einen Lachflash nannten. Was war passiert? Eigentlich nichts. Außer ein Schild am Straßenrand und der dezente Humor meiner Frau.

Vielleicht kurz zum Einordnen: Speziell bei Rock- und Metalkonzerten findet das dazugehörige Tanzen in sogenannten Moshpits statt. Das Tanzen heißt dort dann auch konsequenterweise moshen….

MOSHMASCHINE!

Und so stand ich auf der Straße und machte eben mal zwischendurch einen Ein-Mann-Moshpit auf. Fuhren Autos vorbei und haben sich vermutlich gewundert, was dieser eine Spinner da macht? Jap, das war wohl so. Hatten wir eine unfassbar gute Zeit? Jap, auch das war wohl so. Die Stimmung hielt für die ganze Fahrt an. Sie wich dann irgendwann wieder dem Staunen, als wir beim Þjófafoss ankamen.

Und wieder viel Wasser

Ich habe gelernt, dass das Wasser eher diesen grauen, schlammigen Farbton bekommt, wenn es viel geregnet hat. Fotogener wäre es, wenn es die Tage zuvor trocken geblieben wäre, denn dann kriegt das Wasser diesen tollen Social Media freundlichen Blauton. Sei es wie es sei, beeindruckend ist der Wasserfall trotzdem und die Chancen stehen aufgrund der Lage ganz gut, dass man hier allein ist.

Da uns dann Wind und eine Regenwolke einholten, fuhren wir schnell noch weiter zum Fossabrekkur. Das ist zwar kein sonderlich prunkvoller Wasserfall, aber ein absolut lohnender 20 Minuten-Stopp am Straßenrand. Dort flog ich auch tatsächlich mal wieder eine Runde mit der Drohne. Aber wirklich nur eine Runde. Denn die Drohne meldete sich recht schnell bei mir mit dem Hinweis, dass die Windgeschwindigkeit derart hoch ist, dass sie für nichts mehr garantieren kann. Das sind so die Meldungen, die man als Drohnenpilot immer nicht so gern liest. Für ein paar schöne Bilder hat es trotzdem gereicht.

windig von oben

Der Fossabrekkur war auch der Ort, der mich nun im Nachgang zur Erkenntnis brachte, dass es in diesen Urlaub relativ oft einen bestimmten Typ von Foto gibt, den ich normalerweise aussortiere. Aus Gründen, die bestenfalls meine Frau nennen kann, gibt es erstaunlich viele Fotos davon, wie ich gerade niese oder gleich niesen werden. Vielleicht machen wir daraus ja mal eine eigene Bilderreihe. Hier schon mal ein erster Vorgeschmack.

Haaa… Haaaaa….. HaaaaaaaaAAAAA….

Es ging dann für uns nach Eyrarbakki. Wir sind bei Dana im Apartment untergekommen. Da waren wir bereits im Mai. Damals hat man sich kennengelernt und festgestellt, dass das gut miteinander geht. Heute sind wir nun wieder hier, zahlen nur einen Bruchteil vom damaligen Preis und es fühlt sich direkt wieder an, als wäre man schon immer hier. Der Islandmagnetismus schlägt einmal mehr zu.

home sweet home

Wir waren auch im Dorf noch im Restaurant und hatten ein sagenhaftes Lamm mit großartigen crunchy Kartoffeln. Danach fuhren wir noch schnell Lakritzeis und ein Frühstück einkaufen. Zwischendurch warf ich auch noch einen Blick aufs Meer und den Sonnenuntergang. Es ist wirklich schön und gut, wieder hier zu sein.

whoop

Ich habe übrigens keine Ahnung, ob ich da auf dem Bild einen Grashalm am Kinn habe oder es ein verunglückter Regentropfen war. In live war da eigentlich nichts und nun ist es schon dunkel und wäre so oder so auch nicht das gleiche, das Foto nachzustellen. Wir müssen also alle damit leben, wie es jetzt ist.

Was bleibt zum Tagesende zu sagen? Morgen soll es durchwachsen werden. Genau so wie gestern und vorgestern und den Tag davor… Allerdings befürchtet meine Frau, dass es morgen wirklich mal so kommen könnte. Wenn meine Frau das sagt, macht es mir auch schon etwas mehr Sorgen.

Gleichzeitig muss ich auch noch ein paar Postkarten schreiben und im schlimmsten Fall mache ich eben einfach die Tür auf, höre dem Meer zu und spiele etwas Gitarre. Klingt doch auch nach einer guten Zeit, oder?

Ich weiß schon gar nicht mehr, wie man Stress vor Morgen haben kann. Das muss ich in ein paar Tagen in Deutschland erstmal wieder lernen.

In diesem Sinne

Habe die Ehre
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